Das klassische Chinesisch (), auch „Wenyan“ () genannt, bezeichnet im engeren Sinne die geschriebene und wohl auch gesprochene Sprache Chinas während der Zeit der Streitenden Reiche (5.–3. Jahrhundert v. Chr.). Im weiteren Sinne umfasst dieser Begriff auch die bis ins 20. Jahrhundert benutzte chinesische Schriftsprache.

Das klassische Chinesisch gilt als Vorläufer aller modernen sinitischen Sprachen und bildet die letzte Phase des Altchinesischen. Zum klassischen Chinesisch wird im Allgemeinen das Altchinesische ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. gerechnet; frühere Sprachformen werden unter dem Terminus präklassisches Chinesisch zusammengefasst. Seit der Qin-Dynastie wurde das klassische Chinesisch allmählich zu einer toten Sprache, die jedoch als literarische Sprache bis in die Neuzeit Bestand hatte.

Überlieferung Das klassische Chinesisch ist durch zahllose Texte überliefert. Neben Inschriften aus allen Zeiten seit der Spätzeit der Östlichen Zhou-Dynastie (770–221 v. Chr.) sind vor allem eine große Anzahl literarischer Texte zu nennen, deren Bedeutung für die chinesische Kultur nicht überschätzt werden kann. Von besonderer, kanonischer Bedeutung sind die konfuzianischen Vier Bücher. Auch Schriften anderer philosophischer Richtungen wie die des Mozi sowie das Daodejing entstanden in der klassischen Phase. Ebenfalls zu nennen sind historische Texte, darunter das Zuozhuan sowie sonstige literarische Werke, beispielsweise die „Kunst des Krieges“ des Sunzi. Alle diese Werke beeinflussten die chinesische Literatur späterer Zeiten sehr stark, was den Erhalt des klassischen Chinesischs als Literatursprache begründete.

Geschichte und Verwendung mini|Klassisches Chinesisch wurde in der Kommunikation zwischen der Mongolei und Japan verwandt.

Das klassische Chinesisch beruht auf der gesprochenen Sprache der Endphase der Zhou-Dynastie, der Spätphase des Altchinesischen. Nach der Zeit der Qin-Dynastie entfernte sich das gesprochene Chinesisch zunehmend vom klassischen Chinesisch, das – auch aufgrund der in ihm verfassten Literatur mit ihrer immensen Bedeutung für die konfuzianische Staatsdoktrin späterer Zeiten – kanonische Bedeutung erhielt und bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts als Schriftsprache in der Literatur und in amtlichen Dokumenten Verwendung fand. Zwar zeigen jüngere Texte in klassischem Chinesisch Einflüsse der jeweils gesprochenen Sprache, insgesamt zeigen jedoch alle diese Texte gemeinsame Merkmale, die sie deutlich von jüngeren Formen des Chinesischen abgrenzen.

Seit dem 20. Jahrhundert wird als Schriftsprache vor allem modernes Hochchinesisch verwandt, doch man findet auch in modernen Texten häufig Zitate und Passagen in klassischem Chinesisch, vergleichbar den juristischen Texten im Deutschen, die lateinische Phrasen enthalten. Auch verwendet der Volksmund viele Anekdotenformeln (), die meist aus vier Morphemen bestehen und die grammatischen Strukturen des klassischen Chinesischs aufweisen.

Klassisches Chinesisch wird zwar an den Schulen gelehrt, wobei die Kompetenz der Schüler jedoch meist nur das Leseverständnis, nicht das Verfassen von Texten umfasst. Und auch die Lesekompetenz in Bezug auf klassisches Chinesisch nimmt in der Bevölkerung ab.

Regionale Verbreitung Dialekte Bereits in der Antike war das chinesische Sprachgebiet in mehrere Varietäten aufgeteilt, die sich während der klassischen Zeit auch in der geschriebenen Sprache niederschlugen. Edwin G. Pulleyblank (1995) unterscheidet dabei die folgenden Dialekte: einen der präklassischen Sprache nahestehenden Dialekt einen in Lu beheimateten Dialekt, der u. a. in den Analekten des Konfuzius und dem Buch Mencius Verwendung fand den Dialekt von Chu einen späteren Dialekt, der bereits auf eine Standardisierung hinweist Seit der Qin-Dynastie, als das klassische Chinesisch zunehmend zu einer toten Sprache wurde, fand eine starke Vereinheitlichung der klassischen Sprache statt, während sich im gesprochenen Chinesisch die regionalen Unterschiede verstärkten.

Verbreitung außerhalb von China Nicht nur China, sondern auch Korea, Vietnam und Japan verfügen über die Tradition des klassischen Chinesischs, wobei anzumerken ist, dass jeweils eine unterschiedliche Lesung der Silben der Schriftzeichen tradiert ist. Dies ist durch die Unterschiede in den jeweils übernommenen Sprachentwicklungsstufen des Chinesischen vor deren Anpassung an die phonetische Struktur der Zielsprache begründet. Besonders komplex ist diese Situation in Japan, wo zu verschiedenen Zeiten aus dem Chinesischen Aussprachen entlehnt wurden und so im modernen Japanisch verschiedene Stadien des Chinesischen konserviert sind. Koreanisch und Vietnamesisch haben eigene, komplette Aussprachesysteme. Auf Koreanisch werden beispielsweise die Schriftzeichen für wényán als muneon (koreanisch , Hanja ) gelesen. Bekannt ist wényán auch als Koreanisch hanmun (, Hanja ), auf Japanisch als kanbun () und auf Vietnamesisch als văn ngôn (Chữ nho ).

Schrift

Das System der chinesischen Schrift der klassischen Periode unterscheidet sich nicht wesentlich von der Schrift anderer Perioden. Auch im klassischen Chinesisch steht ein einzelnes Zeichen (in der Regel) für ein einzelnes Morphem. Seit der größten Veränderung der Schrift im 20. Jahrhundert, der offiziellen Standardisierung und Einführung von Kurzzeichen in der Volksrepublik China, in Singapur und in Malaysia, wird das klassische Chinesisch dort zumeist in diesen Kurzzeichen anstatt der traditionellen Langzeichen geschrieben.

Phonologie Da die chinesische Schrift weitgehend lautunabhängig oder phonetisch unsystematisch ist, lässt sich die Phonologie des antiken Chinesischs (Altchinesischs) nur indirekt rekonstruieren. Zusätzlich ist zu beachten, dass sich die Aussprache des klassischen Chinesischs zusammen mit der Aussprache der gesprochenen Sprache wandelte. Für das Verständnis der Grammatik des klassischen Chinesischs ist jedoch hauptsächlich die Lautung der späten Zhou-Zeit von Bedeutung. Hierfür gibt es im Wesentlichen fünf Quellen: die Reime des Shi Jing (10. Jahrhundert bis 7. Jahrhundert v. Chr.) aus der frühen Zhou-Dynastie Rückschlüsse aus der Anwendung phonetischer Elemente zur Bildung von Zeichen das Qieyun (601 n. Chr.), das die Zeichen nach Anlaut und Reim ordnet Schreibungen chinesischer Namen in fremden Schriften, chinesische Transkriptionen fremder Namen und Wörter, chinesische Lehnwörter in fremden Sprachen Vergleich der modernen chinesischen Dialekte Von diesen Quellen ausgehend lassen sich zwei Zustände rekonstruieren: das Altchinesische, das einen einige Jahrhunderte vor die klassische Zeit zurückreichenden Zustand reflektiert, sowie das im Qieyun wiedergegebene Mittelchinesisch. Diese Rekonstruktionen sind in besonderem Maße mit dem Namen Bernhard Karlgrens verbunden, der aufbauend auf den besonders während der Qing-Dynastie von chinesischen Gelehrten gewonnenen Erkenntnissen als erster versuchte, die Methodologie der europäischen historischen Linguistik auf die Rekonstruktion der Phonologie des antiken Chinesischs (Altchinesischs) anzuwenden. Inzwischen existieren eine ganze Reihe weiterer Rekonstruktionsversuche. Während die Rekonstruktion des Mittelchinesischen im Wesentlichen unproblematisch ist, gibt es für das Altchinesische keine allgemein akzeptierte Rekonstruktion und einige Sinologen halten eine exakte Rekonstruktion gar nicht für möglich.

Das Lautinventar des Altchinesischen ist daher stark umstritten. Hinsichtlich der Silbenstruktur sind jedoch einige Aussagen möglich. So wird davon ausgegangen, dass sowohl im An- als auch im Auslaut Konsonantencluster möglich waren, während im Mittelchinesischen im Anlaut nur einfache Konsonanten und im Auslaut sogar nur eine sehr begrenzte Auswahl von Konsonanten vorkamen. Ob das Altchinesische eine Tonsprache war, ist umstritten. Die Mehrheit der Wissenschaftler führt die mittelchinesischen Töne jedoch auf die Einwirkung bestimmter Endungskonsonanten zurück. Im Mittelchinesischen existierten bereits vier Töne, aus denen sich die meist wesentlich komplexeren modernen Tonsysteme ableiteten.

Zur Transkription Es wurde zwar verschiedentlich versucht, das Klassische Chinesisch mithilfe rekonstruierter Lautformen zu transkribieren. Aufgrund der großen Unsicherheiten hinsichtlich der Rekonstruktion ist ein solches Vorgehen jedoch fraglich. Daher wird im Folgenden die Lautumschrift Pinyin benutzt, die die Aussprache der modernen chinesischen Hochsprache Putonghua wiedergibt. Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Lautungen des Hochchinesischen in Bezug auf das klassische Chinesisch nicht selten irreführend sind und etymologische Zusammenhänge undeutlich lassen.

Grammatik Die folgende Darstellung der wesentlichen grammatischen Strukturen des klassischen Chinesischs orientiert sich an der Sprache der Zeit der Streitenden Reiche. Auf Besonderheiten späterer Texte wird nicht eingegangen. Die zitierten Sätze stammen zumeist aus klassischen Texten dieser Zeit.

Morphologie Das moderne Chinesisch ist eine weitgehend isolierende Sprache, die abgesehen von einigen Affixen wie dem Pluralsuffix keine Morphologie kennt. Auch das klassische Chinesisch war im Wesentlichen isolierend, allerdings waren wohl in der klassischen Periode einige Wortbildungsprozesse, die sich heute nur noch lexikalisiert finden, teilweise noch produktiv. Die folgende Tabelle bietet Beispiele einiger besonders häufiger morphologischer Prozesse:

GrundwortAbgeleitetes WortZeichenHochchinesischAltchinesisch nach Baxter 1992(IPA)BedeutungZeichenHochchinesischAltchinesisch nach Baxter 1992(IPA)BedeutungÄnderung der Artikulationsart des AnlautsDieser Effekt wird auch auf ein nasales oder glottales Präfix zurückgeführt, s. z. B. Sagart 1999, S. 74–78. Zur Ableitung von intransitiven Verben aus transitiven Verben jiàn * sehen / xiàn * erscheinen/ zhǔ * zuweisen shǔ * zugehörig seinSuffix *-sZur Bildung von Substantiven duò * messen dù * Maß zhī * wissen / zhì * Weisheit nán * schwierig nàn * Schwierigkeit xíng * gehen xíng * VerhaltenZur Bildung von Verben wáng * König wàng * herrschen hǎo * gut hào * lieben è * böse wù * hassen yǔ * Regen yù * regnen nǚ * Frau nǜ * zur Frau gebenZur Bildung von außengerichteten Verben aus innengerichteten Verben wén * hören wèn * fragen mǎi * kaufen mài * verkaufenInfix *-r- háng * Reihe xíng * gehen

Das Wort ist im klassischen Chinesisch einsilbig, jedoch konnten durch Total- und Partialreduplikationen neue, zweisilbige Wörter entstehen, die entsprechend auch mit zwei Schriftzeichen geschrieben werden: zhuózhuó „glänzend“, tángláng „Gottesanbeterin“ zu táng „Fangschrecke“.

Auch Wortkombinationen, deren Gesamtbedeutung sich aus den Bedeutungen der Komponenten nicht direkt ableiten lässt, bilden mehrsilbige Lexeme: jūnzǐ „edler Mensch“ aus jūn „Fürst“ und zǐ „Kind“.

Eine besondere Gruppe bilden einsilbige Wörter, die aus einer phonologisch bedingten Fusion zweier, in der Regel „grammatischer“ Wörter entstanden sind: zhī-yú und zhī-hū> zhū; yě-hū > yú / , yé.

Syntax Wortarten Im Chinesischen werden traditionell zwei große Wortklassen unterschieden: shízì „volle Wörter“ und xūzì „leere Wörter“. Shizi sind Träger semantischer Information, wie Substantive und Verben; Xuzi dagegen haben vorwiegend grammatische Funktion.

Die Abgrenzung von Wortarten fällt im klassischen Chinesisch jedoch nicht leicht, da etymologisch verwandte Wörter, die aus syntaktischer Sicht unterschiedlichen Wortklassen angehören, oft weder graphisch noch phonetisch unterschieden werden. So steht sǐ für die Verben „sterben“, „tot sein“ und die Substantive „Tod“ und „Toter“. Dies führte so weit, dass einige Sinologen gar die Ansicht vertraten, das klassische Chinesisch besäße überhaupt keine Wortarten. Dies wird gewöhnlich abgelehnt, dennoch sind die Unsicherheiten in der Abgliederung von Wortarten in der klassischen chinesischen Grammatik allgegenwärtig.

Shizi Substantive