mini|Ergebnis der Beobachtungen von Dunning und Kruger: Selbst eingeschätzte Leistung (blau) und tatsächliche Leistung (rot) der Probanden.
Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet die kognitive Verzerrung im Selbstverständnis inkompetenter Menschen, das eigene Wissen und Können bezüglich eines bestimmten Bereiches zu überschätzen.W. Keith Campbell, Joshua D. Miller: The Handbook of Narcissism and Narcissistic Personality Disorder. Wiley & Sons, Hoboken (NJ) 2011, ISBN 978-0-470-60722-0 (, abgerufen am 17. August 2020). Diese Neigung beruht auf der Unfähigkeit, sich selbst mittels Metakognition objektiv zu beurteilen. Der Begriff geht auf eine Publikation von David Dunning und Justin Kruger im Jahr 1999 zurück.
Grundgedanke Die beiden Sozialpsychologen hatten in vorausgegangenen Studien bemerkt, dass etwa beim Erfassen von Texten, beim Schachspielen oder Autofahren Unwissenheit oft zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen. (Volltext als PDF). An der Cornell University erforschten sie diesen Effekt in weiteren Experimenten und kamen 1999 zu dem Resultat, dass weniger kompetente Personen dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen, überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht zu erkennen, das Ausmaß ihrer Inkompetenz nicht richtig einzuschätzen.
Darüber hinaus stellten sie auch fest, dass diese Personen sich selbst und andere genauer einschätzen, wenn sie ihre Kompetenzen durch Ausbildung oder Übung verbessern. Dunning und Kruger zeigten, dass schwache Leistungen bei solchen Menschen häufig mit größerer Selbstüberschätzung einhergehen als starke Leistungen. In Self-insight: Roadblocks and Detours on the Path to Knowing Thyself (2005) beschrieb Dunning den Dunning-Kruger-Effekt als „die Anosognosien des Alltagslebens“ und bezog sich dabei auf eine neurologische Erkrankung, bei der eine behinderte Person ihre Behinderung entweder leugnet oder sich ihrer Behinderung nicht bewusst zu sein scheint. Er erklärte:
Grundsätzliche Aussagen zu diesem Thema sind in der Literatur schon weitaus früher zu finden. Schon Sokrates stellt in seiner Apologie mit den Worten „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ klar, dass wahre Weisheit im Bewusstsein über das eigene Nichtwissen liegt.
Scheinbares Wissen Unwissenheit wird gelegentlich auch durch ein von Dunning so bezeichnetes reach around knowledge getarnt. Demnach zeigen Menschen diese auch auf eine Weise, die eine weitere Erklärung dafür liefert, warum sie ihre Unkenntnis nicht erkennen. Forscher haben Menschen dabei ertappt, wie sie Wissen über Themen zum Ausdruck brachten, von denen die Forscher mit Sicherheit sagen konnten, dass man darüber nichts wissen kann, weil diese Themen in der Wissenschaft nicht existieren. Bei einer Untersuchung wurden die Teilnehmer aufgefordert, ihr Wissen über 150 verschiedene Themen einzuschätzen. Unter diesen Themen befanden sich 30 Themen, die lediglich eine Erfindung der Experimentatoren waren. Für 44 % der echten Themen gaben die Befragten an, sie einigermaßen zu kennen. Dasselbe behaupteten sie für etwa 25 % der nicht existierenden Themen. Die Autoren bezeichnen diese Tendenz als over-claiming, eine Form der Selbstaufwertung, die unabhängig von den intellektuellen Fähigkeiten sei. Menschen äußerten demnach auch Meinungen über nicht existierende soziale Gruppen und dergleichen. Eine beträchtliche Anzahl der Personen behauptete, über genügend Hintergrundwissen zu verfügen, um sich darüber eine Meinung bilden zu können.David Dunning: Chapter five - The Dunning–Kruger Effect: On Being Ignorant of One's Own Ignorance. In: Advances in Experimental Social Psychology. Band 44, 2011, S. 247–296, doi:10.1016/B978-0-12-385522-0.00005-6 - hier insbesondere S. 257 (Volltext als PDF).
Halbwissen Nach einer Studie von Carmen Sanchez und David Dunning kann der Dunning-Kruger-Effekt auch bei Halbwissen auftreten. Ganz am Anfang eines Lernprozesses wissen die Personen zumeist, dass sie noch etwas zu lernen haben, was sie vor Selbstüberschätzung schützt. Nachdem sie einige Erfahrungen gesammelt haben, können sie aber sehr anfällig für den Dunning-Kruger-Effekt werden.Carmen Sanchez, David Dunning: Overconfidence among beginners: Is a little learning a dangerous thing? In: Journal of Personality and Social Psychology. 2018, Band 114, Nr. 1, S. 10–28, DOI:10.1037/pspa0000102, im ergänzenden Material zur Studie (PDF) bzw. DOI:10.1037/pspa0000102.supp
Rezeption mini|Falsche, aber verbreitete Darstellung des Dunning-Kruger-Effekts.
In der psychologischen Fachliteratur wird der Dunning-Kruger-Effekt nur selten angeführt, in Blogs und Diskussionsforen des Internets und in akademischen Publikationen außerhalb der Psychologie hingegen häufig.Philipp Hermanns: Organizational Hubris. Aufstieg und Fall einer Celebrity Firm am Beispiel der CargoLifter AG. Kölner Wissenschaftsverlag, Köln 2012, ISBN 978-3-942720-33-5 (, abgerufen am 17. August 2020). In einer kognitionswissenschaftlichen Publikation zur Klimawandelleugnung wird der Dunning-Kruger-Effekt als eine mögliche Erklärung für die Ignoranz gegenüber wissenschaftlichen Prozessen genannt.
Im Jahr 2000 erhielten Dunning und Kruger für ihre Studie den satirischen Ig-Nobelpreis im Bereich Psychologie.
Außerhalb der Fachliteratur (u. a. in Berichterstattung und Social Media) wird der Dunning-Kruger-Effekt so wie im Bild falsch dargestellt (Beispiel). Es existieren viele Diagramme zu einem Verlauf des Selbstvertrauens in Bezug zu Wissen und Erfahrung. Die Darstellung vom sogenannten „Mount Stupid“ und dem schlussendlichen Anstieg auf das „Plateau der Nachhaltigkeit“ gilt jedoch als falsch und hat nichts mit dem tatsächlichen Dunning-Kruger-Effekt zu tun. Tatsächlich ergaben die Studien von Dunning und Kruger, dass das Selbstvertrauen nicht abfällt, sondern trotz der anfänglichen Überschätzung der eigenen Leistungen kontinuierlich ansteigt, sowie dass Experten ihre Leistungen sogar eher unterschätzen, als sich selbst zu überschätzen oder gleichwertig wie einen Anfänger zu beurteilen, wie es im Modell mit dem Mount Stupid fälschlich suggeriert wird.
Kulturelle Unterschiede Studien über den Dunning-Kruger-Effekt wurden in der Regel an Nordamerikanern erstellt, aber Studien an Japanern legen nahe, dass kulturelle Kräfte beim Auftreten des Effekts eine Rolle spielen. So zeigt eine Studie aus dem Jahr 2001, dass Japaner dazu tendieren, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen, und dass sie Misserfolge vor allem als Anlass nehmen, sich zu verbessern, um damit für die eigene soziale Gruppe wertvoller zu werden.
Implikationen für Geschlecht und Wissenschaft mini|An diesem Experiment nahmen Personen teil, die bereits fachliche Kompetenzen besaßen. Die Neigung, die eigenen Fähigkeiten gering einzuschätzen, war bei den Frauen ausgeprägter als bei den Männern.
Studien von Ehrlinger und Dunning zeigten, dass Menschen, die sich auf vorgefasste Selbstbilder verlassen, nur schwer zu der Erkenntnis gelangen können, sie seien ebenso kompetent wie ihre Altersgenossen. Männer und Frauen würden Karrieren in den Bereichen Informatik, Chemieingenieurwesen und Geowissenschaften in unterschiedlichem Maße einschlagen und darin verbleiben, wobei Männer überrepräsentiert seien. Frauen stellten nur 22 % der Arbeitskräfte in Wissenschaft und Technik, obgleich sie 56 % der Arbeitskräfte insgesamt ausmachen und obwohl keine offensichtlichen Unterschiede in der Fähigkeit bestehen, solche Karrieren zu bewältigen. Auf die Frage, warum der Enthusiasmus für die Wissenschaft unterschiedlich ausgeprägt sei und ob vorgefasste Meinungen über ihr wissenschaftliches Talent bestehen, fanden Ehrlinger und Dunning Hinweise darauf, dass Frauen dazu neigen, ihre wissenschaftlichen Begabungen geringer zu bewerten als Männer. Daraus ergab sich die Frage, ob die unterschiedliche Selbsteinschätzung zu einer Kaskade von psychologischen Ereignissen führen könne, infolge derer Männer und Frauen auf unterschiedlichen Karrierewegen divergieren. Man könne darüber spekulieren, wie viele Lebens- und Karriereentscheidungen von einem ähnlichen psychologischen Prozess geleitet werden, der keinen Bezug zur tatsächlichen Fähigkeit oder Leistung hat.DavidDunning: Chapter five – The Dunning–Kruger Effect: On Being Ignorant of One’s Own Ignorance. In: Advances in Experimental Social Psychology, 2011, Band 44, S. 281–282, doi:10.1016/B978-0-12-385522-0.00005-6 (Volltext als PDF; 730 kB).
Dunning-Kruger-Effekt und Imposter-Phänomen (Hochstapler-Syndrom) Der gegenteilige Effekt wird als Imposter-Phänomen bezeichnet. Dies bezeichnet die Selbstwahrnehmung insbesondere sehr kompetenter Personen, eigenen Erfolg nicht verdient zu haben. Insofern kann das Imposter-Phänomen, welches das andere Ende des Selbstwahrnehmungsspektrums darstellt, möglicherweise als Extrapolation der von Dunning und Kruger beschriebenen inversen Korrelation zwischen Kompetenz und Überschätzung der eigenen Leistung angesehen werden.
Neuere Forschung Neuere Forschung legt nahe, dass der von Dunning und Kruger beobachtete Effekt vermutlich weniger stark ausgeprägt ist, als bisher angenommen wurde. So kritisieren u. a. Gignac et al., dass statistische Artefakte, wie die Regression zur Mitte und der Better-than-Average-Effekt, nicht hinreichend bei der Auswertung berücksichtigt wurden. Um nachzuweisen, dass der Dunning-Kruger-Effekt ein Artefakt des Forschungsdesigns und nicht des menschlichen Denkens ist, zeigten Gaze et al., dass er mit zufällig generierten Daten erzeugt werden kann. In einer weiteren Studie fanden sie heraus, dass fast 80 % der geringst kompetenten Teilnehmer ihre tatsächlichen Fähigkeiten recht gut einschätzen konnten. Gaze zufolge ist der einzige Effekt, den Dunning und Kruger in ihrem Experiment zeigten, der, dass die meisten Menschen sich für besser halten als den Durchschnitt.
Siehe auch Liste kognitiver Verzerrungen Brandolinis Gesetz
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Sozialpsychologie Kategorie:Kognitive Verzerrung