mini|George Mallory, 1915 George Herbert Leigh Mallory (* 18. Juni 1886 in Mobberley, Cheshire, England; † am 8. oder 9. Juni 1924 auf dem Mount Everest) war ein britischer Bergsteiger, der als einer der besten seiner GenerationWade Davis: Into the Silence. S. 5. und als einer der Wegbereiter des Bergsteigens am Mount Everest gilt. Mallory war in den 1920er Jahren an den drei britischen Expeditionen in das Mount Everest-Gebiet beteiligt. Während die erste Expedition zum Ziel hatte, die Region nördlich des Everest zu erkunden, war es explizites Ziel der zweiten und dritten Expedition, die Erstbesteigung des höchsten Berges der Welt für Großbritannien zu ermöglichen. Bei dem letzten Besteigungsversuch der dritten Expedition kehrte Mallory gemeinsam mit Andrew Irvine nicht vom Berg zurück. Sein rätselhaftes Verschwinden beschäftigte die ganze britische Nation; über lange Zeit wurde spekuliert, ob Mallory und Irvine vor ihrem Tod noch den Gipfel erreicht hatten.Wade Davis: Into the Silence. S. 2.

Mallorys Leiche wurde 1999 von einem Suchtrupp um Conrad Anker am Mount Everest gefunden. Sie lag in der Bergflanke unterhalb des Fundortes des Pickels seines Partners Andrew Irvine. Als Erstbesteiger des Mount Everest gelten der Neuseeländer Edmund Hillary und der nepalesisch-indische Bergsteiger Tenzing Norgay, die 29 Jahre später, im Jahr 1953 den Gipfel von Süden her erreichten.

Biografie Jugend mini|Kapelle des Winchester College, das Mallory ab September 1900 besuchte

George Mallory stammte aus vergleichsweise einfachen Verhältnissen. Sein Vater Leigh Mallory war anglikanischer Pfarrer von Mobberley, einer großen und wohlhabenden Gemeinde unweit von Manchester.Wade Davis: Into the Silenc. S. 165. Die Wahrnehmung eines geistlichen Amtes war eine seit Jahrhunderten bestehende Tradition der Familie Mallory. Bereits 1621 war ein Vorfahre von George Mallory als Geistlicher tätig. Mallorys Mutter Anne Beridge Jebb war ebenfalls die Tochter und Enkelin von Pfarrern. George Mallory hatte zwei Schwestern, Avie und Mary, sowie einen jüngeren Bruder, Trafford, der eine Militärkarriere einschlug und während des Zweiten Weltkriegs in der Royal Air Force den Rang eines Air Chief Marshals erreichte. Mallorys Klettertalent zeigte sich sehr früh. Als Siebenjähriger wegen schlechten Betragens auf sein Zimmer geschickt, erschien er wenig später auf dem Dach der Kirche: Mallory war die Regenrinne des Pfarrhauses hinabgestiegen und dann die Fassade des alten Glockenturms hinaufgestiegen. Seine jüngere Schwester Avie beschrieb ihn mit den Worten:

Als 13-Jähriger gewann Mallory ein Mathematik-Stipendium für das Winchester College, ein angesehenes Jungeninternat im Südwesten Englands. Mallory, der dort ab September 1900 zur Schule ging, fühlte sich dort ausgesprochen wohl. Der Mount Everest-Historiker Wade Davis bezeichnet Winchester als eine typische Schule des britischen Weltreichs vor dem Ersten Weltkrieg, in der eine Elite herangezogen wurde, die später auf Außenposten dem britischen Imperium dienen, als Offiziere Truppen leiten und als Politiker das Schicksal ihres Landes bestimmen sollte.Wade Davis: Into the Silence. S. 167.

Einer von Mallorys Tutoren am Winchester College war Graham Irving, ein begeisterter Alpinist und Mitglied des britischen Alpine Club. 1904 begleitete Mallory Irving gemeinsam mit einem weiteren Winchester-Schüler auf einer Klettertour in den französischen Alpen. Irving war ein etwas unorthodoxer Kletterer, und die gefährlichen Klettertouren, die er mit den beiden Schülern im Gebiet des Mont Blanc unternahm, brachten ihm eine formelle Ermahnung durch den Vorstand des Alpine Club ein. Irving, der 1924 für die Vereinszeitschrift Mallorys Nachruf verfasste, hielt später fest, dass sich bereits damals Mallorys ungewöhnliche Körperbeherrschung, Athletik und Klettersicherheit gezeigt habe.Wade Davis: Into the Silence. S. 168. Nach der Rückkehr aus Frankreich gründete Irving gemeinsam mit diesen beiden Schülern den Ice Club des Winchester College, dem sich unter anderem auch Guy Bullock, ein später ebenfalls bekannter Bergsteiger, anschloss. Nach Abschluss der Schule im Sommer 1905 reisten Irving und Mallory diesmal in Begleitung von Bullock erneut in die Alpen und bestiegen am 21. August gemeinsam die Dent Blanche, einen der Viertausender der Schweizer Alpen.

Studium Mallory zeigte nach Abschluss seiner Schulausbildung wenig Interesse an einer militärischen Laufbahn. Ihm gelang es jedoch, ein Stipendium für ein Geschichtsstudium am Magdalene College in Cambridge zu erhalten. Sein Tutor an diesem College, der ihn die nächsten drei Jahre begleiten sollte, wurde der Essayist und Dichter Arthur Christopher Benson.Wade Davis: Into the Silenc. S. 169. Bereits nach dem ersten Jahr seines Studiums war Mallory sich sicher, dass er nicht wie sein Vater Geistlicher werden wollte. Er freundete sich unter anderem mit Rupert Brooke, Geoffrey und Maynard Keynes, Gerald Shove, James und Lytton Strachey sowie E. M. Forster an und zählte Virginia Woolf zu seinem Bekanntenkreis, die alle zur Bloomsbury Group gehörten. E. M. Forster lehnte die Figur des George Emerson in seinem 1908 erschienenen Roman Zimmer mit Aussicht an den gutaussehenden George Mallory an.Wade Davis: Into the Silence. S. 173.

Mallory fand unter seinen Freunden viele, die seine Leidenschaft für die Bergsteigerei teilten. Sein Cambridge Tutor war klettererfahren, er kannte die Töchter des Präsidenten des Alpine Club, und Freunde von ihm machten ihn mit Geoffrey Young, damals der bekannteste britische Bergsteiger, bekannt, den er wenig später auf Klettertouren in Wales und den Alpen begleitete.Wade Davis: Into the Silence. S. 176.

Lehrtätigkeit am Internat „Charterhouse“ mini|George Mallory (unbekanntes Datum)

Nach Abschluss seines Studiums erhielt er eine Stelle an der elitären Privatschule Charterhouse, wo er Geschichte, Mathematik, Französisch und Latein unterrichten sollte. Sein anfängliches Jahresgehalt betrug 270 britische Pfund, was ein vergleichsweise hohes Gehalt war. Ein etablierter Landarzt erzielte zu diesem Zeitpunkt jährlich etwa 400 britische Pfund.Wade Davis: Into the Silence. S. 181.

Mallory sah nicht nur so jung aus, dass besuchende Eltern ihn für einen der Schüler hielten, sondern er hatte auch Probleme, im Klassenzimmer die traditionellen Rollen von Schüler und Lehrer einzuhalten. Der spätere Schriftsteller Robert Graves, der bis zu Mallorys Tod mit ihm freundschaftlich verbunden blieb, nannte ihn einen der besten Lehrer, den er je hatte.

Im Herbst 1911 wurde Frank Fletcher neuer Direktor von Charterhouse. Dieser war auch Bergsteiger und Mitglied des Alpine Club, jedoch stand Mallory in Opposition zu ihm, der viel Wert auf strikte Disziplin legte.Wade Davis: Into the Silence. S. 183. Mallory begann zunehmend mehr Zeit in London zu verbringen, wo er sich im Februar 1912 mit Edward Marsh anfreundete. Im Sommer 1912 reiste Mallory ein sechstes Mal in die Alpen, um erneut gemeinsam mit Geoffrey Young zu klettern. Sie bestiegen gemeinsam die Pointe des Genevois und fanden eine neue Route auf die Dent Blanche. Ihre Reise war jedoch vom Tod ihrer Freunde Humphrey und Muriel Jones überschattet, die bei einer Besteigung des Mont Rouge de Peuterey in den Tod gestürzt waren.

Zu Beginn des Jahres 1914 lernte Mallory die damals 22-jährige Ruth Turner kennen, in die er sich sofort heftig verliebte.Wade Davis: Into the Silence. S. 184. Die Turner-Familie lud Mallory zu Ostern ein, die Feiertage mit ihnen in Venedig zu verbringen. Am 1. Mai 1914 verlobten sich die beiden und die Heirat wurde für den 29. Juli festgesetzt. Ruth Turner war die mittlere von drei Töchtern des verwitweten Architekten Thackeray Turner. Dieser gab seiner Tochter eine großzügige Mitgift mit: Das junge Ehepaar erhielt eine Rente von 750 britischen Pfund ausgesetzt und sollte ein eigenes Haus erhalten. In materieller Hinsicht hatte Mallory damit ausgesorgt. Beide heirateten zwar an diesem Datum; zur geplanten Hochzeitsreise, die in die Alpen führen sollte, kam es jedoch nicht. Am 28. Juni wurde Erzherzog Franz Ferdinand gemeinsam mit seiner Frau von einem Attentäter in Sarajewo ermordet, wenig später brach der Erste Weltkrieg aus.

Erster Weltkrieg mini|Mallorys Freund Rupert Brooke, der 1915 an Blutvergiftung starb

Schullehrer wurden zunächst nicht zum Kriegsdienst einbezogen. Da sein Schuldirektor ihn als unabkömmlich bezeichnete, unterrichtete George Mallory im ersten Kriegsjahr weiter in Charterhouse.Wade Davis: Into the Silence. S. 186. In dieser Rolle als Außenseiter, der nichts zum Sieg Großbritanniens beitrug, fühlte sich Mallory jedoch zunehmend unwohl. Er war sich der Bedingungen an der Front bewusst: Wie an allen englischen Privatschulen wurden die Absolventen der Schule darauf vorbereitet, unmittelbar nach Schulabschluss eine Rolle als Offizier wahrzunehmen. Allein in den ersten drei Monaten des Ersten Weltkrieges fielen 21 Absolventen von Charterhouse. Seine Frau Ruth arbeitete als Freiwillige in einem Krankenhaus, in dem Kriegsverletzte gepflegt wurden, und auch Mallory machte dort abends häufig Krankenbesuche. In einem Versuch, seine Pflichten als Patriot und gegenüber seiner seit Dezember 1914 schwangeren Frau zu vereinen, versuchte Mallory zu Beginn des Jahres 1915 letztlich erfolglos beim Marineministerium auf einen kriegswichtigen Posten versetzt zu werden.Wade Davis: Into the Silence. S. 187. Zunehmend fielen auch Personen, die Mallory sehr nahe standen. Jack Sanders, ein guter Freund, starb bei einem Gasangriff während der Zweiten Flandernschlacht. Am selben Tag erlag Mallorys enger Freund Rupert Brooke einer Sepsis an Bord eines Militärtransporters, der ihn nach Gallipoli bringen sollte. Harry Harret, ein anderer Freund, fiel in der Schlacht von Gallipoli. Mallorys Bruder Trafford wurde zeitgleich schwer verletzt. Am Tag, als Mallorys und Ruths älteste Tochter Clare geboren wurde, erhielten sie die Nachricht, dass Hugh Wilson, ein weiterer Bergsteigerfreund, in der Nähe von Hébuterne gefallen war.Wade Davis: Into the Silence. S. 189.

Im Spätherbst 1915 erklärte sich Mallorys Schuldirektor endlich bereit, ihn von seinem Schuldienst freizustellen. Mallory trat seinen Dienst bei der Royal Garrison Artillery an und wurde nach dreimonatiger Ausbildung an die Front versetzt. Seine Frau Ruth tröstete er mit dem Hinweis, dass er als Mitglied dieser Einheit nicht in vorderster Frontlinie kämpfen würde; trotzdem war es nur Glück, dass er überlebte, als am 14. Mai 1916 während eines Artilleriegefechtes seine Unterkunft zerstört wurde. Bei einem ähnlichen Angriff starben wenige Tage später 41 Offiziere eines Schwesterbataillons, als Artilleriefeuer ihre Kantine traf.Wade Davis: Into the Silence. S. 190. Mallory erwähnte in seinen Briefen an Ruth diesen Vorfall nicht. Er gestand ihr aber, wie sehr es ihn belaste, von so vielen Toten umgeben zu sein und welch Grauen es sei, beim Ausheben von Schützengräben sich sicher sein zu können, auf Leichenteile zu stoßen. Auch seinem Vater schrieb er von den Toten und Sterbenden und von den Berichten, dass ganze Regimenter von Maschinengewehren niedergemäht worden seien.Wade Davis: Into the Silence. S. 191. Am 29. Juli 1916 geriet er mit einer kleinen Gruppe von Soldaten unter seinem Befehl fernab der Schützengräben unter Artilleriefeuer. Dabei kamen zwei seiner Leute ums Leben. Nur wenige Tage zuvor hatte er geschrieben, wie erzürnt er darüber sei, dass so wenige der Toten begraben wurden. Mallory ließ die zwei Männer zur nächsten Verwundetenstation tragen, obwohl sie eindeutig tot waren. Im August 1916 schrieb er an Ruth, dass er den Tod und die Toten akzeptiert habe, aber ihn der Anblick der Verwundeten sehr belaste.Wade Davis: Into the Silence. S. 192.