mini|Psychotherapeutische Gruppensitzung Gruppenpsychotherapie nutzt die in einer Gruppe auftretenden speziellen Gruppenphänomene (Gruppendynamik, Übertragung, Gegenübertragung) für die Psychotherapie, indem mehrere Patienten in der Gruppe behandelt werden.

Geschichte Der Begriff „Gruppenpsychotherapie“ wurde zum ersten Mal in den frühen 1940er Jahren von Jacob Levy Moreno, dem Begründer des Psychodramas, verwendet. Der Begriff „Group Analysis“ (‚Gruppenanalyse‘) stammt von Trigant Burrow.Trigant Burrow: The Basis of Group-Analysis, 1928

1905 arbeitete Josef H. Pratt auf einer Tuberkulosestation mit Gruppen, in den 1920er-Jahren die Analytiker Paul Schilder, Alfred Adler, August Aichhorn, Siegfried Bernfeld, auch Lazell. Marsh und Wender unternahmen ebenfalls Versuche mit Gruppen. 1921 entwickelte Moreno in Wien das Stegreifspiel, und Freud schrieb Massenpsychologie und Ich-Analyse. Aus Kostengründen arbeitete man damals mit Gruppen von 30 bis 200 Teilnehmern. 1923 bis 1926 publizierte Burrow über kollektive Phänomene in Gruppen. Die Motive dieser Entwicklung waren der Wunsch, den Einfluss der Gruppe und der Gesellschaft auf den Patienten zu verstehen sowie die Notwendigkeit, viele Patienten gleichzeitig zu behandeln.

Jacob Levy Moreno und Samuel Slavson in New York, Wilfred Bion und S. H. Foulkes am Northfield Military Hospital in England haben in den Jahren des Zweiten Weltkrieges die Gruppenpsychotherapie formal und institutionell etabliert.

In den 1960er- bis 1980er-Jahren wurde sie durch Michael Balint in London, Raymond Battegay in Basel, Raoul Schindler in Wien, Fritz Perls und Carl Rogers in New York, Josef Rattner in Berlin, Alice Ricciardi in Rom, Horst Eberhard Richter in Gießen und Annelise Heigl-Evers in Göttingen weiterentwickelt.

Vertreter der Gruppenanalyse im deutschen Sprachraum heute sind – in Österreich – Friedl Kubelka, Felix de Mendelssohn, Alfred Pritz, Josef Shaked und Elisabeth Vykoukal sowie – in Deutschland – Mohammad Ebrahim Ardjomandi, Angelika Berghaus, Rolf Haubl, Michael Hayne, Margarethe Seidl, Volker Tschuschke und Ursula Volz.

Kategorien Grob lassen sich folgende Gruppentherapien unterscheiden: Gruppentherapien, deren Ziel es ist, die „Persönlichkeitsstruktur“ der Teilnehmer durch freies Assoziieren zu erkennen und mit Hilfe der Deutungen des Psychotherapeuten bewusst zu verändern (gruppenanalytischer Ansatz). Hier sind die individuellen Probleme der Gruppenmitglieder Gegenstand einer gemeinsamen Suche nach den Ursachen. Gruppentherapien mit dem Ziel, das Verhalten der Teilnehmer zu verändern (verhaltenstherapeutischer Ansatz). Hier ist die Gruppe ein soziales Erfahrungsfeld (wie im Alltag), in dem der Patient sein Verhalten – unter geschützten Bedingungen und Anleitung – verändern und einüben kann. Gruppentherapien, bei denen die Interaktion zwischen den Gruppenmitgliedern im Mittelpunkt steht (Familien- und Paartherapie). Personenzentrierte Gruppentherapie, bei der die Gruppenmitglieder die „Bedingungen ihrer Existenz“ reflektieren (klientenzentrierte Therapie).

Methodik und Wirkung Je nach Schule haben drei Sichtweisen einen besonderen Schwerpunkt und ergänzen einander: Die Therapie des Einzelnen in der Gruppe, die Teilnehmer sind Beobachter Die Therapie des Einzelnen durch die Gruppe, die Teilnehmer sind Co-Therapeuten, die Gruppe ist ein therapeutisches Element Die Therapie der Gruppe, die Gruppe ist selbst Ziel der Beobachtung und der Veränderung

Die Gruppe soll als Abbild der Gesellschaft jedes Teilnehmers wirken. Die Grundlage ist oft ein tiefenpsychologisches Konzept, ergänzt mit Erkenntnissen aus der Sozialpsychologie und der Gruppendynamik. Der Gruppe wird kein Thema vorgegeben. Die Teilnehmer sprechen über das, was sie gerade beschäftigt, und teilen Einfälle und Phantasien möglichst frei mit. Der Therapeut verhält sich wohlwollend, neutral und abstinent. Dadurch entsteht zunächst eine unstrukturierte Situation, in der Teilnehmer zum Beispiel Beziehungserfahrungen aus ihrer Kindheit und die damit verbundenen Gefühle wiedererleben können (Übertragung). Die freigesetzten abgewehrten Stimmungen und Energien sollen neu und hilfreich eingesetzt werden.

Die wichtigsten Wirkfaktoren sind (in dieser Reihenfolge): die Katharsis (als Ausdruck von Gefühlen), der emotionale Zusammenhalt in der Gruppe und das gemeinsame zwischenmenschliche Lernen. Als erfolgreich werden die Teilnehmer gesehen, die in der Gruppe zu anderen Beziehungen aufnehmen, sich selbst den anderen gegenüber öffnen, anderen Feedback geben und selbst Feedback erhalten und auch annehmen.Tschuschke: Wirkfaktoren der Gruppenpsychotherapie, in: Praxis der Gruppenpsychotherapie, 2001.

Für den Therapeuten ist die Komplexität der Übertragung und Gegenübertragungen der Teilnehmer untereinander, auf den Leiter und umgekehrt eine große fachliche und persönliche Herausforderung. Er arbeitet mit dem Aufdecken von Verdrängtem und psychologischem Widerstand, mit dem Mittel der Analyse von Übertragung und Gegenübertragung. Intragruppenkonflikte können dabei als Spiegelung innerpsychischer Konflikte des Einzelnen verstanden werden sowie als Widerspiegelung der alltäglichen Konflikte der einzelnen Gruppenmitglieder mit ihrem familiären und sozialen Umfeld. Einsicht und Ich-Stärkung in der Begegnung mit anderen sollen neue emotionale Erfahrungen, unmittelbare Beziehungen und eine neue Sicht der Welt ermöglichen.

Gruppengröße und Setting In der Regel wird eine Gruppengröße von sieben bis zwölf Personen als ideal angesehen. Vier Teilnehmer gelten als Minimum. Die Gruppenmitglieder sitzen – ohne Tisch – im Kreis, so dass sich alle in die Augen sehen können. Hinzu kommen ein oder manchmal auch zwei Therapeuten. In Ausbildungsgruppen ist fallweise auch ein Beobachter anwesend, der nicht am Gruppengeschehen teilnimmt.

Jedes Treffen dauert anderthalb bis zwei Stunden. In der Regel gibt es kein Programm oder vorformuliertes Ziel. Die Gruppenmitglieder initiieren und bestimmen durch ihre Beiträge den Verlauf des Gesprächs. Je nach Gruppenleiter steht entweder ein Teilnehmer im Zentrum der Aufmerksamkeit, alle anderen lernen durch Beobachtungslernen und durch teilnehmende Beobachtung, oder ein Thema wird multifokal diskutiert. In der analytischen Gruppenpsychotherapie ist einerseits die freie Assoziation der Teilnehmer wichtig, andererseits die Deutungskraft des Therapeuten. Der Therapeut kann eine weitgehend passive Haltung einnehmen, aber auch aktiv in das Geschehen eingreifen. Seine wichtigste Aufgabe ist es, die unbewusste Kommunikation der Mitglieder untereinander und die Widerstände der Einzelnen gegen Veränderungen zu beobachten und zu deuten. Seine Rolle und seine Reaktionen sind zudem abhängig von der zugrunde liegenden Therapieform (siehe unten: die verschiedenen Schulen).

Großgruppentherapie In der Großgruppe werden Patienten in Gruppen mit bis 200 Teilnehmern behandelt, meistens jedoch 30 bis 80. Die Sitzungen sollen von einem erfahrenen Therapeuten geleitet werden. Entwickelt wurde die Großgruppentherapie ursprünglich, weil für zu viele Patienten zu wenig Therapeuten zur Verfügung standen. Sie hat sich jedoch fallweise im klinischen Setting etablieren können, auch für die Behandlung schwerer Störungen, wie Psychosen und Persönlichkeitsstörungen, andererseits konnte sie – als (seriöse) Alternative – im Rahmen der Selbsterfahrungswelle nach 1968 Ansehen gewinnen. Gearbeitet wird entweder klassisch nach Bion und Foulkes oder nach Alfred Adler, für den die Bildung eines Gemeinschaftsgefühls als Basis zur Lösung der Lebensaufgaben Arbeit – Liebe – Gemeinschaft wesentlich war.

Ein bedeutender Großgruppenleiter im deutschen Sprachraum war Josef Shaked. Er lebte in Wien und arbeitete auch in der internationalen Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse. Bekannt waren die verstorbenen Friedrich Liebling (Zürich), Felix de Mendelssohn und Josef Rattner (Berlin).

Aspekte der Großgruppentherapie werden auch genutzt in Plenums-Veranstaltungen in der Therapeutischen Gemeinschaft, beispielsweise in psychosomatischen Kliniken.

Offene und geschlossene Gruppen In einer geschlossenen Gruppe bleibt die Zusammensetzung der Teilnehmer von der ersten bis zur letzten Sitzung gleich, während bei offenen Gruppen die Teilnehmer im Verlauf der Gruppe wechseln. Wechseln die Teilnehmer in größeren oder zuvor festgelegten Abständen, so wird auch von halboffenen Gruppen gesprochen. Die Wahl der Gruppenform ist häufig von organisatorischen Rahmenbedingungen des stationären oder ambulanten Settings abhängig.Hans Eichhorn, Gisela Holznagel, Christel Nischan, Angela Schrader und Gisela Stern: Über die Effektivität offener und geschlossener Gruppen. In: Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie. Band 30/11 (November 1978), S. 665–672. Franz Steiner Verlag 1078.Dankwart Joachim Mattke, Karin Schreiber-Willnow: Behandlung in geschlossenen versus halboffenen Gruppen in der stationären Psychotherapie. In: Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. Band 38, 2002, S. 153–172 2002. Online.

Die verschiedenen Schulen Eine Reihe von psychotherapeutischen Schulen befasst sich mit der Arbeit in Gruppen. Neben den hier ausführlich beschriebenen Richtungen sind dies auch: Gruppendynamik Klientenzentrierte Psychotherapie Systemische Therapie Transaktionsanalyse Verhaltenstherapie Schematherapie Dynamische Psychiatrie Psychotherapie mit Psychedelika

Dynamische Gruppenpsychotherapie

Die Entwicklung der Methode Dynamische Gruppenpsychotherapie (DG) ist eng verbunden mit Raoul Schindler. Sein Interesse galt dem Studium der Gruppendynamik von Familienstrukturen und Gesellschaftsformen im Hinblick auf krankmachende oder die Gesundheit fördernde Wirkung. In der klinischen Arbeit mit psychotischen Patienten entwickelte Schindler die Bifokale Gruppen- und Familientherapie (1952), sowie das Modell der Rangdynamik (1956). Aus dieser Verbindung sozial- und tiefenpsychologischer Theorien entstand ein eigenständiges, interpersonelles psychotherapeutisches Verfahren, die Dynamische Gruppenpsychotherapie. Inhaltliche Bezüge finden sich zu anderen psychodynamisch, interaktionell ausgerichteten Gruppenmethoden.

Psychodrama

Jacob Levy Moreno entwickelte das Psychodrama als „Therapie in der Gruppe mit der Gruppe für die Gruppe“ und verband die Gruppenpsychotherapie mit der Soziometrie und dem Stegreifspiel. Der Klient (Protagonist) gestaltet als Hauptdarsteller des psychodramatischen Spiels im „Hier und Jetzt“ einer Psychodrama-Bühne sein therapeutisches Thema. Bekannte Elemente sind das Doppeln, das Sharing und das Feedback. Ziel des Psychodramas ist die Aktivierung von Spontaneität, Kreativität und Integration. Durch konstruktives und spontanes Handeln soll der Protagonist für eine neue oder bereits bekannte Situation eine neue, angemessene Reaktion finden.

Gruppenanalyse

Psychoanalyse in der Gruppe Samuel Slavson analysierte den Einzelnen in der Gruppe. Ein „sozialer Hunger“ kann demnach nur in der Gruppe gestillt werden. Sein Ziel war die Stärkung des „Ich“ gegenüber dem „Es“ und dem „Über-Ich“. Dabei nutzte er die unstrukturierte Gruppensituation, um mittels Deutung traumatische Erinnerungen zu wecken und über deren Ausdruck (Katharsis) in Gegenwart Dritter Mitgefühl zu erfahren. Der Analytiker ist der entscheidende Wirkfaktor.

Klassische Gruppenanalyse