mini|hochkant=1.4|Franz Fühmann (rechts) 1981 bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung Franz Antonie Josef Rudolf Maria Fühmann (* 15. Januar 1922 in Rochlitz an der Iser, Tschechoslowakei; † 8. Juli 1984 in Ost-Berlin) war ein deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Autoren der DDR. Er lebte und wirkte als (Nach-)Erzähler, Essayist, Lyriker und Kinderbuchautor. In seiner Jugend durch den Nationalsozialismus geprägt, wurde er nach dem Krieg Anhänger des Sozialismus, verhielt sich allerdings zunehmend kritisch gegenüber der Entwicklung der DDR, von der er in seinen späten Jahren bitter enttäuscht war.
Leben
Herkunft und Jugend 1922–1941 Franz Fühmann wurde als Sohn eines deutsch-böhmischen Apothekers in Rochlitz an der Iser (Rokytnice nad Jizerou) im Riesengebirge geboren. Dort wuchs er (nach seinen Worten) in einer „Atmosphäre von Kleinbürgertum und Faschismus“ auf und wurde er zum fanatischen Anhänger des Nationalsozialismus. Nach der Volksschule besuchte er das Jesuitenkonvikt Kalksburg bei Wien für vier Jahre. Aus diesem flüchtete Fühmann nach eigenen Angaben 1936 (möglicherweise musste er es aber aus Kostengründen verlassen.) Er absolvierte dann das Gymnasium in Reichenberg (Liberec), dort trat er dem Deutschen Turnverein (spätere sudetendeutsche Hitlerjugend) bei und wurde 1937 Mitglied der pennalen Burschenschaft Hercynia. 1938 trat er nach dem Münchner Abkommen und der folgenden deutschen Annexion des tschechoslowakischen Sudetenlandes durch NS-Deutschland der Reiter-SA bei. In der Reichspogromnacht im November 1938 beteiligte er sich an der Zerstörung der Synagoge von Reichenberg. Nach Kriegsbeginn 1939 wollte er sich sofort zur Wehrmacht melden, was sowohl sein Vater als auch die Musterungsbehörde angesichts seines jungen Alters ablehnten. Im Januar 1941 legte er sein Notabitur am Reformrealgymnasium in Hohenelbe (nunmehr im Reichsgau Sudetenland) ab.
Noch 1941 folgte die kurzzeitige Immatrikulation für Mathematik an der Universität Prag und dann die Verpflichtung zum Reichsarbeitsdienst.
Militärdienst und Kriegsgefangenschaft 1941–1949 In diesem Jahr 1941 wurde Franz Fühmann schließlich in die Wehrmacht eingezogen. Er war dort als Nachrichtensoldat, zuletzt im Rang eines Obergefreiten/Unteroffizieranwärters, in der Sowjetunion und in Griechenland im Einsatz. Um 1944 erschienen von ihm einige Gedichte in der nationalsozialistischen Wochenzeitung Das Reich.
1945 geriet Franz Fühmann in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde 1946 zur Antifa-Schule in Noginsk bei Moskau geschickt. Danach wurde er selbst Assistenzlehrer an den Antifa-Schulen in Rjasan und Ogre bei Riga.
DDR 1949–1984 Zu Weihnachten 1949 kam Fühmann aus der Kriegsgefangenschaft nach Ost-Berlin, wo er seit den 1950er Jahren in Friedrichshain, Strausberger Platz lebte.Werner Liersch: Dichters Ort. Ein literarischer Reiseführer. Greifenverlag, Rudolstadt 1985, S. 64. Zum überzeugten Kommunisten umerzogen, wollte er eigentlich der SED beitreten, wurde aber gedrängt, sich stattdessen in der Blockpartei NDPD zu engagieren, der er 1949 darauf beitrat.Manfred Jäger: Franz Fühmann. Eine Biographie in Bildern und Dokumenten. Deutschlandfunk, Sendung Büchermarkt, 24. Januar 1999. Dort war er mehrere Jahre als hauptamtlicher Mitarbeiter in der NDPD-Zentrale tätig. Er schrieb auch Artikel für die parteieigenen Zeitungen Die Nation und National-Zeitung und wurde 1952 Mitglied des Parteivorstands der NDPD. Seit 1954 war Fühmann vom Ministerium für Staatssicherheit als inoffizieller Mitarbeiter mit dem Decknamen „Salomon“ erfasst. Da er jedoch weder Berichte lieferte, noch zu konspirativen Treffen bereit war, entpflichtete die Stasi ihn 1959 wieder.
Die Bekanntmachung der Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 erschütterte seine ideologischen Überzeugungen.Günther Rüther: Franz Fühmann. Ein deutsches Dichterleben in zwei Diktaturen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 2000, Nr. B, 13. 1958 legte er seine Ämter in der NDPD nieder.
1958 erwarb er ein Grundstück in Märkisch Buchholz, wo er seitdem als freischaffender Schriftsteller lebte. Nach den kulturpolitischen Beschlüssen des 11. Plenum des ZK der SED (1965) erklärte er auch seinen Rücktritt aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes, machte diesen aber kurz darauf wieder rückgängig. Anschließend wandte sich Franz Fühmann auch künstlerisch vom Sozialistischen Realismus des Bitterfelder Weges ab und mythologischen Themen zu.
Die Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 durch Truppen des Warschauer Paktes stürzte Fühmann in eine tiefe Lebenskrise und den Alkoholismus. Er ging in der Folgezeit weiter auf Distanz zur DDR-Führung und zog sich schrittweise aus staatsnahen Gremien zurück. Aus der NDPD trat er 1972 aus.
mini|Franz Fühmann, 1973 Beginnend mit den Zweiundzwanzig Tagen setzte sich Fühmann zunehmend kritischer mit der sozialistischen Gesellschaft der DDR auseinander. Er versuchte – später auch öffentlich – mit einer Vielzahl von Briefen an DDR-Politiker, sie von Änderungen ihrer Politik, vor allem der Kulturpolitik, zu überzeugen. Im Januar 1976 plädierte er vor der Akademie der Künste der DDR für einen neuen Begriff von Romantik. Seine Rede stieß auf scharfen Widerspruch bei Peter Hacks. 1976 gehörte Franz Fühmann zu den Erstunterzeichnern eines Protestbriefes gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR. Seitdem führte die Staatssicherheit einen Operativen Vorgang gegen ihn unter der Bezeichnung „Filou“. Nach der Ausreise von Sarah Kirsch und Bernd Jentzsch aus der DDR sowie dem Austritt Jurek Beckers aus dem Schriftstellerverband trat Franz Fühmann 1977 endgültig vom Vorstand des Schriftstellerverbands und der Akademie der Künste zurück.Małgorzata Dubrowska: Franz Fühmann – ein gescheiterter Künstler? In: Nina Nowara-Matusik: Facetten des Künstler(tum)s in Literatur und Kultur. Peter Lang, Berlin u. a. 2019. Er trat für die inoffizielle Friedensbewegung in der DDR ein und nahm 1981 an der ersten Berliner Begegnung zur Friedensförderung teil.
In seinen letzten Lebensjahren verzweifelte Franz Fühmann zunehmend an den starren politischen Verhältnissen in der DDR.sein Briefwechsel mit Christa Wolf (Monsieur – wir finden uns wieder) zeigt dies besonders deutlich. Er schrieb ein Jahr vor seinem Tod in sein Testament
Franz Fühmann starb 1984 im Alter von 62 Jahren an einer Krebserkrankung. Auf seinen Wunsch hin wurde er in Märkisch Buchholz, nicht im ungeliebten Berlin, begraben.
Fühmanns Totenmaske nahm unter Anleitung von Wieland Förster der junge Berliner Bildhauer Karl Biedermann ab.
Franz Fühmann war seit 1950 mit Ursula Böhm (1924–1996) verheiratet. Die gemeinsame Tochter Barbara Richter-Fühmann wurde 1952 geboren.
Schriftstellerisches Schaffen Übersicht Franz Fühmann war ein sehr vielseitiger Autor, der neben frühen eigenen Gedichten, Nachdichtungen aus dem Tschechischen und Ungarischen, vielen Büchern für Kinder und junge Leser, Essays und einem reichhaltigen erzählerischen Werk auch viele ungewöhnliche literarische Versuche unternommen hat.
So schrieb er beispielsweise ein Ballett (Kirke und Odysseus), brachte zusammen mit dem Fotografen Dietmar Riemann ein Buch über Menschen mit geistiger Behinderung heraus (Was für eine Insel in was für einem Meer), mit denen er drei Jahre lang immer wieder gearbeitet hatte, und stellte einen Band mit Gedichten zusammen, die er nicht selbst geschrieben hatte (nur die manchmal recht langen Überschriften waren von ihm), sondern Steputats Reimlexikon entnommen (Urworte. Deutsch).
Kinderliteratur Literatur für Kinder und Jugendliche zu schreiben, war Fühmann zeit seines Lebens ein wichtiges Anliegen. Sein erstes Kinderbuch verfasste er auf Wunsch seiner Tochter Barbara.
Später folgte eine Vielzahl weiterer Bücher, unter anderem Märchen, Kasperlstücke, Bücher, die sich mit Sprache beschäftigten und damit spielten (Lustiges Tier-ABC, Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel),
Fühmann korrespondierte zudem viel mit Kindern, seinen Lesern.
So entstanden auch „Auftragswerke“ (Märchen auf Bestellung).
Mythologische Stoffe Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt von Fühmanns literarischem Schaffen waren Märchen, Sagen und Mythen. Die Beschäftigung damit durchdringt viele seiner Werke, von der Kinderliteratur über viele seiner Erzählungen (Das Ohr des Dionysios) bis hin zu seinem essayistischen Werk. Er verfasste auch etliche Nacherzählungen von klassischen literarischen Stoffen und Sagen (Reineke Fuchs, Das Hölzerne Pferd (Ilias und Odyssee), Prometheus. Die Titanenschlacht, Das Nibelungenlied).
Erzählungen Fühmann hinterließ ein umfangreiches erzählerisches Werk. Seine frühen Erzählungen tragen häufig autobiographischen Charakter. Im Erzählungsband Das Judenauto beschreibt er Sujets aus seiner Kindheit und Jugend. In weiteren Erzählungen setzt er sich intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus und seiner eigenen Verstrickung damit auseinander. Der Begriff der „Wandlung“, bei ihm persönlich die vom Anhänger des Nationalsozialismus zum damals noch überzeugten Sozialisten, die Möglichkeit der Wandlung überhaupt, ist für Fühmann äußerst wichtig. Diese Themen spielen neben vielen anderen in Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, einem von Fühmanns Hauptwerken, eine große Rolle. In Form eines Tagebuches einer Ungarnreise reflektiert Fühmann darin über unterschiedliche Themen und flicht auch kleine Erzählungen ein. Franz Fühmann verstand es mit einfachsten Bildern und Formulierungen, etwas zu Ende zu denken. Franz Fühmann erklärt dieses Anliegen in der Begründung für seine sächsische Variante „Saiäns-fiktschen“ als eine andere Form der Science-Fiction. Das Kasperlstück „Schneewittchen“ wurde von ihm neu erzählt. Im Kinderbuch „Die dampfenden Hälse der Pferde zu Babel“ wird der biblisch überlieferte Turmbau zu Babel mit der politischen Ökonomie von Karl Marx zusammengeführt. Im Werk „Die Schatten“ macht er den Wert der Individualität mit dem von Menschen geworfenen Schatten deutlich.
Bedeutung der Romantik Franz Fühmann setzte sich für eine stärkere Rückbesinnung auf die deutsche Literatur der Romantik ein. E.T.A. Hoffmann war ein wichtiger Inspirator für ihn (Lieblingsautor von Marx). Sein Werk spiegelt das zunehmend wider, in besonderer Weise Das Bergwerk von Falun (nach E. Th. Hoffmann) und Saiäns-fiktschen.
Fontane-Wanderungen 1967/1968 1967 startete Franz Fühmann ein Buchprojekt, als gesamtdeutsches Vorhaben zusammen mit dem westdeutschen Schriftsteller Joachim Seyppel durch den Aufbau Verlag in Ost-Berlin. Dabei sollten beide unabhängig voneinander Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg in einigen Gegenden nachvollziehen und erzählen, was sich seitdem verändert hat. Franz Fühmann war im November 1967 und im Juni 1968 für mehrere Wochen ins Ruppiner Land gereist, brach das Projekt dann aber aus mehreren Gründen ab.Gabriele Radecke, Robert Rauh: Miststücke von Büchern. In: Berliner Zeitung, 15. Januar 2022. Das Buchprojekt, das zum 20. Jahrestag der DDR 1969 veröffentlicht werden sollte, konnte somit nicht umgesetzt werden. Seine Notizen wurden erst nach dem Ende der DDR als Ruppiner Tagebuch im Hinstorff-Verlag veröffentlicht.
Bergwerksprojekt Auch sein lange geplantes Hauptwerk, das in seinen Briefen und Notizen immer wieder auftauchende „Bergwerksprojekt“, konnte er nicht vollenden. Es erschien postum, versehen mit dem von ihm selbst hinzugefügten Untertitel „Fragment eines Scheiterns“, unter dem Titel Im Berg.
Bedeutung Franz Fühmann gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller in der DDR. Sein Anliegen, in der Literatur wieder das Phantastische stärker zur Geltung zu bringen, hatte einen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung in der DDR. Er setzte sich bereits in den 1950ern dafür ein, dass Autoren wie Kafka, Nietzsche, Beckett und T. S. Elliott in der DDR erscheinen sollten, und erreichte Veröffentlichungen von Freud, Trakl und anderen der DDR fremden Autoren.