mini|Stelenpark von Aksum Das aksumitische Reich (auch axumitisches Reich) war ein spätantiker Staat im Nordosten Afrikas. Er umfasste das heutige Eritrea, Teile Äthiopiens – wo sich seine Hauptstadt Aksum befand –, Sudans sowie des Jemen. Es bestand vermutlich schon im 1. Jahrhundert n. Chr. und ging im 10. Jahrhundert unter. Einen erheblichen Teil seines Wohlstands verdankte das Reich dem Indienhandel.
Entwicklung Vorgeschichte Mangels schriftlicher Überlieferungen ist die Geschichte vor der Entstehung des aksumitischen Reiches nur durch Bodenfunde bekannt. Bereits im 3. vorchristlichen Jahrtausend existierte an der äthiopisch-sudanesischen und eritreischen Grenze eine weit entwickelte Kultur. Sie ist von einigen Siedlungen bekannt, die aber in der Regel bisher nicht ausgegraben wurden. Es gibt Steinäxte, Keulenköpfe, Keramik und Schmuck. Diese Kultur zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit der nubischen C-Gruppe.David W. Phillipson: The antiquity of cultivation and herding in Ethiopia. In: Thurstan Shaw, Paul Sinclair, Bassey Andah, Alex Okpoko (Hrsg.): The Archaeology of Africa. Routledge, London/New York 1993, S. 334–357, hier S. 347, ISBN 0-415-11585-X.
In der Eisenzeit, der sogenannten Prä-Aksumitischen Periode, bestanden Kontakte mit Südarabien. Besonders stark wurde der südarabische Einfluss auf Äthiopien etwa Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. mit der Entstehung des vermutlich ursprünglich vom südarabischen Reich Saba abhängigen Staates Da’amot (auch Di’amat und ähnlich) auf der Tigray-Hochebene. Die Inschriften aus Da’amot sind teilweise auf Sabäisch abgefasst, die königlichen Inschriften weisen jedoch Merkmale des Altäthiopischen, der Sprache des späteren aksumitischen Reiches, auf. Über das Ende von Da’amot ist nichts bekannt, die letzten Inschriften könnten in das 4. Jahrhundert v. Chr. gehören.
In der populären Geschichtsschreibung war die Betonung des arabischen Einflusses, seit Carlo Conti Rossini diesen hervorgehoben hat, lange vorherrschend. Dies hängt damit zusammen, dass der Kenntnisstand zur Geschichte Südwestarabiens deutlich besser war (und ist), und damit alle kulturellen Elemente und Einflüsse scheinbar von dort ausgingen. Afrikanische Entwicklungen, die sehr viel weiter zurückreichen, konnten zu dieser Zeit noch nicht wahrgenommen werden.David W. Phillipson: Foundations of an African Civilisation. Aksum & the Northern Horn, 1000 BC – AD 1300, Addis Ababa University Press, 2012, S. 19 f. Um der Bezeichnung prä-aksumitisch aus dem Weg zu gehen, wurde in der englischen Fachliteratur vielfach von „ethio-sabean“, häufig wiederum als frühe Phase, und „transitional“ oder „inter-mediate“ (für die letzten vier vorchristlichen Jahrhunderte) gesprochen, um die angebliche Staatlichkeit vor Aksum zu benennen. Damit aber wurde der Schwerpunkt auf den Kulturaustausch von Eliten gelegt, was wiederum lange Kontinuitäten überdeckte oder ausblendete. Akzeptiert wird die auf Aksum selbst bezogene Bezeichnung als „proto-aksumite“. Die von Jacqueline Pirenne in den 1950 und 60er Jahren vorangetriebene „Kurze Chronologie“ führte dazu, dass fast alles archäologische Material in die 2. Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. zeitlich vorrückte.
mini|Mauerwerk und Bodenbelag im Tempel von Yeha Während für die Bevölkerung eine starke Kontinuität angenommen wird, kann dies bei den Führungsgruppen, auf die die überwiegend religiösen Monumente zurückgehen, nicht vorausgesetzt werden. Diese religiösen Monumente ballen sich zudem in den fruchtbarsten Gebieten. So ist etwa Yeha im nördlichen Zentraltigray deutlich sabäisch geprägt. Der Große Tempel weist eine Grundfläche von 18,6 mal 15 m auf und ragt noch immer bis zu 13 m auf. Widmungen auf Ziegeln erweisen die Ausrichtung auf den südarabischen Mondgott. Nach der besagten kurzen Chronologie wäre dieser Bau, dem wahrscheinlich ein anderer Tempel voranging, um 500 v. Chr. entstanden, jedoch nimmt man heute eine Entstehungszeit um 800 v. Chr. an.David W. Phillipson: Foundations of an African Civilisation. Aksum & the Northern Horn, 1000 BC – AD 1300, Addis Ababa University Press, 2012, S. 24. Ebenfalls Analogien zum sabäischen Baustil weist ein gleichfalls der sogenannten Elite zugewiesenes Gebäude namens Grat Be’al Gebri auf,Mike Schnelle: Grat Beal Gebri – building history Analysis of a Monumental Building of the early 1st Millennium BC. Chr. in the Ethiopian Highlands, in: Architectura – Zeitschrift für Geschichte der Baukunst 43 (2013) 89–112. das ähnlich alt sein dürfte. Dieses umfasst eine Fläche von 44 m². An seiner Südostseite fand sich ein Portikus von sechs massiven, 10 m hohen monolithischen Säulen. Arabische Buchstaben ließen sich belegen, so dass geschlussfolgert wurde, dass südarabische Handwerker und Baumeister hier am Werk waren. Nur wenige Metallfunde, fast ausschließlich Kupferlegierungen, fanden sich, vor allem in Gräbern. Auch diese gehörten der Führungsgruppe an. Die Kupferobjekte könnten eine Art Siegel oder Stempel gewesen sein, die Eigentum markieren sollten. Der Handel war von geringerem Umfang als lange angenommen. Er bezog sich vor allem auf Keramik und Obsidian. Bei den wenigen Inschriften lassen sich zwei Gruppen unterscheiden, nämlich solche, die von einer Elite geschaffen wurden, die starke kulturelle Kontakte nach Südarabien aufwies, während eine zweite Gruppe von lokalen Gruppen geschaffen wurde.
Die Annahme eines vor-aksumitischen Staates namens Da’amot beruht auf sieben Inschriften auf Säulen, von denen sich allerdings keine einzige an dem Ort befand, an dem sie ursprünglich angebracht worden war. Drei von ihnen fanden sich auf Steinen bei Aksum, die anderen vier an einer Art Kräuterduftlampen aus dem östlichen Tigray. In Yeha hingegen, oftmals als Hauptstadt der gemutmaßten politischen Einheit gedacht, fand sich keine einzige Inschrift. Dies bestärkt die Annahme, dass diese Kleinreiche von geringer Kontinuität gekennzeichnet waren.David W. Phillipson: Foundations of an African Civilisation. Aksum & the Northern Horn, 1000 BC – AD 1300, Addis Ababa University Press, 2012, S. 38. Dabei sind die Namen von vier Herrschern überliefert, doch ist weitgehend unklar, was der mehrfach auftauchende Titel (oder die Anrede als Ehrwürdiger) zu bedeuten hat, ob sich die Herrscher womöglich in südarabischer Weise ansprechen ließen, etwa aus Prestigegründen.
Dennoch lässt sich eine so deutliche kulturelle Veränderung in der zweiten Hälfte des Jahrtausends belegen, dass, wie der Name Prä-Aksumitisches Reich nahelegt, die Verbindung zu Aksum größer war als die zu den vorhergehenden Kulturen. Die Ausgrabungen von Beta Gyorgis wiesen eine weitgehend homogene Keramik nach, dazu Monumentalbauten sowie einen Friedhof von etwa 10 ha Fläche. Dort befinden sich über 100 Stelen, von denen allerdings nicht klar ist, wie viele von ihnen dem 1. Jahrtausend v. Chr. zuzurechnen sind. Eisen fand sich nur bei zwei Pfeilspitzen und zwei Ritualbeilen. Insgesamt basierte die Ökonomie weiterhin auf Viehhaltung, also auf Rindern, Schafen und Ziegen, auch Hunde wurden nachgewiesen, sowie auf Gerste, Emmer und Weizen, möglicherweise Zwerghirse.David W. Phillipson: Foundations of an African Civilisation. Aksum & the Northern Horn, 1000 BC – AD 1300, Addis Ababa University Press, 2012, S. 42.
Ersterwähnungen, Orientierung nach Griechenland, Expansion nach Südarabien und Vertreibung mini|Ungefähre Ausdehnung des aksumitischen Reiches unter Ezana (4. Jahrhundert) Die Entstehung des aksumitischen Reiches kann spätestens um Christi Geburt angesetzt werden. Die ersten Erwähnungen der Stadt Aksum, die auf vorher wenig besiedeltem Gebiet gegründet wurde, finden sich im anonymen Periplus Maris Erythraei, der um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstand (wobei ein Herrscher namens Zoskales erwähnt wird, der oft als frühester Herrscher Aksums betrachtet wird), sowie in der Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemäus, die um 170 n. Chr. entstand. Ebenfalls aus diesen Jahrzehnten stammen die frühesten Funde und Reste größerer Bauanlagen aus Aksum; dennoch schwanken die Angaben der Entstehungszeit des Reiches zwischen etwa 50 v. Chr. und 50 n. Chr. In Aksum selbst behindert die moderne Besiedlung, aber auch die Überbauung durch selbst wiederum erhaltenswerte Gebäude die Grabungstätigkeit, so dass von hier nur wenige Erkenntnisse vorliegen. Deutlich ist, dass die neue Hauptstadt entstand, als die Eliten von Beta Giyorgis nach Aksum umsiedelten. mini|Oberer Teil der dreisprachigen Stele des Königs Ezana Zoskales soll recht gut Griechisch gesprochen haben. Zwar weisen auch die frühen Münzen griechische Umschriften auf, doch dienten sie einem internationalen Handel. Die Bevölkerung, die in diesem Handel nicht tätig war, wird diese Sprache kaum beherrscht haben. Früh existierte in Aksum eine Kolonie ausländischer Händler. Möglicherweise stellen die beiden dreisprachigen Stelen, die an den beiden Hauptstraßen nach Aksum aufgestellt wurden, einen Reflex der Abwehr griechischer Dominanz oder wenigstens Einflusses dar, denn eine Säule am Rande von Adulis, die wohl älter ist, weist nur griechische Buchstaben auf. Darüber hinaus unterscheiden sich die dortigen Buchstabenformen signifikant von denen auf den Münzen.David W. Phillipson: Foundations of an African Civilisation. Aksum & the Northern Horn, 1000 BC – AD 1300, Addis Ababa University Press, 2012, S. 55. Nach der Mitte des 4. Jahrhunderts mehren sich die Anzeichen, dass das Griechische kaum noch beherrscht wurde. Im 6. Jahrhundert wiesen nur noch Goldmünzen, die im Fernhandel eingesetzt wurden, griechische Buchstaben auf, das Griechische kam wohl selbst in der Hauptstadt außer Gebrauch.
Bereits zu dieser Zeit kontrollierte Aksum mit dem wichtigen Hafen Adulis, acht Tagereisen von Aksum entfernt,Der Kleine Pauly, Bd. 1, Sp. 79. den Zugang zum Roten Meer, was dem aksumitischen Reich eine Expansion nach Südarabien ermöglichte. Zu Beginn des 3. Jahrhunderts dehnte Aksum seinen Machtbereich das erste Mal nachweislich auf südarabischem Boden aus und schloss ein Bündnis mit dem sabäischen König ’Alhan Nahfan. Dessen Sohn Scha’ir Autar brach jedoch das Bündnis und unterstützte den himyarischen König bei der Vertreibung aksumitischer Truppen aus der himyarischen Hauptstadt Zafar. Auch in den folgenden Jahrzehnten agierten aksumitische Truppen in Südarabien.
Dauerhafter war die Expansion westlich des Roten Meeres. Schon im 2. und 3. Jahrhundert fanden Feldzüge gegen die „Noba“ und „Kasu“ statt, wie Erinnerungsstelen ausweisen. Diese Stelen bieten zwar historische Abläufe, jedoch bestehen große Schwierigkeiten, die geographischen Namen und die genannten Völker oder Stämme zu identifizieren, zumal den Namen vielfach die Vokalisierung fehlt. In jedem Falle wurde die Revolte der „Bega“ niedergeschlagen, die Besiegten in einem Gebiet unter aksumitischer Kontrolle namens „Matlia“ angesiedelt. Es waren vielleicht nördliche Nachbarn östlich des Niltals. Bei den Kasu handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Kusch im nördlichen sudanesischen Niltal; dementsprechend waren die Noba, die gleichfalls genannt werden, wohl Nubier.David W. Phillipson: Foundations of an African Civilisation. Aksum & the Northern Horn, 1000 BC – AD 1300, Addis Ababa University Press, 2012, S. 75 f.
Römisch-indischer Handel, Christianisierung (Mitte 4. Jahrhundert) mini|Goldmünze des Endubis (spätes 3. Jahrhundert); Durchmesser 15,6 mm, Gewicht 2,72 g; Büste rechtsblickend, der Herrscher trägt eine Kappe oder einen Helm, Darstellung umrahmt von zwei Halmen mit Ähren. Die Legende des Avers lautet: „ENDUBIS – BASILEUS“. Auf dem Revers ebenfalls eine Herrscherbüste, nur mit anders lautender Legende: „AXwMITw BISIDACY“ (von den Axumiten von Dakhu, Vokale ergänzt). mini|Münze des Ezana mit heidnischen Symbolen, geprägt vor seiner Konversion zum Christentum