Die Reichsgrafschaft Ortenburg war eine reichsunmittelbare Grafschaft der Grafen von Ortenburg im Heiligen Römischen Reich. Hauptsitz war die Feste Ortenburg über dem Markt Ortenburg in Niederbayern (heute Landkreis Passau). Die Reichsgrafschaft bestand von etwa 1120 bis 1805 mitten im Herrschaftsraum des Herzogtums Bayern.

Im Hochmittelalter umfasste die Grafschaft verstreute Gebiete in Altbayern, der Oberpfalz, Oberösterreich, Niederösterreich und Tirol. Mitte des 13. Jahrhunderts verfiel ihre Macht und ihr Herrschaftsraum verringerte sich auf rund vier Quadratkilometer um Ortenburg herum. Dennoch konnte die Reichsgrafschaft ihren Einfluss im Reich wahren und ihre Unabhängigkeit bis zum Tausch mit dem bayerischen Kurfürsten im Jahre 1805 stets beibehalten.

Nach dem Niedergang der Grafen von Ortenburg übernahmen die Wittelsbacher den sogenannten Ortenburger Panther in ihr Erbwappen, um ihre Ansprüche auf die Gebiete Altbayerns zu verdeutlichen. Dieser steht heute im Bayerischen Staatswappen für Ober- und Niederbayern.

Geschichte Ursprünglich hieß Ortenburg bis zum Jahr 1530 Ortenberg. Aus diesem Grund wird in diesem Artikel zu Beginn der ältere Name verwendet.

1120–1248: Entstehung und Aufstieg Der erste nachweisliche Graf von Ortenberg war Rapoto I. aus dem Hause der Spanheimer. Er gilt als Ahnherr dieses Seitenzweiges der Grafen von Ortenburg. Als dritter Sohn Engelberts II. von Kärnten bekam Rapoto Güter aus dem mütterlichen Erbe zur Verwaltung.Eberhard Graf zu Ortenburg-Tambach: Geschichte des reichsständischen, herzoglichen und gräflichen Gesamthauses Ortenburg - Teil 1: Das herzogliche Haus in Kärnten. Vilshofen 1931. Die Gemahlin Engelberts II. war Utta, Erbtochter des Burggrafen Ulrich von Vohburg-Passau, über die ausgedehnter zusätzlicher Besitz an Engelbert gekommen war. Nach dem Tod Engelberts teilten die vier Söhne die Besitzungen untereinander auf. Engelbert III., Markgraf von Istrien, erhielt dabei die Grafschaft Kraiburg und Teile der Grafschaft Sulzbach. Rapoto I. bekam die Teile nördlich Kraiburgs und siedelte sich im oberbayerischen Raum an. Um 1120 errichtete er die Burg Ortenberg und nannte sich von 1134 an Graf von Ortenberg.Friedrich Hausmann: Die Grafen zu Ortenburg und ihre Vorfahren im Mannesstamm, die Spanheimer in Kärnten, Sachsen und Bayern, sowie deren Nebenlinien, erschienen in: Ostbairische Grenzmarken - Passauer Jahrbuch für Geschichte, Kunst und Volkskunde, Nr. 36, Passau 1994. Bald tritt Rapoto I. auch als Vogt des Stiftes St. Nikola in Passau auf. Nach dem Tod seines Bruders Ulrich I. von Kärnten erbte Rapoto den Landstrich in Bayern endgültig. Seine Heirat mit Elisabeth, Gräfin von Sulzbach, im Jahre 1163 brachte ihm weiteren Besitz im bayerischen Raum. Als sein Bruder Engelbert III. 1173 kinderlos verstarb, fielen dessen bayerischen Güter mit der Grafschaft Kraiburg als Zentrum an Rapoto. Bei seinem Tode im Jahr 1186 waren Rapotos Besitzungen bereits größer als die Ottos von Wittelsbach bei dessen Übernahme des Herzogtums Bayern.

mini|Das Reitersiegel des späteren bayerischen Pfalzgrafen Rapoto II. von Ortenburg aus dem Jahre 1190

Die Grafschaft wurde danach von seinen beiden Söhnen Rapoto II. und Heinrich I. regiert. Diese teilten die Besitztümer untereinander auf. Rapoto II. wurde Graf der Grafschaft Kraiburg und herrschte über alle Besitzungen südlich der Rott, einschließlich des Rottales und einigen Besitzungen an der Donau. Heinrich erhielt die Grafschaft Ortenberg und die Besitztümer um Murach.Eberhard Graf zu Ortenburg-Tambach: Geschichte des reichsständischen, herzoglichen und gräflichen Gesamthauses Ortenburg - Teil 2: Das gräfliche Haus in Bayern. Vilshofen 1932. Anfang des 13. Jahrhunderts erhielt die Grafschaft Ortenberg Reichsrechte, der genaue Zeitpunkt ist jedoch unbekannt. In den Folgejahren wuchs die Macht der Ortenberger weiter – und damit auch das Konfliktpotential. Die Ortenberger Besitzungen erstreckten sich von Kitzbühel in Tirol in weitem Bogen über das östliche Bayern bis in die Oberpfalz um Tirschenreuth.Walter Fuchs: Schloss Ortenburg, Ortenburger Baudenkmäler und die Geschichte der Reichsgrafschaft Ortenburg, Ortenburg 2000.

Bald kam es zu den ersten Fehden, wobei die meisten Dörfer in Ostbayern von verschiedenen Kriegsparteien gebrandschatzt wurden. Vor allem mit den Nachbarn, den Grafen von Bogen, gab es jahrelang kriegerische Auseinandersetzungen. Am 20. April des Jahres 1192 wurden Rapoto II. und sein Bruder Heinrich I. nach Laufen zum Fürstentag des Herzogs Ludwig des Kelheimers gerufen. Dort wurde versucht, die Streitigkeiten im Herzogtum zu schlichten. Vor allem Graf Albrecht III. von Bogen, der bekennender Gegner Kaiser Heinrichs VI. war, und sein Zwist mit dem Herzog und den Ortenbergern waren das Gesprächsthema. Albrecht hatte sich im Jahre 1191 widerrechtlich die Lehen der Grafen von Sulzbach des Bistums Bamberg im Donauraum angeeignet. Darunter befand sich die Vogtei Winzer.Fehdengrund Vogtei Winzer Dies führte bereits zu ersten Spannungen mit dem Ortenberger Geschlecht, da deren Mutter Elisabeth gebürtige Gräfin zu Sulzbach war, und die Ortenburger sich als rechtmäßige Erben ansahen. Des Weiteren stritten sich die Ortenberger und Bogner Grafen um weitere Gebiets- und Jagdgrenzen. Herzog Ludwig hingegen wollte erreichen, dass Albrecht seine nicht rechtmäßig erworbenen Güter zurückgibt. Der Fürstentag endete jedoch ohne Ergebnis.

Mitte 1192 kämpfte Albrecht III. von Bogen gemeinsam mit den Ortenbergern um das Erbe der Grafen von Sulzbach. Beide Geschlechter sahen sich als Erben der umfangreichen Besitzungen an. Sie waren damit in direktem Konflikt mit den Staufern, welche versuchten das reiche Erbe für sich zu beanspruchen. Lange Zeit wurde angenommen, dass die Ortenberger und Bogener gegeneinander gekämpft hätten. Der bayerische Herzog Ludwig versuchte, die Ansprüche der Staufer durchzusetzen, und entsandte daraufhin eine Heeresmacht nach Niederbayern. Der Bogner Graf ersuchte daraufhin um Hilfe bei seinem Schwager Herzog Ottokar I. von Böhmen, dem späteren König Böhmens. Anfangs konnte Ottokar keine Änderung des Geschehens herbeiführen, erst durch Verrat des herzoglichen Hauptmannes im Nordgau, Gottfried von Stein, nahm die Fehde eine erneute Wende. Er ermöglichte Herzog Ottokar I. mit seinen Mannen das Eindringen in das bayerische Herzogtum. Sie verwüsteten daraufhin die Gebiete im Bayerischen Wald und in der heutigen Oberpfalz. Dennoch konnte keine der Kriegsparteien den entscheidenden Sieg davontragen.

Im Oktober desselben Jahres weitete sich der Kampf aus, als Herzog Leopold von Österreich und Herzog Berthold IV. von Andechs-Meranien mit gewaltiger Heeresmacht auf Seiten der Staufer eingriffen. Die Ortenberger waren diesem Ansturm nicht gewachsen und mussten sich zurückziehen. Die Burg Ortenberg wurde daraufhin von den Herzögen Leopold V. und Berthold IV. belagert. Bald wurde diese eingenommen und zerstört. Der verteidigende Graf Heinrich I. wurde von den Angreifern gefangen genommen. Wann die Stammburg wiedererbaut wurde, ist unbekannt. Das Grafengeschlecht residierte bis dahin wahrscheinlich auf der Feste Neu-Ortenberg, unweit der Stammburg. Im Jahre 1249 wurden beide Burgen gemeinsam urkundlich erwähnt.

Herzog Ludwig wurde mit seinen Mannen bis hinter Mühldorf am Inn zurückgeschlagen. Von den schrecklichen Gräueltaten, Brandschatzungen und menschenverachtenden Verhältnissen der Fehde erfuhr sogar Papst Coelestin III., welcher darauf in einer Bulle versuchte, die Kriegsparteien zum Einhalt zu bewegen, und einige für ihre schweren Verbrechen verfolgen ließ. Erst durch das Eingreifen des Kaisers wurden auf dessen Befehl die Kämpfe eingestellt und die Anführer beider Seiten folgten seinem Befehl, sich zum Reichstag zu Regensburg am 6. Januar 1193 zu begeben. Dort wurde Albert III. von Bogen vorübergehend nach Apulien verwiesen. Sein Schwager, Ottokar I., wurde seines Herzogtums enthoben, ehe er 1198 das Königsamt von Böhmen übernahm. Das Erbe der Sulzbacher im Donauraum verblieb vorerst den Staufern.

Im Jahre 1195 überfielen Rapoto II. und Heinrich I. gemeinsam die Ländereien des Passauer Bischofs Wolfger von Erla, welcher 1192 Herzog Leopold V. gegen die Ortenberger unterstützt hatte. Wolfger jedoch war zu jener Zeit im Heiligen Land auf Pilgerfahrt. Als er jedoch 1198 unerwartet zurückkam und die Taten der Grafen sah, erhob er sich gegen diese und zog zusammen mit seinen Verbündeten, den Grafen von Bogen und Hilfstruppen des Herzogs von Österreich gegen Ortenberg. Dabei wurde die Burg Graben am Inn eingenommen und geschleift. Trotz des früheren Bündnisses mit Rapoto griff auch Ludwig der Kelheimer auf Seiten des Bischofs ein, da sich die Ortenberger des Landfriedensbruchs schuldig gemacht hatten. So griff Ludwig die Feste Kraiburg und den dazugehörigen Markt an und zerstörte die Burg. Die Fehde scheint aber nicht lange gedauert zu haben, denn am 10. Juli 1199 befand sich Rapoto wieder im Dienste des bayrischen Herzogs. Der genaue Ausgang, abgesehen davon, dass den Ortenbergern verwehrt wurde, die Burg Graben jemals wieder neu zu errichten, ist unbekannt. Des Weiteren ließ Bischof Wolfger die Feste Obernberg zum Schutze vor den Grafen errichten. Die Ortenberger selbst schienen sich schnell davon zu erholen und ließen die Feste Kraiburg und den dazugehörigen Ort neu errichten.

Am 21. Juni 1208 ermordete Pfalzgraf Otto VIII. von Wittelsbach aus Rachsucht König Philipp von Schwaben in Bamberg. Da der spätere Kaiser Otto IV. dies nicht weiter ungestraft lassen konnte, rief er zu einem Reichstag nach Frankfurt. Dort wurde am 10. November 1208 über Otto VIII. die Reichsacht verhängt. Seine Besitzungen fielen an seinen Vetter Herzog Ludwig I. von Bayern. Das Amt und seine Würden wurden dabei dem Wittelsbacher Geschlecht genommen und Rapoto II. von Ortenberg verliehen, wahrscheinlich um im Herzogtum Bayern einen Gegenpol zum Hause Wittelsbach zu schaffen. Da Rapoto jedoch mit Ludwig I. verschwägert war, kam es zu jener Zeit zu keinem Konflikt mit dem Herrscherhaus Bayerns.Rapoto II. war mit Udilhild von Dillingen verheiratet, einer Verwandten des bayerischen Herzogs, vgl. Friedrich Hausmann: Die Grafen zu Ortenburg und ihre Vorfahren im Mannesstamm, die Spanheimer in Kärnten, Sachsen und Bayern, sowie deren Nebenlinien, S. 21f Für die Ortenberger Grafen war dies eine bedeutende Aufwertung des Geschlechtes, da sich ihre Besitztümer mit anderen Geschlechtern messen konnten bzw. größer waren, jedoch standen sie ihnen noch im Rang nach.

1212 kam es zu einer erneuten Fehde Rapotos und Heinrichs mit dem Passauer Bischof Manegold von Berg und den Grafen von Bogen. Der Auslöser dieses Konfliktes und der Verlauf sind völlig unbekannt. Auch die Stellung Ludwigs des Kelheimers in diesem Streit ist unbekannt, lediglich seine Bemühungen den Frieden wiederherzustellen, was ihm im Juli 1213 gelang. 1226 kam es wieder zur Fehde mit den Grafen von Bogen. Zu dieser Auseinandersetzung liegen jedoch keinerlei weitere Quellen vor. Bekannt ist lediglich, dass Rapoto II. den von Albrecht IV. von Bogen gegründeten Ort Liechtenwerde zerstörte. Am 12. März 1231 verstarb Pfalzgraf Rapoto II. und wenige Monate später seine Frau Udilhild.

Bis Mitte des 13. Jahrhunderts bestimmten die Ortenberger Grafen weitgehend das Geschehen in Niederbayern, Teilen Oberbayerns und der Oberpfalz.

1248–1380: Niedergang mini|Pfalzgraf Rapoto III. und seine Gemahlin Adelheid, dargestellt mit dem pfalzgräflichen Wappen

Nach dem Ableben des Pfalzgrafen Rapoto III., einziger Sohn Rapotos II., im Jahre 1248 verloren die Ortenberger den Großteil ihrer Macht sowie die Besitzungen um Kraiburg und Sulzbach, da Rapoto III. nur eine Tochter hatte und sie alleinige Erbin war. Die Besitzungen und das Pfalzgrafenamt fielen 1259 an die Wittelsbacher.