mini|Titelblatt der Ausgabe Amsterdam 1755 Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes) ist eine Schrift des französisch-schweizerischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712–1778). Häufig wird der Discours sur l’inégalité auch der Zweite Diskurs genannt, weil er im Werk Rousseaus auf die Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste (Discours sur les sciences et les arts (1750)), den „Ersten Diskurs“, folgt.

Gliederung und Motti

Deckblatt: Das Deckblatt enthält neben dem Namen des Autors den Vermerk „Citoyen de Geneve (Bürger von Genf)“ sowie als Motto ein lateinisches Zitat aus der Politica des Aristoteles: „Non in depravatis, sed in his qua ebene secundum naturam se habent, considerandum est quid sit naturale“ (Was naturgemäß sei, muss man eher an dem ablesen, was sich normal verhält, als an dem, was verdorben ist). Das Motto weist auf Rousseaus grundlegende These hin, die wahre Natur des Menschen sei an seinen Ursprüngen abzulesen, nicht aber an den von ihm kritisierten Entwicklungen der modernen Zivilisation.

Widmung: Die mehrseitige auf den 12. Juni 1754 datierte Widmung richtet sich „An die Republik von Genf“. In ihr stellt der Autor sich als Bürger von Genf dar, der mit der Abhandlung seiner Heimatstadt „eine öffentliche Huldigung“ darbringen möchte: „Je mehr ich über Eure politische und bürgerliche Situation nachdenke, desto weniger kann ich mir vorstellen, dass die Natur der menschlichen Dinge eine bessere erlauben könnte.“

Vorwort: Das Vorwort beginnt mit einem Hinweis auf die bekannte Inschrift auf dem Tempel zu Delphi: „Erkenne Dich selbst“ und schließt mit einem Zitat aus den Satiren des Persius: „Quem te Deus esse jussit, et humana qua parte locatus es in re, disce.“ („Lerne, was zu sein Dir Gott befahl und an welchen Platz Du in der menschlichen Welt gestellt bist.“)

Mit diesen Motti rechtfertigt Rousseau einen schon im Vorwort formulierten Leitsatz, der den Kern der Abhandlung zusammenfasst:

Text der Abhandlung: Die Abhandlung, die die im Titel der Abhandlung aufgenommenen Frage der Akademie von Dijon beantwortet, beginnt mit einer kurzen Einleitung, sodann folgt ein erster und ein zweiter Teil.

Anmerkungen: Es folgen umfangreiche Anmerkungen, deren Ausgliederung aus dem Text Rousseau mit seiner „trägen Gewohnheit (begründet) vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Diese Anmerkungen entfernen sich manchmal zu weit vom Thema, als dass sie geeignet wären, mit dem Text zusammen gelesen zu werden.“ Die Anmerkungen enthalten unter anderem ausführliche (und unterhaltsame) Hinweise auf damals bekannte ethnologische Forschungsberichte über Naturvölker.

Entstehung Die Erstausgabe des Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes erschien 1755 in französischer Sprache beim Genfer Verleger Marc-Michel Rey in Amsterdam und ist die Antwort auf eine Preisfrage der Académie de Dijon für den Prix de morale von 1754. Sie lautete: Welches ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, und ist sie durch das natürliche Gesetz gerechtfertigt? (im Originalwortlaut: „Quelle est la source de l’inégalité parmi les hommes, et si elle est autorisée par la loi naturelle?“) Preisfragen dieser Art wurden in Frankreich erstmals 1670 von der Académie française gestellt, deren Verfahrensregeln dann von anderen Akademien übernommen wurden. Der ausgelobte Preis der Académie – eine Goldmedaille im Wert von dreißig Pistolen – wurde allerdings an Abbé Talbert vergeben, der sich schon am Preisausschreiben 1750 beteiligt hatte. Wenn man den Wert einer Pistole in etwa einem Louis d’or gleichsetzt, lag die Preissumme rechnerisch zwischen 7500 € und 10.000 €, in der Kaufkraft vergleichbar dem Jahresgehalt eines Handwerkers. Talberts Antwort lag auf der Linie der religiösen und politischen Autoritäten. Der politische Brennstoff, den die Frage beinhaltet, wird deutlich, wenn man sich das zeitgenössische Zeugnis von Charles de Brosses in Erinnerung ruft. Am 29. März 1754 schrieb er an seinen Bruder:„Diderot spricht viel mit mir über das Thema dieses Preises. Er findet es sehr schön, aber er hält es für unmöglich, es in einer Monarchie zu behandeln. Er ist ein schrecklich kühner Philosoph“.

Inhalt mini|Jean-Jacques Rousseau, Büste von Jean-Antoine Houdon

Die Einleitung zum Diskurs beginnt mit einer Definition:

Erster Teil Rousseau untersucht im ersten Teil die Frage, wie die „natürliche“ Ungleichheit sich aus dem „ersten Embryo der Gattung“ entwickelt haben könnte. Mit einer für die damalige Zeit erstaunlichen Weitsicht hält er es für möglich, dass die „wilden Menschen“ krumme Krallen gehabt haben könnten, behaart wie ein Bär gewesen oder „auf allen Vieren gegangen“ seien – Thesen, die Charles Darwin erst hundert Jahre später (1859) in seinen Untersuchungen über die Entstehung der Arten vorgestellt hat. Der „Mensch im Naturzustand“ sei selten krank gewesen. Diese These gibt ihm Gelegenheit zu einer längeren Abschweifung über Zivilisationskrankheiten, die Robustheit der Wildtiere im Verhältnis zu den verwöhnten Haustieren, mit denen es ebenso stehe wie mit dem Menschen selbst: „Indem er vergesellschaftet und zum Sklaven wird, wird er schwach, furchtsam, kriecherisch und seine verweichlichte und weibische Lebensweise schwächt schließlich zugleich seine Kraft und seinen Mut.“ Das Tier sei eine an ihre Instinkte gebundene „kunstvolle Maschine“, und die „menschliche Maschine“ unterscheide sich von ihr nur durch den freien Willen. Rousseau sieht in der Perfektibilität, das heißt der Fähigkeit, sich selbst zu befähigenDietrich Benner und Friedhelm Brüggen: „Das Konzept der Perfectibilité bei Jean-Jacques Rousseau. Ein Versuch, Rousseaus Programm theoretischer und praktischer Urteilsbildung problemgeschichtlich und systematisch zu lesen.“ In: Otto Hansmann (Hrsg.): Seminar: Der pädagogische Rousseau. Band II: Kommentare, Interpretationen, Wirkungsgeschichte. Deutscher Studien Verlag, Weinheim, 1996, S. 12–48., und der Freiheit der Willenswahl die einzigen Unterschiede zwischen Tier und Mensch, weniger im Verstand:

Aufgeklärte Kritiker wie Voltaire reagierten mit ironischer Anerkennung. Im Brief an Rousseau vom 30. August 1755 schreibt er: „Noch nie hat man so viel Geist aufgeboten, um uns wieder zu Tieren zu machen.“

Rousseau fährt fort: Der Mensch werde von Leidenschaften mehr gesteuert als von der Vernunft, und diese „gewinnen ihren Ursprung aus unseren Bedürfnissen und ihren Fortschritt aus unseren Kenntnissen – letztlich der Grund für die physischen und moralischen Unterschiede zwischen den Menschen und den Gesellschaften“. In einer langen Passage wird dieser Gedanke weiterentwickelt und in den Anmerkungen durch ethnologische Hinweise in Reiseberichten über Naturvölker und die Menschenähnlichkeit des Orang-Utan unterstützt („Hottentotten“, „Wilde von den Antillen“, „Indianer aus Buenos Aires“).

Hier diskutiert Rousseau in einer viele Seiten langen Anmerkung die berühmte und bis heute immer wieder gestellte Frage:

Er verneint sie mit ausführlicher Begründung: Wir können nicht zurück zur Natur, weil wir die Freiheit nur in der Gesellschaft realisieren können, müssen aber die Verzerrungen des Eigentums und der Herrschaft durch Gesellschaftsvertrag und Gesetze begrenzen lernen. Hier zeigen sich die Umrisse des sieben Jahre später (1762) veröffentlichten politischen Grundlagenwerkes Rousseaus. Es folgen theoretische Ausführungen zum Ursprung der Sprachen und ihren Unterschieden, um dann zu der zentralen Frage vorzustoßen, wie sich die unterschiedlichen moralischen Auffassungen über Gut und Böse erklären lassen. Die Unterschiede in der Vernunft, den Leidenschaften, den Fähigkeiten, sich geänderten Verhältnissen anzupassen, seien für die Menschen im Naturzustand nicht sehr groß gewesen, hätten sich aber dann in der Gesellschaft erheblich ausgeweitet; vor allem aber seien die Menschen im Naturzustand von niemandem unterdrückt worden: „Der Wilde lebt in sich selbst; der gesellschaftliche Mensch ist immer außerhalb seiner selbst und weiß nur, in der Meinung der anderen zu leben; und er bezieht sozusagen allein aus ihrem Urteil das Gefühl seiner eigenen Existenz.“

Die Frage nach dem Naturrecht, die eng mit dem Naturzustand und der Frage von Gleichheit bzw. Ungleichheit zusammenhängt, beantwortet Rousseau lakonisch: Recht entsteht erst mit der politischen Gesellschaft. Daraus folgt, dass es kein natürliches, vorstaatliches Recht – also kein Naturgesetz – geben kann, das den Status des Menschen als ein freies oder unfreies Wesen vorab festlegt. Gleichzeitig leugnet Rousseau nicht die faktische Ungleichheit unter den Menschen – wohl aber verneint er eine wesensnotwendige Verbindung von natürlicher und politischer Ungleichheit.

Wesentlich für den Naturzustand ist, wie die sozialen Beziehungen geartet waren. Hier führt Rousseau den Begriff der indépendance (Unabhängigkeit) in sein Werk ein: Die Menschen des Naturzustandes waren gleichgültig gegenüber allen anderen Menschen. Entscheidend ist nun nicht, um ein Beispiel zu nennen, ob ein Mensch einen anderen Menschen umbringen würde oder nicht, sondern dass der Mensch im Naturzustand keinerlei moralische Beziehungen und Pflichten gekannt hat und so weder gut noch schlecht war. Auch ist Tieren ebenso wie Menschen grundsätzlich das Recht gleich, kein (unnötiges) Leid zugefügt zu bekommen. Ein per Natur gegebenes Recht, das nicht nur für alle Vernunftbegabten, sondern für alle empfindungsfähigen Wesen aufgrund ihrer Fähigkeit gilt, Leid und Schmerzen zu empfinden. So gesehen kann Rousseau auch als Vorreiter ökologischer Ethik angesehen werden.

Zweiter Teil Im Zweiten Teil wird die Entwicklung des Menschen in der Gesellschaft dargestellt. Er beginnt mit einem berühmten Zitat:

mini|Louise-Émilie Leleux-Giraud: Jean-Jacques Rousseau liest im Herbst 1747 aus eigenen Werken im Salon von Louise Marie Madeleine Fontaine Im späteren Verlauf wird die These begründet, dass vor allem die Fähigkeit, Eigentum zu bilden und seine Freiheit auch dazu zu gebrauchen, sich andere Menschen untertan zu machen, den Grund für die Unterschiede unter den Menschen in der Gesellschaft ausmachen. Schon die Menschen im natürlichen Zustand hätten die Fähigkeit entwickelt, die Phänomene, denen sie begegnen, so etwa Eigenschaften wie groß, klein, stark, schwach, schnell, langsam usw. voneinander zu unterscheiden. Diese Fähigkeiten seien dann in der Gesellschaft von einzelnen besser ausgenutzt worden als von anderen. Zunächst seien die Menschen in einem engeren Zusammenleben friedlicher und zahmer geworden, dann habe die Sesshaftigkeit und die dadurch bedingte Intensivierung des gesellschaftlichen Kontakts zu Unterschieden geführt: „Jeder begann, die anderen zu achten und seinerseits geachtet werden zu wollen, und das öffentliche Ansehen erhielt einen Wert. Wer am besten sang oder tanzte, wer der Schönste, der Gewandteste oder der Beredsamste war, wurde der Geachtetste; und dies war der erste Schritt zur Ungleichheit und zugleich zum Laster.“

Die schon zuvor kurz erwähnte Auseinandersetzung mit Thomas Hobbes „dass der Mensch von Natur aus böse sei“ wird hier noch einmal auf den Punkt gebracht:

Es folgen umfangreiche Darlegungen über das Entstehen des Handwerks, des Ackerbaus, der Metallbearbeitung und der daraus entstehenden Gegenstände, die weit über unsere natürlichen Bedürfnisse hinausgehen – der wilde Mensch verstehe den Luxus gar nicht, den er in Paris, London oder Nordamerika vorgeführt bekomme und verachte ihn sogar. Da aber die Bedürfnisse und die Talente der einzelnen Menschen unterschiedlich seien, hätten sich die Unterschiede zwischen ihnen immer weiter verstärkt. Am meisten jedoch habe sich diese Entwicklung beschleunigt, wenn Eigentum zu Reichtum und Politik zur „Herrschaft und Knechtschaft“ führt.