mini|Der Verleger Hermann Böhlau, ca. 50 Jahre alt Eduard Heinrich Hermann Böhlau (* 7. September 1826 in Halle (Saale); † 1. April 1900 in Weimar) war Verlagsbuchhändler und Hofdrucker in Weimar.
Herkunftsfamilie Hermanns Vater war der Goldschmied Johann Heinrich Böhlau (* 1787laut Aufzeichnung von Hermanns Enkel Hermann Ottokar Böhlau, zitiert in Becker, Helene Böhlau, 1988, S. 124.). Er stammte aus Güstrow im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin und erwarb am 7. Dezember 1813 das Bürgerrecht in Halle.Halle (Saale), Bürgerbücher 1748–1830, Eintrag für „Johann Heinrich Bernhard Boelau, Goldarbeiter, aus Mecklenburg-Schwerin 26 Jahr alt“, eingesehen auf ancestry.com. Dort schloss er am 1. November 1815 eine erste Ehe mit Christiane Sophia Wilhelmi (1771–1854), Tochter des Goldschmieds George Andreas WilhelmiWilhelmi war schon 1809 gestorben (Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 27. Mai 1809, Kirchenangabe S. 329 und Anzeigen des Sohns S. 334). in Halle.Kirchenbücher der Ulrichskirche in Halle (Saale), Proclamierte und Getraute 1815, Eintrag Nr. 61 vom 1. November 1815; Kopie in Commons (eingesehen auf ancestry.com); Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 11. November 1815, S. 737. Diese Ehe wurde zu einem nicht dokumentierten Zeitpunkt geschieden.Verzeichnis der in der Kirchengemeinde zu St. Ulrich in Halle Gestorbenen im Jahre 1854, Eintrag Nr. 124 vom 19. September 1854 für „Frau Christiane Sophie Böhlau geb. Wilhelmi, geschiedene Ehefrau des verstorbenen Goldarbeiters Böhlau“; eingesehen auf ancestry.de am 30. November 2024; Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 30. September 1854, S. 1343. Ab 1821 war Heinrich Böhlau Mitglied der Freimaurerloge Zu den drei Degen in Halle.Mitgliederverzeichnis 1843–44, S. 8; F. A. Eckstein: Geschichte der Freimaurer-Loge im Orient von Halle. Eine Festgabe zur Secularfeier der Loge zu den drei Degen. 1844, S. 301. Er schloss am 15. Oktober 1824 eine zweite Ehe mit der Tochter des Verlagsbuchhändlers Franz Heinrich Bispink (1749–1820) in Halle;Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 23. Oktober 1824, S. 1013. ihr Rufname war „Caroline“ oder „Henriette“laut H. Schwerte: Helene Böhlau, in: Neue Deutsche Biographie 2. Band, 1955, S. 376..
Die Vorfahren der Mutter lassen sich anhand der mütterlichen Linien bis zu dem Weimarer Hofbuchdrucker Johannes Andreas Müller (* 9. April 1638; † 9. Februar 1705) zurückverfolgen.Eins seiner Werke war das Gesangbuch von C. v. d. Lage 1681: Titelblatt. Müller kaufte die Hofdruckerei am 31. August 1688 von seinem Vorgänger Joachim Heinrich Schmidt.Marwinski, Hofbuchdruckerei, 1974, S. 59–62. Nach Müllers Tod kam die Druckerei in den Besitz seiner Tochter Gertraude Maria Müller († 22. Juli 1736), die am 11. Januar 1707 den Drucker Johann Leonhard Mumbach (* 10. September 1679) aus Weimar heiratete.Marwinski, Hofbuchdruckerei, 1974, S. 65–67. Die einzige überlebende Tochter aus dieser Ehe, Johanna Maria Mumbach († etwa 1744), heiratete am 16. Juni 1738 den Drucker Heinrich Ludolf Glüsing (* 4. August 1702; † Sommer 1746) aus Golzwarden.Marwinski, Hofbuchdruckerei, 1974, S. 67‒73. Ihr Sohn Conrad Jacob Leonhard Glüsing (* 25. April 1741) wuchs nach dem frühen Tod seiner Eltern beim Großvater Mumbach auf. Bei dessen Tod am 27. September 1759 ging die „über ein halbes Säculum innegehabte“ Druckerei auf den Enkel über.Vgl. Todesangabe in Wöchentliche Weimarische Anzeigen vom 29. September 1759, S. 154f. Zwei Jahre später heiratete der junge Glüsing Johanna Maria Hoffmann (* 1739), eine Tochter des Weimarer Verlagsbuchhändlers Siegmund Heinrich Hoffmann.Heiratsangabe in Weimarische wöchentliche Anzeigen vom 31. Oktober 1761, S. 174.
In dieser Ehe wurden (mindestens) fünf Töchter und fünf Söhne geboren. Eine Tochter (Hermanns Großmutter) verehelichte sich mit F. H. Bispink in Halle;Glüsing war Bispinks Schwiegervater laut Laukhards Leben und Schicksale, 4. Theil, 2. Abtheilung, 1797, S. 258. sie starb Ende 1815.Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 6. Januar 1816, S. 15. Etwa ab 1802 bemühte sich Glüsing darum, die Druckerei in jüngere Hände zu legen. Nach mehreren FehlversuchenMarwinski, Hofbuchdruckerei, 1974, S. 74–76. wurde der Ehemann seiner jüngsten Tochter Augusta Johanna Maria (* Juni 1776Getauft am 16. Juni 1776 (Weimarische Wöchentliche Anzeigen vom 19. Juni 1776, S. 200).) dafür vorgesehen, Christian Friedrich Heinrich Albrecht (* Mai 1786) aus Halle; er wurde nach Glüsings Tod am 29. Juni 1812Todesanzeige und Beisetzungangabe („alt 71 Jahr, 2 Mon. und 4 Tage“) in Weimarisches Wochenblatt vom 30. Juni und 7. Juli 1812, S. 234 und 242. sein Nachfolger.
Hermann Böhlau erwähnte später gern die lange Verbindung seiner Familie mit der Hofbuchdruckerei. Er kannte jedoch die Details des Übergangs von Müller zu Mumbach nicht; deshalb schrieb er 1877: „Da ich ein Urenkel ʼs bin, welcher die Druckerei von seinem Grossvater erbte, so befindet sich dieselbe nun bereits seit dem Jahre 1707 in dem Besitz meiner Familie.“Böhlau 1877, S. 12. Tatsächlich war die Druckerei schon 1688 im Besitz der Familie.
Jugend und Verlagserwerb Hermann wurde als zweites KindDer erstgeborene Carl Heinrich August starb bereits vor Hermanns Geburt (Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 10. September 1825, S. 857 und vom 22. April 1826, S. 369). seiner Eltern zwei Jahre nach ihrer Eheschließung geboren.Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 21. Oktober 1826, S. 975. Anderthalb Jahre später wurde seine Schwester Anna Caroline Louise geborenam 23. Februar 1828 (Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 5. April, S. 315). und weitere zwei Jahre später ein Bruder Reinhold Heinrich Maximilian.am 31. Dezember 1829 (Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 13. Februar 1830, S. 137). Drei Jahre darauf wurde sein Bruder Hugo Heinrich Albert geboren.am 4. Januar 1833 (Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 23. Februar, S. 174). Die Mutter starb am 12. Mai 1845 im Alter von 48 Jahren.„alt 48 J. 1 M. 3 T.“, also geboren am 9. April 1797 (Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 24. Mai 1845, S. 675). Die Schwester erkrankte fünf Jahre später; Hugo kümmerte sich bis zu ihrem Lebensende (1885) um sie.laut Bekkers Nachruf auf Hugo, Zeitschrift der Savigny-Stiftung usw., 1887, S. III. Hermann ging 1841 nach der Realschule als Lehrling in die Buchhandlung von Johann Friedrich LippertVgl. Hallesches Adressbuch auf das Jahr 1841. Halle o. J., S. 136. in Halle, später nach Greifswald und nach Kiel.laut Seifert, Hermann Böhlau, 2004, S. 215. Sein Vater starb am 28. November 1850 im Alter von 62 Jahren durch „Selbsttödtung“.Halle (Saale), Begräbniss-Register pro 1850, Eintrag Nr. 1216 für Johann Heinrich Böhlau; Kopie in Commons (Linke und rechte Seite). (Eingesehen auf ancestry.com.)Im Hallischen patriotischen Wochenblatt ist er nicht unter den Gestorbenen aufgeführt. Sein Warenlager wurde im Dezember verkauft; im Januar wurde sein Nachlass versteigert und die Wohnung neu vermietet (Hallisches patriotisches Wochenblatt vom 19. Dezember 1850, S. 1683, und vom 16. und 23. Januar 1851, S. 72 und 110).
Ab 1851 versuchte Friedrich Albrecht zusammen mit seinem Schwiegersohn Karl Eduard HornHorn war Ober-Rendant in der Staatsfinanzverwaltung (Staats-Handbuch für das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach 1851, S. 71), daneben hatte er die Oberleitung der Druckerei., die Nachfolge der Hofdruckerei zu regeln. Anfang 1853 beschrieb er seine genaue Information über Hermann Böhlau, dessen „vorteilhafte Vermögensverhältnisse“ und seine „tüchtige wissenschaftliche Bildung“. Im Juli ließ Böhlau sich in den Betrieb einführen.Marwinski, Hofbuchdruckerei, 1974, ab S. 79, besonders S. 82f. Am 4. September war völlige Übereinstimmung hergestellt. Albrecht starb jedoch am 20. September,Todesanzeige und Kirchenliste („alt 67 J. 4 M.“) in Weimarische Zeitung vom 21. und 24. September 1853, S. 702 und 714. und der abschließende Vertrag konnte erst mit Albrechts Erben abgeschlossen werden.Vgl. die Kaufinformation vom 1. November 1853: Digitalisat. („Neffe“ ist dort im Sinn von „Großneffe“ gebraucht.) Den Kauf verband Böhlau mit einem Programm, indem er aus der kleinen lokalen Verlagsbuchhandlung eine Firma machte, die seinen Namen trug: Hermann Böhlau.
Verlegertätigkeit mini|Erinnerungstafel am heutigen Stadtarchiv Weimar, dem einstigen Verlagshaus (Kleine Teichgasse 6) Diese Firma entwickelte Böhlau zu einem bedeutenden Großverlag. Der erste große Schritt war die ÜbernahmeDer Druck lag immer bei der Hofbuchdruckerei; die Verlegerrechte waren jedoch von 1832 bis 1853 an Wilhelm Hoffmann (und Sohn) verpachtet. Vgl. Weimarische Zeitung vom 4. April 1832, Titelseite. der Weimarischen Zeitung mit dem Regierungs-BlattVgl. Staats-Handbuch für das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach 1855, S. 58f.; Portal Regierungs-Blatt.. Alle diese Aktionen – Erwerb der Druckerei, Betrieb des Verlags, Übernahme der WZ – bedurften der Zustimmung des Großherzogs (bis Juli 1853: Carl Friedrich); dementsprechend erhielt er den Titel Hofbuchdrucker.Weimarische Zeitung vom 21. Januar 1854, S. 69.
Böhlau erweiterte die Weimarische Zeitung wesentlich.Hinweise und Erläuterungen in Weimarische Zeitung vom 17. Dezember 1853, S. 990, und vom 1. Januar 1854, S. 1f.Verantwortlicher Redakteur der WZ war von Januar 1852 bis August 1855 Hans von Mangoldt (vgl. WZ vom 3. Januar 1852, S. 1f. und S. 4, Fußzeile, und vom 12. August 1855, S. 748, Fußzeile); vom Oktober 1855 bis September 1863 Karl Biedermann (vgl. WZ vom 2. Oktober 1855, S. 917, und vom 15. September 1863, S. 873, sowie sein Mein Leben und ein Stück Zeitgeschichte, 2. Band. 1887, S. 79–87 und 114–207); ab Oktober 1863 Paul von Bojanowski (vgl. WZ vom 14. Oktober 1863, S. 973). 1856 erhielt die WZ den Namen „Weimarer Zeitung“;Erste Nummer vom 1. Januar 1856. nach einer erneuten Erweiterung 1864 hieß sie wieder „Weimarische Zeitung“.Hinweis in: Weimarer Zeitung vom 31. Dezember 1863, S. 1251; erste Nummer vom 1. Januar 1864. Von Dezember 1854 bis Ende 1857 begleitete ein literarisch orientiertes Weimarisches bzw. Weimarer Sonntagsblatt die WZ, herausgegeben von Josef Rank.Weimarer Sonntagsblatt, 1. Jg. (1855, Digitalisat), 2. und 3. Jg. (1856–1857, Digitalisate). Von 1854 sind drei Hefte erhalten: S. 1–4, S. 9–12 und S. 13–16. 1871 wurde Böhlau zusammen mit dem Redakteur, Paul von Bojanowski, zum Ritter erster Abteilung des Großherzoglichen Hausordens erhoben.Blätter von der Saale vom 27. April 1871, 3. Seite, 3. Spalte, Weimar.
Böhlau förderte Publikationen im Gebiet der aufblühenden historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft (Indogermanistik); August Schleichers Bücher erschienen ab 1857Litauische Märchen, Sprichworte usw. (Digitalisat). großenteils bei ihm.
1860 begann Böhlau mit der „Herausgabe von Schriften und Beschäftigungsmitteln nach ʼschen Grundsätzen“,Böhlau 1877, S. 14. und er verlegte die Zeitschrift Kindergarten und Elementarklasse (1860–1863) mit ihren Nachfolgern Kindergarten, Bewahr-Schule und Elementar-Klasse (1864–1870) und Kindergarten, Bewahranstalt und Elementarklasse (1871–1904).
Böhlau brachte auf Anregung seines Bruders Hugo ab 1861 die Zeitschrift für Rechtsgeschichte heraus.Z. f. Rechtsgeschichte, 1. Heft.
Von nationaler Bedeutung waren zwei große „Weimarer Ausgaben“: Es gelang Böhlau nach langjährigen Verhandlungen und gegen starke Konkurrenz,L. Petersen in Marwinski 1974, S. 87. den Auftrag für die kritische Luther-Ausgabe zu erhalten, die 1883 zu erscheinen begann. Das Werk kam erst 2009 zum Abschluss. Weniger aufwändig, aber auf ihrem Gebiet ebenfalls hochbedeutend war die umfangreiche Goethe-Ausgabe, die ihm von der Großherzogin Sophie anvertraut wurde, ab 1887 erschien und 1919 abgeschlossen wurde.
Böhlau engagierte sich in berufsnahen Vereinigungen. Er war Gründungsmitglied des 1858 neugegründeten Gewerbevereins in Weimar, ab Februar 1859 und später wiederholt als Mitglied des Vorstands.Bericht 1860, S. 9; Seifert 2004, S. 229.