mini|Tuvia Rübner (2012) Tuvia Rübner (geboren als Kurt Erich Rübner am 30. Januar 1924 in Bratislava, Tschechoslowakei; gestorben am 29. Juli 2019 bei Afulaהמשורר טוביה ריבנר, חתן פרס ישראל, הלך לעולמו בגיל 95), in Israel Tuviya Rübner (טוביה ריבנר), war ein hebräisch- und deutschsprachiger israelischer Lyriker, Literaturwissenschaftler und literarischer Übersetzer, der 1941 nach Palästina emigrieren musste. Er lebte seither im Kibbuz Merchawia bei Afula.

Leben Tuvia Rübner wuchs in einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Preßburg auf. Nachdem seine Eltern und seine Schwester nach Polen deportiert worden waren, konnte er 1941 im letzten Augenblick mit einer Gruppe von zehn Freunden aus dem Jugendbund Hashomer Hatzair nach Palästina auswandern.Michael Braun: Zeitzeuge mit der Kraft zur Verständigung: Der israelische Lyriker, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Tuvia Rübner. In: Stimmen der Zeit, Bd. 230 (2012), S. 626–632, hier S. 626. Seine Angehörigen wurden 1942 im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. Im Kibbuz Merchawia war er zunächst Schafhirte und arbeitete im Weinberg oder auf dem Feld. Er heiratete 1944; 1949 kam seine Tochter Miriam zur Welt. Kurz darauf starb seine Frau Ada bei einem schweren Busunglück, das Tuvia Rübner schwer verletzt überlebte.Michael Braun: Zeitzeuge mit der Kraft zur Verständigung: Der israelische Lyriker, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Tuvia Rübner. In: Stimmen der Zeit, Bd. 230 (2012), S. 626–632, hier S. 627. Er konnte keine körperlichen Arbeiten mehr verrichten und wurde deshalb Bibliothekar und Literaturlehrer an der Mittelschule im Kibbuz. Ohne spezielle akademische Ausbildung wurde er später Lehrer an einem Lehrerseminar und Universitätsprofessor. Seine zweite Frau Galila Jisreeli, von Beruf Konzertpianistin, heiratete er 1953. Mit ihr hatte er zwei Söhne.

Als Abgesandter der Jewish Agency ging Rübner von 1963 bis 1966 nach Zürich; an der dortigen Universität hörte er Vorlesungen von Emil Staiger und Wolfgang Binder.Ingrid Wiltmann (Hrsg.): Lebensgeschichten aus Israel. Zwölf Gespräche. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-39401-0, S. 113.

Früh lernte er den Literaturwissenschaftler Werner Kraft kennen, der ihn förderte und in seiner Laufbahn als Schriftsteller und Literaturwissenschaftler ermutigte.Hans Otto Horch: Tuvia Rübner. Alles, was gewesen ist, ist zeitlos da. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Januar 2014, S. 32. Auch Ludwig Strauß war ein Förderer und wurde zum Freund. Rübner war bis zu seiner Emeritierung 1992 Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Haifa.

Werk Gleich nach seiner Ankunft im Kibbuz Merchawia begann Tuvia Rübner Gedichte zu schreiben, bis 1954 in deutscher Sprache. Er verarbeitete mit ihnen die Erfahrungen des Verlusts seiner Familie und die Erlebnisse im neuen Land. Seit 1953 schrieb er seine Gedichte in Ivrit; sieben Gedichtbände erschienen seit 1957, aus denen Christoph Meckel und Efrat Gal-Ed eine Auswahl übersetzten. Diese Zusammenstellung kam 1990 unter dem Titel Wüstenginster in Deutschland heraus.

Rübner übersetzte zahlreiche Werke nicht nur aus dem Deutschen ins Hebräische, unter anderem von Goethe, Franz Kafka, Paul Celan, sondern auch aus dem Hebräischen ins Deutsche, unter anderem literarische Texte von Samuel Joseph Agnon und Dan Pagis. Er übersetzte auch eigene Gedichte aus dem Deutschen ins Hebräische und aus dem Hebräischen ins Deutsche.Michael Braun: Zeitzeuge mit der Kraft zur Verständigung: Der israelische Lyriker, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Tuvia Rübner. In: Stimmen der Zeit, Bd. 230 (2012), S. 626–632, hier S. 630.

Seit seiner Emeritierung schrieb Rübner wieder Gedichte in deutscher Sprache (Stein will fließen, Von Luft zu Luft, Wer hält diese Eile aus, Lichtschatten). Seine früheren Gedichte liegen in deutscher Sprache vor und sind in den Bänden Rauchvögel und Zypressenlicht enthalten.

Auszeichnungen Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur nahmen Rübner als korrespondierendes Mitglied auf.Mitgliedseintrag von bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, abgerufen am 6.11.17 Er erhielt unter anderem den Zürcher Steinberg-Preis, den Christian-Wagner-Preis (1994), den Jeanette Schocken Preis (1999), für seine Übersetzung von Agnons Roman Schira den Paul-Celan-Preis (1999),Lorenz Wachinger: „Verhüllt und offenkundig“: Samuel Joseph Agnons unvollendeter Roman „Schira“. In: Stimmen der Zeit, Bd. 230 (2012), S. 121–130, hier S. 122. den Ján-Smrek-Preis (Bratislava, 2002), den Israel-Preis für Literatur (2008) und den Theodor-Kramer-Preis (2008). Als Brückenbauer zwischen den Kulturen, Sprachen und Literaturen, heißt es in der Begründung der Jury, wurde Tuvia Rübner im Jahr 2012 der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung zuerkannt.

Deutschsprachige Veröffentlichungen (Auswahl) Ein langes kurzes Leben. Von Preßburg nach Merchavia. Rimbaud, Aachen 2004. ISBN 978-3-89086-413-6 (Biographische Erinnerungen). Erzählen an der Grenze. Bemerkungen zu zwei jüdischen Erzählern: Agnon und Kafka. In: Samuel Joseph Agnon: Der Vorabend. Christian-Wagner-Gesellschaft, Warmbronn 2004, ISBN 3-932843-52-5.

Gedichte Wüstenginster. Gedichte. 1990, ISBN 978-3-89086-786-1. Granatapfel. Frühe Gedichte. 1995, ISBN 978-3-89086-855-4. Ausgewählte Gedichte 1957–1997. Bd. 1: Rauchvögel. 1998, ISBN 978-3-89086-835-6. Bd. 2: Zypressenlicht. 2000, ISBN 978-3-89086-753-3. Stein will fließen. Gedichte. 1999, ISBN 978-3-89086-791-5. Von Luft zu Luft. Gedichte. 2003, ISBN 3-932843-47-9. Wer hält diese Eile aus? Gedichte. 2007, ISBN 978-3-89086-560-7. Spätes Lob der Schönheit. Gedichte. 2010, ISBN 978-3-89086-511-9. Lichtschatten. Gedichte. 2011, ISBN 978-3-89086-482-2. Wunderbarer Wahn. Gedichte. 2014, ISBN 978-3-89086-415-0. Im halben Licht. Gedichte. 2016, ISBN 978-3-89086-358-0.

Übersetzungen (Auswahl) Samuel Joseph Agnon: Der Treueschwur. 1965. Dan Pagis: Erdichteter Mensch. Gedichte hebräisch-deutsch. 1993. Samuel Joseph Agnon: Schira. 1998. Samuel Joseph Agnon: Der Vorabend. 2004. Milan Richter: Der Engel mit schwarzen Flügeln. 2005. Anton Pincas: Diskurs über die Zeit. Gedichte. 2012, ISBN 978-3-938776-30-8.

Herausgaben Mit Dafna Mach: Briefwechsel Martin Buber – Ludwig Strauß 1913–1953. 1990. Mit Hans Otto Horch: Ludwig Strauß. Gesammelte Werke. 3 Bde. 1998–2000.

Literatur – chronologisch – Karin Lorenz-Lindemann: Wie das Verlorene uns lautlos umfängt. In: Orientierung 65, 2001, S. 57–59. Uwe Pörksen: Der Sturm aus der Vergangenheit. Über Tuvia Rübner. Steiner Verlag, Stuttgart 2003. Michael Braun: Zeitzeuge mit der Kraft der Verständigung. Der israelische Lyriker, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Tuvia Rübner. In: Stimmen der Zeit, Bd. 230 (2012), S. 626–632. Thomas Sparr: Rübner, Tuvia. In: Andreas B. Kilcher (Hrsg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02457-2, S. 436. Jürgen Nelles (Hrsg.): Tuvia Rübner lesen. Erfahrungen mit seinen Büchern. Rimbaud, Aachen 2015, ISBN 978-3-89086-399-3. Jürgen Nelles: Tuvia Rübner. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG), 114. Nachlieferung (Fortsetzungswerk 1978 ff.), Edition Text und Kritik, München 2016, ISBN 978-3-86916-548-6. Sulamith Sparre: „Es gibt ein Gedicht, das ist ein Ungedicht.“ Netti Boleslaw und Tuvia Rübner: Schreiben im Schatten von Auschwitz. Edition AV, Bodenburg 2017, ISBN 978-3-86841-188-1. Sulamith Sparre: „Fremde der Heimat“. Sprachzertrümmerung und Welterschaffung in der Dichtung Paul Celans und Tuvia Rübners. Edition AV, Bodenburg 2018, ISBN 978-3-86841-197-3. Lina Barouch: »Neither Here Nor There«. Tuvia Rübner’s First Hebrew Poem. In: Mimeo. Blog der Doktorandinnen und Doktoranden am Dubnow-Institut, 26. Mai 2022.

Weblinks

Hajo Jahn: Tuvia Rübner (Biografie) In: Exil-Archiv der Else-Lasker-Schüler-Stiftung Shira Lev-Ari über Tuvia Rübner, Haaretz vom 15. Juni 2008 Golda Meirs Plattenspieler Porträt von Marko Martin, Die Welt vom 4. Juni 2010 Langes kurzes Leben – der Dichter Tuvia Rübner Dokumentarfilm über Tuvia Rübner von Henning Backhaus, Österreich 2012, 45 Min. Porträt: Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2012 Erinnerung an Tuvia Rübner im Gemeinschaftsprojekt TSURIKRUFN! vom Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute, 2021

Einzelnachweise

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