Nürtingen ist eine Mittelstadt in Baden-Württemberg, etwa 30 Kilometer südöstlich von Stuttgart. Sie gehört zur Region Stuttgart und zur europäischen Metropolregion Stuttgart.

Nürtingen ist nach Esslingen am Neckar, Filderstadt und Kirchheim unter Teck die viertgrößte Stadt des Landkreises Esslingen und ein Mittelzentrum innerhalb des Oberzentrums Stuttgart. Bezogen auf die Fläche ist Nürtingen mit knapp 47 km² die größte Stadt des Landkreises. Seit 1. Februar 1962 ist Nürtingen Große Kreisstadt. Mit den Gemeinden Frickenhausen, Großbettlingen, Oberboihingen, Unterensingen und Wolfschlugen hat die Stadt Nürtingen eine Verwaltungsgemeinschaft vereinbart. Bis zur Kreisreform zum 1. Januar 1973 gab es einen Landkreis Nürtingen.

Geographie mini|Altstadt mit Fluss Neckar mini|Nürtingen: Blick vom Kirchturm zum Marktplatz, Juli 2013 mini|Blick vom Kirchturm zur Neckarbrücke, Juli 2013

Geographische Lage Nürtingen liegt etwa acht Kilometer nordwestlich des Albtraufs im Vorland der mittleren Schwäbischen Alb. Die Altstadt liegt auf einem ehemaligen Umlaufberg des Neckars, der von Neckartailfingen kommend im Südwesten das Stadtgebiet erreicht, östlich des Stadtteils Neckarhausen vorbeifließt, dann die Kernstadt westlich streift und schließlich durch Zizishausen in Richtung Nordosten zwischen Unterensingen und Oberboihingen das Nürtinger Stadtgebiet wieder verlässt. Zwischen Oberensingen und Zizishausen mündet die Aich von links in den Neckar.

Nachbargemeinden Folgende Städte und Gemeinden grenzen an die Stadt Nürtingen. Sie werden im Uhrzeigersinn beginnend im Norden genannt:

Unterensingen, Oberboihingen, Kirchheim unter Teck, Dettingen unter Teck, Beuren, Frickenhausen, Großbettlingen, Altdorf, Neckartailfingen, Aichtal und Wolfschlugen (alle Landkreis Esslingen)

Stadtgliederung Zu Nürtingen gehören die ehemaligen Gemeinden und Stadtteile Hardt, Neckarhausen, Nürtingen, Raidwangen, Reudern und Zizishausen. Die Grenzen dieser Stadtteile sind identisch mit denen der bis in die 1970er Jahre selbstständigen Gemeinden gleichen Namens. Diese sechs Stadtteile bilden Wohnbezirke im Sinne der baden-württembergischen Gemeindeordnung und mit Ausnahme des Stadtteils Nürtingen Ortschaften im Sinne der baden-württembergischen Gemeindeordnung mit eigenem Ortschaftsrat und Ortsvorsteher. Die Benennung der Ortschaften erfolgt nach dem Schema „Stadt Nürtingen – Stadtteil …“ Die Ortschaften haben jeweils eine eigene örtliche Verwaltung. (PDF; 73 kB). Zum Stadtteil Hardt gehört der Ort Hardt. Zum Stadtteil Neckarhausen gehört der Ort Neckarhausen. Zum Stadtteil Nürtingen gehören die Stadt Nürtingen und der Ort Oberensingen sowie die abgegangenen Ortschaften Altheim, Neuhäuser und Roßdorf, jeweils Flurnamen, urkundliche Nennungen existieren jedoch nicht. Zum Stadtteil Raidwangen gehören der Ort Raidwangen und das Haus Bahnhof Neckartailfingen sowie die abgegangene Ortschaft Heudorf. Zum Stadtteil Reudern gehört der Ort Reudern. Zum Stadtteil Zizishausen gehört der Ort Zizishausen.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band III: Regierungsbezirk Stuttgart, Regionalverband Mittlerer Neckar. Kohlhammer, Stuttgart 1978, ISBN 3-17-004758-2, S. 219–225. In der Kernstadt Nürtingen werden Wohngebiete mit eigenem Namen unterschieden, deren Bezeichnungen sich im Laufe der Geschichte aufgrund der Bebauung ergeben haben. Hierzu gehören die an die Altstadt angrenzenden Gebiete Galgenberg, Kirchheimer Vorstadt/Vendelau, Kleintischardt/Wörth, Lerchenberg und Steinenberg. Östlich davon liegen der Säer, die Jettenhartsiedlung und das Rieth. Im Süden befinden sich der Ersberg und die Braike sowie die ab den 1950er Jahren entstandenen, räumlich etwas getrennten Siedlungen Enzenhardt und Roßdorf.

Flächenaufteilung

Nach Daten des Statistischen Landesamtes, Stand 2023.Statistisches Landesamt, Fläche seit 1996 nach tatsächlicher Nutzung für Nürtingen.

Raumplanung Nürtingen bildet ein Mittelzentrum innerhalb der Region Stuttgart, deren Oberzentrum Stuttgart ist. Zum Mittelbereich Nürtingen gehören neben Nürtingen noch die Städte und Gemeinden im Südwesten des Landkreises Esslingen, im Einzelnen: Aichtal, Altdorf, Altenriet, Bempflingen, Beuren, Frickenhausen, Großbettlingen, Kohlberg, Neckartailfingen, Neckartenzlingen, Neuffen, Oberboihingen, Schlaitdorf, Unterensingen und Wolfschlugen.

Natur

Geschichte Altertum und Mittelalter Wie zahlreiche archäologische Funde zeigen, war die Gegend des heutigen Nürtingen bereits von den Kelten besiedelt. Während der Römerzeit befand sich auf dem Gebiet unter anderem ein römischer Gutshof Villa Rustica Internetauftritt der Stadt Nürtingen mit Bild, abgerufen am 27. Mai 2010. und eine römische Sigillata-Töpferei (um 200 n. Chr.).Die Manufaktur des Verecundus Internetauftritt der Stadt Nürtingen, abgerufen am 27. Mai 2010.Martin Luik: „Schwäbischer Fleiß“ in der Antike. Die neu entdeckte Sigillata-Manufaktur von Nürtingen (Kreis Esslingen). In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 34. Jg. 2005, Heft 3, S. 129–133 ()

mini|hochkant=1.2|Nürtingen 1683, Forstlagerbuch von Andreas Kieser Erstmals urkundlich erwähnt wurde Nürtingen in einer Urkunde König Heinrichs III. vom 7. September 1046 „Niuritingin“.Landesarchiv Baden-Württemberg i. V., Landkreis Esslingen (Hrsg.): Der Landkreis Esslingen, Ostfildern (Thorbecke) 2009, S. 281 Darin ist ein „curtis nomine Nivritingin“ erwähnt, ein Gut namens „Nivritingin“ („Niuwirtingin“). Dieses "praedium Niordinge" wurde bereits im Jahre 1024 von Beatrix von Oberstenfeld als Heiratsgut an den Grafen Udo von Katlenburg gebracht und von diesem später an König Konrad II. ausgetauscht. Beatrix war eine Tochter des Grafen Adelhard von Oberstenfeld, einem der Stifter des Frauenstifts Oberstenfeld. Die hohe Gerichtsbarkeit über Nürtingen kam mit der Grafschaft Urach von 1254 bis 1265 an den Grafen von Württemberg.Handbuch der historischen Stätten: Bd. 6. Max Miller, Gerhard Taddey (Hrsg.): Baden-Württemberg (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 276). 2. verbesserte und erweiterte Auflage. 1980, ISBN 3-520-27602-X, S. 579 Im September 1284 verkaufte Berthold von Neuffen seinen Besitz „in villa Niwirtingen“ an das Kloster Salem. Ab 1299 begann Württemberg mit dem Ausbau Nürtingens zur Stadt, jedoch zerstörte die Reichsstadt Reutlingen 1311 Nürtingen im Reichskrieg. Um 1335 erhielt Nürtingen die Stadtrechte und war zur Stadt ausgebaut. Der hier geschlossene Nürtinger Vertrag teilte Württemberg 1442 für 50 Jahre in eine Stuttgarter und eine Uracher Grafschaft.

Frühe Neuzeit 1534 befahl der evangelische Herzog Ulrich, dass Württemberg und damit auch Nürtingen gemäß dem Prinzip "Cuius regio, eius religio" von nun an evangelisch sein sollte. 1634 wurde Nürtingen im Dreißigjährigen Krieg durch die nach der Schlacht bei Nördlingen siegreichen Truppen des Kaisers stark verwüstet. Der anschließenden Pest fiel die Hälfte der Einwohner zum Opfer. Einige Gemeinden im Umkreis verloren in dieser Zeit nahezu ihre gesamte Bevölkerung.

1750 wurde die Stadt durch einen verheerenden Brand weitestgehend zerstört. Der Landbaumeister Johann Adam Groß der Ältere, abgerufen am 4. Juli 2013 baute die Stadt wieder auf. Dabei entstand im Wesentlichen das heutige Bild der Altstadt. Groß legte mitten durch das Stadtgebiet ein Achsenkreuz, führte eine Straße vom Rathaus (Neubau von 1808) zum Spital und stellte auch die Verbindung zum Kirchplatz her. Der alte Stadtkern ist in einigen Teilen bis heute erhalten geblieben. Das Nürtinger Schloss diente vom 15. bis zum 17. Jahrhundert den Witwen der Württemberger Fürsten als Alterssitz. In den Jahren von 1770 bis 1773 wurde es abgerissen. Heute erinnern nur noch Namen wie Schlossberg und Schlossgartenstraße daran, dass neben der Stadtkirche St. Laurentius einst ein Stadtschloss stand.

Die erste Realschule Württembergs wurde im Jahre 1783 in Nürtingen gegründet.

19. Jahrhundert Das Amt Nürtingen, seit 1758 Oberamt, wurde 1807, ein Jahr nach der Gründung des Königreichs Württemberg, im Zuge der neuen Verwaltungsgliederung Württembergs um das Oberamt Neuffen erweitert. 1859 bekam Nürtingen durch die Bahnstrecke Plochingen–Immendingen Anschluss an das Streckennetz der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen. Somit entwickelte sich die Oberamtsstadt Nürtingen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Industriestadt. Zunächst war die Textilindustrie vorherrschend, was sich später in Richtung metallverarbeitende Industrie veränderte. Nürtingen war lange Zeit als „Stadt der grauen Dächer“ bekannt, denn von 1872 bis 1975 wurde in Nürtingen Zement hergestellt. Seit 1900 waren die „Portlandzementwerke Heidelberg“ Besitzer des Nürtinger Zementwerks.Vgl. Eberhard Sieber: „'Wir müssen es machen wie Gandhi.' Der Widerstand gegen den Abbau des Dettinger Hörnles“, in: Schwäbischer Heimatbund (Hrsg.): Schwäbische Heimat 4/2007, , S. 406–418. Die am 1. Juni 1900 für den Personenverkehr eröffnete Bahnstrecke Nürtingen–Neuffen wurde ab dem 21. Juni gleichen Jahres auch für Güterverkehr genutzt, um den Kalkstein für den Zement vom Steinbruch „Hörnle“ ins Werk zu transportieren.

NS-Zeit Durch das Gesetz über die LandeseinteilungGesetz über die Landeseinteilung vom 25. April 1938. In: Regierungsblatt für Württemberg. Nr. 9 vom 3. Mai 1938, S. 155 ff., Digitalisat (Württembergische Landesbibliothek) wurde 1938 während der NS-Zeit in Württemberg aus dem Kreis (bis 1934 Oberamt) Nürtingen und dem Kreis (bis 1934 Oberamt) Kirchheim unter Teck der neue Landkreis Nürtingen gebildet.

mini|Erinnerung an dem ermordeten Sintojungen Anton Köhler im Rahmen des „Denk Orts“ in Nürtingen In der Zeit des Nationalsozialismus gab es im Bereich des heutigen Stadtgebiets um die 17 Zwangsarbeitslager und Zwangsarbeiterunterkünfte mit „Ostarbeitern“, Kriegsgefangenen und „Fremdarbeitern“, die in den örtlichen Firmen, beispielsweise der Maschinenfabrik Gebr. Heller, arbeiten mussten.Steffen Seischab (2011): "Ausländische Zwangsarbeiter", in: Reinhard Tietzen (Hrsg.): Nürtingen 1918–1950. Nürtingen/Frickenhausen: Sindlinger-Burchartz 2011, S. 301 und 317 Am heutigen Standort der Realschulen lag das Mühlwiesenlager mit „Ostarbeitern“. Von bis jetzt achtzehn namentlich bekannten Opfern der „Euthanasie“-Morde weiß man, dass sie in Grafeneck oder Hadamar ermordet wurden. Die NSDAP-Kreisleitung der damaligen Oberamts- bzw. Kreisstadt Nürtingen sorgte dafür, dass sämtliche jüdischen Schüler bzw. solche, die als „Halbjuden“ galten, noch vor dem reichsweiten Ausschluss die Schulen verließen.Manuel Werner: Cannstatt – Neuffen – New York. Das Schicksal einer jüdischen Familie in Württemberg. Mit den Lebenserinnerungen von Walter Marx. Nürtingen/Frickenhausen 2005, S. 141 In Nachbarkreisen wie Reutlingen war dies nicht der Fall. Weiter veranlasste sie, dass sämtliche in „Mischehe“ lebenden, von ihr als „Juden“ angesehenen Männer verhältnismäßig früh in Konzentrationslager transportiert und dort umgebracht wurden.Manuel Werner: Cannstatt – Neuffen – New York. Das Schicksal einer jüdischen Familie in Württemberg. Mit den Lebenserinnerungen von Walter Marx. Nürtingen/Frickenhausen 2005, S. 141, in: Nürtinger STATTzeitung Die letzte Jüdin der Stadt, Anna Frank, geborene Herzer, wurde am 15. Oktober 1941 ins Ghetto Haag in Haigerloch deportiert.Manuel Werner: Juden in Nürtingen in der Zeit des Nationalsozialismus. Nürtingen/Frickenhausen 1998, S. 52

mini|Anton Köhler, Sinto, geboren 1932 in Nürtingen, ermordet 1944 in Auschwitz-Birkenau, Bildhauer: Robert Koenig, Projekt Odyssey