Wehrbergen ist ein Stadtteil von Hameln im Landkreis Hameln-Pyrmont in Niedersachsen.
Geografie Der Ort liegt in der Weseraue im Naturpark Weserbergland Schaumburg-Hameln auf 66 m NHN direkt an der Weser, ca. 3 km nordwestlich des Stadtzentrums von Hameln. Der alte Ortskern von Wehrbergen liegt entlang des Weserufers, ein jüngerer Ortsteil schließt sich nördlich des alten Dorfkerns an. Im Norden liegt als ehemaliger, mit Eichen bestandener, Weser-Prallhang das ca. 21 ha große Naturschutzgebiet Heineberg mit den Resten der mittelalterlichen Heineburg. Im Osten liegt der Aussichtspunkt Ützenburg. Im Süden liegt auf der linken Weserseite der Klüt (258 m NHN). Die Gemarkung Wehrbergen grenzt im Südosten an die Hamelner Kernstadt, im Süden an die Gutsgemeinde Helpensen, von der es durch die Weser getrennt ist und im Nordwesten an die Gemeinde Fischbeck. Parallel zur Weser verläuft nördlich des Ortes in Südost-Nordwest-Richtung die Bahnlinie Hameln-Löhne.
Geschichte Mittelalter Auf dem Heineberg, ca. 800 Meter nördlich von Wehrbergen liegen die Reste der abgegangenen Heineburg. Es handelt sich um eine winkelförmige Anlage mit Wall und Graben. Der Name der Burg wird mit dem altsächsischen König Heinrich I. verbunden, der in den neun Jahren des Waffenstillstands des ostfränkischen Reiches mit den Ungarn von 926 bis 934 n. Chr. und den Feldzügen gegen die Slawen in den Jahren 928/929 n. Chr. eine Burgenbauverordnung erließ,Siehe Heinrich I. dem die Anlage der Heineburg entsprach.Hans-Wilhelm Heine: Die ur- und frühgeschichtlichen Burgwälle im Regierungsbezirk Hannover, 2000, S. 95–97; Ders.: Schaumburger Land - Burgenland, Oldenburg/Oldb., 2010. Ein Bezug dieser Wallburg zum nahegelegenen, 955 n. Chr. gegründeten Kloster in Fischbeck ist wahrscheinlich, wenngleich Belege dafür fehlen.
Die älteste Erwähnung des Ortes geschah in der Urkunde des Bischofs Bruno zu Minden von 1042 zur Stiftung des Benediktinerklosters St. Mauritius auf der Werderinsel bei Minden und ihren Gütern: „Mundiburdio eiusdem ecclesie tradidimus, […] in Wederbergon quinque mansos quos Hildiboldus frater noster dedit“ („In Mundschaft (Schutzverhältnis) dieser Kirche haben wir übergeben, […] in Wederbergon 5 Hufen (= ca. 150 ha) die unser Bruder Hildiboldus gegeben hat“).Christina Ricke, 1990, S. 7; zit. Erhard 1847, Nr. 1030 bzw. CXXXVII. Weitere urkundliche Erwähnungen des Ortes fanden im Hochmittelalter und Spätmittelalter statt: Am 4. November 1205 beurkundete Abt Hermann von Northeim den Tausch zweier Ministerialinnen (Dienstmädchen) mit dem Stift Fischbeck. Als Zeugen wurden „Heinricus et Hermannus iuvenis (Einwohner) de Wederberch“ genannt.Christina Ricke, 1990, S. 7; zit. UB Fischbeck I Nr. 27. Um das Jahr 1240 wurde Wehrbergen in der Aufstellung über die Rechtsverhältnisse des Hamelner Schultheißen erwähnt. Darin werden u. a. 4 Hufen (= ca. 120 ha) Kapitelsgut des Hamelner Stifts St. Bonifatii in Wehrbergen angegeben, die von der „Curia Fischbeck“ abhängig seien.Christina Ricke, 1990, S. 7; zit. UB Hameln I Nr. 22 und 169, Güter- und Einkunftsverzeichnis der Kanoniker des Stifts St. Bonifatii 1311-1324. 1245 wurde in einer Urkunde des Bischofs Johann von Minden ein „Ritter Otto von Wehrbergen“ genannt.Christina Ricke, 1990, S. 7; zit. Westfälisches UB IV Nr. 544. 1407 wurde im Streit zwischen den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg, dem Grafen von Everstein sowie den Herren zur Lippe ein „Ritter Ludolfo de Wederberghe“ genannt.Christina Ricke, 1990, S. 7; zit. UB Hameln II Nr. 784.
Wehrbergen gehörte zum Archiadiakonat Ohsen der Diözese Minden, das faktisch bis 1647/1648 bestand und infolge des Westfälischen Friedens offiziell aufgelöst wurde.
Wehrbergen lag zudem im Gerichtsbezirk Goe auf der Hamel im altsächsisch-engernschen Tilithigau.Folgende Kartenabbildungen in der Dorfchronik „Wehrbergen im Wandel der Zeit“ von Christina Ricke illustrieren die Entwicklung des Dorfes Wehrbergen in Bezug auf die Goe auf der Hamel: Der Gau Tilithi um 1000 (Ricke, 1990, S. 10, zit. Geschichtlicher Handatlas Niedersachsen, 1939, Ausschnitt aus der Gaukarte), die Goe auf der Hamel um 1300 (Ricke, 1990, S. 11, zit. den Historiker Werner Spieß, Die Großvogtei Calenberg-Göttingen, 1933), das Amt Hallermunt-Springe um 1425 (Ricke, 1990, S. 13, zit. Spieß, 1933), das Amt Springe um 1675 (Ricke, 1990, S. 14 zit. Spieß, 1933), die Kurhannoversche Landeskarte von 1773, die Karte des „Schaumburger Knicks“ (Ricke, 1990, S. 17, Karte aus 1935, Stadtarchiv Hameln), die Rezeßkarte 1858 (Ricke, 1990, S. 60), die Topographische Karte 1983 (Ricke, 1990, S. 61) und die Flurkarte Wehrbergen (Ricke, 1990, S. 62).Siehe Goe auf der Hamel.
Der Wehrberger Zehnt wurde im Spätmittelalter an das Kloster Möllenbeck in Rinteln übertragen. Dies belegen Urkunden aus den Jahren 1281/1282, 1329, 1354 und 1486.Christina Ricke, 1990, S. 7; zit. UB Kloster Rinteln, Nr. 31–34, 36, 97, 132 und 199. 1492 belehnte Äbtissin Armgard von Fischbeck den Priester Hermann Ledeghe mit einem Hof und einer Hufe (= ca. 30 ha) Land in Wehrbergen.Christina Ricke, 1990, S. 8; zit. UB Stift Fischbeck I Nr. 170.
Frühe Neuzeit Seit 1687 heißt der Ort „Wehrbergen“; frühere Ortsnamen waren „Wederbergon“ (1042), „Wederberch“ (1205), „Wederberge“ (1281), „Werbergen“ (1317), „Wedderberghe“ (1398) und „Werderbarge“ (1516).Vgl. Freydank, 1929. Siehe zur Ortsnamenforschung vor allem das Niedersächsische Ortsnamenbuch (NOB). Es ist ein langfristig angelegtes Projekt des Instituts für Historische Landesforschung an der Universität Göttingen. Der Ortsname wird als „Berg über der Werre“ erklärt, wobei „Werre“ die alte Bezeichnung für die Weser ist.
Von ca. 1550 bis 1639 wurde Wehrbergen zusammen mit den Dörfern Afferde, Behrensen, Hastenbeck und Rohrsen dem Braunschweig-Lüneburgischen Amt Hastenbeck für die Verwaltung zugeordnet.Carsten Schwier-Herrmann, Neue Erkenntnisse von Hastenbeck, in: Museumsverein Hameln e. V. (Hrsg.), Hamelner Jahrbuch 2023. Mitte des 16. Jahrhunderts bis Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Ort mehrmals verpfändet, u. a. im Jahr 1558 dem Philipp von Bortfeld.
Im Dreißigjährigen Krieg hatte der kaiserliche Feldherr Tilly ein Feldlager zwischen Wehrbergen und Fischbeck errichten lassen. Die Soldaten plünderten die Höfe, übten Gewalt gegen die Dorfbewohner aus und mordeten. Die Menschen im Ort hungerten und verarmten. Im Herbst 1625 breitete sich zudem eine Pestepidemie vom Feldlager der kaiserlichen Truppen in die umliegenden Dörfer aus. Allein in Wehrbergen fielen ca. 40 Menschen der Epidemie zum Opfer (das war ein Drittel der etwa 120 Dorfbewohner). Im Jahr 1626 waren von den Verstorbenen aus Wehrbergen fast alle durch die Pestepidemie zu Tode gekommen.Christina Ricke, 1990, S. 19. 1681 gab es einen großen Brand im Ort.
Neuere Geschichte Während der Belagerung Hamelns durch französische Truppen Anfang des 19. Jahrhunderts plünderten holländische Truppen Wehrbergen. Sie nahmen insbesondere „alles Leinenzeug mit, wickelten es auf der Ützenburg um die Bäume und zündeten es an“. Dadurch brannte der Wald ab.Christina Ricke, 1990, S. 19; zit. F. Meissel: Der Kreis Hameln, Leipzig und Hameln, 1898. Der Dreißigjährige Krieg, der Siebenjährige Krieg sowie die französische Belagerung und Besetzung von Hameln und Umgebung während der Koalitionskriege führten zu hohen Belastungen durch Einquartierungen von Soldaten, Geld- und Sachleistungen und Plünderungen und brachten viel Leid über die Bewohner von Wehrbergen.
Von 1833 bis 1850 wurde in Wehrbergen die Ablösung aller bäuerlichen Lasten vollzogen, 1843 fand die Generalteilung der Ostermark statt. Kurz vor 1852 kam der Ort vom Amt Springe zum Amt Hameln. 1855 wurde eine Fährverbindung zwischen Wehrbergen und Helpensen eingerichtet. Von 1858 bis 1873 wurde im Rahmen der Spezialteilung die Gemeinheitsteilung und Verkoppelung von Acker- und Wiesenflächen in der Gemarkung Wehrbergen durchgeführt.
Während des Zweiten Weltkrieges, kurz vor Ostern im März 1945, errichtete der Wehrberger „Volkssturm“ eine Panzersperre im Dorf. Ab dem 4. April 1945 rückten Panzereinheiten der Alliierten auf der anderen Weserseite auf Hameln vor, und etliche Häuser in Wehrbergen wurden durch Einschüsse beschädigt. Am 8. April 1945 besetzte eine aus Fischbeck Richtung Hameln vorrückende US-amerikanische Panzereinheit Wehrbergen, ohne dass es zu weiteren Kampfhandlungen kam.
Wehrberger Warte mini|Die Wehrberger Warte, ursprünglich eine Warte der Hamelner Landwehr, danach Gasthaus
In Wehrbergen, das bereits im Mittelalter an einem Verkehrsweg entlang der Weser nach Minden lag, befand sich eine Warte.H. Nelson: Landwehren, Warten, Hohlwege und Kreuzsteine in Hameln. In: G. Zipf (Hrsg.): An Weser und Leine. Ausflüge zwischen Hannover, Hildesheim, Schaumburg und Hameln, Band 59, Darmstadt, 2015, S. 135–138. Die Wehrberger Warte hatte eine militärische Funktion und gehörte zur 1385 erstmals urkundlich erwähnten Hamelner Landwehr, welche die Stadt Hameln als vorgeschobenes Grenzsicherungssystem und Beobachtungspunkt nach Westen schützte.Gerhard Pieper: Die Festung Hameln. Geschichte, Bauwerke und Institutionen, Hameln, 2006, ISBN 978-3-8271-9303-2.Siehe auch Stadtarchiv Hameln, V 72, „Warten“. Die Landwehr bei Wehrbergen diente hauptsächlich dem Schutz der Handelsstraße mit Zollabgabe, Kontrolle der Holz-, Hude- und Weidenutzung sowie der Grenzmarkierung von Hameln gegenüber seinem westlichen Umland. Rudolf Feige gibt an, dass eine Warte an der Gemarkungsgrenze Hameln-Wehrbergen nachweisbar sei, die schon im Jahre 1312 bestanden habe; 1761 sei dort aber nur noch die Ruine eines ziemlich weiten Turmes vorhanden gewesen.Christina Ricke, 1990, S. 163; zit. Rudolf Feige, Moritz Oppermann, Hermann Lübbers: Heimatchronik der Stadt Hameln und des Landkreises Hameln-Pyrmont, Köln, 1961. Rudolf Feige war von 1953 an Leiter des Stadtarchivs Hameln.Siehe auch DWZ vom 1. Oktober 1964, zit. Pastor Primasius Herr: Collectanea zur Geschichte der Stadt Hameln. Nach dem Mittelalter verlor die Landwehr allmählich ihre militärische Bedeutung. Die Hamelner Landwehr und die Wehrberger Warte an der östlichen Grenze der Gemarkung Wehrbergen hatten nichts mit der als „Schaumburger Knick“ bezeichneten Grenzbefestigung zwischen dem Fürstentum Calenberg und der Grafschaft Schaumburg aus dem 15. Jahrhundert und der Frühen Neuzeit zu tun, der aus Nordosten vom Süntel entlang der westlichen Grenze der Gemarkung Wehrbergen bis zur Weser verlief.Christina Ricke, 1990, S. 17 f.; zit. Hann. 74 Springe Nr. 86 und Karte aus dem Jahre 1635 im Stadtarchiv Hameln. In der Gemarkung Wehrbergen gab es also zwei verschiedene historische Grenzbefestigungen: eine zwischen zwei territorialen Herrschaftsgebieten sowie eine der Stadt Hameln.
Auf der Wehrberger Warte wurde 1638 ein Wohnhaus errichtet. Seither ist die Wehrberger Warte als einzig erhalten gebliebene Warte der spätmittelalterlichen Hamelner Landwehr ein Gasthaus, das verpachtet wurde. Während der Koalitionskriege unterzeichneten die französischen Generäle Savary und Dumenceau und der preußische Offizier von Schoeler bei Stadt Hameln. am 20. November 1806 in der Wehrberger Warte die Kapitulation der Festung Hameln.
Friedrich Sprenger zählte 1826 in seiner Stadtgeschichte von Hameln die Warten unter die „Vergnügungsörter, welche man im Sommer häufig besuchte“.Christina Ricke, 1990, S. 164; zit. Friedrich Sprenger: Geschichte der Stadt Hameln, Hannover, 1826, S. 222 ff. Seit 1896 ist die Wehrberger Warte in Privatbesitz der Nachfahren des letzten Pächters des Gasthauses.
Einwohnerentwicklung Entwicklung der Einwohnerzahlen in Wehrbergen seit 1689 +1689Max Burchard: Die Kopfsteuerbeschreibung der Fürstentümer Calenberg-Göttingen und Grubenhagen von 1689, 13 Bände, Schaper, Hildesheim, 1961.176618211830184818551864187118851905192519331939194619501956196019651972127187204218232212226241231246288292301605602491470421492 +198519902000200920162022468440465437413430