Die Echte Feige (Ficus carica), auch Feigenbaum und kurz auch Feige (von mittelhochdeutsch vīge) genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Feigen (Ficus). Sie zählt zu den ältesten domestizierten Nutzpflanzen und wird vor allem im Mittelmeerraum angebaut. Sie hat wie alle Feigen eine komplexe Bestäubungsökologie. Die Frucht der Echten Feige wird ebenfalls Feige (mittelhochdeutsch vīge) genannt.
Beschreibung
Vegetative Merkmale mini|Herbstblätter der Sorte Sultane. mini|Steckling der Sorte Ronde de Bordeaux mit dem für die Sorte typischen Laub mit sehr schmalen, glattrandigen „Fingern“.
Die Feige wächst als sommergrüner und laubwerfender Strauch oder kleiner Baum mit Wuchshöhen von drei bis zu zehn Metern. In Deutschland werden Feigenbäume kaum über 5 oder 6 Meter hoch. Größe und Wuchsform sind stark von der jeweiligen Feigensorte abhängig.Christoph Seiler: Feigen aus dem eigenen Garten. Stuttgart 2016, S. 64 und 78. Die Krone ist bei alten Individuen meist sehr breit und ausladend, jedoch unregelmäßig und niedrig. Der Stamm ist oft knorrig, gedreht oder gebogen. Die meist reiche Verzweigung beginnt schon in geringer Höhe. Die Zweige sind relativ dick und gerade. Die gräulich-braune Borke besitzt deutlich erkennbare Lentizellen. Die Rinde ist glatt und hellgrau. Die ganze Pflanze führt Milchsaft, der in Zusammenhang mit Sonnenlicht nach Berührung zu einer Photodermatitis führen kann, die sich durch Entzündung der Haut und Bläschenbildung äußert.
Die Laubblätter sind wechselständig an den Zweigen angeordnet. Der kräftige Blattstiel ist zwei bis acht Zentimeter lang. Die Blattform ist stark von der jeweiligen Feigensorte abhängig, was sie zu einem wichtigen Faktor bei der Sortenbestimmung macht. Die feste, steife und fast ledrige Blattspreite ist bei einer Länge und Breite von 10 bis 20 Zentimeter breit-eiförmig und drei- bis siebenlappig, wobei die Blattlappen ei- bis fingerförmig sind und die Spreitenbasis mehr oder weniger herzförmig ist. Der Blattrand ist meist unregelmäßig gezähnt. Die dunkelgrüne Blattoberseite ist bei manchen Sorten rauhaarig. Die hellere Blattunterseite ist mehr oder minder dicht mit kleinen Zystolithen und kurzen, flaumigen Haaren bedeckt. Es sind zwei bis vier Basalnerven und fünf bis sieben Seitennerven auf jeder Seite des Mittelnervs vorhanden. Die Nebenblätter sind manchmal rötlich und bei einer Länge von etwa 1 cm eiförmig-lanzettlich.
Blütenstand und Blüten Die achselständig und einzeln stehenden Blütenstände sind bei einem Durchmesser von drei bis fünf Zentimetern birnen- beziehungsweise flaschenförmig. Die Blütenstände sind grün und unauffällig und sehen aus wie kleine unreife Feigen. Sie entstehen, indem die Blütenstandsachse krugförmig nach oben wächst und mehrere hundert Einzelblüten dabei nach innen verlagert werden. An der Spitze des Blütenstandes bleibt eine enge, konkave Öffnung (Ostiolum) frei, die durch schuppenartige, eiförmige Hochblätter fast völlig geschlossen ist.
Kulturfeigen sind gynodiözisch, aber funktionell diözisch (zweihäusig getrenntgeschlechtig),Jules Janick: Horticultural Reviews. Vol. 34, Wiley, 2008, ISBN 978-0-470-17153-0, S. 165. d. h., es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Es kommen bei den männlichen Pflanzen in gemischten Blütenständen sterile weibliche und männliche Blüten (zwittrig, aber funktionell männlich), bei den weiblichen Pflanzen (nur fertil weibliche) Blüten in unisexuellen Blütenständen jeweils in drei Generationen im Jahr vor. Bei den männlichen Pflanzen sind drei Formen in den verschiedenen Generationen möglich (Vorfeigen: Profichi oder Breba, Sommerfeigen: Fichi, Mammoni, Nachfeigen: Mamme).
Die männlichen Blüten besitzen vier oder fünf Kelchzähne und meist drei, selten ein, vier oder fünf Staubblätter. Bei den weiblichen Blüten gibt es wieder zwei Formen: Die sogenannte „Gallblüte“ mit kurzem Griffel, sie ist steril. Die fertile weibliche Blüte besitzt vier oder fünf Kelchzähne, einen eiförmigen, glatten Fruchtknoten sowie seitlich einen langen Griffel, der in zwei linealen Griffelästen endet. Die zwei unterschiedlichen weiblichen Blüten unterscheiden sich nur durch die Griffellänge und die Narbenform. Diese drei Blütenformen sind auf zwei Formen der Kulturfeige verteilt, die klassisch als Varietäten eingestuft werden (siehe jedoch unten):
Die Haus- oder Ess-Feige (Ficus carica var. domestica), die essbare Früchte liefert, besitzt nur langgrifflige fertile weibliche Blüten. Da ihr die männlichen Blüten fehlen, kann sie sich also alleine nicht vermehren. Sie ist funktionell die weibliche Pflanze.
Die Bocks-, Capri-, Holz- oder Ziegenfeige (Ficus carica var. caprificus), auch Caprifig, enthält kurzgrifflige sterile weibliche „Gallenblüten“ und männliche Blüten. Letztere stehen in der Nähe des Ostiolums (Öffnung). Die Bocks-Feige ist funktionell die männliche Pflanze.
Früchte und Samen Nach der Bestäubung entwickelt sich der Blütenstand in drei bis fünf Monaten zur bekannten Feige, einem Fruchtverband (Achänenfruchtverband), genauer einem Sykonium oder Hypanthodium, da die weiblichen Blüten sich zu Achänen entwickeln und in den Blütenboden integriert sind.Michael G. Simpson: Plant Systematics. Academic Press, 2006, ISBN 0-12-644460-9, S. 387. Beim Essen bemerkt man die kleinen Kerne sehr gut. Die Form ist kugelig bis birnenförmig. Je nach Sorte ist die Farbe grün bis dunkelviolett. Das Innere der Scheinfrucht besteht aus den Achänen und dem ebenfalls fleischig gewordenen Blütenboden der Einzelblüten und ist rot gefärbt. Die Schalendicke variiert ebenfalls nach Sorte: Im Hauptanbaugebiet Türkei sind die Feigen eher dünnschalig, in Griechenland eher dickschalig.
Bis zu dreimal jährlich kann der Feigenbaum Früchte tragen: im Frühjahr diejenigen aus den Knospen des letzten Herbstes, die über den Winter gereift sind, am Ende des Sommers die aus den Knospen des Frühlings und in sehr warmen Gebieten mit langen Sommern sogar Ende Herbst nochmals Spätfeigen aus den Knospen des Sommers.
Die Früchte der Bocksfeige sind meistens holzig, hart, trocken und ungenießbar. Die Bocksfeigensorte White Marseille liefert jedoch essbare Früchte, die süß sind mit leichtem Bananen- oder Melonenaroma.Christoph Seiler: Feigen aus dem eigenen Garten. Stuttgart 2016, S. 93–94.
In der Wirtschaft werden Feigen als Essbare Früchte der Position 0804 20 des Harmonisierten Systems behandelt. Sie gehören typischerweise zum Trockenobst bzw. den Trockenfrüchten.
Die Samen sind linsenähnlich.
Chromosomensatz Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 26.
Inhaltsstoffe
Neben 80 % Wasser enthalten die reifen Früchte etwa 1,3 % Protein, 0,5 % Fett, 12,9 % Kohlenhydrate, etwa 4,5 % Ballaststoffe und 0,7 % Mineralstoffe,Werte nach Wolfgang Franke: Nutzpflanzenkunde. 4. Auflage. Thieme, Stuttgart 1989, ISBN 3-13-530404-3, S. 312. besonders Kalzium, Phosphor und Eisen. Daneben ist die Frucht auch reich an Vitamin B1.
Ökologie Bestäubung Die Blütenökologie ist bei der Echten Feige noch komplizierter als bei der Gattung Feigen generell, da hier nicht nur Feige und Feigenwespen interagieren, sondern zusätzlich zwei Feigenvarietäten zusammenspielen müssen.Gunther Franke (Hrsg.): Nutzpflanzen der Tropen und Subtropen. Band 2: Spezieller Pflanzenbau. Ulmer, Stuttgart 1994, ISBN 3-8252-1768-X, S. 240–250. Wie bei allen Feigen werden die Blüten durch eine zwei bis drei Millimeter große Feigenwespenart, hier die Feigengallwespe (Blastophaga psenes), bestäubt. Allerdings ist dies bei der Bocks-Feige noch komplizierter, da diese drei Generationen von Blütenständen entwickelt (Vor-, Sommer- und Nachfeigen).
Die Feigengallwespen entwickeln sich in den kurzgriffligen sterilen weiblichen Blüten (Gallblüten) der Bocks-Feige. Die Imagines schlüpfen in den reifenden Blütenständen. Die nicht flugfähigen, fast blinden Männchen begatten die Weibchen noch innerhalb der Feige. Vor dem Verlassen der Feige durch das Ostiolum sammeln die Weibchen an den männlichen Blüten, falls vorhanden, den Pollen. Die befruchteten und teilweise pollenbeladenen Weibchen suchen dann blühende Feigen. Es gibt nun zwei Möglichkeiten:
Das Weibchen findet eine Bocks-Feige. Nach dem Eindringen in den Blütenstand bohrt es mit seinem Legestachel Löcher in die Fruchtknoten der kurzgriffligen sterilen Gallblüten, legt die Eier ab und sorgt so für eigene Nachkommen. Das Weibchen findet eine Ess-Feige und bestäubt, wenn es pollenbeladen ist, die langgriffligen fertilen weiblichen Blüten. Da deren Griffel jedoch länger sind als der Legestachel, kann es hier keine Eier ablegen.Wolfgang Franke: Nutzpflanzenkunde. 4. Auflage. Thieme, Stuttgart 1989, ISBN 3-13-530404-3, S. 214 f. Ein Teil der Wespen geht hierbei zugrunde, die anderen suchen wieder Bocks-Feigen, um dort die Eier abzulegen.
In den Bocks-Feigen entwickelt sich die nächste Wespengeneration, bei den Ess-Feigen entwickeln sich, wenn sie bestäubt wurden, die essbaren Früchte mit den Samen.
Um in Feigenkulturen die Bestäubung sicherzustellen, werden blühende Bocks-Feigenzweige in die Ess-Feigenbäume gehängt („Caprifikation“).
Drei Feigengenerationen pro Jahr Beide Varietäten der Kultur-Feige bringen jährlich bis zu drei Generationen hervor: Februar/März, Mai/Juni, August/September. Feigen blühen nicht im herkömmlichen Sinne, sondern haben Blütenstände, die von außen nicht als solche erkennbar sind. Bei der Bocks-Feige sind die Feigengenerationen auf der gleichen Pflanze jeweils verschieden angelegt, als Vorfeigen, Sommerfeigen und Nachfeigen. Nur die Vorfeigen enthalten viel Pollen, die Sommerfeigen wenig und die Nachfeigen keinen, weil bei den Sommer- und Nachfeigen die männlichen Blüten mehr oder weniger degeneriert sind.Abraham H. Halevy: Handbook of Flowering. Band 6, CRC Press, 1989, ISBN 0-8493-3916-2, S. 343.
Die Larven der Wespen, die sich in den Nachfeigen entwickeln und überwintern, schlüpfen dort im März/April, und die Männchen begatten dann die Weibchen noch in der Feige. Die Männchen sterben danach, die Weibchen fliegen aus und dringen in die 1. Generation (Vorfeigen) der Bocks- und Ess-Feigen ein, bestäuben diese aber nicht, da die Nachfeigen, aus denen die Weibchen kommen, keine männlichen Blüten enthalten. Daher fällt die 1. Generation der Essfeigen meist vor der Reife ab. In den Bocks-Feigen der gleichen Generation stechen die Weibchen die Gallblüten an und legen ihre Eier ab.
Die 2. Generation der Wespen verlässt nach der Begattung die Vorfeigen: die Wespen sind dann mit dem Pollen der dort vorhandenen männlichen Blüten beladen, den sie nun auf den Narben der 2. Generation der Ess-Feigen abladen. Da die Griffel der ausschließlich langgriffligen fertilen weiblichen Blüten der Ess-Feigen länger sind als der Legestachel der Wespen, unterbleibt bei ihnen eine Eiablage. Diese erfolgt wiederum in den Sommerfeigen der Bocks-Feigen, wo die 3. Generation der Wespen dann heranwächst. Diese Wespen fliegen dann zu der 3. Generation der Ess-Feigen, können diese aber mangels Pollen nicht bestäuben, und zu den Bocks-Feigen (Nachfeigen), stechen die Gallblüten an und legen Eier, woraus sich wieder die Larven entwickeln. Diese überwintern, um dann wieder im Frühjahr zu schlüpfen und den Kreis schließen.
Es kann manchmal vorkommen, dass die männlichen Blüten in den Vorfeigen der Bocks-Feigen mit ihren pollenbeladenen Antheren das Ostiulum versperren, so dass die Wespen gar nicht ausfliegen können.
Es entwickeln sich also nur die Ess-Feigen der 2. Generation durch die Caprifikation zu Früchten, weil bei der 1. und 3. Generation ja kein Pollen zur Befruchtung vorhanden ist.
Jungfernfrüchtige (parthenokarpe) Feigensorten bilden ihre Früchte auch ohne Bestäubung aus und ermöglichen es, dass nur Einzelbäume angepflanzt werden müssen. Je nach den Voraussetzungen für die Fruchtbildung unterscheidet man drei Gruppen von Feigensorten: