mini|hochkant|Schloss Kartlow. Schloss Kartlow ist ein Herrenhaus im Landkreis Vorpommern-Greifswald im Kruckower Ortsteil Kartlow. Woldemar von Heyden gab in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Auftrag zum Bau des Herrenhauses nach Plänen Friedrich Hitzigs. Der Entwurf des Landschaftsparks stammt von Peter Joseph Lenné. Bis 1945 blieb das Herrenhaus im Besitz der Familie von Heyden. Nachdem während der DDR-Zeit Wohnungen und ein Konsum eingerichtet worden waren, befindet sich das Schloss heute in Privatbesitz. Im Wirtschaftshof wird ein Gestüt betrieben.
Geschichte Vorgängerbauten Bereits zur Zeit der urkundlichen Ersterwähnung 1245Siehe Literatur: Eberhard Rodenberg, Horsts Dassow: Cartlow – Kartlow. Kartlow 1999, S. 41: Herzog Wartislaw III. bestätigte am 18. Juni 1245 in Kartlow dem Kloster in Klatzow nach dessen Verlegung auf den Marienwerder bei Verchen die verliehenen Landbesitzungen. 440. (Cod. No. 346) Pommersches Urkundenbuch befand sich in Kartlow ein Festes Haus der Herzöge von Pommern-Demmin. Barnim I. oder sein Sohn Bogislaw IV. belehnte zwischen 1274 und 1294 die Ritter von Heyden zur Gesamthand mit dieser fürstlichen Burg und dem zugehörigen Landbesitz. Die Burg wurde 1630 im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Noch in den Matrikelkarten der schwedischen Landesaufnahme von 1698Siehe Literatur: Petra Gersonde: Schloß und Park Kartlow. Nach der Vorlage der schwedischen Matrikelkarte von 1698, gezeichnet durch J. Lund, entwarf der Kartlower Pastor Carl Theodor Schmidt (Amtszeit 1850–1886) in seiner Bilderchronik eine Karte Kartlows. Die Bilderchronik befindet sich im Besitz der Kirchgemeinde Kartlow.Siehe Literatur: Eberhard Rodenberg, Horst Dassow: Cartlow – Kartlow. Kartlow 1999, S. 78. Die Autoren nutzten eine Übersetzung der Beschreibung des Ortes Kartlow aus der schwedischen Landesaufnahme von 1698 aus dem Altschwedischen von Dr. Eginhard Wegner vom Geographischen Institut Greifswald. Darin wird als ehemalige Position des Adelshauses ein mit Lb bezeichnetes Gebiet westlich des großen Kartlower Teiches bezeichnet. ist die Burgruine westlich der im Park gelegenen Teiche eingezeichnet.
Die Familie von Heyden bewohnte bis ins 19. Jahrhundert ein größeres eingeschossiges aus drei Gebäuden bestehendes Wohnhaus in Fachwerkbauweise. Es bildete den östlichen Abschluss des Wirtschaftshofes und befand sich etwa 50 Meter östlich des heutigen Gebäudes. Vor 1852 hatten noch Umbauarbeiten am alten Herrenhaus stattgefunden. Die Zahl der Fenster am Hauptgebäude war vergrößert worden und das südliche Nebengebäude wurde entfernt.
Bau des Herrenhauses mini|hochkant|Westseite – zum Park. Woldemar von Heyden (1809–1871) ließ in der Mitte des 19. Jahrhunderts das alte Wohngebäude abreißen. Woldemar war Generallandschaftsrat des Provinzialverbandes Pommern, Kurator des Marienstifts zu Stettin und wirtschaftlich äußerst erfolgreich. Seine Frau Athalie, geborene Fränkel, entstammte einer wohlhabenden bürgerlichen Familie und brachte eine hohe Mitgift in die Ehe. Woldemar erweiterte den Grundbesitz des Gutes, betrieb eine Bank und wollte mit einem eigenen Schiff Getreide nach Großbritannien exportieren. Er hegte den Wunsch, seinen Besitz nach Art einer englischen Grafschaft zu gestalten. So erfolgte zwischen 1853 und 1859 der Bau des neuen Herrenhauses nach Plänen des Schinkel-Schülers Friedrich Hitzig. Nur wenige Einzelheiten über den Bau des Schlosses sind bekannt. So beliefen sich die Kosten für den „Cartlower Hausbau“ auf 43.821 Taler.Siehe Literatur: Eberhard Rodenberg, Horst Dassow: Cartlow – Kartlow. Kartlow 1999, S. 115.: Die Autoren zitieren aus der Vermögensbilanz der Familie von Heyden-Cartlow für den Cartlower Hausbau für 1853/54=5.000 Taler, 1854/55=9.700 Taler, 1855/56=12.800 Taler, 1856/57=12.000 Taler, 1857/58=3.750 Taler und 1858/59 als letzte Rate 571 Taler. Zur gleichen Zeit wurde der Park nach Plänen Lennés gestaltet. Am 15. November 1856 wurde das neue Haus bezogen. Zu diesem Zeitpunkt schon seit dreißig Jahren her lag die preußische Genehmigung die Führung des Doppelnamens von Heyden-Cartlow vor.
Gutsbesitz Der Bauherr gründete 1863 ein Familienfideikommiss auf der Basis des Minorats, des Erbes des Letztgeborenen. So sollte die Familie und der Besitz gebunden bleiben. Seit Ende des 19. Jahrhunderts liegen Daten zum Gutsbesitz anhand der amtlich publizierten Güteradressbücher vor. 1884 umfasste allein das Rittergut Kartlow mit Vorwerk Heydenhof etwa 1058 ha, für pommersche Verhältnisse ein mittelgroßes Gut.Paul Ellerholz u. a.: Handbuch des Grundbesitzes im Deutsche Reiche. Das Königreich Preussen. II. Lieferung: Provinz Pommern. 1884. Mit Angabe säm(m)tlicher Güter, ihrer Qualität, ihrer Größe (in Culturart), ihres Grundsteuerreinertrages, ihrer Besitzer, Pächter, Administratoren etc. Nach amtlichen und authentischen Quellen bearbeitet. 2. Auflage, Nicolaische Verlags-Buchhandlung (Rudolf Stricker), Berlin 1884, S. 114–115. Bekanntester Gutsherr war der Landrat Adam von Heyden auf Kartlow. Letzter Fideikommissherr war bis 1934 dessen Sohn, der Jurist Jürgen (Jürgen Adam) von Heyden Graf von Cartlow. Dann wurde die Begüterung um Schloss Kartlow ein Allodgut, ein freier Besitz der Familie von Heyden.
1939 hatte Gut Kartlow mit Vorwerk Heydenhof eine Größe von 1113 ha, davon 139 ha Wald. Die Verwaltung führte ein Administrator. Zum 1863 gestifteten Fideikommiss gehörten weitere Güter. Es umfasste zum Ende des 19. Jahrhunderts 4605 ha. S. 400 ff. Von den Erben fielen Woldemar-Wichard von Heyden 1942 und Jürgen von Heyden 1941 als Offiziere. Ihr jüngster Bruder Hubertus von Heyden trug nach 1945 den Cartlower Grafentitel nicht, wegen derzeitiger Nichterfüllung der Voraussetzungen.Vgl. Hans Friedrich von Ehrenkrook, Friedrich Wilhelm Euler, Jürgen von Flotow, Walter von Hueck: Genealogisches Handbuch der Gräflichen Häuser. A (Uradel). 1958. Band II, Band 10 der Gesamtreihe GHdA, Hrsg. Deutsches Adelsarchiv, Glücksburg (Ostsee) 1958, S. 79–80.
Neuere Entwicklungen mini|hochkant|Ostseite. Die Familie von Heyden blieb bis 1945 Eigentümer des Gutes. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Gut Kartlow zusammen mit dem Herrenhaus durch die Bodenreform in den Besitz der Gemeinde über. Schloss und Park dienten Ende der 1940er Jahre zunächst als Erholungseinrichtung für Offiziere der Sowjetarmee. Ab Herbst 1945 wurden zahlreiche Flüchtlinge einquartiert. Später wurden im Haus Wohnungen eingerichtet, die noch bis in die 1990er Jahre bewohnt waren. Weitere Räume beherbergten einen Schulsaal, einen Konsum sowie das Gemeindebüro.
Heute ist Schloss Kartlow in Privatbesitz. Nach der Sanierung der Dächer und Fassaden wurden im Obergeschoss Ferienwohnungen eingerichtet. Nach erneutem Eigentümerwechsel und darauf folgendem Umbau der Innenausstattung steht das Schloss nicht mehr für touristische Zwecke zur Verfügung und bildet jetzt das Haupthaus eines Gestütes mit Sportpferdezucht.
Anlage mini|hochkant|Schloss Kartlow um 1857, Sammlung Alexander Duncker. Schloss Im Nachlass des Architekten Friedrich Hitzig fehlen Hinweise auf das Kartlower Schloss. Vergleiche mit anderen Herrenhäusern, wie dem Schloss Bredenfelde, das nachweislich von Hitzig entworfen wurde, zeigen allerdings einen hohen Grad an Übereinstimmung. Der Verleger Alexander Duncker nannte Hitzig als Baumeister Kartlows.Alexander Duncker gab zwischen 1857 und 1883 etwa 960 Ansichten von Schlössern und Herrenhäusern der preußischen Provinzen heraus. Zu Kartlow heißt es bei ihm: „Das Schloss Cartlow ist in den letzten Jahren von dem berühmten Baumeister Hitzig in Berlin und zwar in dem edeln Renaissancestil des Schlosses Chambord erbaut worden.“
Architektur Als architektonisches Vorbild gilt Schloss Chambord in Frankreich. Jedoch ist im Unterschied dazu das herausragende Merkmal des im Renaissancestil mit neogotischen Elementen errichteten Herrenhauses seine Asymmetrie. Diese steht auch im Gegensatz zur Symmetrie der überwiegenden Zahl der Gutshäuser, die oft im Stil des Klassizismus gebaut wurden. Interessant ist die Kombination unterschiedlicher Bauteile mit verschiedenen Dekorationselementen, die trotzdem zu einer geschlossenen Gesamtwirkung führen.
Kennzeichnend für das Herrenhaus sind die drei Türme und die verschiedenen Giebel. Besonders der große südwestliche Turm mit achteckigem Grundriss dominiert das Gebäude. Der rechteckige nordöstliche Turm, der oberhalb des Daches ebenfalls einen oktogonalen Grundriss besitzt, enthält eine vom Wirtschaftshof sichtbare Uhr. Der kleinste, nordwestliche Turm besitzt einen kreisförmigen Querschnitt.
Auf der westlichen, zum Park gelegenen Seite befindet sich eine Terrasse, die fast die gesamte Breite einnimmt. Der früher vorhandene Wintergarten, der sich vor den westlichen Fenstern des Festsaales befand, wurde im Zuge der Sanierung ebenfalls wieder, sehr nah am Original, aufgebaut. mini|hochkant|Grundriss der Hauptetage. mini|hochkant|Die Sage und Ulrich von Hutten in der Eingangshalle. mini|hochkant|Wandbild im Damenzimmer. Inneneinrichtung Der Haupteingang befindet sich auf der Ostseite zum ehemaligen Wirtschaftshof und wurde in Form einer Portikushalle errichtet, deren obere Etage als Altan begehbar ist. Im Inneren der Eingangshalle sind mehrere Wandgemälde erhalten. Diese waren kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs übertüncht worden. 1986 wurde mit der Freilegung und Restaurierung begonnen. Zu den in Wachsmalerei ausgeführten Gemälden gehören eine Darstellung des Moses mit dem goldenen Kalb zu seinen Füßen und des Bonifatius im Bischofsgewand mit der von ihm gefällten Donareiche. Bei diesen handelt es sich um die Kopien von zwei Bildern des Malers Wilhelm von Kaulbach, deren Originale während des Zweiten Weltkriegs in Berlin zerstört wurden. Ein drittes Bild gegenüber dem Eingang zeigt Martin Luther an einem Schreibtisch sitzend. Das vierte Wandbild ist eine Allegorie der Sage. Auf acht Medaillons sind Porträts bedeutender Personen der Reformationszeit dargestellt. Der Porträtkopf Martin Luthers befindet sich auch auf einem Stuckrelief über dem Eingang zum Herrenzimmer. Über der gegenüberliegenden Tür zum Speisezimmer ist ein zweites Relief mit dem Bildnis des Ulrich von Hutten angebracht.Beatrix Draeger: Zu Bedeutung und Schicksal der Wandbilder in Schloß Kartlow. In: Landesamt für Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.): Denkmalschutz und Denkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Band 3, Schwerin 1996, S. 51–54.
Von der Inneneinrichtung ist nach 1945 vieles verloren gegangen. So fehlen die hölzernen Wandverkleidungen der meisten Räume der Hauptetage und ein marmorner Kamin. Die Restaurierung der Kassettendecke mit Stuckelementen im Festsaal konnte bereits abgeschlossen werden.
Vom Mobiliar ist nichts mehr vorhanden. Nur mehrere Terrinen aus einem vielteiligen Service, hergestellt in der königlich-preußischen Porzellanmanufaktur, die 1945 in Kartlow vergraben worden waren, befinden sich heute als Leihgabe im Kreisheimatmuseum Demmin. Das Service, ein Geschenk Friedrichs II. an den Generalmajor Otto Leopold Ehrenreich von Gloeden, kam 1803 als Teil der Mitgift in die Familie von Heyden.Siehe Literatur: Eberhard Rodenberg, Horst Dassow: Cartlow – Kartlow. S. 110., Vgl. Harald von Heyden. In: Christine von Flotow: Deutsches Adelsblatt, I/1980, Westerbrak/Kirchbrak 1980.
Weitere Wandgemälde mit Darstellungen von Frauen in verschiedenen Lebensphasen befinden sich im großen Damenzimmer. Die Szenen mit Literaturinterpretationen gehörten zum Stil der im 19. Jahrhundert beliebten Dichterzimmer. Die Darstellungen sind an Werke der Maler Eduard Bendemann, Moritz von Schwind und Wilhelm von Kaulbach angelehnt. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Bilder unter alten Tapeten wiederentdeckt, mit denen sie bereits 1885 überklebt worden waren.
mini|hochkant|Skizze des Parkentwurfs (überarbeitet). Park