mini|Görlitzer Stadtwappen
Die dokumentierte Geschichte von Görlitz beginnt 1071 mit der Ersterwähnung als „villa gorelic“ in einer Urkunde Heinrichs IV. Im Einzugsbereich der Lausitzer Neiße um Görlitz finden sich aber Siedlungsspuren, die bis in die Bronzezeit zurückreichen. Im Laufe ihrer Geschichte gehörte die Stadt Görlitz zu den Herrschaftsgebieten Böhmens, Brandenburgs, Sachsens und Preußens.
Durch die Lage an zwei bedeutenden Handelswegen entwickelte sich der Ort von einer im 12. Jahrhundert am Fuß einer böhmischen Burg entstandenen Fernhandelssiedlung zu einer wohlhabenden und überregional bedeutenden Handelsstadt. Eine erste Blüte erlebte sie, wie die von spätgotischen, renaissancezeitlichen und barocken Bauten geprägte Görlitzer Altstadt bis heute zeigt, im ausgehenden Mittelalter und in den ersten frühneuzeitlichen Jahrzehnten.
Mit dem Anschluss an das preußische und sächsische Eisenbahnnetz begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Görlitz die Industrialisierung. Nach Süden und Westen wurde die mittelalterliche Stadtanlage durch gründerzeitliche Wohn- und Villenviertel erweitert. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Stadt in ihrer Bausubstanz nahezu ohne Schäden. Die östlichen Vororte wurden als Zgorzelec Teil Polens.
Ursprünge der Stadt und Blüte im Mittelalter Frühes Mittelalter mini|Der Görlitzer Hausberg „Landeskrone“
Nachdem während der Völkerwanderungszeit im 4. und 5. Jahrhundert die germanische Bevölkerung das Gebiet der östlichen Oberlausitz aufgelassen hatte, wurde das Gebiet erst im späten 7. und 8. Jahrhundert von slawischen Gruppen wiederbesiedelt.Jasper von Richthofen: Besunzane – Milzener – Sorben. In: Jasper von Richthofen (Hrsg.): Besunzane, Milzener, Sorben. Die slawische Oberlausitz zwischen Polen, Deutschen und Tschechen. (Schriftenreihe der Städtischen Sammlungen für Geschichte und Kultur Görlitz N.F. 37). Görlitz 2004, S. 7. Frühere Forschungen gingen von einer slawischen Besiedlung bereits ab der Mitte des 7. Jahrhunderts aus. vgl. Joachim Herrmann (Hrsg.): Die Slawen in Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 30 (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie der Akademie der Wissenschaften der DDR, Bd. 14). In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts werden in einer schriftlichen Quelle die Besunzane genannt, deren vergleichsweise kleines Siedlungsgebiet vermutlich vom Schwarzen Schöps bis zur Kwisa (Queis) oder Bóbr (Bober) reichte. In den Quellen des 10. und 11. Jahrhunderts wird die Region um Görlitz zum Gau Milska, dem Siedlungsgebiet der Milzener, gezählt. Die zentrale Burganlage lag auf der Landeskrone bei Görlitz. Sie wurde nach jüngsten archäologischen Untersuchungen wahrscheinlich am Ende des 9. Jahrhunderts oder im 10. Jahrhundert angelegt.Jasper von Richthofen: Die Landeskrone bei Görlitz – eine bedeutende slawische Befestigung in der östlichen Oberlausitz. In: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. Bd. 45, 2003, S. 282.
Im Verlauf der 960er Jahre unterwarf der Markgraf der Sächsischen Ostmark Gero die Lusitzi und das Gau Selpuli in der Niederlausitz. Erst um 990 konnte Markgraf Ekkehard I. von Meißen die Milzener in der Oberlausitz unterwerfen. Das Gebiet lag jedoch auch im Interessenbereich der piastischen (Polen) und přemyslidischen (Böhmen) Herzöge. Dynastische Interessenkonflikte mündeten zu Beginn des 11. Jahrhunderts schließlich in lang andauernden militärischen Auseinandersetzungen.Für die Hintergründe der von 1002 bis 1031 andauernden Kämpfe siehe: Herbert Ludat: An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slavischen Mächte in Mitteleuropa. Böhlau Verlag, Weimar 1995, ISBN 3-412-11994-6, S. ?. Im Zusammenhang mit einem Heereszug, den König Heinrich II. im Sommer 1015 gegen Boleslaw I. Chrobry unternahm, wird bei Thietmar von Merseburg auch die Eroberung einer großen urbs Businc durch böhmische Truppen erwähnt.„Namque Othelricus quandam urbem magnam, Businc dictam, petiit, et in ea non minus quam mille viros absque mulieribus et liberis capiens, incendit eandam, et victor remeavit.“ – Robert Holtzmann (Hrsg.): Die Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg und ihre Korveier Überarbeitung. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1935 (Monumenta Germaniae Historica 6. Scriptores rerum Germanicarum. nova series 9), S. 842, dmgh.de Mit einiger Sicherheit kann diese mit der Befestigungsanlage auf der Landeskrone identifiziert werden. Besonders der Name der unterhalb des Berges liegenden Orte Klein und Groß Biesnitz (um 1300 „Bisencz“) geht wahrscheinlich auf die Bezeichnung Besunzane bzw. Businc zurück. Biesnitz ist heute ein Stadtteil von Görlitz.Richard Jecht: Erste Erwähnung der Oberlausitz. – Der Gau Besunzane und die urbs Businc sind gleich dem Orte Biesnitz und der Landeskrone. – Wo lag Sciciani? In: Neues Lausitzisches Magazin Bd. 97, 1921, S. 188–199. Alternativ wurde von Berthold Bretholz: Studien zu Cosmas von Prag (1. Teil). In: Neues Archiv, Bd. 34, 1909, S. 677f., Monumenta Germaniae Historica Bzenec in Mähren mit Businc identifiziert (Permalink). Für die Landeskrone spricht hingegen der archäologische Befund, vgl. Jasper von Richthofen: Die Landeskrone bei Görlitz – eine bedeutende slawische Befestigung in der östlichen Oberlausitz. In: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege, 45, 2003, S. 293. Ein solcher fehlt in Bzenec, vgl. Josef Poulík: The Latest Archaeological Discoveries from the Period of the Great Moravian Empire. In: Historica, 1, 1959, S. 62.
Urkundliche Ersterwähnung und vorstädtische Entwicklung mini|Plan der Königshufen bei Richard Jecht
In einer Urkunde König Heinrichs IV. aus dem Jahr 1071 erscheint schließlich erstmals eine „villa gorelic“ in der schriftlichen Überlieferung. Der altsorbische Name bedeutet ‘Brand-’ oder ‘Rodungsstelle’. Die Nennung steht im Zusammenhang mit der Schenkung von acht Hufen aus den Besitzungen des Königs in der östlichen Oberlausitz an das Meißner Domkapitel.Urkunde Nr. 246 vom 11. Dezember 1071 in: Unklar bleibt, ob es sich dabei um ein Flächenmaß oder um acht Gutshöfe im Bereich der von Joachim Huth als Teil eines königlichen Gutshofkomplexes gedeuteten „villa goreliz“ handelt.Joachim Huth: Die siedlungsgeschichtlichen Grundlagen und Voraussetzungen für die Stadtwerdung von Görlitz und Löbau. In: Letopis Bd. 18 Heft 2, S. 216f. Anhand des staufischen Tafelgüterverzeichnisses lässt sich tatsächlich Krongut in der Oberlausitz nachweisen. Erwähnt werden „Melza“ und „Budesin“, die jeweils größere Güterkomplexe darstellen, wobei Melza mit Vorbehalt mit Görlitz gleichgesetzt wird.Manfred Kobuch: Zur Lagebestimmung der Wirtschaftshöfe des staufischen Tafelgüterverzeichnisses im meissnischen Markengebiet. In: Lutz Frenzke (Hrsg.): Deutsche Königspfalzen. Beiträge zu ihrer historischen und archäologischen Erforschung Bd. 4. Pfalzen – Reichsgut – Königshöfe. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996, ISBN 3-525-35436-3, S. 356–368. Im Gegensatz dazu nimmt Joachim Huth an, dass der als Budesin bezeichnete Komplex dem 1018 von Thietmar von Merseburg erwähnten, westlich der Elbe vermuteten Titibutzin entspricht, also nur Melza die in der Oberlausitz verstreuten königlichen Villikationen bezeichnet, vgl. Joachim Huth: Die siedlungsgeschichtlichen Grundlagen und Voraussetzungen für die Stadtwerdung von Görlitz und Löbau. In: Letopis Bd. 18 Heft 2, S. 210. Als Standort der villa gorelic hat Karlheinz Blaschke das Gebiet der oberen und unteren Brandgasse (1937 umbenannt in Wallstraße) in der Görlitzer Nikolaivorstadt vorgeschlagen. Wenige Jahre nach der Ersterwähnung Görlitz’ kam das Gebiet der heutigen Ober- und Niederlausitz 1075 als Pfand und 1089 schließlich als Reichslehn unter die Herrschaft der böhmischen Herzöge und Könige, die mit Unterbrechungen bis 1635 auch die späteren Stadtherren von Görlitz waren.
Richard Jecht veröffentlichte 1934 eine Karte mit den eingezeichneten ‚Königshufen‘ nach ihren im Jahr 1849 vorhandenen Grenzen. Das Gebiet wird vom Görlitzer Ortsteil Königshufen umfasst.
In den Jahren um 1126 wurde die Burg (munitio) Yzcorelik zusammen mit anderen wichtigen Burgen an der Grenze Böhmens wie Přimda, Tachov und Glatz durch Herzog Soběslav I. ausgebaut, wie der so genannte Vyšehrader Kanoniker in seiner Fortsetzung der Chronica Boemorum des Cosmas von Prag beschreibt.„Eodem tempore quasdam munitiones Bohemi reaedificaverunt, quae slavice Przimda, Yzcorelik, Tachow appelantur.“ – Rudolf Köpke: Cosmae chronica Boemorum. In: Georg Heinrich Pertz (Hrsg.): Chronica et annales aevi Salici. Monumenta Germaniae Historica 11. Scriptores 9. Hahn-Verlag, Hannover 1851, Unveränderter Nachdruck Hiersemann-Verlag, Stuttgart 1983, ISBN 3-7772-6313-3, S. 1–209, 843–846, hier S. 133 Z. 29–30. dmgh.de Josef Emler (Hrsg.): Cosmae Chronicon Boemorum cum continuatoribus (Fontes rerum Bohemicarum T. 2). Prag 1874, Nachdruck Georg Olms Verlag, Hildesheim u. a. 2004, ISBN 3-487-12666-4, S. 205 Z. 4–6 Für das Jahr 1131 wird von einer Neuerrichtung der Burg (castrum) Yzhorelik berichtet.„Interea transcurrente tempore dux Sobezlaus ad radicem cuiusdam villae nomine Tachow in finibus Mesko castrum aedificavit, quod ex nomine adiacentis villae appellavit; aliud quoque aedificavit in partibus Milesko iuxta flumen Niza, appellavitque nomine Yzhorelik, quod antea et Drenow vocabatur.“ Rudolf Köpke: Cosmae chronica Boemorum. In: Georg Heinrich Pertz (Hrsg.): Chronica et annales aevi Salici. Monumenta Germaniae Historica 11. Scriptores 9. Hahn-Verlag, Hannover 1851, Unveränderter Nachdruck Hiersemann-Verlag, Stuttgart 1983, ISBN 3-7772-6313-3, S. 1–209, 843–846, hier S. 137 Z. 2–6. dmgh.de Diese Anlage wird auf dem Gebiet des Vogtshofes unmittelbar westlich des späteren Neißeüberganges der Via Regia vermutet, jedoch erbrachten archäologische Ausgrabungen auf dem Vogtshof keinerlei Spuren, die für eine Besiedlung des Areals vor dem 13. Jahrhundert sprechen.Günter Rennebach: Archäologische Untersuchungen auf dem Görlitzer Vogtshof. In: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Bd. 2. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. Beiheft 17. Verl. d. Wiss., Berlin 1982, S. 299–314. Von 1143 bis 1156 unterstand die Gegend dem wettinischen Markgrafen Konrad I. von Meißen. Sicher ist die Anwesenheit eines böhmischen Vogtes namens Florinus für das Jahr 1238 belegt, der wohl schon auf dem Vogtshof in der nordöstlichen Ecke der Altstadt residierte.Walter Jecht: Neue Untersuchungen zur Gründungsgeschichte der Stadt Görlitz. In: Neues Lausitzisches Magazin, Bd. 95, S. 21. Sollte die 1131 erwähnte Burg tatsächlich im Stadtgebiet von Görlitz gelegen haben, so ließe sich auch ein namenskundlicher Bezug zum Hainwald, einer Gasse zwischen Peterskirche und Neißstraße, herstellen, da die Burg nach der Chronik Cosmas auch unter dem Namen Drenow, was so viel wie ‚Walddorf‘ bedeutet, bekannt gewesen sei.