Der Wehrmachtbericht war eine während der Dauer des Zweiten Weltkriegs ausgestrahlte deutsche Sendung über die militärische Lage der Wehrmacht an allen Fronten. Er wurde von der Abteilung bzw. Amtsgruppe für Wehrmachtpropaganda ausgearbeitet, jeweils in den Mittagsnachrichten ausgestrahlt und war nicht nur ein Bericht über militärische Operationen, sondern zugleich ein Instrument der nationalsozialistischen Propaganda. Dabei gilt die 1962 im Rahmen der Schriftenreihe des Bundesarchivs publizierte einschlägige Studie Erich Murawskis als grundlegend faktenreiche, gleichwohl aber aufgrund ihrer unkritischen Darstellungsweise fragwürdige Sekundärquelle.
Allgemein mini|Juli 1944: Deutsche Soldaten vernehmen sitzend Zivilisten.
Auf die stets gleichbleibende Ankündigung „Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt“ folgte vom ersten Tag des Überfalls auf Polen bis zur bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht eine tägliche Zusammenfassung der Kampfhandlungen. Dieser Wehrmachtbericht wurde vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW), genauer von der Abteilung für Wehrmachtpropaganda (WPr) im Wehrmachtführungsstab des OKW herausgegeben und im Großdeutschen Rundfunk täglich um die Mittagszeit vor den folgenden Nachrichten ausgestrahlt sowie von den Tageszeitungen, häufig auf der Titelseite, abgedruckt (auch in den verbündeten und besetzten Ländern und zum Teil sogar im neutralen Ausland). Hinzu kamen die im Radio mit Fanfarenstößen eingeleitetenUrsprünglich wurde die Fanfare nicht am Beginn, sondern am Ende gespielt. Die Änderung ging auf „unzählige Anrufe und Briefe“ zahlreicher Hörer zurück, damit man auf den Beginn der Meldung auch bei leise gestelltem Rundfunkgerät aufmerksam wurde. Vgl. Sondermeldungen über herausragende Erfolge, die ergänzend dem Wehrmachtbericht angehängten Erwähnungen von Truppenteilen oder Einzelpersonen, die sich besonders ausgezeichnet hatten, und schließlich die mit Zahlen gespickten zusammenfassenden Berichte. Im Gegensatz zum Heeresbericht des Ersten Weltkrieges beinhaltete der Wehrmachtbericht nicht nur die Kampfhandlungen der eigenen, sondern auch die der feindlichen Streitkräfte, beispielsweise die alliierten Luftangriffe auf Deutschland. Der Wehrmachtbericht besaß amtlichen Charakter und war die maßgebliche Quelle für die Kommentierung des Kriegsgeschehens in den Medien.Die Wehrmachtberichte. Band I, Köln 1989, ISBN 3-423-05944-3, S. I. Insgesamt erschienen 2080 Wehrmachtberichte. Sie sind nach einer einschlägigen Studie des ehemaligen Referatsleiter in der Amtsgruppe für Wehrmachtpropaganda und späteren Archivars am Bundesarchiv Erich Murawski aus dem Jahre 1962 ein Gemisch aus nüchternem Militär-Rapport und politischer Propaganda und eine ebenso wertvolle wie fragwürdige Sekundärquelle.Erich Murawski: Der deutsche Wehrmachtbericht 1939–1945. Ein Beitrag zur Untersuchung der geistigen Kriegführung. Mit einer Dokumentation der Wehrmachtberichte vom 1. Juli 1944 bis zum 9. Mai 1945. Boldt, Boppard am Rhein 1962, S. 1–3, S. 116 f. u. S. 121 f.Die Wehrmachtberichte. Band I, Köln 1989, ISBN 3-423-05944-3, S. VIII. Aktuelle Untersuchungen betonen stärker den propagandistischen Charakter des Wehrmachtberichts. Der an der Gedenkstätte Yad Vashem tätige israelische Historiker Daniel Uziel sieht als Hauptproblem von Murawskis Studie neben einem Mangel an damals zur Verfügung stehenden Quellen „die unkritische Herangehensweise [Murawskis] an sein Thema“ an.Daniel Uziel: The Propaganda Warriors. The Wehrmacht and the Consolidation of the German Home Front. Peter Lang, Oxford u. a. 2008, S. 12 f. u. S. 388: „The books main problem is it’s uncritical approach to the subject.“ Der deutsche Militärhistoriker Jörg Echternkamp nennt die Praxis der Darstellung der „beschönigende[n] ‚Frontbegradigung‘ im Wehrmachtbericht“ in einer Reihe mit propagandistischen Verlautbarungen, die über den „wahren Sachverhalt“ des Kriegsverlaufs „hinwegtäuschen“. Jörg Echternkamp: Dossier. Der Zweite Weltkrieg. Kriegsideologie, Propaganda und Massenkultur. Hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung, 30. April 2015.
Bis zu seiner Veröffentlichung durchlief der tägliche Wehrmachtbericht mehrere Instanzen. Aus den einlaufenden Meldungen der drei Wehrmachtteile stellte die „Abteilung Wehrmachtpropaganda“ unter der Leitung ihres Chefs, Generalmajor Hasso von Wedel, einen Text für den Chef des Wehrmachtführungsstabes und engsten militärischen Berater Hitlers, Generaloberst Alfred Jodl zusammen, der ihn bezüglich Inhalt, Form und Intention redigierte. Hitler, als Oberbefehlshaber der Wehrmacht, gab den Text dann persönlich frei, woraufhin er unverändert über den Reichspressechef Otto Dietrich an die Zeitungen und über Goebbels’ Propagandaministerium an den Rundfunk gelangte.Die Wehrmachtberichte. Band I, Köln 1989, ISBN 3-423-05944-3, S. VI.
Berichtet wurde in knapper Form, ausführlicher, konkreter und teilweise übertrieben, wenn Erfolge zu vermelden waren, kürzer, abstrakter und verklausuliert, wenn es um Rückschläge und eigene Verluste ging. Stets mussten die Verfasser Glaubwürdigkeit und Wirkung der Berichte bei der kämpfenden Truppe, in der Heimat sowie im feindlichen und neutralen Ausland berücksichtigen. Sie vermieden weitgehend direkte Falschmeldungen, operierten aber mit Auslassungen und Zutaten, mit tendenziösen Hervorhebungen und Verharmlosungen sowie mit Beschönigungen, Verzögerungen und Verschleierungen.Die Wehrmachtberichte. Band I, Köln 1989, ISBN 3-423-05944-3, S. VII.
Erich Murawski gelangte in seiner Untersuchung über Inhalt, Sprache und Glaubwürdigkeit des WB 1962 zu dem Ergebnis, dass zwischen dem ursprünglichen Anspruch des Militärs, nur die Wahrheit zu berichten, und der durch Kriegsverlauf und politische Einflussnahme bestimmten Praxis eine Diskrepanz besteht. Er unterscheidet vier Phasen der Berichterstattung und damit der Glaubwürdigkeit des WB:Murawski, Der deutsche Wehrmachtbericht, S. 123.
Bis Mai 1940 – Vorsichtige Zurückhaltung Westfeldzug 1940 bis Ende 1941 – Erfolgsberauschter Überschwang 1942 bis Herbst 1944 – Tarnung der Rückschläge Ab Herbst 1944 – Nüchterner Liquidationsbericht
Die Verfasser des WB sahen keinen Widerspruch in dessen Doppelcharakter, einerseits der „Wahrheit“ und andererseits der Propaganda zu dienen. Von Wedel dazu nach dem Krieg:
„Ich habe den Wehrmachtbericht immer als wohl das wertvollste Propagandainstrument der Wehrmachtpropaganda betrachtet, allerdings unter der einen unabänderlichen Voraussetzung, daß er nur die Wahrheit bringen durfte und sich niemals der Lüge bediente. […] In dieser Auffassung war ich auch einig mit dem Chef des Wehrmachtführungsstabes, einem Fanatiker der Wahrheit“Murawski, Der deutsche Wehrmachtbericht, S. 46.
Der „Fanatiker der Wahrheit“ hingegen, Alfred Jodl, war sich der propagandistischen Aufgabenstellung und Wirkung des Wehrmachtberichtes sehr wohl bewusst:
„Es ist traurig genug, daß ich dem stellvertretenden Chef der Amtsgruppe Wehrmachtpropaganda erst klarmachen muß, daß auch der OKW-Bericht ein Propagandamittel ist.“Murawski, Der deutsche Wehrmachtbericht, S. 55.
In einem Geheimerlass vom 18. Juni 1941 instruierte er die Berichterstatter, dass „die Wahrheit der Grundsatz für die gesamte deutsche militärische Berichterstattung“ sei. Erfolge seien erst dann zu veröffentlichen, wenn sie bestätigt seien und: „Eigene Mißerfolge sind hierbei in dem Umfang zu veröffentlichen, in dem sie vom Gegner und vom neutralen Ausland nachgeprüft werden können. Für die deutsche Öffentlichkeit ist mit der vorstehenden Einschränkung die Veröffentlichung auch von Mißerfolgen erwünscht; um das eigene Volk zur notwendigen Härte zu erziehen.“Murawski, Der deutsche Wehrmachtbericht, Anlage 1, S. 701.
Geschichte Deutsch-Französischer Krieg von 1870 bis 1871 Bereits in früheren Kriegen wurde die Öffentlichkeit über den Kriegsverlauf informiert. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 bis 1871 waren es noch überwiegend zivile Kriegsberichterstatter wie Theodor Fontane, die sich als Schlachtenbummler in der Etappe aufhielten, um für ihre Zeitungen Nachrichten von offiziellen Stellen und aus zweiter Hand zu sammeln. Sie wurden wegen ihrer oft fehlenden militärischen Kompetenz, vor allem aber wegen ihrer störenden Neugier von den Offizieren nicht sonderlich geschätzt und daher häufig behindert und gegängelt.Die Wehrmachtberichte. Band I, Köln 1989, ISBN 3-423-05944-3, S. II.Murawski, Der deutsche Wehrmachtbericht, S. 13.
1870 hatte das Heer zunächst keinerlei Vorbereitungen für die Information der Öffentlichkeit getroffen, schließlich aber doch, zunächst zögerlich dann immer öfter, Kriegsdepeschen herausgegeben, die von der Polizei angeschlagen und von Zeitungen veröffentlicht wurden. Sie waren knapp und berichteten nur das Wichtigste. Anders als beispielsweise die französischen amtlichen Meldungen waren sie frei von Propaganda und enthielten keine falschen Nachrichten. Natürlich enthielten die Berichte nicht alles, da man dem Gegner keine Einblicke in die eigene operative Planung gewähren wollte. Die politische Führung war ausgeschlossen von der Nachrichtenpolitik des Militärs, und selbst Otto von Bismarck musste sich genauere Informationen auf Umwegen selbst besorgen.Murawski, Der deutsche Wehrmachtbericht, S. 13 f.
Erster Weltkrieg Auch während des Ersten Weltkriegs war die Kriegsberichterstattung fest in der Hand des, traditionell an Geheimhaltung und Überwachung interessierten, Militärs. Ebenso wie zuvor war man schlecht vorbereitet und führte zunächst nur die Zensur ein. Nur wenige Offiziere, beispielsweise Alfred von Tirpitz, hatten die militärische Scheu vor Öffentlichkeit und Presse überwunden und Dienststellen für Informationsarbeit eingerichtet. Admiral von Tirpitz, Staatssekretär des Reichsmarineamtes, hatte die Bedeutung von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bereits lange vor dem Krieg erkannt. Als er im Jahre 1897 die Amtsgeschäfte übernahm, schuf er sich eine eigene Presseabteilung, das Nachrichtenbüro des Reichsmarineamtes: „Dann habe ich es für mein Recht und meine Pflicht gehalten, den breiten Schichten begreiflich zu machen, welche Interessen hier auf dem Spiele standen“.Alfred von Tirpitz: Erinnerungen, Leipzig 1919, S. 95 ff. ; zit. nach Murawski, Der deutsche Wehrmachtbericht, S. 17.
Die Reichsregierung unter dem pressescheuen Kanzler von Bethmann Hollweg überließ die Informationspolitik vertrauensvoll dem Militär. Am 2. August 1914 ergriff der Chef des Generalstabes, Generaloberst von Moltke, die Initiative und befahl die Einrichtung eines Pressedienstes, der zunächst dem Generalquartiermeister unterstand und bald unter die Zuständigkeit des für die Pressezensur zuständigen militärischen Nachrichtendienstes fiel, der Abteilung III b. Die Presse, so Moltke, sei ein unentbehrliches Mittel der Kriegführung.Die Wehrmachtberichte. Band I, Köln 1989, ISBN 3-423-05944-3, S. III.Murawski, Der deutsche Wehrmachtbericht, S. 18. Später übernahm die Operationsabteilung der Obersten Heeresleitung die Verantwortung für die offiziösen Berichte.Bruno Thoß: Heeresbericht. In: Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2. Auflage. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014, ISBN 978-3-8252-8551-7, S. 547.