Bochtar, , bis 2018 Qurghonteppa, tadschikisch Қурғонтеппа, , Kurgan-Tjube, von (heute Kurgan-Tappa, „Hügel-Siedlung“), ist die Hauptstadt der Provinz Chatlon im Südwesten Tadschikistans. Die drittgrößte Stadt des Landes liegt im Zentrum einer weiten Ebene im Tal des Wachsch, die ab den 1930er Jahren unter der sowjetischen Planwirtschaft durch die Anlage von Bewässerungskanälen und durch Zwangsumsiedlungsprogramme zum größten Baumwollanbaugebiet des Landes und zu einem Industriestandort entwickelt wurde. Qurghonteppa ist nach wie vor ein Zentrum der Baumwollverarbeitung und das größte Handelszentrum im Südwesten. Am heutigen Ort oder in dessen Nähe wird die mittelalterliche Festungsstadt Lewkand vermutet.

Lage mini|Bewässerungskanäle (arik) zwischen Feldern etwa sechs Kilometer östlich der Stadt an der Straße nach Adschina-Teppa. Bochtar liegt auf 390 Meter Höhe auf der linken Seite des Wachsch, dem größten Fluss im Südwesten Tadschikistans, der ab dem Nurek-Staudamm in südwestlicher Richtung fließt und nach rund 90 Kilometer Luftlinie in den Pandsch mündet, welcher die Grenze zu Afghanistan bildet. Der Wachsch macht einen weiten Bogen im Norden und Westen um die Stadt. Mehrere parallele Bergketten gliedern das Tiefland in nord-südlicher Richtung. Die dazwischenliegenden Flusstäler verbreitern sich nach Süden. Das Wachsch-Tal wird im Westen von der 1633 Meter hohen Bergkette Aruk-Tau begrenzt, jenseits von dieser folgt eine weitere niedrigere Bergkette, die zum Tal des Kofarnihon entlang der Grenze zu Usbekistan abfällt. Den Ostrand des bis zu 30 Kilometer breiten Wachsch-Tals bildet die Bergkette Terekli-Tau (Terekli Tagh), die sich ungefähr zwischen den Städten Danghara im Norden und Pandschi Pojon am Fluss Pandsch im Süden erstreckt.Vakhsh Valley. In: Kamoludin Abdullaev, Shahram Akbarzadeh: Historical Dictionary of Tajikistan, S. 376

Klima Das Klima ist subtropisch mit sehr heißen trockenen Sommern und milden Wintern. Der durchschnittliche Jahresniederschlag beträgt 273 Millimeter und ist überwiegend für einen Feldbau ohne künstliche Bewässerung nicht ausreichend. Der meiste Regen fällt Anfang des Jahres zwischen Januar und April. Der heißeste Monat ist der Juli mit einer durchschnittlichen Höchsttemperatur von 37 °C, die durchschnittliche Tiefsttemperatur wird im Januar mit −1 °C erreicht.Kurgan-Tyube, Tajikistan. weatherbase.com Die Löss-Böden in der Talebene sind fruchtbar und eignen sich bei künstlicher Bewässerung neben dem Anbau von Baumwolle auch für Getreide und Gemüse. Angebaut werden ferner Melonen, Granatäpfel, Zitrusfrüchte und Trauben.

Geschichte Frühe Zeit mini|Vom Aussichtsturm auf dem Stadtmuseum nach Südosten über die Hauptkreuzung die Vahdat-Straße entlang. Das Gebäude rechts im Vordergrund auf dem Foto von 2010 wurde seither zu einem der führenden Hotels ausgebaut. Im südwestlichen Tadschikistan gab es in der Bronzezeit Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. und nach dem Übergang zur Eisenzeit einige Siedlungen an den Talrändern bis in mittlere Höhenlagen. Die Siedlungen der frühen Eisenzeit, als die Bevölkerungsdichte zunahm, werden im heutigen Turkmenistan der Yaz-I-Kultur zugerechnet.Natalia M. Vinogradova, Giovanna Lombardo: Farming Sites of the Late Bronze and Early Iron Ages in Southern Tajikistan. In: East and West, Vol. 52, No. 1/4, Dezember 2002, S. 71–125, hier S. 116 Archäologische Erforschungen in der Region begannen 1955. Der nächste bronzezeitliche Fundplatz wurde auf dem Gebiet der Sowchose Kirow östlich von Bochtar entdeckt.L. T. P’jankova: Jungbronzezeitliche Gräberfelder im Vachš-Tal, Süd-Tadžikistan. (Materialien zur Allgemeinen und Vergleichenden Archäologie, Band 36) C. H. Beck, München, 1986, S. 8 Die Grabfunde werden der Andronowo-Kultur zugerechnet.

Mittelalter Ein Kilometer von Kirow entfernt und 12 Kilometer östlich von Bochtar blieben die Lehmziegelreste des buddhistischen Klosters Adschina-Teppa aus dem 7./8. Jahrhundert n. Chr. erhalten.

Der Stadtname Qurghonteppa (Kurgan-Tappa) verweist auf eine alte Festungsstadt, möglicherweise auf die Stadt Lewkand. Die geographische Zuordnung der in den Quellen erwähnten Ortsnamen ist spekulativ. Lewkand wird auch mit dem Namen der Siedlung Wachsch und mit der größten Stadt im Mittelalter Chelawerd in Verbindung gebracht, deren Name von der ebenso genannten frühmittelalterlichen Siedlung, die später Kafirkala hieß, übernommen wurde. Die Gleichsetzung des Ortsnamens Wachsch mit Lewkand (auch Lavakand) und wiederum mit Sangtude, das 35 Kilometer nordöstlich von Bochtar liegt (Sangtuda heißen heute zwei Staudämme dort am Wachsch) wird im Zusammenhang mit Dschalal ad-Din ar-Rumi diskutiert, der 1207 in einem Ort namens Wachsch geboren und hier die ersten Lebensjahre verbracht haben könnte.Franklin Lewis: Rumi: Past and Present, East and West. The Life Teachings and Poetry of Jalâl al-Din Rumi. One World Publications, Oxford 2000, S. 47–49

Im Mittelalter gehörte das untere Wachsch-Tal zeitweilig zur Provinz Chuttal, deren Zentrum östlich an der Mündung des Kysylsu in den Pandsch lag. Der Provinzname Chuttal wurde im 16. Jahrhundert durch Kulob ersetzt. Westlich des Wachsch lag die Provinz Tschaganian (nördlich von Termiz in der heutigen usbekischen Provinz Surxondaryo).Clifford Edmund Bosworth: Ḵottal. In: Encyclopædia Iranica Die gesamte Region nördlich des Amudarja wurde in der Antike Transoxanien und von den Arabern ab Mitte des 7. Jahrhunderts mā warāʾan-nahr genannt. Beschreibungen von Adschina-Teppa und anderen buddhistischen Klöstern in Chuttal sind von chinesischen Pilgern dieser Zeit überliefert.

Nach den Umayyaden wurde Chuttal im 9. und 10. Jahrhundert von der vermutlich aus dem Iran stammenden, kurzlebigen Dynastie der Banijuriden kontrolliert, über deren Herrscher nur wenig bekannt ist.Vgl.: Vladimir N. Nastich: A Survey of the Abbasid Copper Coinage of Transoxania, S. 1–80 Die Hauptstadt von Chuttal war im 10. und 11. Jahrhundert Hulbuk; die Stadt Kulob wird erstmals um 1220 erwähnt, als sie beim Einfall der Mongolen erobert wurde.

Neuzeit Qurghonteppa taucht zuerst im 17. Jahrhundert namentlich in den Quellen auf, als verschiedene lokale Fürsten unter der Oberherrschaft der usbekischen Dynastien von Buchara in der Provinz regierten. Der Einfluss der usbekischen Zentralherrschaft in Buchara endete in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Danach übernahm der uskekische Stamm der Yüz von der Festung Hissor aus die Kontrolle über das untere Wachsch-Tal bis in die Gegend von Qabodiyon, bald abgelöst von einem anderen, in Kunduz südlich des Amudarja ansässigen usbekischen Stamm. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb nun die von Regenten aus Kulob beherrschte Region relativ unabhängig zwischen dem mächtigeren Emirat Afghanistan im Süden, dem Emirat Buchara im Nordwesten und dem Khanat Kokand im nördlich gelegenen Ferghanatal.

Im Jahr 1868 besiegte das Russische Kaiserreich das Khanat Kokand und das Emirat Buchara. Amir Mozaffar ad-Din, ein Emir der Mangiten-Dynastie von Buchara, konnte mit russischer Unterstützung 1870 seinen Herrschaftsbereich nach Osten erweitern und die Gebiete von Qurghonteppa, Qabodiyon und Kulob der Verwaltungsprovinz Hissor zuschlagen. Während des Emirats Buchara wurden die äußeren Provinzen Qurghonteppa (heute Chatlon), Kulab, Qarotegin und Darwos (heute ein Teil von Berg-Badachschan) von Provinzgouverneuren (Beg) praktisch autonom beherrscht und von diesen ausgebeutet.A. Tabyshalieva: Social Structures in Central Asia. In: Chahryar Adle (Hrsg.): History of civilizations of Central Asia. Band 5. Towards the contemporary period: from the mid-nineteenth to the end of the twentieth century. UNESCO, Paris 2005, S. 82

mini|hochkant|Orthodoxe Kirche im russischen Stil. Russische Beobachter beschrieben Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die sozialen Verhältnisse in der Provinz Qurghonteppa, die sich neben dem Distrikt der Hauptstadt entlang des Wachsch nach Süden aus den städtischen Distrikten (amlakdari) Tschilikul und Sarai (heute Pandsch) und rund 30 ländlichen Distrikten (qeschlaq) zusammensetzte. Die Landwirtschaft basierte auf dem Anbau von Getreide sowie der nomadischen und halbnomadischen Viehzucht. Die Bevölkerung setzte sich überwiegend aus Usbeken, ferner aus Turkmenen, „Arabern“ (eine persischsprechende Ethnie, die sich als Nachfahren der arabischen Einwanderer betrachtet), Tadschiken und aus Afghanistan stammenden Hazara zusammen.

Gegen die Eroberung Tadschikistans, die nach der Oktoberrevolution 1917 durch die Rote Armee begann, leisteten die lokalen Aufständischen der Basmatschi einen organisierten Widerstand, der in der Region erst im August 1922 zusammenbrach. Ziel der Basmatschi war, die politischen Strukturen des alten Emirats Buchara wiedereinzuführen. Hierfür fehlte ihnen die Unterstützung der umliegenden Länder, abgesehen von einigen muslimischen Gruppen aus Afghanistan. Der Bürgerkrieg hatte eine Umverteilung und die Flucht großer Teile der Bevölkerung zur Folge.

In der Sowjetunion 1924 wurde die Provinz Qurghonteppa in die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Turkestan aufgenommen, von der 1929 die Tadschikische Sozialistische Sowjetrepublik abgespalten wurde. Ab 1926 war Qurghonteppa Hauptstadt der neu gebildeten Provinz (wiloyat) gleichen Namens mit einer Fläche von 12.600 Quadratkilometern. Zwischen dem Ende der 1920er Jahre und etwa 1940 wurden die landwirtschaftlichen Betriebe enteignet und in staatlich kontrollierte Kolchosen oder in staatlichem Besitz befindliche Sowchosen umgewandelt. In den 1920er Jahren begann auch der Bau der ersten Industriebetriebe und der Infrastruktur im Land; 1926 bis 1928 gehörten hierzu Baumwollverarbeitungsanlagen in Qurghonteppa, Schahritus und anderen Städten. Zwischen 1926 und 1929 wuchs die Bevölkerung der Provinz um 160.000 Neusiedler.Kirill Nourzhanov, Christian Bleuer: Tajikistan. A Political and Social History. (Asian Studies Series Monograph 5) Australian National University, ANU E Press, Canberra 2013, S. 103 In den 1930er Jahren begann am unteren Wachsch-Tal der Anbau von Baumwolle in großem Stil. Hierfür wurden die Sumpfgebiete entlang der Flüsse in Felder umgewandelt und ein System von Bewässerungskanälen angelegt. Die in den landwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter wurden zu großen Teilen aus den höher gelegenen Bergtälern im Norden, vor allem aus dem Rascht-Tal (um Gharm, früher Qarotegin-Provinz) zwangsumgesiedelt. In größerer Zahl kamen außerdem russische Landwirte, Händler und Verwaltungsleute in die Provinz.

Durch eine Verwaltungsreform verlor Qurghonteppa 1939 den Status als Provinz, um von 1944 bis 1947 kurzfristig die Hauptstadt des gleichnamigen Oblast (russisch für einen größeren Verwaltungsbezirk) zu werden. Danach war Kulob Provinzhauptstadt, bis diese Funktion zwischen 1977 und 1992 wieder an Qurghonteppa überging. Der 1979 hinzugekommene Distrikt (nohija) Pandsch (heute Distrikt Qumsangir) an der afghanischen Grenze erhöhte die Zahl der Distrikte in der Provinz auf elf. Seit 1992 sind die Oblaste Qurghonteppa und Kulob nach der Neustrukturierung im unabhängigen Tadschikistan zur Provinz Chatlon mit der Hauptstadt Qurghonteppa vereint. Die Fläche dieser dichtest besiedelten Provinz des Landes beträgt 24.600 Quadratkilometer.