mini|Autor Ernst Jünger (rechts) und Verleger Ernst Klett (links) in den 1980er Jahren Eumeswil ist ein 1977 erschienener utopischer Roman von Ernst Jünger. Er spielt in einer nicht genau bestimmten Zukunft in dem fiktiven Stadtstaat Eumeswil an der nordafrikanischen Küste. Der Ich-Erzähler Martin „Manuel“ Venator ist Historiker und stammt aus einer alten Gelehrtenfamilie. Er hält deren unreflektiertes politisches Engagement für überholt und tritt als „Nachtsteward“ in den Dienst des Condors, des Tyrannen von Eumeswil. Mit diesem begibt er sich schließlich auf eine Expedition in die Wälder, von der er nicht zurückkehrt. Martin Venator beschreibt sich als „Anarch“, der politische Entwicklungen zwar aus der Nähe beobachtet, sich innerlich aber aus ihnen heraushält und sie nicht zu „seiner Sache“ macht. Die Begründung und Veranschaulichung dieses Lebenskonzeptes nimmt in dem Werk einen breiten Raum ein. Viele Grundgedanken des Romans, aber auch diverse konkrete Elemente der geschilderten Dystopie schließen an frühere Werke Jüngers an.

Die Welt von Eumeswil In dem Roman führte die Entwicklung der Technik nach einem Zeitalter der Weltkriege im 21. Jahrhundert zur Bildung eines Weltstaates. Der zerfiel dann in mehrere Herrschaftsgebiete, die als Diadochenreiche bezeichnet werden. Bei Eumeswil handelt es sich um einen kleinen Staat, der von diesen benachbarten größeren Reichen – etwa denen des Gelben und des Blauen Chans – abhängig ist. In der Stadt Eumeswil wechseln sich von Zeit zu Zeit auf gewaltsame Art und Weise republikanische Systeme, in denen die Regierung von Tribunen ausgeübt wird, mit tyrannischen Herrschaften ab.

mini|Blick über die Bucht von Agadir auf die Ruine der dortigen Kasbah Zur geografischen Lage heißt es: „Das Gebiet grenzt im Norden an die See; je nach Laune glaube ich manchmal am Mittelmeer, manchmal am Atlantik zu sein. Nach Süden verliert es sich in die Wüste“ (S. 46). Der Name leite sich vom hellenistischen Feldherrn Eumenes von Kardia her (S. 86). Konkretes Vorbild Jüngers für die Schilderung der fiktiven Stadt Eumeswil war die marokkanische Hafenstadt Agadir, die der Autor 1969 erstmalig besucht hatte, im Mai und Juni 1975 während der Arbeiten am Roman noch einmal ausgiebig studierte und im Januar 1977, also im Erscheinungsjahr von Eumeswil, mit einem französischen Fernsehteam besichtigte.Heimo Schwilk (Hrsg.): Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten. Klett-Cotta, Stuttgart 1988, ISBN 3-608-95432-5, S. 272–273 und S. 312.

Im Roman gibt es zwei Parallelwelten. Zum einen in den Katakomben, in die zahlreiche Wissenschaftler ausgewandert sind, ein anscheinend weltweites und schon seit Generationen bestehendes unterirdisches System, zum anderen im „Wald“, der einerseits der tropische Regenwald ist, andererseits eine fantastische Region mit Fabelwesen, aus der von Reisenden wundersame Erlebnisse berichtet werden.

Inhalt Die Lehrer Martin Venator ist Dozent für Geschichte und arbeitet zugleich als „Nachtsteward“, eine Art Barkeeper (S. 71), im Dienst des Condors, des Tyrannen von Eumeswil. Er hat dabei unter anderem einen „knapp anliegenden“ blaugestreiften Anzug ohne Unterwäsche und ein „lächerliche(s) Mützchen“ zu tragen (S. 16). Der Condor nennt ihn außerdem „Manuel“, weil das besser klinge. „Manuel“ fühlt sich wohl in seiner Haut (S. 19).

Einer seiner Lehrer ist der Historiker Vigo, dessen Assistent Venator ist und auf den er seine Fähigkeit zum unbefangenen, von eigenen historischen Verwurzelungen unabhängigen Blick auf die Geschichte zurückführt. Vigo wird von Kollegen und Presse verspottet, weil er eine metaphernreiche Sprache verwendet und mythologische Vergleiche zur Interpretation der Geschichte heranzieht. Er hatte Martin Venator geraten, den Posten als Nachtsteward anzunehmen, weil er im Umgang mit den Machthabern Erkenntnisse für seine historischen Arbeiten gewinnen könne.

Weitere Lehrer sind der Philosoph Bruno, der unter anderem Zugang zu den Katakomben hat, und der Grammatiker Thofern, der auf einer präzisen Verwendung der Sprache besteht, wo man sie in Eumeswil weitgehend vernachlässigt.

„Manuels“ Vater und Bruder, liberale Historiker, die auf der Seite der Tribunen standen, sind entsetzt, dass er in den Dienst des verhassten Tyrannen geht. Er hält umgekehrt ihre politischen Überzeugungen für überkommen und hohl. Die Familienmitglieder haben sich nicht viel zu sagen. Martin Venator war ein unerwünschtes zweites Kind; sein Vater wollte ihn abtreiben lassen. Er spricht von seinem Vater als seinem „Erzeuger“.

Seine Dienste als Barkeeper des Condors nutzt „Manuel“, um alle dortigen Gespräche genau zu verfolgen. Während er äußerlich völlig unbeteiligt erscheint, bemüht er sich, alles Gehörte aufzunehmen und zu behalten. Zu diesem Zweck verbirgt er in den Getränke-Abrechnungen der Nachtbar eine Geheimschrift, indem er bestimmte Buchstaben stärker aufdrückt und dabei mit einem Punktsystem Kernelemente des Gehörten verschlüsselt. Ergänzend dazu hat er von seinem Lehrer Bruno aus den Katakomben einen besonderen Stift mitgebracht bekommen, der anscheinend mit Hilfe psychoaktiver Substanzen die Aufnahmefähigkeit bzw. Erinnerungsleistung des Notierenden steigert (S. 66–68).

Abgrenzung und Sicherheit Bei einem Putsch hätte „Manuel“ mit zwei Kabinenstewards einen kleinen Posten namens Entenhütte zu bewachen. Er überlegt, dass diese Mitstreiter unzuverlässig sind und er sie entweder entlassen oder umbringen müsste. Bei verschiedenen Wanderungen entdeckt er einen verlassenen, überwucherten Bunker und richtet ihn über Monate hinweg unauffällig mit Lebensmitteln, Waffen und anderen Gegenständen ein. Falls der Condor gestürzt würde, will er dort eine Zeit lang untertauchen.

Nachtbar-Notizen miniatur|Die Kasbah von Sousse Der Condor residiert auf der Kasbah, einer Festung in der Nähe der Stadt. Gelegentlich begibt er sich abends noch in die Nachtbar, wo „Manuel“ bedient. An den meisten Abenden hat „Manuel“ frei. Wenn der Condor erscheint, dann meist mit seinem Sicherheitschef Domo und seinem Arzt Attila. Mitunter sind weitere aus dem Gefolge dabei, selten ein Staatsgast wie der Gelbe Chan. Condor, Domo und Attila besprechen des Öfteren, wie auf Vorgänge in Eumeswil zu reagieren sei, sie „sehen in der Tyrannis den einzigen Rahmen, in dem die atomisierte Masse in Form gehalten und der Kampf aller gegen alle verzögert werden kann“ (S. 179).

Als ein Journalist einen satirischen Artikel über den Condor als Geier und Aasfresser schreibt, lassen sie mitten in der Nacht einen Vogelkundler auf die Kasbah kommen, der eine möglichst positive Beschreibung des Kondors als besonders großen und majestätischen Vogel zu liefern hat. Das Bild des Aasfressers wird dabei nicht abgelehnt, sondern nur positiv umgedeutet.

Bei diesen und anderen Diskussionen wird deutlich, dass „Manuel“ in der Nachtbar nicht nur die praktische Ausübung der Macht studieren kann, sondern dort auch wertvolle Gedanken und Analysen ausgetauscht werden. Während die Gedankenwelt des Domo sich weitgehend auf die pragmatischen Anfordernisse der Politik beschränkt (S. 179 und 199), hat der Condor „Sinn für Geschichte und ihre Verflechtung“ (S. 197) sowie eine Faszination für vergangene Epochen und historische Parallelen. Attila schließlich hat als einziger der drei einen Blick, der über geschichtliche Entwicklungen hinaus geht und mythische, symbolische, kosmische Zusammenhänge mit einschließt (S. 177–180). Da „Manuel“ der Ansicht ist, dass in der Spätzeit Eumeswils keine geschichtliche Entwicklung mehr möglich ist (siehe unten zur Posthistoire), sind Attilas Gedanken für ihn demnach besonders interessant.

Ein Tag auf der Kasbah „Manuels“ Tag beginnt damit, dass er sich ausführlich vor einem Spiegel betrachtet und seine „Präsenz“ überprüft; dann wartet ihm ein Kabinensteward auf. Dies war zunächst der Norweger Dalin, nun ist es mal Kung, ein chinesischer Koch, mal Nebek, ein gewalttätiger Libanese.

Das Kapitel verfolgt nicht wirklich „Manuels“ weiteren Tagesablauf, sondern es schließen sich ausführliche Exkurse an die drei Kabinenstewards an. Dalin beging regelmäßig Diebstähle und Sabotage um der bloßen Zerstörung willen. Er starb, als er einen Koffer stahl, der zufällig eine Bombe enthielt. Zu Dalins Tod wird der Anwalt beschrieben, der die Bombe in seinem Koffer platziert hatte, daraufhin das Rechtssystem Eumeswils, in dem ein-, zweimal im Jahr zur Demonstration die Todesstrafe vollstreckt wird, daraufhin die Inseln, auf die die jeweiligen politischen Gegner verbannt werden, daraufhin, wie sich auf einer dieser Inseln, auf der die Verbannten unter sich bleiben, eine Gesellschaft im Kleinen entwickelt hat. Es wird von Kungs kulinarischen Vorlieben und von seiner Frau berichtet. Nebek schließlich vertraut „Manuel“ an, wie er als Kind einen Koranlehrer bewundert hatte, der andere Schüler prügelte. Die Beschreibung entspricht der Zaddecks in Die Zwille.

miniatur|Max Stirner: eine Skizze von Friedrich Engels, nach 50 Jahren aus der Erinnerung gezeichnet. Laut Zeitgenossen sieht diese Zeichnung Stirner nicht ähnlich Die einzige Beschäftigung, der „Manuel“ im Lauf dieses Tages nachgeht, sind historische Studien. Das Hauptinstrument dafür ist ein sogenanntes Luminar (siehe unten), von dem auf Anfrage Informationen zu historischen Ereignissen ausgegeben oder diese vorgespielt werden. Er lässt sich beispielsweise in die Berliner „Weinstube von Jacob Hippel“ während der Revolutionen 1848/1849 führen. Sein Ziel ist Max Stirner: „Ich sehe ihn sitzen und rauchen, ein zartes Profil. Die Skizze, die Friedrich Engels in London entwarf, trifft nur die Mittelpartie: die gerade Nase und den feinen Mund. Sie wurde im Luminar durch Medien revidiert. Auch hier, doch weniger fliehend, die hohe Stirn.“ (S. 320) Stirners Werk Der Einzige und sein Eigentum liefert ihm das Vorbild für die Selbstbeschreibung als „Anarch“. Daraus werden unter anderem zwei Axiome angeführt: „1. Das ist nicht Meine Sache. 2. Nichts geht über Mich.“ (S. 324)

Zu Bett gegangen stellt „Manuel“ noch Überlegungen zu den Katakomben und zum Wald an: „Auch in den Katakomben geschieht mehr, als daß Wissen gehortet und verwaltet wird. Man rüttelt nicht am Bewusstsein, sondern an der Art. Im Wald soll eine neue Isis gezeugt, durch die Unterirdischen Prometheus vom Kaukasus befreit werden.“ (S. 338) „Wenn ich es recht beurteile, sind zwei Schulen am Werke; die eine will das Großhirn aufstocken, während die in den Wäldern es in das Stammhirn versenken will.“ (S. 339)

Ein Tag in der Stadt „Manuel“ besucht regelmäßig die Prostituierte Latifah. Weiter betreibt er Studien mit der Studentin Ingrid, deren Arbeit er als Dozent betreut und mit der er ebenfalls ein Verhältnis hat.

Vom Walde An einem weiteren Abend berichtet Attila von einer Expedition in den südlichen Wald, von fantastischen neu entstandenen Pflanzen und Tieren und märchenhaften Traumerlebnissen. Ihm sei erschienen, „daß eine Sensibilität, wie wir sie nur von den Mimosen kennen, hier allgemein geworden war“ (S. 369). Züchtungen, wie sie die Naturwissenschaftler seit Langem vergeblich versuchten, seien hier gleichsam mühelos von sich gegangen. Und diese paradiesische Lebenskraft habe Attila dort nicht nur beobachten können: „Ich spürte auch mich selbst in die Verwandlung einbezogen“ (S. 368).

Nach seiner Durchquerung des Waldes sei Attila an den jenseits davon liegenden „chaotischen Strand“ (S. 371) gelangt. Dabei handele es sich um große Deponien, in denen die Menschen vom Schutt vergangener Kulturen leben, den sie nicht mehr bewältigen könnten: „Sie schienen kaum zu leben, eher traumhaft zu dämmern, wie damals, bevor Prometheus ihnen das Feuer spendete“ (S. 372). Sie wohnen in ausgescharrten Höhlen, ernähren sich als primitive Jäger und Sammler und sind nicht einmal mehr in der Lage, einfache Werkzeuge aus Stein oder Holz herzustellen.