mini|Bamberg, Heinrichsdamm 10: das Haus, in dessen Dachgeschoss der Herzgewächse-Protagonist Michael Adams aufgewachsen ist und wohin er 1950 als Schriftsteller zurückkehrt Herzgewächse oder Der Fall Adams lautet der Titel von Hans Wollschlägers 1982 erschienenem Avantgarde-Roman, der zugleich tiefenpsychologische Deutung des Fauststoffes und Detektivroman ist. Der Roman war auf zwei Bände angelegt, vom „Zweiten Buch“ liegt jedoch nur das Kapitel „Enuma elisch“ vor. Die inhaltlich stark abweichende Urfassung, Wollschlägers Roman „Der Fall Adams“ (1961), die ein vollständig beendetes, selbstständiges Werk ist, wurde im Oktober 2025 posthum veröffentlicht.
Werktitel Der anspielungsreiche Werktitel Herzgewächse weist auf einen veralteten medizinischen Begriff sowie auf Arnold Schönbergs gleichnamiges op. 20 für hohen Sopran, Celesta, Harmonium und Harfe (1911) hin, welches die Vertonung des ins Deutsche übersetzten Gedichtes Feuillage du coeur aus Maurice Maeterlincks Serres chaudes (1889) ist. Der Nebentitel Der Fall Adams spielt auf den Mythos vom Sündenfall sowie eine Passage in James Joyce’ Finnegans Wake an. James Joyce. Finnegans Wake. Der Untertitel Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern bezieht sich wiederum auf E.T.A. Hoffmanns Roman Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern.
Romanhandlung mini|Als Romanautor hat Wollschläger die fiktive Herausgeberrolle so überzeugend formuliert, dass die „Österreichische Nationalbibliothek“ seinen Roman „Herzgewächse“ unter dem Namen des Roman-Protagonisten „Michael Adams“ katalogisiert hat. Wollschläger, der im fiktiven „Vorwort“ zu den „Herzgewächsen“ den Herausgeber von tagebuchartigen Aufzeichnungen eines 1900 geborenen Schriftstellers und Philosophen namens Michael Adams mimt, hat bei Lesungen die Romanhandlung oft durch folgende Einleitung skizziert:
Als Romanautor hat Wollschläger die fiktive Herausgeberrolle so überzeugend formuliert, dass die „Herzgewächse“ im Katalog der „Österreichischen Nationalbibliothek“ unter dem Namen des Roman-Protagonisten „Michael Adams“ verzeichnet wurden und der tatsächliche Romanautor lediglich als „Herausgeber“ angeführt wurde.
Entstehungsgeschichte „Der Fall Adams“ Ende der 1950er Jahre hat Wollschläger mit der Niederschrift seines ersten Romans begonnen, den er Der Fall Adams nannte und zum Jahreswechsel 1961/62 seinem Mentor Arno Schmidt vorgelegt hat.Andreas Weigel: „ruckworts gegen den Strom der Zeilen“. Lesenotizen (I) zu Hans Wollschlägers „Herzgewächse oder Der Fall Adams. Erstes Buch“. Frankfurt a. Main 1992, S. 6–23. Für diese Ende 1961 beendete Romanversion suchten Schmidt und Wollschläger vergeblich einen Verlag. Der von Schmidt angeschriebene Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld informierte Wollschläger, dass er, Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger gemeinsam mit Uwe Johnson mehrere Stunden lang Wollschlägers Roman und dessen allfällige Veröffentlichung erörtert hätten. Obwohl sie von seiner außerordentlichen sprachlichen Begabung und einzelnen großartigen Passagen fasziniert wären, seien sie zusammenfassend aber doch gegen die Veröffentlichung, da Wollschläger als Erzähler zu wenig Distanz zur Hauptfigur pflege und diese nahezu terroristische Züge habe, indem zu viele ihrer Äußerungen beleidigend und verletzend wären.Siegfried Unseld: Brief / Lektoratsgutachten vom 5. Dezember 1963 an Hans Wollschläger. Suhrkamp Verlag.
Einen Abschnitt seines Romans „Der Fall Adams“ hat Wollschläger am 5. November 1964 für die Hörfunkreihe „Studio für neue Literatur“ des Hessischen Rundfunks aufgenommen.Andreas Weigel: . Der 34-minütige Mitschnitt, zu dem Jürgen Manthey als sendungsverantwortlicher Redakteur eine kurze Einführung gesprochen hat, wurde am 28. November 1964 unter dem Sendungstitel „Warten auf G.“ ausgestrahlt, wobei G nicht Samuel Becketts „Bühnen-Nichtfigur“ Godot, sondern Michael Adams’ Mephisto F.A. Galland meint.Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage Mitte Dezember 1964 hat Wollschläger im Rahmen einer dreitägigen Literaturveranstaltung in Oberursel aus dem Finale des Romans vorgelesen, worüber Hans-Jürgen Fröhlich in der Zeitung Die Welt berichtet hat.
Im Oktober 2025 wurde posthum die 1961 verfasste Urfassung von Wollschlägers Roman „Der Fall Adams“ veröffentlicht, die Arno Schmidt in den 1960er Jahren mehreren bundesdeutschen Verlagen zur Veröffentlichung empfohlen hat. Sie ist im Unterschied zu der 1982 nur zur Hälfte erschienenen Neubearbeitung ein vom Autor vollständig beendetes selbstständiges Werk. Die Wollschläger-Vertraute Gabriele Gordon, die Wollschlägers Urheberrechte geerbt hat und verwahrt, hat den Unterschied zwischen „Der Fall Adams“ (1961) und „Herzgewächse“ (1982) so zusammengefasst: „Die Erstveröffentlichung der ›Herzgewächse‹ von 1982 beruhte auf einer Fassung, die von der Urversion keinen Stein mehr auf dem anderen ließ.“Gabriele Wolff: Hans Wollschläger: Sudelbücher I – III. 17. März 2012. „Das 1981/82 komplett überarbeitete Manuskript hat mit dem alten nur noch wenig zu tun, weil die damalige Mahler-Beschäftigung durch die May-Beschäftigung überlagert wurde, die erst nach 1962 intensiver gewordenen Psychoanalyse-Kenntnisse in die Neubearbeitung einflossen und die Galland-Figur, damals als Porträt des Karl-May-Verlag-Verlegers Roland Schmid angelegt, überzeitlich wurde und das leitmotivische Herzgewächse-Gedicht an Bedeutung etwas verlor. Man muss den veröffentlichten Text (nebst der Überarbeitung ›Enuma Elisch‹) als neues, Fragment gebliebenes, Werk betrachten und das vorhandene komplette von 1961 als eigenständige Vorstufe“.Gabriele Gordon: E-Mail vom 13. September 2009 an Andreas Weigel.
„Herzgewächse oder Der Fall Adams“ mini|Spiralgebundene Leseprobe der „Herzgewächse“ für die Vertreter des Diogenes Verlages (1978) Nach dem Erfolg von Wollschlägers hochgelobter und mehrfach ausgezeichneter Übersetzung von James Joyce’ „Jahrhundertroman“ Ulysses kündigte der Cheflektor des Diogenes Verlags, Gerd Haffmans, 1976 mit Wollschlägers Einverständnis die Veröffentlichung von „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ im Diogenes-Verlag an. Für die Verlagsvertreter ließ Haffmans 1978 eine spiralgebundene Leseprobe der „Herzgewächse“ anfertigen, welche die ersten zwei des auf sieben Kapitel angelegten Romans enthielt. Eine knapp 30 Minuten dauernde Passage dieser Romanfassung hat Wollschläger am 17. November 1980 für die von Gisela Lindemann betreute NDR-Radioreihe „Neue Texte“ im NDR-Funkhaus Hannover auf Band gesprochen, das am 25. November 1980 abends ausgestrahlt wurde.Eine eigens für Arno Schmidts Witwe Alice angefertigte Kopie dieser Radiosendung befindet sich im Archiv der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld.
Dennoch wurde die 1976 angekündigte Veröffentlichung der „Herzgewächse“ von Jahr zu Jahr verschoben. Diogenes-Verleger Daniel Keel begründete die mehrjährige Verzögerung damit, dass Wollschläger den Roman, der sich lose um Nietzsche ranke, kürzen und etwas realistischer gestalten wolle. Wollschläger rechtfertigte die Verspätung mit dem Aufwand der Überarbeitung, die er für notwendig hielt, um den Roman nach zwanzig Jahren ruhigen Gewissens in einer seinen gewachsenen Ansprüchen entsprechenden Qualität publizieren zu können.
Schließlich ist das „Erste Buch“ der „Herzgewächse“ Ende 1982 in dem mit finanzieller Unterstützung durch Jan Philipp Reemtsma ins Leben gerufenen Haffmans Verlag erschienen. Das für 1984 angekündigte „Zweite Buch“, das den Roman fortsetzen und abschließen sollte, blieb ungeschrieben. Lediglich der Beginn des vierten Kapitels wurde 1987 unter dem Titel „Enuma elisch“Hans Wollschläger: Enuma elisch In: Gerd Haffmans (Hrsg.): Der Rabe, Nr. 500, S. 134–139, Haffmans, Zürich 1987. veröffentlicht und im Januar 1994 von Wollschläger in Wien öffentlich vorgetragen.
Im Herbst 2011 erschien in der Wollschläger-Werkausgabe die unvollendete „Herzgewächse“-Fassung von 1982. Im Anhang wurde „Enuma elisch“, die einzige ausformulierte Passage des geplanten „Zweiten Buches“ abgedruckt.
Rezeption mini|Bamberg, Jakobsplatz 1, wo Hans Wollschläger die 1982 veröffentlichte Fassung seines in Bamberg spielenden historischen Avantgarde-Romans Herzgewächse geschrieben hat Das „Erste Buch“ der Herzgewächse war bei seinem Erscheinen 1982 einigen Kritikern zufolge eine „literarische Sensation“Andreas Weigel: . In: Falter. Stadtzeitung Wien, Nr. 51/52, 1997, Kultur, S. 98. und bald Thema mehrerer österreichischer und deutscher DiplomarbeitenWerner Gotzmann: Hans WollschlägerErzählen zwischen Essayistik und Übersetzung. Berlin 1984 (Magisterarbeit)Andrea Scholz: „Absurd genug – die Ähnlichkeit-“. Zur Literarisierung Karl Mays in Hans Wollschlägers Roman „Herzgewächse oder Der Fall Adams“. Karlsruhe 1986 (Magisterarbeit).Andreas Weigel: „ruckworts gegen den Strom der Zeilen“. Lesenotizen (I) zu Hans Wollschlägers „Herzgewächse oder Der Fall Adams. Erstes Buch“. Wien 1988 (Magisterarbeit).Bernhard Bittl: Literarische Darstellung psychischer Prozesse in Hans Wollschlägers Herzgewächse oder der Fall Adams. Erstes Buch. München 1998 (Hausarbeit). und Dissertationen.Gerhard Kaucic: Grammatotechne als Grammatologie der 'Herzgewächse' oder von der Inkommunikabilität. Salzburg 1986 (Dissertation).Andreas Weigel: sofern sich’s lesen lässt, ohne Gedächtnis an Gegenwart – las ich noch nie so lange Zeit aus so gekürzten Zeilen: Stunden aus noch Sekunden. Lese-Notizen (II) zu Hans Wollschlaegers Herzgewächse oder Der Fall Adams. Erstes Buch. Wien 1990 (). Andere Rezensenten standen dem Werk „respektvoll, aber einigermaßen ratlos“ gegenüber.Paul Ingendaay: Zum Tode Hans Wollschlägers – Der größte aller Diener. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. vom 20. Mai 2007. Paul Ingendaay resümiert anlässlich Wollschlägers Tod: „Was darin [in Herzgewächse] begonnen wurde, konnte nicht eingelöst werden, und jenseits der routinierten Verbeugung vor dem avantgardistischen Wollen dieses Künstler- und Bewusstseinsromans bleibt festzuhalten, dass Wollschläger kein Erzähler und der Roman eindeutig nicht seine Gattung war.“
mini|Hans Wollschlägers opus magnum mit seiner handschriftlichen Widmung In einer Kurzbesprechung fasst Andreas Weigel, Autor einer zweibändigen Herzgewächse-Monographie, Inhalt und Gestaltung von Wollschlägers experimentellen Roman folgendermaßen zusammen: