mini|Budapest, ca. 1900 Als The Martians ( für ‚die Marsianer‘) wurde eine Gruppe von prominenten und hochbegabten Physikern und Mathematikern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Alle Martians stammten aus dem jüdischen Großbürgertum in Budapest, hatten einen wesentlichen Teil ihrer wissenschaftlichen Ausbildung an deutschsprachigen Universitäten erhalten und waren mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus in die USA immigriert. Zu den Martians wurden gezählt: Leó Szilárd, Eugene Paul Wigner, Edward Teller, John von Neumann, George Pólya und gelegentlich auch Theodore von Kármán, obwohl letzterer merklich älter war als die anderen Personen.So in dem Buch von Hargittai: The Martians of Science. 2006, S. VII. Im weiteren Sinne wurden seltener auch Dennis Gábor, Paul Erdős, Paul Halmos, John Harsanyi und John G. Kemeny dazugerechnet.

Begriffsprägung Die humorvoll-ironisch gemeinte Bezeichnung wurde in Unterhaltungen in Los Alamos während des Manhattan-Projekts geprägt, wo man der Frage nachging, wieso so viele der dort arbeitenden begabten Wissenschaftler aus Ungarn stammtenHargittai: The Martians of Science. 2006, S. VII.. Die Antwort eines Teilnehmers war, sie wären ursprünglich Marsbewohner, die nur zur Tarnung Ungarisch redeten. Die Mitglieder dieser Gruppe hatten erstaunliche Parallelen in ihren Lebensläufen. Alle waren in Budapest geboren, stammten aus jüdischen Familien mit deutschem kulturellen Hintergrund, hatten an deutschsprachigen Universitäten studiert und/oder gearbeitet und waren mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus nach Amerika ausgewandert.

Für die US-Amerikaner waren die Martians außerordentlich exotische Erscheinungen aus dem fernen Europa. Die meisten amerikanischen Kollegen kannten Ungarn nur vom Hörensagen und hatten nur ungefähre Vorstellungen von Budapest. Es erschien ihnen schwer erklärlich, dass aus einem einzigen Ort in so kurzer Zeit eine solche große Zahl von hochbegabten, intellektuell überragenden Wissenschaftlern entsprungen war. Deswegen wurde scherzhaft davon gesprochen, dass Angehörige einer überlegenen außerirdischen Zivilisation vom Planeten Mars ihr irdisches Hauptquartier in Ungarn aufgeschlagen hätten.

Erklärung des Phänomens John von Neumann erklärte die statistisch unwahrscheinliche Häufung so vieler herausragender Wissenschaftler aus Budapest Anfang des 20. Jahrhunderts gegenüber Stanisław Ulam,S. Ulam: John von Neumann 1903–1957. In: Bulletin of the American Mathematical Society. Bd. 64, 1958, S. 1–49, (Online). dies wäre eine Konstellation bestimmter kultureller Faktoren, die er nicht präzisieren könne: ein externer Druck auf die ganze Gesellschaft dieses Teils Zentraleuropas, ein unbewußtes Gefühl extremer Unsicherheit bei den einzelnen Personen, und die Notwendigkeit das Außergewöhnliche zu erschaffen oder unterzugehen. Dabei bezog er sich auf die Geschichte Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg zuerst mit dem kommunistischen Regime der ungarischen Räterepublik, in der viele vorher gut gestellte Personen ihre Ämter verloren, gefolgt von dem autoritären antisemitischen Regime von Miklós Horthy, vor dem insbesondere jüdische Studenten ins Ausland auswichen, wobei besonders Deutschland damals für Naturwissenschaftler und Mathematiker attraktiv war.

Edward Teller erklärte dieses Phänomen in einem Fernsehinterview folgendermaßen:

Synoptischer Überblick über die Lebensläufe der Martians Die folgende Tabelle gibt einen vergleichenden Überblick über die Lebensläufe der fünf Martians im engeren Sinne.Die biografischen Details entstammen zum größten Teil der ausführlichen Monografie von Istvan Hargittai. + Synoptische Übersicht über die „Martians“PersonGeburtsdatumAusbildung und wissenschaftl. Tätigkeit in EuropaEmigrationTätigkeit in den USASterbedatum 90pxLeó Szilárd11. Feb. 1898(Budapest) 1908–16 Realgymnasium Budapest 1916/17, 1918–19 Technische Universität Budapest 1920 Technische Hochschule Berlin-Charlottenburg 1920–22 Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin 1922 Promotion (Über die thermo­dynamischen Schwankungs­erscheinungen) bei Max von Laue 1923–1927 wiss. Mitarbeiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Faserstoffchemie unter Hermann F. Mark 1927 Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin (Habilitationsschrift: Über die Entropie­verminderung in einem thermo­dynamischen System bei Eingriffen intelligenter Wesen)seit 1922 Zusammen­arbeit mit Albert Einstein 30. März 1933 Szilárd verlässt Deutschland über Wien Richtung England ab 1933 Entwicklung theoretischer Konzepte zur nuklearen Energie­gewinnung, Patent­anmeldung 1934–37 experimentelle Arbeiten am St. Bartholomew’s Hospital London zusammen mit Thomas A. Chalmers1920 nach Deutschland1933 nach England1937 in die USA 2. August 1939 Albert Einstein schreibt einen im Wesentlichen von Szilárd formulierten Briefe an Präsident Roosevelt, in dem ein amerikanisches Atomwaffen­projekt angeregt wird ab 1942 Leitung des Metallurgischen Labors der Universität Chicago im Rahmen des Manhattan-Projekts ab 1946 Professor an der University of Chicago ab 1957 Engagement in den Pugwash-Konferenzen 1964 Salk Institute, La Jolla, Kalifornien30. Mai 1964(La Jolla, Kalifornien) 90pxEugene Wigner(1963)17. Nov. 1902(Budapest) 1915–19 Fasori Evangélikus Gimnázium Budapest 1920–21 Technische Universität Budapest 1921–25 Technische Hochschule Berlin-Charlottenburg seit 1922 Arbeit am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem unter Hermann F. Mark 1924 (?) Diplomarbeit (....) bei Hermann F. Mark 1925 Dissertation (Bildung und Zerfall von Molekülen, Statistische Mechanik und Reaktions­geschwindigkeit) zum Dr. Ing. bei Michael Polanyi 1925–26 Tätigkeit als Ingenieur in Budapest 1926–27 Forschungs­assistent zunächst bei Karl Weissenberg, dann Richard Becker an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin 1927 Assistent bei David Hilbert an der Universität Göttingen 1928–30 in Berlin1921 nach Deutschland1930/33 in die USA 1930–33 Gastdozent an der Princeton University 1933–36 Gastprofessur an der Princeton University 1936–38 Professur an der University of Wisconsin 1938–71 Professur an der Princeton University 1942–45 Mitarbeit am Manhattan Project (University of Chicago) 1946–47 Direktor der Clinton Laboratories in Oak Ridge, Tennessee 1952–57 Mitglied General Advisory Committee der U.S. Atomic Energy Commission 1963 Nobelpreis für Physik1. Jan. 1995(Princeton, New Jersey) 85pxEdward Teller(1958)15. Jan. 1908(Budapest) 1917–25 Minta-Gymnasium Budapest 1926 Technische Universität Budapest 1926–28 Technische Hochschule Karlsruhe 1928 Universität München 1928–30 Universität Leipzig 1930 Dissertation (Über das Wasserstoff­molekül­ion) bei Werner Heisenberg (Leipzig) 1930–33 Forschungs­assistent an der Universität Göttingen bei Arnold Eucken und James Franck 1933–34 London und Kopenhagen1926 nach Deutschland1933 nach England1935 in die USA 1935–46 George Washington University, Washington, D.C. 1942–46 Mitarbeit am Manhattan-Projekt (1942–43 Chicago, 1943–46 Los Alamos) 1946–52 University of Chicago 1949–52 Mitarbeit in Los Alamos 1954 Anhörung vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe 1952–2003 Lawrence Livermore National Laboratory, Kalifornien 1953–75 University of California9. Sept. 2003(Stanford, Kalifornien) 90pxJohn von Neumann(ca. 1940)28. Dez. 1903(Budapest) 1910(?)–21 Fasori Evangélikus Gimnázium Budapest 1921 Universität Budapest 1921–23 Technische Hochschule Berlin-Charlottenburg 1923–25 ETH Zürich (Chemie­ingenieurs­wesen) 1926 Dissertation (Die Axiomatisierung der Mengenlehre) bei Leopold Fejér (Universität Budapest) 1927–29 Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin 1929 Privatdozent an der Universität Hamburg1921 nach Deutschland(1923–26 Schweiz)1930/33 in die USA 1930–33 Princeton University als Gast­professor 1933–57 Institute for Advanced Study, Princeton 1943–55 Mitarbeit in Los Alamos8. Feb. 1957(Washington, D.C.) 90pxTheodore von Kármán(1950)11. Mai 1881(Budapest) 1891–99 Minta-Gymnasium Budapest 1899–1903 Studium an der Technischen Universität Budapest 1903–06 Assistent bei Donát Bánki in Budapest 1906–08 Assistent bei Ludwig Prandtl in Göttingen, Promotion (Knick­festig­keit von Stäben) 1910 Habilitation in Göttingen (Unter­suchungen über die Bedingungen des Bruches und der plastischen Deformation, insbesondere bei quasi-isotropen Körpern) 1912 Tätigkeit an der Bergakademie Schemnitz 1913–30/33 Professur an der Technischen Hochschule Aachen 1914–18 während des Krieges Leiter der österreich-ungarischen Forschungs­gruppe für Luftfahrt 1918–19 Tätigkeit im Erziehungs­ministerium der Ungarischen Räte­republik1906/13 nach Deutschland1930/33 in die USA 1930–49 Leiter des Guggenheim Aeronautical Laboratory am California Institute of Technology 1933 Gründer des U.S. Institute of Aeronautical Sciences (später Jet Propulsion Laboratory)6. Mai 1961(Aachen)

Literatur István Hargittai: The Martians of Science. Five Physicists Who Changed the Twentieth Century. Oxford University Press, Oxford u. a. 2006, ISBN 0-19-517845-9. George Marx: The voice of the Martians. 2nd edition. Akadémiai Kiadó, Budapest 1997, ISBN 963-05-7427-6. Richard Rhodes: The Making of the Atomic Bomb. Simon & Schuster UK, London 1986, ISBN 978-1-4711-1123-5, S. 104–113 Weblinks George Marx, The Martians vision of the future

Einzelnachweise

Kategorie:Ungar Kategorie:Physiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Mathematiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Personengruppe (Wissenschaft)