St. Johann in Tirol, im örtlichen Dialekt Sainihåns (von Saini für Sankt und håns für Johann) [zãɪ̯nɪ'ɦåns] genannt, ist eine Marktgemeinde mit Einwohnern (Stand ) im österreichischen Bundesland Tirol im Bezirk Kitzbühel. Die Gemeinde liegt im Gerichtsbezirk Kitzbühel. Im regionalen Sprechduktus wird die letzte Silbe des Namens akzentuiert ([]).
Geografie Lage St. Johann in Tirol befindet sich im Tiroler Unterland im Zentrum des Leukentals. Die Gemeinde liegt als regionaler Verkehrsknotenpunkt und als Schnittpunkt von vier Talschaften in einem breiten Talkessel. In Nord-Süd-Richtung wird das St. Johanner Becken vom Leukental durchschnitten, von Südosten kommend mündet das Tal der Fieberbrunner-Ache ein, nach Westen führt die Loferer Bundesstraße ins Sölllandl und nach Norden zweigt die Kössener Straße über die Huber Höhe in das Kohlental ab. Nordwestlich von St. Johann bildet das Gebirgsmassiv des Wilden Kaisers eine natürliche Wetterscheide gegen Kufstein und Bayern, im Süden befindet sich das Kitzbüheler Horn, das zu den Kitzbüheler Alpen gehört, und im Osten das Kalksteinmassiv, das zu den Loferer und Leoganger Steinbergen zählt. Durch die besondere Kessellage bleibt St. Johann in Tirol weitgehend von den im Tiroler Inntal gefürchteten Föhnstürmen verschont, bekommt aber im Winter durch die Lage an der Südseite des Kaisergebirges äußerst ergiebige Schneefälle ab. Die Kitzbüheler Ache, die Reither Ache und die Fieberbrunner Ache vereinigen sich im St. Johanner Talkessel zur Großache, dem Hauptfluss des Leukentales, der in Bayern als Tiroler Achen in den Chiemsee fließt. Der Ortskern liegt auf einer Höhe von , die höchste Erhebung ist die Maukspitze im Kaisergebirge mit einer Höhe von Das Gemeindegebiet umfasst eine Fläche von 5915 Hektar.
Ortsteile Der Ort besteht aus dem zentralen Hauptort und den umliegenden Ortsteilen Almdorf, Apfeldorf, Bärnstetten, Berglehen, Fricking, Hinterkaiser, Mitterndorf, Niederhofen, Oberhofen, Reitham, Rettenbach, Scheffau, Sperten, Taxa, Weiberndorf, Weitau, Winkl-Schattseite und Winkl-Sonnseite.
Nachbargemeinden
Geschichte mini|St. Johann in Tirol um 1750
Die älteste Spur menschlichen Lebens in St. Johann dokumentiert sich durch den Fund eines Absatzbeiles aus der mittleren Bronzezeit um ca. 1.500 vor Christus, das im Museum St. Johann in Tirol ausgestellt wird. Durch das Leukental führte schon damals ein Saumpfad als Verbindung vom Süden über den Felbertauern ins nördliche Voralpenvorland, aber im St. Johanner Talkessel ist noch keine urzeitliche Siedlung nachgewiesen. Ab dem 4. Jahrhundert vor Christus sind die keltischen Stämme der Ambisonten und Alaunen im Leukental präsent, und ab dem 2. Jahrhundert vor Christus gehörte die Gegend zu den westlichen Ausläufern des keltischen Königreichs Noricum. Auf keltische Sprachwurzeln geht die Bezeichnung des Weilers Sperten zurück.
Im Jahr 15 vor Christus eroberten die Römer den Ostalpenraum, und das Gebiet gehörte nun zur römischen Provinz Noricum. Nach dem Untergang des weströmischen Reiches 476 kam die Region im Zuge der Völkerwanderung und durch die Sesshaftwerdung des germanischen Stammes der Bajuwaren im 6. und 7. Jahrhundert zum Herzogtum Bayern.
Die erste nachgewiesene Besiedlung des St. Johanner Talkessels erfolgte in dieser Zeit durch bajuwarische Bauern, die Wälder rodeten und das Land urbar machten. Daran erinnern heute noch die Flurnamen Fricking, Schwentling, Obing und Reitham. Das bayerische Adelsgeschlecht der Liuchinger, das auf einen Stammesführer namens Liucho zurückgeht und dem das Leukental seinen Namen verdankt, baute in den folgenden Jahrhunderten eine Grafschaft im Leukental auf. Der Gerichtssitz für diese Grafschaft war auf der Burg Leukenstein am Fuße des Niederkaisers. Sie wurde wohl durch einen Bergsturz im 13. Jahrhundert zerstört, weshalb ihr genauer Standort heute nicht mehr bekannt ist. Der Hofname Burgwies im Ortsteil Bärnstetten erinnert aber heute noch an die einstige Burg.
Ab 1166 scheinen die Grafen von Falkenstein als Inhaber der Grafschaft im Leukental auf. Dieses mächtige Adelsgeschlecht starb jedoch 1272 aus. Danach wird das Leukental vom bayerischen Herzog nicht mehr als Lehen vergeben und in der Folge von seinen Beamten verwaltet. So wird der Gerichtssitz 1297 von St. Johann in die Stadt Kitzbühel verlegt.
mini|St. Johann Tirol mit dem Kaisergebirge um 1800
Bereits im 8. Jahrhundert (wahrscheinlich schon vor 738) errichteten Missionare in der Gegend von St. Johann eine Taufkirche, die Johannes dem Täufer geweiht war und von der sich der Name des Ortes ableitet. Urkundlich wird die Kirche St. Johannes aber erst 1150 genannt. Die erste Erwähnung von St. Johann als Pfarre bzw. Dorfgemeinschaft erfolgte in der Gründungsurkunde des Bistums Chiemsee 1216, der Weiler Apfeldorf wurde schon früher (um 1102–1104) in einer Traditionsnotiz des Klosters Scheyern als „Affoltrach in montanis videlicet in Liuchental“ – also ausdrücklich als „Apfeldorf im Leukental“ – genannt.
mini|Älteste Aufnahme von St. Johann in Tirol aus dem Jahr 1870
Im 12. und 13. Jahrhundert hatte ein weiteres mächtiges Adelsgeschlecht ausgedehnte Besitzungen in der Gegend von St. Johann. Die aus dem Oberpinzgau stammenden Herren von Velben besaßen eine Burg im Ortsteil Rettenbach. Die Hofnamen Oberbürg und Stallbürg erinnern noch heute daran. Von der „Forchtenstein“ genannten Burg der Velben sind noch deutlich sichtbare Geländespuren auf einem Hügel im Ortsteil Rettenbach erhalten. In unmittelbarer Nähe dazu gab es eine weitere Burg, Sperten genannt, die im Besitz der Pfalzgrafen von Ortenburg stand und an die heute noch der Hofname Unterbürg erinnert.
Mit der ersten bayerischen Landesteilung kam das Gebiet von 1255 bis 1340 zu Oberbayern, und auf Grund der Heirat der Gräfin Margarete von Tirol-Görz „Maultasch“ mit dem bayerischen Herzog Ludwig dem Brandenburger als Margarethes Witwengut von 1342 bis 1369 vorübergehend zur Grafschaft Tirol. 1392 mit der dritten bayerischen Landesteilung zu Bayern-Ingolstadt und ab 1447 zu Bayern-Landshut. Schließlich wird die Herrschaft Kitzbühel 1504 unter Kaiser Maximilian I. mit Tirol vereint.
1446 wurde die Pfarre St. Johann direkt den Chiemseer Bischöfen unterstellt. St. Johann war somit bis 1808 deren Pastoral- bzw. Sommerresidenz.
Durch die Eröffnung des Kupfer- und Silberbergbaues 1540 am Rerobichl bei Oberndorf, das damals zum Gemeindegebiet von St. Johann gehörte, erlangte der Ort großen Reichtum. Im 17. Jahrhundert war der Heilig-Geist-Schacht mit über 880 Metern der tiefste Schacht der Erde. Der Bergbau hielt noch bis in das 18. Jahrhundert an.
1621 wird St. Johann in Tirol Dekanatssitz. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden barocke Kulturdenkmäler geschaffen, denen der Ort den Beinamen „Barockes St. Johann“ verdankt.
In den napoleonischen Kriegen rückten auch die St. Johanner Schützen von 1796 bis 1805 unter ihren Hauptmännern Andreas Augustinus Feller und Josef Hager mehrmals zur Verteidigung des Landes aus. Durch den Frieden von Preßburg kommt Tirol 1805 zu Bayern, und die Tiroler Schützen beginnen 1809 einen Aufstand gegen die bayerische Herrschaft. Im selben Jahr errichtet der Tiroler Freiheitskämpfer Joseph Speckbacher sein Hauptquartier zur Verteidigung des Unterlandes im Gasthof zum Bären. Die St. Johanner Schützen kämpfen bei der Verteidigung des Passes Strub sowie unter Hauptmann Anton Georg Feller bei Kufstein. Im Mai 1809 rettet Dekan Matthias Wieshofer den Ort vor der Zerstörung durch bayerische und französische Truppen.
1875 wurde St. Johann durch den Bau der Giselabahn an das internationale Eisenbahnnetz angeschlossen. Es folgte ein wirtschaftlicher Aufschwung, und der Fremdenverkehr nahm seinen Anfang.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet die Bezeichnung „St. Johann im Leukental“ immer mehr in Vergessenheit, und es bürgerte sich der heutige Name „St. Johann in Tirol“ ein.
Im Ersten Weltkrieg blieb St. Johann von jeglichen Kriegshandlungen verschont, doch waren 138 Gefallene zu beklagen. Ihnen zu Ehren wurde 1923 das Kriegerdenkmal am Hauptplatz errichtet.
1927 sagten sich die Weiler Oberndorf, Wiesenschwang, Rerobichl, Hasenberg, Eberhartling, Blumberg, Haslach und Fröschlmoos von St. Johann los und bilden seither die Gemeinde Oberndorf in Tirol.
Auch in St. Johann in Tirol forderten die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und der Zweite Weltkrieg Menschenleben, darunter 233 an den Fronten gefallene Soldaten sowie neun von den Nazis ermordete Personen, davon waren acht Euthanasie-Opfer. Von August 1940 bis Juni 1941 war in St. Johann in Tirol ein Außenkommando des KZ Dachau im Einsatz. 20 politische Häftlinge waren für Arbeiten zum Umbau eines Bergbauernhofes in ein SS-Erholungsheim abkommandiert. Während des Zweiten Weltkriegs blieb der Ort von Kriegshandlungen verschont, doch wurde der Bahnhof St. Johann in Tirol im Dezember 1944 bombardiert. Die Bomben verfehlten aber ihr Ziel und landeten in einem nahe gelegenen Feld. Zu Kriegsende im Mai 1945 waren mehrere wertvolle Kunstwerke des Kunsthistorischen Museums Wien (Breughel, Dürer, Raffael, Tizian, Velasquez, Rubens, Rembrandt) in einem Keller in St. Johann eingelagert.
1954 erhielt St. Johann in Tirol ein Gemeindewappen. Der grün–rot gespaltene Schild zeigt die Farben des alten Gerichtes der Grafschaft im Leukental. Das Steinbockhorn erinnert an das Wappen der Herren von Velben, der Bischofsstab an die Bischöfe von Chiemsee.
1956 wurde St. Johann in Tirol zur Marktgemeinde erhoben.
Ab den 1950er Jahren nimmt die Wirtschaft in St. Johann vor allem in den Bereichen Tourismus, Industrie, Handel und Gewerbe einen großen Aufschwung. Seit den 1980er Jahren wurde jedoch das ständig steigende Verkehrsaufkommen zu einer immer größer werdenden Belastung für den gesamten Ort. Dank mehrerer Straßenbaumaßnahmen konnte der Durchzugsverkehr in den 1990er Jahren aus dem Ortskern umgeleitet und eine Fußgängerzone eingerichtet werden. Durch diese Maßnahmen erfuhr besonders der innere Ort eine große Steigerung seiner Attraktivität.
Als Standortgemeinde des Bezirkskrankenhauses entwickelte sich St. Johann zum Gesundheitszentrum der Region. Durch mehrere Baumaßnahmen zwischen 1991 und 2024 wurden die medizinischen Einrichtungen kontinuierlich erweitert. Auch als Schulstandort mit über 3.000 Schülern und Bildungseinrichtungen wie Bundesgymnasium, Landwirtschaftlicher Landeslehranstalt, Pflegeschule und Tourismusschulen besitzt St. Johann in Tirol überregionale Bedeutung.
Einwohnerentwicklung
Die Einwohnerzahl von St. Johann ist stetig steigend; im Jahr 2004 betrug die Wachstumsrate 1,8 %. Das Wachstum beruht sowohl auf einer positiven Geburtenbilanz als auch auf einer positiven Wanderungsbilanz. Seit Herbst 2007 ist St. Johann in Tirol die einwohnerstärkste Gemeinde im Bezirk Kitzbühel.Ein Blick auf die Gemeinde. Statistik Austria
St. Johann ist die neuntgrößte Gemeinde des Bundeslandes Tirol.
Kultur und Sehenswürdigkeiten Museen Museum St. Johann in Tirol mit einer Dauerausstellung zur regionalen Geschichte, der Schwerpunktausstellung felsenreich – Mythos und Erlebnis Kaisergebirge und einer Galerie mit Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst Alpinmuseum der Heeresversorgungsanstalt über die Entwicklung der militärischen Alpinausrüstung
Bibliotheken Mediathek St. Johann in Tirol im Dachgeschoß der Volksschule mit 20.000 Medien. Auch die Schulbibliothek der Volksschule sowie die Spielothek der Kinderfreunde sind hier untergebracht Das Bundesgymnasium und die Mittelschulen haben eigene Schulbibliotheken
Bauwerke mini|hochkant|Dekanatspfarrkirche Maria Himmelfahrt Dekanatspfarrkirche Maria Himmelfahrt Antoniuskapelle mit bedeutendem Kuppelfresko von Josef Schöpf St. Nikolaus in der Weitau mit den ältesten Glocken Tirols und dem einzigen in Tirol vollständig erhaltenen Fenster mit gotischen Glasmalereien Einsiedelei, die bereits seit über 300 Jahren bewohnt wird Gmailkapelle – Rokokobau in einer Felshöhle am Niederkaiser