Istarawschan (, ), englische Umschrift Istaravshan, bis zum Jahr 2000 Ura-Tjube (Ura Tube, Ura-Tiube, Ura-Tyube, , tadschikisch , Uroteppa, Ura-Teppa), ist die Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts (nohija) in der Provinz (vilojat) Sughd im Norden Tadschikistans. Nach der offiziellen Schätzung von 2007 leben 60.200 Einwohner in der Stadt und 199.000 im Distrikt.
Vermutlich lag an der Stelle der heutigen Stadt die im 6. Jahrhundert v. Chr. zum Achämenidenreich gehörende Siedlung Kuruschata (Kurukada), die in griechischen Quellen als Cyropolis (Kiropol) erwähnt wird. In der Antike und im Mittelalter war die mehrfach von fremden Eroberern zerstörte Stadt ein wohlhabendes Handelszentrum an der Seidenstraße. Aus dem 16. bis 19. Jahrhundert blieben mehr Moscheen und Mausoleen als in anderen tadschikischen Städten in der ausgedehnten Altstadt erhalten. Vom zentralen ehemaligen Zitadellenhügel Mugh Teppa ist die gesamte Innenstadt zu überblicken.
Lage mini|Vom Zitadellenhügel Mugh Teppa nach Südwesten Istarawschan liegt auf einer Höhe von 992 Metern in einer Ebene nördlich der über 4000 Meter hohen Turkestankette am südwestlichen Rand des Ferghanatals, das – geografisch und kulturell im Herzen Zentralasiens gelegen – dem Lauf des Syrdarya nach Osten folgt. Die einzige Straße (M34) von der Landeshauptstadt Duschanbe führt an der ersten Stadt nördlich der Passhöhe, Schahriston, vorbei, durchquert 27 Kilometer danach Istarawschan und erreicht 78 Kilometer nordöstlich die Provinzhauptstadt Chudschand. Eine Nebenstraße zweigt in südöstlicher Richtung zu den Dörfern Tschorbogh und Basmanda am Fuß der Turkestankette ab. Die direkte Straße zur wenige Kilometer westlich gelegenen usbekischen Grenze ist unterbrochen und die Fortsetzung der M34 von Istarawschan nach Norden zum tadschikischen Dorf Zafarobod führt ein Stück durch usbekisches Gebiet und anschließend weiter nach Taschkent. Der nächste allgemein offene Grenzübergang nach Usbekistan befindet sich in Oybek, 60 Kilometer nordwestlich von Chudschand.
Ab dem Beginn der christlichen Zeitrechnung lag Istarawschan an einem durch Sogdien verlaufenden Abschnitt der Seidenstraße, der von Samarkand nach Istarawschan und etwa 35 Kilometer nordöstlich von hier zu einer befestigten Stadt mit dem heutigen Namen Schirin führte. Der Ort wird in der Volkserzählung mit der Liebesgeschichte von Farhad und Schirin verbunden, er liegt vier Kilometer nordwestlich des Dorfes Kurkat, südlich der usbekischen Stadt Bekobod.Northern Tajikistan, the middle of 1st millenium. National Museum of Antiquities of Tajikistan Schirin könnte nach Ansicht von Igor V. P’yankov in zeitgenössischen Quellen mit dem persischen Namen Kuruschata und später mit dem lateinischen Namen Cyropolis erwähnt worden sein.Igor V. P’yankov: Cyropolis. In: Encyclopædia Iranica. Die Festung war der nördlichste Ort der frühmittelalterlichen Region Usruschana, zu der auch Istarawschan gehörte. Von dort folgte die Seidenstraße dem Syrdarja nach Osten über Chudschand, Isfara und Osch nach Kaschgar.
Das Ferghanatal, das ohne die seit der Antike existierenden Bewässerungskanäle eine wüstenartig trockene Landschaft wäre, gehört mit durchschnittlich 360 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Regionen Zentralasiens. Die Oase von Istarawschan erhält vor allem Wasser aus dem drei Kilometer südlich des Stadtzentrums gelegenen Kattasai-Stausee, der saisonabhängig vom Kattasai-Fluss aus den Turkestanbergen gespeist wird. Das Fassungsvermögen des ab 1965 angefüllten Stausees beträgt 60 Millionen Kubikmeter.Syrdarya Basin Water and Energy Complex. In: Daene C. McKinney, Amirkhan K. Kenshimov (Hrsg.): Optimization of the Use of Water and Energy Resources in the Syrdarya Basin under Current Conditions. Band I: Regional Groups. U. S. Agency for International Development, Juni 2000, S. 47 (caee.utexas.edu). Der Stausee soll Überschwemmungen durch den Kattasai verhindern, der 1947 mit einer Schlammwelle die Innenstadt verwüstet hatte. Der See dient zugleich als Naherholungsgebiet.
Der Distrikt (nohija) Istarawschan setzt sich aus zehn Dörfern zusammen, die jeweils einen Subdistrikt (dschamoat) bilden. Im Westen grenzt der Distrikt an Usbekistan, im Norden an den Distrikt Zafarobod, im Osten an den Distrikt Ghonchi und im Süden an den Distrikt Schahriston. Wie Schahriston exportiert der Distrikt Istarawschan hauptsächlich Kartoffeln.
Geschichte mini|2002 anlässlich der 2500-Jahr-Feier der Stadtgründung auf dem Mugh Teppa gebautes Tor im Stil der mittelalterlichen Zitadelle. Im Ferghanatal begann die Eisenzeit im 8. Jahrhundert v. Chr. Mehrere städtische Siedlungen wurden in den folgenden Jahrhunderten am Mittellauf des Syrdarja gegründet, darunter Nurtepe am Nordwestrand der Oase von Istarawschan. Als im Herbst 539 v. Chr. die persischen Achämeniden unter Kyros die Stadt Babylon unter ihre Kontrolle gebracht hatten, befand sich das gesamte Gebiet von Kleinasien bis Mesopotamien in ihrem Machtbereich. Ab dem folgenden Jahr konzentrierte sich Kyros auf die Ausdehnung der nördlichen Grenze seines Reiches und drang über Baktrien bis Sogdien und nordwestlich bis Choresmien vor. Im Nordosten wurde das persische Reich von den Massageten und Saken bedroht. Um sich vor den ständigen Angriffen dieser Reitervölker zu schützen, ließ Kyros eine Reihe von befestigten Siedlungen errichten. Hierzu gehörte die Festung Kuruschata in der Nähe des Jaxartes, die nach persischen Quellen des 6. Jahrhunderts v. Chr. mit einem dreifachen Mauerring gesichert war. Kuruschata (Kurukada) war im Achämenidenreich die Hauptstadt der Region Usruschana und war vermutlich derselbe Ort, den Alexander der Große 329 v. Chr. eroberte und den griechische Autoren als Cyropolis bezeichneten. Alexander soll es nicht gelungen sein, die Stadt beim ersten Ansturm einzunehmen. Erst nachdem ein Informant die Angreifer auf das offene Wassertor aufmerksam machte, seien die Truppen in die Stadt gelangt und hätten die Haupttore geöffnet. Bis 327 v. Chr. wurde Alexander in Sogdien festgehalten, um drei Aufstände niederzuschlagen, bei denen nach Angaben des griechischen Geschichtsschreibers Diodor über 120.000 Menschen getötet wurden.Vadim M. Masson: Das Land der tausend Städte. Baktrien – Choresmien – Margiane – Parthien – Sogdien. Ausgrabungen in der südlichen Sowjetunion. Udo Pfriemer, Wiesbaden/Berlin 1987, S. 99. Während Igor V. P’yankov diesen Ort eher an der Stelle der Ausgrabungsstätte Schirin lokalisieren möchte, sieht die Mehrheit der Autoren in Kuruschata den Ursprung von Istarawschan.Boris I. Marshak, N. N. Negmatov: Sogdiana. In: B. A. Litvinsky (Hrsg.): History of Civilizations of Central Asia. The crossroads of civilizations: A.D. 250–750. Band III. (= Multiple History Series.) UNESCO Publishing, Paris 1996, S. 262 ( PDF);M. A. Dandamayev: Media and Achaemenid Iran. In: János Harmatta (Hrsg.): History of Civilizations of Central Asia. The development of sedentary and nomadic civilizations: 700 B.C. to A.D. 250. Band II. (= Multiple History Series.) UNESCO Publishing, Paris 1994, S. 44.
Laut dem chinesischen Geschichtswerk Shiji, das vor 90 v. Chr. abgefasst wurde, waren unter den Händlern, die nach China reisten, auch einige Sogdier. Es gibt archäologische Hinweise, die sich mit den Informationen im Hou Hanshu decken, über einen etwas umfangreicheren Handel auf der Nordroute vom Schwarzen Meer durch die Steppe nach China ab dem 2. Jahrhundert n. Chr.Étienne de La Vaissière: Sogdian Traders. A History (= Handbook of Oriental Studies. 8. Abteilung: Central Asia. Band 10). Brill, Leiden/Boston 2005, S. 38 f. Im 2. Jahrhundert n. Chr. war die Stadt von einer sechs Kilometer langen Umfassungsmauer umgeben.
Im frühen Mittelalter ging die Bedeutung von Istarawschan zurück und die Siedlung Bundschikat wurde unter einer lokalen Fürstenfamilie, deren Herrscher im 8. und 9. Jahrhundert den Titel Afschin trugen, zur Hauptstadt von Usruschana ausgebaut. Die Blütezeit dieser großen befestigten Stadt mit einigen Palästen wie Tschilhudschra und Urtakurgan in der Peripherie dauerte vom 7. Jahrhundert bis zur ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts.
mini|Altstadtgasse mit lehmverputzten Häusern. Die Erdgasleitungen aus sowjetischer Zeit sind stillgelegt. Die lokalen Fürsten standen vom Ende des 5. Jahrhunderts bis zum 6. Jahrhundert unter der Oberherrschaft der Hephtaliten und vom 7. Jahrhundert bis zum Anfang des 8. Jahrhunderts unter der Herrschaft von Turkvölkern, die ihre Macht an arabische Herrscher verloren. Das nach dem Tod des arabischen Kalifen Qutaiba ibn Muslim 715 entstandene Machtvakuum füllten lokale Fürsten. In der Folgezeit wurde die Region in langjährige Machtkämpfe mit den Abbasiden verwickelt, die Usruschana zu einem Teil ihres Kalifats machten und um die Mitte des 9. Jahrhunderts begannen, ihren muslimischen Glauben in Usruschana mit mehr Nachdruck als zuvor durchzusetzen. Um 1220 zerstörten die Truppen Dschingis Khans die Stadt, brachten einen großen Teil der Einwohner um oder versklavten sie. Im 14. Jahrhundert wurde die Stadt unter den Timuriden wiederaufgebaut und erhielt nun den Namen Ura-Teppa (Ura-Tjube). Einige nomadisierende mongolische Gruppen, die im 13. Jahrhundert von der Mongolei nach Westen zogen und unter dem Namen Mangit bekannt waren, ließen sich ab dem 14. Jahrhundert unter anderem im Gebiet von Transoxanien nieder, wo sie die regionale Turksprache annahmen und im 15. Jahrhundert Nogaier genannt wurden. Ein Anführer einer solchen Gruppe namens Khoja (Khwaja) Qazi Manghit wurde 1503 Herrscher von Ura-Teppa. Dies geschah, bevor die usbekische Dynastie der Schaibaniden im frühen 16. Jahrhundert die Kontrolle über ganz Transoxanien übernahm.
Ab 1709 bis 1876 existierte im Ferghanatal das Khanat Kokand, die lokalen Herrscher in der Stadt waren die Yüz-Emire.Jürgen Paul: Zentralasien. Frankfurt am Main 2012 (Neue Fischer Weltgeschichte, Band 10), S. 358. Faktisch ab 1747, offiziell ab 1756, regierten von Buchara aus die Mangiten als eine von Muhammad Rahīm (reg. 1753–1758) begründete Dynastie das Khanat von Buchara.Anke von Kügelgen: Manghits. In: Encyclopædia Iranica. Muhammad Rahīm kämpfte mehrfach gegen usbekische Stammesführer und unter anderem gegen die lokalen Herrscher von Ura-Teppa, Nurota und Hissor. Im Jahr 1754 taten sich die Khane von Buchara und Kokand, Muhammad Rahīm und Irdāna, zusammen, um gegen Ura-Teppa vorzugehen. Durch den Einsatz von Muhammad Amīn aus Hissor, der 8000 Mann zur Unterstützung der belagerten Stadt entsandte, konnte Ura-Teppa vor der Eroberung bewahrt werden und im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts seine Unabhängigkeit bewahren.
Die ständigen Auseinandersetzungen zwischen den Khanaten und den regionalen Machtzentren hielten im 19. Jahrhundert an. Die Städte des Ferghanatals mit ihren begehrten bewässerten Feldern im Umland gerieten mehrfach wechselnd unter die Kontrolle des einen oder des anderen Khanats. Ura-Teppa war nach einem Reisebericht von 1843 von einer Schutzmauer aus Lehm umgeben. Gebieter über die Stadt war zu dieser Zeit Khajeh Mahmud Khan, ein Usbeke aus Samarkand, der nominell die Vorherrschaft von Buchara anerkannte.Mir Izzet Ullah: Travels beyond the Himalaya. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland. Band 7, Nr. 2, 1843, S. 283–342, hier S. 327 .