mini|Der preußische Feldmarschall und Herzog von Braunschweig: Karl Wilhelm Ferdinand
Der preußische Einmarsch in Holland war eine militärische Intervention Preußens in der Republik der Vereinigten Niederlande in September 1787 unter der Führung von Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel und hatte als Ziel die Entmachtung der Patriotten und Entwaffnung der Freikorps sowie die Wiedereinsetzung Wilhelms V. als Erbstatthalter. Der unmittelbare Anlass war die Verhaftung seiner Gemahlin Wilhelmina von Preußen auf dem Weg nach Den Haag am 28. Juni 1787 in Goejanverwellesluis.
Die Holländer entschieden sich nicht dazu, ihre Häuser und ihre Feinde gleichzeitig zu überfluten, indem sie die Deiche öffneten.BICENTENAIRE DE JAN POTOCKI (1761‑1815) von Marek Dębowski Die Verteidigung gegen ein Heer von 18.000 Soldaten scheiterte.
Vorgeschichte Ursachen Spannungen zwischen Statthalter und Regenten mini|Die Vereinigten Niederlande zwischen 1715 and 1785mini|Schlacht auf der Doggerbank im Vierten Englisch-Niederländischen Krieg
Die Republik der Vereinigten Niederlande wurde Ende des 18. Jahrhunderts von großen innenpolitischen Spannungen geprägt: Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775 bis 1783) drohte das Land zu spalten. Der Statthalter Wilhelm V., ein Enkel Georgs II., stand auf der Seite des britischen Monarchen, den er im Recht sah, die Rebellion in den Dreizehn Kolonien niederzuschlagen. Die sogenannten Regenten, die städtische Führungsschicht, ergriffen dagegen Partei für die amerikanischen Kolonien; von der karibischen Insel Sint Eustatius aus lieferten sie Waffen und Munition an die Unabhängigkeitsbewegung, die mit dem Königreich Frankreich, Großbritanniens Erzrivalen, verbündet war. Dies und der 1780 formulierte Vertrag zwischen amerikanischen und niederländischen Republikanern provozierte das Königreich Großbritannien, den Vereinigten Niederlande im Dezember 1780 den Krieg zu erklären. Damit begann der sogenannte Vierte Englisch-Niederländische Krieg (1780 bis 1784).
Folgen des Vierten Englisch-Niederländischen Krieges mini|Übung eines Freicorps in Sneek von Hermanus van der Velde (1786)
Der Zustand der niederländischen Kriegsflotte war rückständig und so entschied sich der Seekrieg gegen das Königreich Großbritannien in kürzester Zeit. Die Folgen des Vertrages von Paris im Jahr 1784 waren für Amsterdam verheerend, denn Großbritannien konnte nun niederländische Besitzungen an der Ostküste Indiens beanspruchen. Die Vereinigte Ostindische Handelskompanie brach aufgrund der Handelsbestimmungen des Pariser Vertrages zusammen. Da die Vereinigten Niederlande sogar der freien Fahrt britischer Schiffe durch alle von der Republik beherrschten Gebiete zustimmen musste, versiegten die Quellen der niederländischen Wirtschaftsmacht; die weltweite Schifffahrt und der Handel mit den Kolonialreichen in der Neuen Welt und Asien. Der wirtschaftliche Niedergang zementierte endgültig die innenpolitischen Spannungen und brachte neben Erbstatthalter und Regenten schließlich eine dritte politische Bewegung hervor; die der sogenannten Patriotten. mini|Freiwilligenheer der Patriotten in Utrecht am 12. Oktober 1786
Bewegung der Patriotten Die Bewegung der Patriotten ist um 1781, während des Englisch-Niederländischen Krieges und des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges entstanden. Von großer Bedeutung waren die vorherrschenden Ideen, die ausgeschlossenen Bürger in die Verwaltung und Politik einzubeziehen. Die Patriotten forderten zum einen vom Erbstatthalter Einschränkungen seiner de facto monarchischen Vorrechte und zum anderen von den Regentenfamilien mehr Mitspracherechte im Sinne einer repräsentativen Demokratie. Die Erbitterung über die wirtschaftlichen Folgen des Vierten Englisch-Niederländischen Krieges sorgte dafür, dass die Patriottenbewegung sich mehr den Vereinigten Staaten und Frankreich als Großbritannien annäherte. Mit französischer Hilfe sollte der britische Einfluss zurückgedrängt werden. Dies bedeutete jedoch auch, den Erbstatthalter, Wilhelm V., der von den Briten unterstützt wurde, abzusetzen. Es begann sich somit abzuzeichnen, dass die Entscheidung über den Erhalt des Erbstatthalteramtes einen Bürgerkrieg in den Niederlanden auslösen konnte. Drei der sieben Provinzen waren orangistisch, Friesland, Zeeland und Gelderland; drei patriottisch, Groningen, Holland und Overijssel, und um die Provinz Utrecht wurde gestritten.
Entwicklung zur Bürgerkriegsgefahr Militärischer Zusammenstoß mini|König Friedrich Wilhelm II. von Preußen mini|Wilhelmine von Preußen
In September 1785 entzogen die Staaten von Holland und Westfriesland dem Erbstatthalter seine Kommandogewalt über die Garnison von Den Haag.C.H.E. de Wit (1974) De Nederlandse revolutie van de achttiende eeuw 1780-1787Patriotten verzetten zich tegen het Oranjehuis Aufgrund einer treuen Gefolgschaft und dank britischer Hilfszahlungen konnte Wilhelm V. dennoch eine beachtliche Privatarmee aufstellen. Aber von den Patriotten kontrollierte Städte wie Dordrecht, Deventer und Utrecht organisierten mit Freiwilligen den Aufbau einer Nationalarmee. Obwohl die Truppen Wilhelms V. sich bei Kämpfen um Elburg und Hattem durchsetzen konnten, war die Gesamtsituation noch keineswegs entschieden. 1786 wurde Wilhelm V. als Kapitän-General von Holland und Erbstatthalter abgesetzt und ersetzt von Rheingraf von Salm. Wollte Wilhelm V. seine Position also wiedererlangen, war er auf die militärische Unterstützung seines Schwagers, König Friedrich Wilhelm II. von Preußen, angewiesen. Wilhelms Gemahlin Wilhelmine war die Schwester des preußischen Königs. So schrieb sie am 6. Februar 1787 in Nimwegen, dass sie eine Abdankung einer Kompromisslösung vorziehe:
Preußisch-Französische Verhandlungen Trotz der offensichtlichen Schwäche Frankreichs hielt Friedrich Wilhelm II. an seiner Vermittlerrolle fest. Der König folgte hier den Ratschlägen, die ihm sein Minister Karl Wilhelm von Finckenstein und sein Onkel Heinrich von Preußen gaben. Nur der Kriegsminister Ewald Friedrich von Hertzberg empfahl dem Monarchen eine Intervention. Hertzberg teilte Wilhelmine brieflich mit, dass der preußische König ihr empfehle, auf Rechte des Erbstatthalteramtes zu verzichten. Dieser Kompromiss könne dann dazu beitragen, dass ihr Amt fortbestehen könne. Um dieses Ziel zu erreichen, würden, so die Strategie Friedrich Wilhelms II., unter gemeinsamer französischer und preußischer Vermittlung die Verhandlungen mit jeder einzelnen Provinz der Republik erfolgen. Allerdings verweigerte noch im Mai 1787 die Provinz Holland eine französisch-preußische Vermittlung. Das bisherige Konzept der preußischen Regierung war damit vorerst gescheitert.
Staatsstreichvorbereitungen Da das französische Königreich wegen seiner finanziellen Lage keine Armee einsetzen wollte, bereiteten die Anhänger Wilhelms V. einen Staatsstreich vor. Zu diesem Zweck bat Wilhelmine den preußischen König, wenn auch erfolglos, um die Leihe von Kriegsgerät aus der Festung Wesel. Friedrich Wilhelm II. erklärte dies noch immer aus Rücksicht auf Frankreich für undurchführbar. Um trotzdem noch einen großen pro-oranischen Aufstand in Den Haag zu provozieren, verkündeten Flugschriften und Zeitungen im Juni 1787, dass Wilhelm V. mit 9.000 bis 10.000 Soldaten zurückkehre, um sein Erbstatthalteramt wiederherzustellen. Aber zu einem Marsch Wilhelms V. auf Den Haag sollte es nicht mehr kommen.
Der Weg zur preußischen Intervention mini|Gefecht zwischen Patriotten und Orangisten an der Kattenburger Brücke in Amsterdam, 30. Mai 1787 mini|Erzwungener Halt der Reisekutsche von Prinzessin Wilhelmina an der Vlist am 28. Juni 1787 mini|Verhandlungen zwischen Prinzessin Wilhelmina und der Verteidigungskommission am selben Abend in Goejanverwellesluis von Reinier Vinkeles.O. van Nimwegen (2023) Willem V. De laatste stadhouder van Nederland 1748-1806, S. 331 mini|Parade der Freicorps und Auxiliartruppen in Utrecht am 2. September 1787. Darstellung von Reinier Vinkeles und Georg Balthasar Probst des Rheingrafen von Salm als Oberbefehlshaber in der Mitte (K)
Reise und Wartezeit Wilhelmines Um den Bürgerkrieg zu verhindern, plante Wilhelmine von Preußen einen Schachzug, der den preußischen König doch noch zur militärischen Intervention zwingen sollte. Am 26. Juni 1787 wollte Wilhelmine provokativ von Nijmegen nach Den Haag reisen. Truppen sollten die Kutschen dabei nicht sichern. Nach zwei Dritteln der Strecke wurden die Wagen an der Grenze von Holland bemerkt und nach dem Übersetzen mit der Fähre über den Lek bei Schoonhoven an der Vlist, einem kleinen Fluss, angehalten. Die Insassen wurden durch ein Patriotten-Freikorps aus Gouda nach Goejanverwellesluis geführt und zum Warten aufgefordert. Diese „Festnahme“, die real keine war, da die Prinzessin ja nur die Entscheidung der Staaten von Holland und Westfriesland über ihre Weiterreise abwarten sollte, um dann ihre Fahrt fortsetzen zu können, schilderte sie Friedrich Wilhelm II. als „Inhaftierung“ mit „unwürdiger Behandlung“. In Wahrheit wurde Wilhelmine für die Nacht in Schoonhoven untergebracht und standesgemäß behandelt; eine Genehmigung zur Weiterfahrt nach Den Haag erhielt sie nicht. Am 29. kehrte die Prinzessin über Leerdam nach Nimwegen zurück und berichtete ihrem Bruder über das Ereignis. Sie forderte als Genugtuung, dass alle Freikorps entmachtet und die alten Verhältnisse wiederhergestellt würden.
Reaktion der preußischen Regierung Aufgrund der Reisedauer der Eilboten wird Friedrich Wilhelm II. vermutlich am 30. Juni 1787 über den Vorgang von Wilhelmines Arretierung informiert gewesen sein. Dies verschaffte seiner Regierung genügend Zeit, um die Konsequenzen eines außenpolitischen Kurswechsels und der militärischen Option zu kalkulieren. Dennoch galt eine bewaffnete Intervention im Rechtsverständnis der Zeit als „ultima ratio“ bzw. als „äußerstes Mittel“. Der König musste einen militärischen Eingriff also auch rechtsphilosophisch begründen können. Er tat dies, indem er die verhinderte Reise und Arretierung seiner Schwester als eine Ehrverletzung der gesamten Hohenzollern-Dynastie darstellte. Die Unantastbarkeit des Königshauses war somit in Frage gestellt worden und konnte einen Feldzug rechtfertigen, wenn die Provinz Holland eine Entschädigung verweigern sollte.Friedrich Wilhelm II. an den preußischen Gesandten in Paris, Graf von der Goltz, Berlin 4.7.1787, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, BPH, Rep. 48 D, Nr. 5a, abgerufen am 25. November 2021 Bereits am 3. Juli 1787 ließ der König Truppen im preußischen Herzogtum Kleve zusammenziehen, das im Osten direkt an die niederländische Provinz Geldern angrenzte. Um aber einen Krieg mit Frankreich zu verhindern, testete Berlin zunächst noch am Verhandlungstisch, wie stark das Bündnis zwischen Paris und Den Haag im Angesicht der militärischen Bedrohung tatsächlich noch war. Sollten Frankreich tatsächlich die wirtschaftlichen Mittel fehlen, Truppen in die Niederlande zu entsenden, konnte die preußische Regierung mit einem schnellen militärischen Erfolg rechnen. Da die Patriotten von Friedrich Wilhelm II. nicht als legitime Regierungsgewalt anerkannt wurden, hätte nicht einmal eine Kriegserklärung ausgesprochen werden müssen.
Annäherung zwischen Preußen und Großbritannien