mini|hochkant=1.5|Diskussionen werden im Newsreader als Bäume dargestellt. Hier eine Newsgroup in dem Programm Mozilla Thunderbird.
Das Usenet (//, ursprünglich – für ‚Unix-Benutzer-Netzwerk‘) ist ein weltweites, elektronisches Netzwerk, das einen eigenen selbstständigen Dienst des Internets neben dem World Wide Web darstellt. Es entstand 1979, lange vor dem World Wide Web.
Es stellt fachliche Diskussionsforen aller Art in reiner Textform zur Verfügung, die Newsgroups, an denen grundsätzlich jeder teilnehmen kann. Der Teilnehmer verwendet dazu üblicherweise einen Newsreader. Es stellt eine bedeutende Wissenssammlung dar, die in die frühen 1980er Jahre zurückreicht. Daneben gibt es auch die Parallelstruktur des Binary Usenet, das auch Binärdateien als Anhänge mitverteilen kann.
Funktionsweise Die Funktionsweise des Usenet wird oft mit Schwarzen Brettern verglichen: Jemand schreibt eine Nachricht (das ), und heftet diese an das Schwarze Brett, wo sie für jeden Interessierten sichtbar und abrufbar ist. Dieser Vergleich gibt jedoch nur einen Teilaspekt des Usenet wieder, da die Kommunikation über Schwarze Bretter in der Regel nur in eine Richtung läuft: Eine Nachricht wird dort nämlich für gewöhnlich nicht durch jemanden beantwortet, indem dieser wiederum eine (Antwort-)Nachricht an das Schwarze Brett heftet; die weitere Kommunikation findet auf einem anderen Weg (z. B. per Telefon) statt. Beim Usenet ist die Beantwortung einer Nachricht durch eine weitere Nachricht innerhalb desselben Mediums allerdings der übliche Weg.
Ein passenderer Vergleich, von dem auch die Usenet-Sprache herrührt, ist das Zeitungswesen: Jemand schreibt einen Artikel (eine oder einen ) für die Zeitung (). Ein Leser nimmt auf diesen Artikel Bezug und schreibt einen Leserbrief (ein ), den er an die Zeitung schickt. Durch die Veröffentlichung wird dieser Leserbrief seinerseits zu einem Artikel, auf den sich nun weitere Leser beziehen können. Somit entsteht also eine Kommunikation in beide Richtungen.
Das Usenet unterscheidet sich jedoch darin, dass es keine Redaktion hat, die eine Vorauswahl der zu veröffentlichenden Artikel oder Leserbriefe trifft. Ausnahme sind die relativ wenigen moderierten Newsgroups, deren Moderatoren allerdings im Allgemeinen demokratisch gewählt und an Mehrheitsbeschlüsse gebunden sind.
Vorteile des Usenets sind die Geschwindigkeit und die hohe Teilnehmerzahl. Innerhalb weniger Stunden können zu kontroversen Themen riesige Diskussionsbäume (sogenannte Threads) entstehen. Durch seine vielfach redundante Verteilung auf tausende Newsserver in vielen verschiedenen Staaten ist das Usenet auch vergleichsweise unempfindlich gegen Zensur.
Benutzung Der Zugang zum Usenet und den Newsgroups erfolgt über ein auf dem Rechner installiertes Programm, einen sogenannten Newsreader. Eingeschränkter Zugang ist auch mittels E-Mail (Mail-To-News-Gateway) oder über eine entsprechende Webseite () möglich.
Im Falle eines Newsreaders ist diesem normalerweise zuerst die Adresse des zu benutzenden Newsservers mitzuteilen. Das Programm kann von diesem dann alle dort vorhandenen Newsgroups auflisten. Der Benutzer wählt diejenigen aus, die er lesen möchte, und der Newsreader lädt die Beiträge dieser Newsgroups zur Anzeige herunter. Der Benutzer wählt eine bestimmte Newsgroup aus und kann sich eine Liste der anstehenden Postings ansehen, meist wahlweise entweder chronologisch oder nach Themen (Threads) sortiert. Er wählt daraus die ihn interessierenden Postings aus, liest sie und kann sie beantworten, um so ein neues Posting zu erzeugen. Selbstverständlich gibt es auch die Möglichkeit, ein Posting zu einem vollkommen neuen Thema zu erstellen.
Umgangsformen Die besondere Art der Kommunikation zwischen mehreren Menschen über Textnachrichten führt zu spezifischen Problemen. Die Netiquette ist eine Sammlung von Empfehlungen zum Umgang miteinander, die sich über die Jahre herausgebildet haben und von vielen Teilnehmern als sinnvoll erachtet werden. Einzelne Punkte der Netiquette, insbesondere die Empfehlung zur Preisgabe des wirklichen Namens, sind aber durchaus umstritten.
Im Gegensatz zum Chat kann man im Usenet nicht schon nach ein paar Sekunden Antwort erwarten, denn die Nachricht muss zunächst von Server zu Server weitergereicht werden. Außerdem lesen viele Teilnehmer die Beiträge offline, das heißt, sie laden sich die neuen Beiträge in den von ihnen abonnierten Gruppen einmal oder mehrmals am Tag auf die lokale Festplatte herunter, schreiben ihre Antworten dann offline und senden diese gesammelt an ihren Server zurück. Dies ist unter anderem auch ein Grund, weswegen die meisten Teilnehmer gereizt auf exzessives Wiederholen desselben Inhalts reagieren. Auch das Versenden eines Artikels in mehrere Gruppen (Crossposting) sollte sparsam eingesetzt werden. Unerwünscht sind Multipostings (derselbe Artikel unter verschiedenen Message-IDs mehrfach versendet) und wiederholte Werbung (Spam).
Was in der Gruppe gepostet werden sollte, ist in den meisten Newsgroups in der jeweiligen Charta festgelegt. Dringend zu empfehlen ist ebenfalls das Lesen der FAQ einer Newsgroup, in der häufig gestellte Fragen beantwortet werden. Wer eine häufig gestellte Frage erneut stellt, muss oftmals mit rüdem Ton in den Antworten rechnen. Es empfiehlt sich zusätzlich, erst einmal eine Reihe existierender Artikel durchzulesen, bevor man selbst etwas schreibt. Man bekommt so ein Gefühl für das Klima der Gruppe.
Die Netiquette unterscheidet sich teilweise von Hierarchie zu Hierarchie. Beispielsweise ist in einigen Hierarchien die Verwendung von Pseudonymen nicht gerne gesehen, in anderen Hierarchien wird sie von etlichen Benutzern als Verstoß gegen die Netiquette gesehen, in wiederum anderen Hierarchien ist sie dagegen allgemein akzeptiert. Was akzeptabel ist und was nicht, ist gelegentlich auch Gegenstand heftiger Diskussionen.
Da sich der Verlauf vieler Usenet-Diskussionen ähnelt, wurden verschiedene Regelmäßigkeiten als sogenannte Usenet-Laws formuliert. Bekanntestes Beispiel ist Godwin’s law.
Vergleich mit ähnlichen Kommunikationsmitteln Vergleich mit Mailinglisten Eine Newsgroup hat eine ähnliche Funktion wie eine Mailingliste. In der Regel ist sowohl eine Newsgroup als auch eine Mailingliste einem bestimmten Thema gewidmet. Es ist nicht erforderlich, dass Leser einer Nachricht genau dann online sind, wenn sie verschickt wird. Viele Teilnehmer schreiben ihre Nachrichten offline und übermitteln sie später an den Server. Weil die Benutzung von Mailinglisten und Newsgroups sehr ähnlich ist, gibt es in Einzelfällen sogar Gateways, die Nachrichten in einer bestimmten Mailingliste in eine bestimmte Newsgroup kopieren (und/oder umgekehrt).
Obschon die Benutzung von Mailingliste und Newsgroup relativ ähnlich ist, unterscheiden sich die beiden Systeme in technischer Hinsicht. Eine Mailingliste ist von einem bestimmten Server abhängig, der die Benutzer verwaltet und Mails entgegennimmt und an alle Abonnenten weiterschickt. Das Usenet dagegen ist dezentral organisiert, viele Gruppen sind auf dutzenden oder gar hunderten von Servern verfügbar, was das System unempfindlich gegen den Ausfall einzelner Server macht und somit die Verfügbarkeit des Gesamtsystems erhöht. Außerdem gibt es im Usenet in der Regel keine zentrale Benutzerverwaltung, es kann also niemand kontrollieren, wer Zugang zu einer bestimmten Newsgroup hat.
Der Inhalt von Mailinglisten kann durch den Internet-Service gmane in das Usenet gespiegelt werden. Auf diese Weise können Mailinglisten parallel zu Newsgroups mit einem Newsreader genutzt werden.
Vergleich mit Webforen Webforen bieten eine sehr ähnliche Kommunikationsweise wie das Usenet. Allerdings unterscheiden sich die zum Zugriff erforderlichen Programme (Software):
Bei einem Webforum gibt dessen Autor oder Administrator das Aussehen der Nachrichten und die Funktionen zur Nachrichtendarstellung und -bearbeitung zentral vor, die Darstellung erfolgt im Browser. Im Usenet bestimmt hingegen der Newsreader die Anordnung und das Aussehen der einzelnen Nachrichten (Postings). Je nach eingesetztem Newsreader gibt es verschiedene Möglichkeiten, Nachrichten darzustellen und auszuwählen, zum Beispiel können die Nachrichten zu einem Thema hierarchisch angeordnet werden, so dass man an der Einrückung sofort erkennt, welche Nachricht sich auf welche vorhergehende Nachricht bezieht (Thread-Ansicht). Außerdem können bestimmte Teilnehmer oder Diskussionen ausgeblendet werden.
Weitere Unterschiede zu Webforen sind: Es wird in der Regel zwar nur ein einziger Newsserver kontaktiert, um alle Nachrichten aus allen abonnierten Newsgroups abzuholen beziehungsweise um Nachrichten zu veröffentlichen, aber da alle Newsserver die Nachrichten untereinander austauschen, sind diese auf vielen Systemen gespeichert (Redundanz). Webforen speichern die Nachrichten hingegen lediglich auf einem oder einigen wenigen Servern. Alle Nachrichten sind in der Regel rein textbasiert; Grafiken oder Auszeichnungen sind unerwünscht, obwohl Anhänge oder HTML-Nachrichten technisch durchaus möglich sind.
Auch die relativ lange Existenz des Usenets macht einen wichtigen Unterschied aus: Es hat sich im Laufe der Zeit eine eigene Usenet-Kultur entwickelt mit langer Tradition, die eigene Umgangsformen und eine eigene Sprache hervorgebracht hat. Die Entwicklung einer eigenen Kultur in Webforen ist auch zu sehen, doch orientiert sich diese vor allen Dingen an jungen Netzteilnehmern, die eine eigene Sprache besitzen und ebenfalls eigene Umgangsformen pflegen. Ein Austausch unter diesen Kulturen findet nur sehr begrenzt statt. Diese unterschiedlichen Kulturen scheinen ursächlich für manchen Konflikt zwischen Usenet- und Webforen-Liebhabern zu sein.
Während Zensur bei Webforen meist von zentralen Autoritäten durchgeführt wird, ist im Usenet durch den Fremdcancel die technische Möglichkeit zur dezentralen Zensur gegeben. Die Verantwortung, die zensurbefugte Webforen-Benutzer haben, wird von Usenet-Teilnehmern jedoch nicht verlangt, da das Usenet eher den Rechtsstatus einer globalen Kommunikationsplattform als den einer lokalisierbaren Webpräsenz hat.
Struktur Um das Usenet übersichtlich zu gestalten, wird es in einzelne Newsgroups unterteilt. Das sind Gruppen, in denen nur über ein bestimmtes Thema diskutiert wird. Zum Beispiel über Festplatten, Kinofilme oder Politik. Newsgroups sind baumartig nach Themen geordnet, was sich auch in ihren Namen widerspiegelt. Gruppen mit gemeinsamem Namenspräfix gehören zur selben Hierarchie.
So existiert beispielsweise die deutschsprachige Usenet-Hierarchie de.*. Freizeitthemen werden in dieser Hierarchie unter de.rec angesiedelt (rec als Kurzform von recreation, englisch für Erholung/Entspannung). Alle Gruppen, die Spiele als Thema haben, sind wiederum unter de.rec.spiele angeordnet. So existiert dann unter anderem die Newsgroup de.rec.spiele.brett+karten, die sich nur mit Brett- und Kartenspielen beschäftigt.
Viele Gruppen haben als letzten Namensteil misc (für englisch miscellaneous, Verschiedenes). Diese sind als Sammelgruppen für Themen gedacht, die keine eigene Gruppe innerhalb einer Subhierarchie haben. So werden in de.rec.spiele.misc alle Spiele behandelt, die nicht in einer der anderen Spielegruppen der Subhierarchie de.rec.spiele Thema sind.
Hierarchien haben meist eine Gemeinsamkeit, die für alle enthaltenen Gruppen gilt (Ausnahmen sind beispielsweise alt oder free). Bei de ist das die zu verwendende Sprache Deutsch. Außerdem existieren Hierarchien für bestimmte Länder, Regionen oder Städte (beispielsweise ch für die Schweiz, nrw für Nordrhein-Westfalen oder muc für München), zu einem Themenkomplex wie Wissenschaft (sci), für eine Firma, Organisation oder ein Projekt (microsoft, gnu, eclipse), zu bestimmten Universitäten und Forschungseinrichtungen.