Infront (vormals vwd Vereinigte Wirtschaftsdienste) ist ein deutscher Dienstleistungskonzern mit Sitz in Frankfurt am Main. Gegründet 1949 als Unternehmen für Wirtschafts- und Finanznachrichten wandelte sich die vwd zunächst zu einem Anbieter für Echtzeit-Finanzdaten und später zum Anbieter von Softwarelösungen in den Bereichen FinTech und RegTech. Im Jahr 2019 wurde die vwd von der norwegischen Infront Gruppe übernommen und der Markenname vwd in Folge weitgehend aufgegeben. Die Unternehmen und Produkte der vwd bestehen unter dem Namen Infront fort.Umbenennung in Infront - Markenname VWD verschwindet vom Markt, Private Banking Magazin, 9. März 2019.

Geschichte

Unternehmensgründung Während der Besatzungszeit in Deutschland zwischen 1945 und 1949 begannen die Besatzungsmächte auch mit dem Wiederaufbau des Nachrichtenwesens in Deutschland. In diesem Zuge wurden in den verschiedenen Besatzungszonen verschiedene Institutionen gegründet: Britische Besatzungszone: Deutscher Pressedienst, gegründet 1945 in Hamburg Amerikanische Besatzungszone: Deutsche Nachrichtenagentur, gegründet 1945 in Bad Nauheim Französische Besatzungszone: Rheinische Nachrichtenagentur, gegründet 1945 in Baden-Baden Sowjetische Besatzungszone: Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst, gegründet 1946 in Berlin Neben der Versorgung mit allgemeinen Nachrichten war ein wesentliches Ziel der Westmächte jedoch vor allem die rasche Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft. Um dieses Ziel zu erreichen, benötigte die deutsche Wirtschaft allerdings auch verlässliche Informationen über in- und ausländische Märkte. Um dies sicherzustellen, einigten sich die Amerikaner und Briten darauf, eine privatwirtschaftliche Organisation zu schaffen, welche die deutsche Industrie mit Informationen über ausländische Börsen, Märkte sowie Ein- und Ausfuhrbestimmungen versorgte. Zur gleichen Zeit bestanden auch bei der Agentur Reuters die Idee ihren deutschen Dienst wiederzubeleben. Reuters bot in diesem Zuge den Besatzungsmächten an, sich an der Gründung eines Unternehmens für Wirtschafts- und Finanzinformationen zu beteiligen. Diese Idee scheiterte jedoch daran, dass die Militärregierung keine ausländischen Investitionen zuließ.

Somit wurde die „Vereinigte Wirtschaftsdienste GmbH“ (vwd) am 24. Februar 1949 ohne Beteiligung von Reuters als unabhängiger Wirtschaftsdienst mit Sitz in der Zeil 101 in Frankfurt am Main gegründet. Die vwd wurde dabei als Non-Profit-Organisation gegründet, deren Profite dem Erhalt der Infrastruktur vorbehalten sein sollten. Des Weiteren sollte die vwd sich ohne finanzielle Beteiligung des Staates und ohne Subventionen tragen. Die vwd erhielt jedoch vertraglich die exklusiven Vertriebsrechte von Reuters Wirtschaftsnachrichten für den deutsche Markt. Die beteiligten Gründungsgesellschafter 1949 waren: Deutscher Pressedienst (dpd) Deutsche Nachrichtenagentur (DENA) Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD) Mit der Änderung der Investitions-Regeln der Alliierten konnte Reuters 1951 dann als weiterer Gesellschafter beitreten.Die Geschichte des Unternehmens vwd: Die Gründung des Unternehmens, Frankfurt 2002. Bis Anfang der 1960er wuchs die vwd zur größten Wirtschaftsnachrichtenagentur auf dem europäischen Kontinent.Europäische Wirtschaft, Entwicklungsländer, Band 7, Ausgabe 2, A. Lutzeyer, 1964, Seite 102

Geschäftsfeld: Allgemeine Wirtschafts- und Brancheninformationen VWD Europa – Land- und Ernährungswirtschaft VWD-Inland VWD Europa VWD-Kakao-Spezialdienst VWD-Kautschuk VWD-Montan VWD-Kaffe-Übersee-Sonderdienst VWD-Wirtschaftsspiegel VWD Baumwolle VWD-Vertrauliche Informationen VWD-Pfeffer-Spezialdienst VWD-Wolle VWD-Seide und Chemiefasern VWD-Vieh und Fleisch VWD-Finanzen VWD-Hart- und Bastfasern VWD-Getreide VWD-Energie VWD-Eier, Butter, Käse VWD-Häute und Leder VWD-Stahl VWD-Wirtschaft und Technik VWD-Öle und Fette VWD-Verarbeitung VWD-Landwirtschaft und Ernährung VWD-Fischwirtschaft VWD-NE-Metalle VWD-Marktrundschau für Agrarprodukte VWD-Genussmittel VWD-Elektro VWD-Kaffee-Spezialdienst Ost-West-Handel VWD-Chemie

Der Gründungsvertrag sah vor, dass die vwd die Bereitstellung von allgemeinen Wirtschaftsinformationen und spezieller Brancheninformationen für die deutsche Wirtschaft übernimmt.

Wesentlichstes Produkt war ab 1956 die Publikation Nachrichten für Außenhandel („NfA“). Die Zeitung bestand bereits in ähnlicher Form vor dem Krieg. Die Bundesauskunftsstelle für den Außenhandel („BfA“) entschied dieses Format wieder zu nutzen, um Informationen zum Thema Außenhandel zusammenzutragen. Zunächst übernahm der Deutsche Wirtschaftsdienst (DWD) diese Aufgabe und erstellte 1953 die erste Nachkriegsausgabe. Da diese Aufgabe aber im Widerspruch zum Gesellschaftsvertrag stand, entschied die DWD 1956 sämtliche Aufgaben bezüglich der „NFA“ sowie des Wochendienstes „Außenhandelsdienst der Industrie- und Handelskammern und Wirtschaftsverbände“ auf die vwd zu übertragen.Die Bundesstelle für Aussenhandelsinformation, Winfried Kasulke, Verlag Boldt, 1971, Seite 53ff

Parallel produzierte die vwd eine Vielzahl an Spezialdiensten für unterschiedliche Interessenlagen und Branchen der deutschen Wirtschaft. Gekennzeichnet waren diese Spezialdienste mit dem Kürzel „VWD“ vorangestellt. Mit der Gründung der Europäischen Union 1958 ergänzte die vwd ihr Angebot mit einer Spezialberichterstattung über die europäische Integration. Bis in die 1990er wurde das Nachrichtenangebot um diverse Spezialdienste ausgebaut. Das Angebot veränderte sich im Laufe der Jahre, auch den Veränderungen und Anforderungen der deutschen Wirtschaft folgend. Spezialdienste wurden ergänzt, eingestellt oder zusammengelegt.Die Geschichte des Unternehmens vwd: Branchen Dienste, Frankfurt 2002

Geschäftsfeld: Marktnahe Nachrichten für die deutsche Wirtschaft Gemäß Gründungsvertrag sollte zudem die Bereitstellung von auf die deutsche Wirtschaft zugeschnittenen Nachrichten ein Unternehmensziel sein. Hierzu erhielt die vwd auf Grundlage des Gesellschaftervertrages Zugriff auf die Meldungen aus den Redaktionen der dpa sowie der DENA für den deutschen Wirtschaftsraum. Der Vertrag mit Reuters ermöglichte den Zugriff auf internationale Nachrichten, welche bei vwd für den spezifischen Informationsbedarf des deutschen Marktes überarbeitet wurden.

Daneben begann die vwd ein eigenes Redaktionsnetzwerk aufzubauen, um die spezifischen Bedürfnisse der Wirtschaft mittels eigener, ergänzender Recherchen besser bedienen zu können. Der Aufbau wurde 1950 mit der Einstellung eines Korrespondenten in Bonn begonnen. Die selbst erstellten Wirtschafts-Nachrichten wurden ab 1951 unter dem Kürzel „VWD“ auch von der dpa auch in ihren eigenen Basis Dienst eingebunden. Im Folgejahr erweiterte vwd sein Redaktionsnetz mit dem Aufbau eines Redaktionsbüros in Luxemburg, dem damaligen Sitz der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl.Die Geschichte des Unternehmens vwd: Der Aufbau des Unternehmens – Aufgaben und Umsetzung, Frankfurt 2002

Geschäftsfeld: Versorgung mit Marktdaten Neben den anderen Unternehmenszielen sah der Gründungsvertrag auch die zeitkritische Versorgung der deutschen Wirtschaft beziehungsweise der Kunden mit zeitnahen Nachrichten und Marktdaten.

Hierbei stand insbesondere die schnelle Versorgung im Vordergrund und damit auch die Frage der technischen Bereitstellung. In den 1950er Jahren wurde daher damit begonnen ein unternehmenseigenes Fernschreibernetz aufzubauen, welches in den folgenden Jahrzehnten laufend ausgebaut wurde. Im Jahr 1957 wurde über eine Standleitung auch der Comtel-Dienst von Reuters angeschlossen. Hiermit war die vwd in der Lage Nachricht und Marktdaten aus London zu empfangen und an die Kunden weiterzugeben. Im selben Jahr, nachdem das Unternehmen seinen Firmensitz in die Unterlindenau Straße verlagerte, liefen in der Zentrale allein 45 Fernschreiber.Die Geschichte des Unternehmens vwd: Der Aufbau des Unternehmens – Aufgaben und Umsetzung, Frankfurt 2002

Einführung der Tickerdienste in den 1960ern Mit dem Wachstum der deutschen Wirtschaft sowie dem technischen Fortschritt stiegen auch die Anforderungen an eine schnellere Versorgung der Kunden. Gleichzeitig stieg die Menge der zu verarbeitenden Nachrichten und Marktdaten laufend. Einen ersten Schritt zu einer schnelleren Informationsübermittlung erfolgte bei vwd 1965. Es wurde ein System von elektronisch gesteuerten Fernschreiber-Sonderdiensten geschaffen und zu sogenannten „Wirtschaftsticker-Programmen“ zusammengefasst. Wichtige Nachrichten ebenso wie Marktdaten wurden hierbei über mittels Telex und Standleitungen direkt als gedruckte Meldung an die Empfangsgeräte beim Kunden geliefert.

Die ersten Wirtschaftsticker-Dienste waren der „Metall-Ticker“ sowie der „Banken-Ticker“. Später wurde das Angebot auf 22 Ticker-Dienste ausgebaut, darunter auch der „Chef-Ticker“, der „Börsen Funk“ und der „Kurs-Funk“.

Die eingehenden Daten wurden dabei von vwd über verschiedene Kanäle empfangen – schriftlich, fernschriftlich oder auch telefonisch. Diese Informationen wurden von vwd anschließend spezifischen Ticker Programmen zugeordnet und kodiert. Anschließend lief die Übertragung über zwei Rundleitungen innerhalb Deutschlands übertragen. An definierten Knotenpunkten wurden die Informationen mittels der erfolgten Kodierung sortiert und per Standleitung an die Kunden geliefert. Damit konnte in den 1960er bereits eine kundenindividuelle Belieferung erreicht werden. Die Datenübertragung war dabei zunächst auf ca. 50 Baud begrenzt.

Eine weitere Innovation war die Nutzung von Langwellensendern. Die Datenübertragung konnte damit auf bis zu 600 Zeichen pro Minute (75 Baud) ausgebaut werden. Bis 1974 konnte die vwd 700 Kunden für den Ticker Dienst gewinnen und 250 für die teurere Funk Variante.Die Geschichte des Unternehmens vwd: Einführung von Tickerdiensten, Frankfurt 2002.

Elektronische Daten in den 1970ern Der erste richtige Computer war bei vwd ab 1973 im Einsatz um Aktienkurse und Preisinformationen zu Investmentfonds von deutschen Effektenbörsen zu übermitteln. Später folgten Rentenkurse, internationale Börsenkurse und Commodity Preisinformationen. Der Einsatz elektronischer Daten erlaubte auch interaktive Abfragen und Darstellung dieser Daten.

In dieser Zeit entstanden auch die ersten Terminal Systeme wie dem Videomaster oder auch dem Videoscan von Reuters. Vwd schloss in dieser Zeit einen Vertrag mit der Teledata AG ab und vertrieb ab 1979 eine spezielle Produktversion unter dem Namen „VWD-Investdata“. Damit konnte vwd erstmals unter eigenem Namen ein System zum Abruf von Kursen und Preisen vertreiben. Parallel begann vwd mit dem Vertrieb der Terminal Produkte von Reuters im Banken Umfeld. Die Provisionsumsätze machten Ende der 1970er nahezu 20 % der Unternehmensumsätze aus.Die Geschichte des Unternehmens vwd: Vieles ändert sich, Frankfurt 2002.

Krise 1980 nach dem Ausstieg von Reuters Im Jahr 1980 geriet die vwd in eine Notlage. Bereits 1976 hatte Reuters damit begonnen entgegen dem im Gesellschaftervertrag der vwd festgeschriebenen Konkurrenzausschluss sein eigenes Nachrichtenprogramm auch auf Wirtschaftsnachrichten auszuweiten. Gleichzeitig kündigte Reuters die Exklusivität der vwd für im Vertrieb der Produkte „Reuters Stockmaster“ und „Reuters Monitor“. Trotzdem bestand Reuters auf der Einhaltung eines Vertrages, welcher die Übertragungsgeschwindigkeit auf 75 Baud begrenzte. Unter diesen Gesichtspunkten entschied die Geschäftsführung die vollständige Kündigung der Nachrichtenverträge mit Reuters und schloss einen neuen Vertrag mit Dow Jones & Company über die Lieferung mit internationalen Nachrichten ab. Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verwaltung der VWD-Anteile der Wirtschaft und des Arbeitskreises Presse im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) war H. Jörg Reuter, der Rechtsanwalt und Leiter des Bonner Büros des BDI.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1000.