mini|300px|Rekonstruktion desWesttores des Hauptlagers Als Römerlager Haltern werden mehrere römische Militäranlagen auf dem Gebiet der nordrhein-westfälischen Stadt Haltern am See im Kreis Recklinghausen in Westfalen bezeichnet. Dort wurden seit 1816 an verschiedenen Plätzen militärische Anlagen sowie ein Gräberfeld entdeckt, alles aus augusteischer Zeit.
Der Komplex wurde vermutlich zu Beginn unserer Zeitrechnung unmittelbar nördlich des Flusses Lippe (lateinisch: Lupia) angelegt. In Folge der römischen Niederlage in der Varusschlacht wurde er wieder verlassen. Wie die Wissenschaftler heute vermuten, hatten die Anlagen zunächst eine rein militärische Funktion und sicherten die Lippe als Schifffahrtsweg ab. Später gewannen sie auch Bedeutung als Verwaltungszentrum und Handelsplatz. Indizien weisen darauf hin, dass das in Verbindung mit der Varusschlacht von römischen Geschichtsschreibern genannte Militärlager Aliso mit den Befunden von Haltern identisch sein könnte.Archäologische Indizien bekräftigen: Haltern war wohl das antike Aliso. Presseinformation vom 12. August 2010.
Lage und Forschungsgeschichte mini|Ausgrabungsstätten in Haltern
Im Raum Haltern wird die Lippe und ihre Ebene im Süden von der Haard, im Nordwesten von der Hohen Mark und im Nordosten von den Borkenbergen flankiert. In den vergangenen 2000 Jahren hat sich das Flussbett dort mehrfach verlagert, drei größere Verlagerungen konnten nachgewiesen werden. Die römische Marinebasis befand sich unmittelbar nördlich der Lippe, die übrigen Anlagen etwas weiter vom Fluss entfernt im hochwassersicheren Gelände. Der Fluss verlief in antiker Zeit noch ein wenig weiter nördlich als heute: im Norden der heutigen Eisenbahntrasse und südlich der Dorstener Straße und der Conzeallee sowie von An der Trappstiege/An Pastors Kamp. Die Ostgrenze der Anlagen verläuft im Bereich des heutigen Gewerbegebiets Münsterknapp (Ostlager), die nördlich Begrenzung bildet die Nordecke des Feldlagers im Bereich südlich der Eichenstraße und im Westen stellt der Annaberg die Begrenzung dar.
Die Entdeckung der ehemaligen Römerlager Haltern geht auf das Jahr 1816 zurück. In einem Brief an den Oberpräsidenten der Provinz Westfalen Ludwig Freiherr von Vincke schrieb der Richter Wesener, dass nahe beim „St. Annenberg“ bei Haltern drei Grabhügel samt römischen Funden ausgegraben worden seien. 1834 veröffentlichte Pfarrer Joseph Niesert einen Fundbericht vom Annaberg. Schließlich untersuchte der preußische Major Friedrich Wilhelm Schmidt 1838 die Wege, auf denen sich römische Truppen zur Zeit des Kaisers Augustus ins Innere Germaniens aufgemacht hatten.Hartmut Polenz: Die Archäologischen Sammlungen und Museen im Ruhrgebiet. In: Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, , Jg. 2002, Heft 2, S. 9–16, hier S. 12. Dabei stieß er auf dem Annaberg, der südwestlich der Stadt am Nordufer der Lippe liegt, auf die Überreste eines römischen Kastells.Zeitschrift für die Alterthumswissenschaft. Band 5, 1838, S. 1202 ff. Erst ab dem Jahr 1899 gruben Archäologen die Reste von bislang insgesamt sieben römischen Anlagen der augusteischen Epoche aus und entdeckten darüber hinaus ein Gräberfeld und einen Töpfereibezirk jener Zeit. Seither fanden viele Grabungskampagnen statt, die trotz der Erschwernis fortschreitender Siedlungstätigkeit wesentliche neue Erkenntnisse über Entwicklung und Funktion dieses Fundplatzes brachten. Die ersten Ausgrabungen führte 1899 Carl Schuchhardt und, nachdem das Archäologische Institut des Deutschen Reiches auf die Befunde aufmerksam geworden war, auch Alexander Conze noch im selben Jahr. Bis zum Ersten Weltkrieg war dann Friedrich Koepp für die Ausgrabungen in Haltern zuständig. Haltern wurde zu einer Art Schule der Provinzialrömischen Archäologie. Viele Archäologen, die später Berühmtheit erlangten, arbeiteten in Haltern, darunter Hans Dragendorff, Karl Hähnle, Gerhard Kropatscheck, Emil Krüger, Georg und Siegfried Loeschcke und Emil Ritterling. Nach dem Krieg wurden die Forschungen erst wieder ab 1935, bedingt durch eine zunehmende Bautätigkeit intensiviert. August Stieren, Erich Gose und Christoph Albrecht waren die ausführenden Wissenschaftler. Nach einer kriegsbedingten Unterbrechung waren es ab 1949 Heinrich Bleker (Museumsleiter in Haltern), Hans Aschemeyer vom Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Münster, erneut Erich Gose und Wilhelm Winkelmann, später Klaus Günther und Klemens Wilhelmi.Rudolf Aßkamp: Haltern. In: 2000 Jahre Römer in Westfalen. Zabern, Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 21.Rudolf Aßkamp: Haltern, Stadt Haltern am See, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen 5). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2010, S. 2–7 (Digitalisat).
Archäologische Befunde
Militärische Anlagen Lager auf dem Annaberg (?) mini|links|Befunde auf dem Annaberg (1901) Im Sommer 1899 fand der Archäologe Carl Schuchhardt auf dem Annaberg-Plateau, welches die Lippe-Niederung um bis zu 30 Metern überragt, einen Graben, dessen Verlauf mittels Suchschnitten fast vollständig geklärt werden konnte.Lager Annaberg weitläufig um Dieser 3,5 m breite und 1,5 m tiefe Spitzgraben gehörte möglicherweise zur Umwehrung eines etwa sieben Hektar großen Lagers.Ferdinand Oppenberg: Der Naturpark Hohe Mark. Mercator-Verlag, Duisburg 1974, ISBN 3-87463-060-9, S. 82. Es war von annähernd dreieckigem bis herzförmigem Grundriss. Hinter dem Graben fand sich ein in Abständen von 30 cm mit Pfosten verstärkter, etwa vier Meter breiter und 1,5 m hoher Erdwall. Weitere Pfostenspuren in dem Spitzgraben deuteten an, dass in den Wall im Abstand von 30 m Türme eingebaut waren. Ungewöhnlich an dem Befund ist, dass die Türme sich teilweise außerhalb des Walles befunden hätten. Ebenfalls unklar ist die Situation bei den beiden möglicherweise zweiflügeligen Toranlagen an der Nordost- und Nordwestseite, wo zwei von Türmen flankierte Erdbrücken auf Tore weisen sollten. Die Torhäuser rechts und links der vier Meter breiten Zufahrten hätten ebenfalls über den Spitzgraben hinausragen müssen. Schuchhardt zweifelte selbst an seinen Ergebnissen und sprach von einem „verzweifelt wirren Zerstörungszustand“. Auch spätere Untersuchungen durch Friedrich Koepp und August Stieren konnten seine Befunde nicht nachvollziehen. Insgesamt ergibt sich so ein für Militäranlagen der augusteischen Zeit zumindest sehr untypisches Bild, das sich aufgrund der späteren Störungen des Geländes vermutlich auch nicht mehr erhellen lassen wird.Rudolf Aßkamp: Haltern. In: 2000 Jahre Römer in Westfalen. Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 27–28.Rudolf Aßkamp: Haltern, Stadt Haltern am See, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen 5). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2010 (Digitalisat), S. 7–8.Bettina Tremmel: Das römische Kastell auf dem Annaberg. Wahrheit oder Mythos?. Vortrag vom 20. Juni 2024, abgerufen am 6. April 2026 (Youtube).
Ungeklärte Anlagen am Wiegel mini|links|Befunde im Wiegel (1901) Auf dem Flurstück Wiegel entdeckte der Halterner Arzt Alexander Conrads im August 1899 Keramikscherben, die als augusteisch datiert werden konnten. Nördlich einer Terrassenkante zur Lippeaue wurde bei drei Grabungskampagnen ein 300 m langer und etwa 60 m breiter Geländeabschnitt untersucht,Anlagen am Wiegel weitläufig um eine Ausweitung dieser bisher bekannten Befunde nach Westen und Osten ist aber laut jüngeren Hypothesen durchaus noch zu erwarten. Es fand sich dabei ein unübersichtliches Miteinander mehrerer Gräben und Gruben. Ein rund 220 m langer Graben grenzte diesen Fundplatz nach Norden ab. Während er in östlicher Richtung immer flacher und schmaler wurde, bog er in westlicher Richtung nach Süden ab. Dort mündete er nach etwa 30 m in ein System von drei bis zu sieben Metern breiten Gruben unterschiedlicher Länge – das wegen der Anordnung der Gruben zueinander so genannte „Dreieck“. Westlich davon lag ein 13 m mal 18 m (= 234 m²) großes Gebäude in italischer Bauweise, dessen der Lippe zugewandte Südfront halb offen war. Nicht weniger als acht Spitzgräben kreuzten diesen Fundplatz. In der jüngeren Forschung tendiert man zu der Annahme, dass es sich bei den Anlagen am Wiegel um Spuren der noch nicht lokalisierten Canabae legionis, der Lagervorstadt handeln könnte. Ein interessanter Fund aus diesem Bereich ist eine Amphorenscherbe mit dem Graffito [.........] c [................]/[Ti. Claudio Ne] rone II [cos], wodurch sie auf das 2. Konsulat des späteren Kaisers Tiberius im Jahr 7 v. u. Z. datiert werden kann.Rudolf Aßkamp: Haltern. In: 2000 Jahre Römer in Westfalen. Zabern, Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 24, 28–29.Rudolf Aßkamp: Haltern, Stadt Haltern am See, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen 5). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2010 (Digitalisat), S. 8–9.
Uferkastelle auf der Hofestatt mini|Uferkastelle auf der Hofestatt(Befunde 1905) Auf der Flur Hofestatt gruben die Archäologen Friedrich Koepp, Hans Dragendorff und Gustav Krüger in den Jahren 1901 bis 1904 vier zeitlich aufeinander folgende, sich überlagernde Befestigungsanlagen aus. Sie alle waren zur südlich gelegenen Lippe hin ausgerichtet und zum Fluss hin offen. Ihre Gräben und Holz-Erde-Mauern enden allesamt an der Abbruchkante zur Lippe. Dieser Umstand hat dazu geführt, dass sie in der Fachwelt als „Uferkastelle“ angesprochen wurden und werden.Rudolf Aßkamp: Haltern. In: 2000 Jahre Römer in Westfalen. Zabern, Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 30–33.Rudolf Aßkamp: Haltern, Stadt Haltern am See, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen 5). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2010, S. 9–11 (Digitalisat). Die älteste Anlage war auch die kleinste. Sie war etwa 43 m mal 10 m groß. Umgeben war sie von einem zwei Meter breiten und rund einem Meter tiefen Spitzgraben, der in der Osthälfte der Anlage doppelt ausgeführt war. Hinter den Gräben lag eine etwa drei Meter breite Holz-Erde-Mauer.Uferkastell 1 ungefähr bei Die nächstjüngere Anlage umschloss die erste großflächig. Ihre etwa 115 m lange gerade Nordseite bog an ihren Enden in südlicher Richtung zur Lippe hin ab. Auch hier wurde ein Spitzgraben mit einer dahinter liegender Holz-Erde-Mauer gefunden. Pfostenspuren an der Nordost-Ecke lassen vermuten, dass sich dort ein Turm befunden hat. In der Mitte der Nordseite fand sich eine etwa drei Meter breite Erdbrücke, möglicherweise befand sich dort Tor zu diesem Kastell.Nordtor Uferkastell 2 ungefähr bei Beiderseits der Toranlage wurden im Lagerinneren die Umrisse zweier Gebäude identifiziert.Rudolf Aßkamp: Haltern. In: 2000 Jahre Römer in Westfalen. Zabern, Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 30. Die dritte Anlage wurde von den Römern offenbar schon während der Bauphase verändert. An der Südwestecke des Vorgängerbauwerks beginnend, verlief die wohl ursprünglich geplante Ausrichtung, von einem seichten Knick abgesehen, mehr als 220 m weit in nordöstlicher Richtung. Diese Anlage war an ihrer Westseite auf rund 75 m Länge mit einem doppelten Spitzgraben und einer Holz-Erde-Mauer versehen. In ihrem weiteren Verlauf wurde nur noch der äußere Spitzgraben gefunden. Etwa in der Mitte der nach Nordosten verlaufenden Umwehrung war eine Toranlage geplant, worauf eine breite Erdbrücke über den Spitzgraben hinweist. Tatsächlich wurde diese Anlage schließlich viel kleiner fertiggestellt und bog nach Südosten zur Lippeböschung hin ab. Sie war etwa halb so groß wie die zweite Befestigung und überlagerte diese in deren Westhälfte. An ihrer Nordostseite fanden sich eine ToranlageNordosttor Uferkastell 3 ungefähr bei und Spuren kleinerer Gebäude.Rudolf Aßkamp: Haltern. In: 2000 Jahre Römer in Westfalen. Zabern, Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 31.