mini|Frühe Karte Surinams mini|Flagge der Republik Suriname
Die Geschichte Surinames umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der heutigen Republik Suriname von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.
Präkolumbische Zeit Die erste Besiedlung erfolgte ca. 3000 vor Christus. Die größten Stämme waren die Arawak, ein nomadisches Küstenvolk, das von der Jagd und vom Fischfang lebte, und die Kariben. Die Arawak (Kali'na) waren die ersten Bewohner Surinames, die Kariben erschienen später und unterwarfen die Arawak, indem sie den Vorteil ihrer Segelschiffe nutzten. Sie siedelten in Galibi (Kupali Yumï, deutsch „Baum der Vorfahren“) an der Mündung des Marowijneflusses. Während die größeren Stämme der Arawak und Kariben an der Küste und in den Savannen lebten, gab es auch kleinere Gruppen im dichten tropischen Regenwald des Hinterlands, etwa die Akurio, Trió, Wayarekule, Warrau und Wayana.
Frühe europäische Einflüsse Als erster Europäer entdeckte Christoph Columbus 1498 die Küste, 1499 erkundete eine Expedition unter dem Kommando von Amerigo Vespucci und Alonso de Ojeda die Küste genauer. Vicente Yáñez Pinzón erforschte 1500 das Landesinnere. Später kamen niederländische Händler, die das Gebiet im Zuge einer Reise entlang Südamerikas wilden Küsten besuchten, sie versuchten als Erste, eine Niederlassung zu gründen, darunter Abraham van Peere 1627 und Jacob Conijn 1632.Ana Crespo Solana: América desde otra frontera. La Guayana holandesa (Surinam), 1680–1795. Consejo Superior de Investigaciones Científicas (CSIC), Madrid 2006, ISBN 84-00-08448-9, S. 83. Weitere Besiedlungsversuche Surinames durch Europäer finden sich im Jahr 1630, als englische Siedler unter Captain Marshall versuchten, eine Kolonie zu gründen. Sie kultivierten Tabakpflanzen, doch das Projekt schlug fehl.
Im Jahre 1651 wurde von Lord Francis Willoughby, dem Gouverneur von Barbados, der zweite Versuch unternommen, eine englische Siedlung einzurichten. Die Expedition wurde von Anthony Rowse angeführt, der eine Kolonie gründete und sie 'Willoughbyland' nannte. Sie bestand aus etwa 500 Zuckerrohrplantagen und einem Fort (Fort Willoughby). Die Kolonisten ruinierten die vorfindliche Natur und ließen die Wälder abholzen.Peter Boomgaard: The tropical rain forests of Suriname: Exploitation and management 1600–1975. In: New West Indian Guide / Nieuwe West-Indische Gids, Jg. 66 (1992), S. 207–235. Die meiste Arbeit wurde von den 2.000 afrikanischen Sklaven verrichtet, mit denen auch neue Mückenplagen aus Afrika importiert wurden.Robin Lane Fox: Vision of hell, Rezension Matthew Parker (2015), in: Financial Times, 28. November 2015, S. 18 Weiße lebten ungefähr 1000 dort.
1661 erlaubte Karl II. drei Juden die Ansiedlung, 1664, nach der Eroberung Cayennes durch die Franzosen, siedelten sich ein hundert Juden samt ihre Sklaven hier anAlison Games, Cohabitation, Suriname-Style: English Inhabitants in Dutch Suriname after 1667. William and Mary Quarterly 72/2, 2015, 204.
Niederländische Kolonialherrschaft (1667–1954) Am 27. Februar 1667 wurde die Siedlung im Zuge des Zweiten Englisch-Niederländischen Seekriegs von Niederländern aus Zeeland besetzt, die von Abraham Crijnssen geführt wurden. Nach kurzem Beschuss wurde Fort Willoughby unter Gouverneur William Byam erobert und in Fort Zeelandia umbenannt. Crijnssen sicherte den Siedlern der Kolonie die gleichen Rechte wie unter englischer Herrschaft zu, beispielsweise das Recht auf freie Glaubensausübung für die jüdischen Siedler. Er ernannte Maurits de Rama, einen seiner Kapitäne, zum Gouverneur und ließ 150 Soldaten zum Schutz der Kolonie zurück.
Am 31. Juli 1667 sprach der Frieden von Breda den Niederländern Guyana zu, dafür den Engländern Neu-Amsterdam (heute New York City).Horst Lademacher: Geschichte der Niederlande. Politik – Verfassung – Wirtschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, ISBN 3-534-07082-8, S. 148. Willoughbyland wurde in der Folge in Niederländisch-Guayana umbenannt; dieses Arrangement wurde 1674 mit dem Vertrag von Westminster offiziell, nachdem die Briten Suriname 1667 wieder erobert und erneut verloren und die Niederländer 1673 Neu-Amsterdam noch einmal besetzt hatten. Das Monopol im Handel zwischen der niederländischen Kolonie Guyana und dem Mutterland hatte die 1621 gegründete Niederländische Westindien-Kompanie (, oft WIC abgekürzt).
Nachdem in den Niederlanden mit französischer Rückendeckung 1795 die Batavische Republik errichtet worden war, kam Wilhelm V. von Oranien, der Erbstatthalter der Niederlande, der nach England geflohen war, in Namen des Hauses Oranien-Nassau 1796 mit dem Vereinigten Königreich überein, die niederländischen Kolonien bis auf Weiteres einer britischen „Sicherungsverwahrung“ zu überlassen. Er wies die Gouverneure der Kolonien an, sich der britischen Verwaltung zu unterstellen. Als im August 1799 eine britische Flotte unter dem Befehl von Hugh Seymour vor Paramaribo erschien und britische Truppen an Land gingen, leistete Gouverneur Jurriaan François de Friderici demgemäß keinen Widerstand. Lord Seymour beließ seinerseits Friderici als Gouverneur im Amt. Im Frieden von Amiens, der 1802 den Zweiten Koalitionskrieg beendete, gab das Vereinigte Königreich Suriname an die Batavische Republik zurück. Doch nur zwei Jahre darauf kam es zum Krieg zwischen dem Vereinigten Königreich und der Batavischen Republik, zum „Kampf um Suriname“ (niederländisch: Slag om Suriname). Am 24. April 1804 eroberten britische Truppen unter dem Befehl von Samuel Hood und Charles Green das Fort Nieuw-Amsterdam am rechten Ufer des Suriname und im Laufe des Mai ganz Suriname.
Der Britisch-Niederländische Vertrag von 1814 bestimmte die Rückgabe Surinames an das Souveräne Fürstentum der Vereinigten Niederlande. Die Verwirklichung dieser Vertragsbestimmung verzögerte sich, als Napoleon Bonaparte am 1. März 1815 seine Verbannungsinsel Elba verließ, um in Frankreich wieder die Macht zu ergreifen (Herrschaft der Hundert Tage). Infolgedessen erfolgte die Rückgabe Surinames an das Königreich der Vereinigten Niederlande erst am 19. August 1816.
Sklaverei und Sklavenhandel Die Niederländer vervielfachten die Anzahl der Sklaven und behandelten sie noch schlechter als die Engländer vor ihnen.
Schon vor dem Ende des Handelsmonopols der WIC 1791 brachten auch britische und US-amerikanische Schiffe Sklaven nach Surinam. Allein zwischen 1780 und 1790 brachten US-amerikanische Händler 7011 Sklaven ins Land.Rik van Welie: Slave Trading and Slavery in the Dutch Colonial Empire: A Global Comparison. In: New West Indian Guide / Nieuwe West-Indische Gids, Jg. 82 (2008), S. 47–96, hier S. 65. 1802 und 1803 brachten niederländische Schiffe 1287 Sklaven.Rik van Welie, Slave Trading and Slavery in the Dutch Colonial Empire: A Global Comparison. New West Indian Guide / Nieuwe West-Indische Gids 82, 2008, 65 Von 1808 bis 1830 wurden geschätzte 33.000 Sklaven nach Surinam verschleppt.Rik van Welie: Slave Trading and Slavery in the Dutch Colonial Empire: A Global Comparison. In: New West Indian Guide / Nieuwe West-Indische Gids, Jg. 82 (2008), S. 47–96, hier S. 66.
Maroons mini|Dirk Valkenburg, Plantage in Surinam (1707) In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts blühte die Landwirtschaft in Suriname, angebaut wurden vor allem Kaffee, Kakao, Tabak, Zucker und Indigo.Gert Oostindie: The economics of Surinam slavery. In: Economic and Social History in the Netherlands, Jg. 5 (1993), S. 1–24. Der Großteil der Arbeit auf den Pflanzungen wurde von etwa 60.000 afrikanischen Sklaven, hauptsächlich aus den heutigen Staaten Ghana, Benin, Angola und Togo, verrichtet, die meist schlecht behandelt wurden. Viele Sklaven flohen in die Urwälder, wo sie Gemeinschaften bildeten, die wie Stämme organisiert waren bzw. sind. Diese Maroons (in Suriname auch als Bosnegers bekannt) kehrten oft in die kolonisierten Gebiete zurück, um Plantagen zu überfallen.
Berühmte Anführer der Maroons aus Suriname waren Boni (ca. 1730–1793), Alabi (ca. 1743–1820) und Kapitein Broos (1821–1880). Sie bildeten eine Art Puffer zwischen den Europäern, die an der Küste und den Hauptflüssen siedelten, und den nicht unterworfenen indigenen Völkern des Hinterlandes. Eine zeitgenössische Beschreibung dieser Situation in Suriname kann in der Erzählung John Gabriel Stedmans von einer fünfjährigen Strafexpedition gegen aufständische Schwarze (1773–1777) gefunden werden. Am 10. Oktober 1760 unterzeichnete die Kolonialverwaltung einen ersten Friedensvertrag mit entflohenen Sklaven vom Stamm der Ndyuka. Seit 2011 ist der 10. Oktober als Dag der Marrons (Tag der Maroons) ein staatlicher Feiertag.Omhoog (Paramaribo), Jg. 62, Nr. 39, 22. Oktober 2017. 1762 folgte der Friedensschluss mit der anderen großen Gruppe der „weglopers“ (der Weggelaufenen), den Saramaccanern.Stephan Palmié: African states in the New World? Remarks on the tradition of transatlantic resistance. In: Thomas Bremer, Ulrich Fleischmann (Hrsg.): Alternative Cultures in the Caribbean (= Bibliotheca Ibero-Americana, Bd. 46). Vervuert, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-89354-546-8, S. 55–67, hier S. 63. Die Maroons haben sehr zur Abschaffung der Sklaverei beigetragen.
mini|Sklavenbeerdigung auf einer Plantage (1840er-Jahre) Nachdem sich Frankreich 1799 die Niederlande einverleibt hatte, wurde Guyana erneut von den Briten besetzt. Beim Wiener Kongress wurde 1815 festgelegt, dass die Engländer das heutige Guyana behielten und den Niederländern Suriname zurückgaben.
Abschaffung der Sklaverei und weitere Entwicklung
Die Niederländer schafften die Sklaverei als letzte europäische Nation erst 1863 ab. Die Sklaven wurden erst 1873 freigelassen; bis dahin verrichteten sie bezahlte, aber obligatorische Arbeit auf den Plantagen (die Zeit der sogenannten zehnjährigen Staatstoezicht). Währenddessen waren viele Kontraktarbeiter aus Asien gekommen, vor allem Chinesen. Nach 1873 wurden viele Hindus als Arbeiter aus Indien nach Suriname gebracht; diese Emigration wurde jedoch 1916 von Mohandas Gandhi beendet. Ab diesem Jahr kamen wieder viele Menschen aus Niederländisch-Ostindien, vor allem von Java.Pieter Emmer: Migración de trabajadores indios y javaneses contratados hacia Surinam (1853–1939). In: Birgitta Leander (Hrsg.): Europa, Asia y Africa en América Latina y El Caribe. Migraciones „libres“ en los siglos XIX y XX y sus efectos culturales. Editorial Siglo XXI, México D.F. 1989, S. 323–369. Auch aus China kamen mehr oder weniger regelmäßig Einwanderer nach Niederländisch-Guayana. So entwickelte Suriname sich zu einem Vielvölkerstaat, in dem Kreolen (37 %) sowie Menschen indischer (etwa 35 %), indonesischer (14 %) und chinesischer Herkunft zusammenlebten.
Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden die natürlichen Ressourcen Surinames wie Kautschuk, Gold und Bauxit entdeckt. Die US-amerikanische Firma Alcoa erwarb 1916 die Rechte auf ein großes Gebiet südlich der Hauptstadt, wo Bauxit gefunden wurde. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die niederländische Kolonie am 25. November 1941, abgestimmt mit der niederländischen Exilregierung, von den Vereinigten Staaten besetzt, u. a. um die Bauxitminen zu schützen.Kerstin Hartmann: Surinam während des Zweiten Weltkrieges. In: Freddy Dutz, Martin Keiper (Hrsg.): Surinam. Land der vielen Völker und Religionen. Evangelisches Missionswerk in Deutschland (EMW). Hamburg 2017, ISBN 978-3-946352-07-5, S. 31–43, hier S. 34.
Am 9. Dezember 1948 führte man das allgemeine Wahlrecht ein; auch Frauen waren wahlberechtigt.Felix Gallé: Surinam. In: Dieter Nohlen (Hrsg.): Handbuch der Wahldaten Lateinamerikas und der Karibik (= Politische Organisation und Repräsentation in Amerika. Band 1). Leske + Budrich, Opladen 1993, ISBN 3-8100-1028-6, S. 703–717, S. 706.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 362. Die Abgeordnetenzahl erhöhte sich auf 21.
(Weg zur) Unabhängigkeit