Hubert Groß (* 15. April 1896 in Edenkoben; † 5. Februar 1992 in Augsburg) war ein deutscher Architekt und Baubeamter, Stadtbaurat in Würzburg und 1939/1940 Stadtplaner im besetzten Warschau.
Leben Jugend und Studium Groß wurde als Sohn eines Schreiners geboren. Er besuchte das Progymnasium in seinem Geburtsort und das humanistische Gymnasium in Neustadt an der Weinstraße. Nach Ablegung der Reifeprüfung wurde er mit Beginn des Ersten Weltkriegs eingezogen und an der rumänischen Front eingesetzt. In Grafenwöhr absolvierte er von Dezember 1916 bis April 1917 einen Offizierslehrgang und kehrte anschließend wieder an die rumänische Front zurück. Durch einen Streifschuss verwundet, wurde Groß im September 1917 in seinen Heimatort beurlaubt. Nach Rückkehr an die Ostfront erfolgte eine Verlegung seiner Einheit im Mai 1918 an die Westfront nach Guignicourt bei Reims. Eine zweite Verletzung am 2. Juni 1918 durch eine Schusswunde am Knie zwang Groß zu einem zweimonatigen Lazarettaufenthalt in Ingolstadt. Von Bamberg aus kehrte er in der zweiten Oktoberhälfte 1918 wieder an die Westfront zurück, um im November 1918 in Oudenaade das Kriegsende zu erleben. Über Bamberg und einer Quarantäne in Griesheim, gelangte Groß im Frühjahr 1919 wieder in seinen Heimatort Edenkoben.
Sein ursprünglicher Berufswunsch, als aktiver Offizier in die Reichswehr übernommen zu werden, war durch den Kriegsausgang vereitelt worden. Dem Ansinnen seiner Eltern, ein Theologiestudium aufzunehmen, konnte Groß keine große Begeisterung entgegenbringen. So gab das Treffen anlässlich eines Festkommerses mit seinem alten Klassenkameraden Wilhelm Schulte II., im August 1919 für ihn den Ausschlag, Architektur zu studieren. Die Nachkriegsverhältnisse in der von Frankreich besetzten Pfalz veranlassten ihn, sein Studium im Herbst 1919 in München aufzunehmen. Seiner konservativ-nationalen Grundeinstellung entsprechend leistete er Widerstand gegen separatistische Strömungen in seiner französisch besetzten Heimat durch das Ankleben von patriotischen Gedichten in Neustadt an der Weinstraße.
Das im Herbst 1919 aufgenommene Architekturstudium in München beendete Groß mit der Diplom-Hauptprüfung im Frühjahr 1923. Zu seinen Lehrern zählten so bekannte Architekten wie Friedrich Thiersch, German Bestelmeyer und Theodor Fischer. Als Student wurde er auch Mitglied des süddeutschen katholischen Studentenbundes „Alemania München“.
Oberpostdirektion Speyer Nach seiner Heirat am 28. April 1923 kehrte Groß in die Pfalz zurück und begann am 1. Juni 1923 ein Arbeitsverhältnis als Baureferendar bei der Oberpostdirektion Speyer, die ihn bei der Postbauleitung in Landau in der Pfalz einsetzte. Aufgrund der immer noch andauernden französischen Besatzung der Pfalz befand sich der Sitz der Oberpostdirektion im mainfränkischen Würzburg. Die Betreuung eines Verwaltungsbaues band Groß bis 1925 in Landau. Anschließend wechselte er nach Speyer, wurde dort nach Ablegung der Staatsprüfung ins Angestelltenverhältnis übernommen und binnen kurzem zum stellvertretenden Referatsleiter bestellt. Schon zu dieser Zeit war er neben der dienstlichen Betreuung von Postbauten nebenberuflich mit seinem Freund und Bundesbruder Wilhelm Schulte II. auch beim Bau von Kirchen und Beamtenwohnungen in Pirmasens tätig.
Würzburg Nach einer erfolglosen Bewerbung um die Stelle eines Stadtbaurates in Homburg an der Saar, wurde Groß am 15. Februar 1931 zunächst als „Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“Peter Weidisch: Würzburg im »Dritten Reich«. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 227. des Hochbauamtes der Stadt Würzburg im Angestelltenverhältnis eingestellt. Eine Übernahme ins Beamtenverhältnis, wie von Groß angestrebt, wurde zunächst nur in Aussicht gestellt. Gleichzeitig wurde auch Rudolf Schlick, der bei Groß in Speyer als Referendar gewesen war, neuer Leiter des Stadtplanungsamtes von Würzburg.
1932 trat Groß, der zuvor Mitglied der Zentrumspartei war, in die Bayerische Volkspartei ein und wurde im Januar 1933 von der Stadt Würzburg als Leiter des HochbauamtesPeter Weidisch: Würzburg im »Dritten Reich«. 2007, S. 227. in das Beamtenverhältnis übernommen. Seine Kompetenzen und dienstlichen Aufgaben sah er allerdings als nicht befriedigend an. Dies änderte sich erst mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und dem damit auch in Würzburg ausgelösten Aufgabenzuwuchs durch die Schaffung zahlreicher neuer städtischer Bauten. Groß zeigte sich empfänglich von dem durch die neuen politischen Machthaber bewirkten wirtschaftlichen Aufbruch in Deutschland, den er durchaus auch für seine Karriere als nützlich ansah, selbst wenn er der nationalsozialistischen Ideologie keine Begeisterung entgegenbringen konnte. Er sah jedoch die handfesten Vorteile einer Anpassung an die neue politische Richtung, deren totalitäres Selbstverständnis nur noch Anhänger und Gegner kannte. So trat er zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.439.570)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/12100461 und wurde Mitglied des „Stahlhelms“. Als dieser im Mai 1934 in die SA überführt wurde, war er SA-Mann; gleichzeitig war er seit 1933 Kreispropagandawart des Nationalsozialistischen Bundes Deutscher Techniker, seit 1934 Leiter der Heimstätten in der Kreisverwaltung der Deutschen Arbeitsfront, seit 1936 Landessiedlungswart im Landesverband des Reichsbundes der Kinderreichen und ehrenamtlicher Geschäftsführer der gemeinnützigen Baugesellschaft für Kleinwohnungen. Aus der SA ist Groß allerdings zum 1. August 1936 wieder ausgetreten. Beim Anschluss Österreichs wurde Groß zu einem Straßenbaubataillon der Wehrmacht einberufen.
Zum 1. Januar 1939 ordnete der Würzburger Oberbürgermeister Theo Memmel aus nicht näher bekannten Gründen einen Wechsel in der Leitung des Stadtplanungsamtes und des Hochbauamtes an, so dass Groß nunmehr das Amt für Stadtplanung und Stadterweiterung und sein Kollege Schlick das Hochbauamt übernahmen. In dieser Position wuchs Groß mit der von der Regierung von Mainfranken geforderten Erstellung eines WirtschaftsplanesDer Begriff „Wirtschaftsplan“ bezeichnet in diesem Zusammenhang nicht einen Bestandteil des Haushaltsplanes im Sinne der Kameralistik, sondern den nach dem Wohnsiedlungsgesetz vom 22. September 1933 (RGBl. I S. 659), geändert durch Gesetz vom 27. September 1939 (RGBl. I S. 1246), verpflichtend aufzustellenden Plan für die gesamtkommunale Entwicklung. Dieser Plan kann somit als Vorläufer des heutigen Flächennutzungsplanes als vorbereitender Bauleitplan gelten., die nach seinen Angaben größte und wichtigste Aufgabe seines Lebens zu. Obwohl ihm die fachtheoretischen und praktischen Erfahrungen hierfür fehlten, sah er die neue Aufgabe als Herausforderung, die noch an Attraktivität gewann, als er im März 1939 Kenntnis davon erlangte, dass Würzburg durch „Erlaß des Führers und Reichskanzlers über städtebauliche Maßnahmen in der Stadt Würzburg“ vom 17. Februar 1939 (RGBl. I, S. 265) zur Neugestaltungsstadt im Sinne des „Führererlasses“ vom 4. Oktober 1937 (RGBl. I, S. 1054) erklärt wurde und der mainfränkische Gauleiter den Auftrag erhielt, die im Erlass vom 4. Oktober 1937 genannten Maßnahmen durchzuführen. In Eigeninitiative entwarf Groß mit seinen Mitarbeitern Hans Schädel, Karl Schmaderer und Otto Nürnberger, der im Tiefbauamt für den Bau des neuen Hafens in Zell zuständig war, vier Varianten zur Neugestaltung der Gauhauptstadt Würzburg. Bereits am 11. April 1939 konnte Groß ein Gipsmodell im Maßstab 1:250, das eine Münchner Fachwerkstatt angefertigt hatte, zusammen mit dem ersten Bauvorschlag mit der Bezeichnung „0“ vorweisen. Komplettiert durch drei weitere Varianten präsentierte Groß diese Anfang Mai 1939 dem Stadtoberhaupt und dem Gauleiter von Mainfranken Otto Hellmuth. Dem Gauleiter gelang es schon am 13. Mai 1939 die Modelle dem Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt und NS-Architekten, Albert Speer, bei dessen Besuch in WürzburgPeter Weidisch: Würzburg im »Dritten Reich«. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 254–256. vorzustellen und begutachten zu lassen. Die Arbeit von Groß stieß auf eine positive Resonanz bei Adolf Hitlers Lieblingsarchitekten, so dass dieser die Pläne und Modelle auf den Berghof schaffen ließ, um sie Hitler und etwa 50 Gästen am 20. Juni 1939 vorzuführen.
Groß konnte dort zusammen mit dem Würzburger Oberbürgermeister Memmel und Gauleiter Hellmuth seine Planungen persönlich vorstellen und Fragen beantworten. Hitler äußerte sich zustimmend und entschied sich seltsamerweise für die Weiterentwicklung der Variante, die eine asymmetrische Anordnung der Baublöcke vorsah. Vom Ergebnis der Planpräsentation und -prüfung an höchster Stelle, erstattete Oberbürgermeister Memmel dem Würzburger Stadtrat am 15. August 1939 Bericht:
Er selbst und Baurat Groß waren bei der Besprechung auf dem Obersalzberg zugegen. Eingehend habe der Führer die Entwürfe und Skizzen, die von Baurat Groß und seinen Mitarbeitern Schädel, Schmaderer und Nürnberger erstellt waren, besichtigt. Grundsätzlich sei der Führer mit den Bauprojekten einverstanden gewesen und habe u. a. Würzburg als „Juwel unter den Städten“ und als „unerhört schöne Stadt“ bezeichnet. Die zuständigen städt. Stellen müßten sich deshalb der Größe ihrer Aufgabe bewußt sein. Die Stadtverwaltung habe von Reichsinspekteur Speer den ehrenvollen Auftrag erhalten die gesamten Vorprojekte die sonst nur ganz bestimmten Architekten zugewiesen werden, fertig zu stellen. Diese Arbeiten würden etwa in einem halben Jahr beendet sein. Dann könne erst die Genehmigung des Führers zum endgültigen Umbau der Stadt, der wohl 10 Jahre in Anspruch nehmen dürfte, eingeholt werden.Protokoll der Ratssitzung der Stadt Würzburg am 15. August 1939
Die weitere Bearbeitung musste jedoch bald darauf zurückgestellt werden, da zunächst der Wirtschaftsplan vorrangig war und Groß bereits am 20. August 1939 als Führer der 3. Kompanie des Straßenbaubataillons 571 zu einer Übung nach Ingelfingen eingezogen wurde. Am 1. September 1939, also dem Beginn des Überfalls auf Polen, wurde die Einheit von Groß in das oberschlesische Windenau zum Bau eines Knüppeldammes im Kreis Rosenberg beordert. Im Oktober absolvierte Groß in Oberhausen-Sterkrade eine „Einschulung auf (den) Felddienst“.
Warschau
miniatur|Sogenannter Pabst-Plan, gefertigt von Hubert Groß und weiteren Würzburger Stadtplanern Nach Ende des Überfalls auf Polen und der Militärverwaltung am 25. Oktober 1939 sowie dem Aufbau einer deutschen zivilen Besatzungsverwaltung, wurde der Stadtkämmerer von Würzburg, Oskar Rudolf Dengel, am 4. November 1939 zum Stadtpräsidenten von Warschau ernannt. Für die geplante Umgestaltung von Warschau in eine „deutsche Stadt“ holte sich Dengel in der zweiten Dezemberhälfte 1939 Groß und etwa 20 weitere Mitarbeiter der Stadt Würzburg nach Warschau und beauftragte diese mit einem Entwurf zum „Abbau der Polenstadt“ und den Umbau in eine „neue Deutsche Stadt Warschau“. Außerdem hatte dieser Mitarbeiterstab Dengels die Aufsicht über die städtischen Dienststellen von Warschau wahrzunehmen.
In seinen Erinnerungen formulierte Groß: „Es ging darum, einen Planungsgedanken zu entwickeln, wie und wo dem Stadtgebilde mit umfangreichen Bauten für Partei und Staat der Stempel einer deutschen Stadt aufgeprägt werden kann.“
Dengel ernannte Groß am 15. Januar 1940 zum Leiter der Abteilung VII für Hochbau, Städtebau und Baupolizei sowie Erwin Suppinger, den Leiter des Würzburger Tiefbauamtes, zum Leiter der Abteilung VIII für Tiefbau, Straßenräumung, Straßenunterhaltung, Kanalisation, Brücken, Straßenreinigung, Kraftwagenpark und Betriebsstoffversorgung.