Ganzheitliche Medizin oder Ganzheitsmedizin ist ein Sammelbegriff für Konzepte und Methoden im Bereich der Medizin, welche die Natur und den kranken Menschen in umfassenden Zusammenhängen betrachten und behandeln. Hinter dem Begriff „ganzheitlich“ stehen unterschiedliche naturphilosophische, religiöse, mystische, esoterische, systemtheoretische, psychosoziale, ökologische oder politische Ideen. Die Weltgesundheitsorganisation nimmt seit 1946 in ihrer Definition von Gesundheit eine ganzheitliche Sichtweise ein und beschreibt diese als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“.

Die neueren Konzepte der zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Schulrichtung entstandenen „Ganzheitsbetrachung“Vgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 62. sehen (etwas verallgemeinert) den Menschen als ein strukturiertes, nach außen offenes System, dessen Teile in wechselseitiger Beziehung zueinander, zur Gesamtheit und zur Außenwelt stehen. Die hier einwirkenden Faktoren seien: die eigene Person (verstanden als Einheit von Körper, Seele und Geist), die soziale Umwelt (Mitmenschen, Gesellschaft) die natürliche Umwelt (Wasser, Boden, Luft, Klima) die künstliche Umwelt (Technik und Wissenschaften) Übersinnliches (Religion, Glaube). Typisch für „ganzheitliche“ medizinische und pflegerische Konzepte seien weniger konkrete Handlungsanweisungen als Visionen und Ideale, die einem „Bedürfnis nach einer neuen ‚Übersichtlichkeit‘“ entsprächenHagen Kühn (1989): Glanzvolle Ohnmacht – Zum politischen Gehalt des Ganzheitsanspruchs in der Medizin. In: Der ganze Mensch in der Medizin. Argument Sonderband 162, S. 111–128; siehe Literatur beziehungsweise ideologische Denkweisen „als Versuche, eine Antwort auf die Sinnkrise des naturwissenschaftlich-rationalen Denkens zu finden“.Zitiert nach Arnold Rekittke: Ist Ganzheitlichkeit möglich? In: Gudrun Piechotta, Norbert van Kampen (Hrsg.): Ganzheitlichkeit im Pflege- und Gesundheitsbereich. Anspruch – Mythos – Umsetzung. Schibri-Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-933978-86-6.

Geschichte Die Frage nach dem Wesen der Ganzheit und nach dem Verhältnis des Ganzen zu seinen Teilen hat die Philosophie seit der Antike beschäftigt. Die häufig Aristoteles zugeschriebene Aussage „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ wurde so allerdings erst 1890 von dem österreichischen Philosophen Christian von Ehrenfels geprägt.

In seinem Werk Lob der Heilkunst sah bereits 1518Erasmus von Rotterdam: Encomium artis medicae. 1518. Erasmus von Rotterdam die Medizin als eine Tätigkeit an, der es wie der Theologie um den „ganzen Menschen“ gehe.Christian Hick: Ethik, medizinische (Neuzeit). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 373 f.; hier: S. 373.

Im Gegensatz zur später aufkommenden Trennung somatischer und psychischer Aspekte betrachtete etwa Goethe (1749–1832) Krankheiten noch ganzheitlich.Frank Nager: Der heilkundige Dichter. Goethe und die Medizin. Artemis, Zürich/München 1990; 4. Auflage ebenda 1992, ISBN 3-7608-1043-8, S. 74–78 (Das Ganzheitskonzept in Goethes Krankheitslehre). Um 1700 stellte sich die zuvor auf der Humoralpathologie basierende Heilkunde laut dem Medizinhistoriker Gundolf Keil auf die Grundlage des Cartesianismus und verzichtete damit darauf, Ganzheitsmedizin zu sein.Gundolf Keil: Umgang mit AIDS-Kranken als Herausforderung an eine humane Gesellschaft. „Statement“ zum Akquirierten Immun-Defizienz-Syndrom aus fachhistorischer Perspektive. In: Johannes Gründel (Hrsg.): AIDS. Herausforderung an Gesellschaft und Moral. 2. Auflage. Düsseldorf 1988 (= Schriften der Katholischen Akademie in Bayern. Band 125), S. 31–41, hier: S. 40–41.

Mit der Romantik im beginnenden 19. Jahrhundert hatte sich in Deutschland und Frankreich als Gegenbewegung zu den sozialen und kulturellen Auswirkungen der Industrialisierung so etwas wie eine ganzheitliche Bewegung mit einem deutlich anti-aufklärerischen Affekt entwickelt. Die heterogene Gruppe der beteiligten Wissenschaftler und Philosophen fühlte sich von einem Bild der Fragmentierung und des Mechanismus bedroht. Dieses Bild wurde zurückgeführt auf die Gesetze Isaac Newtons, der nach Ansicht der romantischen Wissenschaftler und Philosophen durch diese Gesetze „das Universum voll Farbe, Qualität und Spontaneität, in das er hineingeboren wurde, in das kalte, qualitätslose und unpersönliche Reich eines homogenen und dreidimensionalen Raums verwandelt hatte, in dem die Teilchen der Materie wie Marionetten nach mathematisch berechenbaren Gesetzen tanzten“.

Christian von Ehrenfels verwies demgegenüber darauf, „dass das, was wir an Phänomenen wahrzunehmen scheinen, nicht die vermeintlich atomistischen Elemente seien, aus denen sie bestehen, sondern ihre Beziehung zueinander, das strukturierte Ganze, in dem sich die Elemente einfügten“. Er machte dies mit einem Beispiel aus der Musik anschaulich: hier würde man ja auch nicht das Wesen einer Melodie erkennen, wenn man die einzelnen Noten sich anschauen würde, sondern erst in der Gesamtheit würde man die Melodie erkennen und hören.

Begriffsbeschreibung Der Neurologe und Gestalttheoretiker Kurt Goldstein erarbeitete als erster eine ganzheitliche Konzeption des „Organismus-in-seiner-Umwelt“ in seinem Buch Der Aufbau des Organismus (1934).

Anne Harrington kommt in ihrer Studie zu dem Schluss, dass nach dem Ersten Weltkrieg eine „Infizierung der deutschen Ganzheitslehre mit den Rassegedanken und ihre teilweise Absorption in die Politik und Mythologie des Nationalsozialismus“ stattfand (S. 22) und dass der Begriff der Ganzheit von Anfang an im Spannungsfeld von Wissenschaft und Rettungsmythologie stand (S. 19). Sie macht aber auch deutlich, dass die Geschichte des Ganzheitsdenkens aus vielen Geschichten besteht und auch Positionen möglich waren, die sich auf demokratischer Grundlage sahen und die in Kritik zum Nationalsozialismus standen, wie z. B. bei Kurt Goldstein und Max Wertheimer.Anne Harrington: Die Suche nach Ganzheit. Die Geschichte biologisch-psychologischer Ganzheitslehren. Vom Kaiserreich bis zur New-Age-Bewegung. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002.

Medizin und Pflege In der Medizin und Pflegewissenschaft lassen sich grob zwei Typen „ganzheitlicher“ Ansätze unterscheiden:Arnold Rekittke: Ganzheitlichkeit als Ideologie? Pflegewissenschaftliche Dipl.-Arbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule, Berlin 2003. Holistische Theorien. Diese vertreten die Auffassung, dass die Eigenschaften des Ganzen nicht durch die Eigenschaften der isolierten Teile erklärt werden können und deshalb Ganzheiten zur Erklärung komplexer Systemen herangezogen werden müssen – hier wird der Mensch als „bio-psycho-soziales Wesen“ mit den weiteren „Systembestandteilen (…) Umwelt, Geist / Spiritualität und kosmische Energien sowie (…) entwicklungsspezifischen Variablen“ angesehen; Pragmatischere Betrachtungsweisen. Dort wird versucht, mehrere Problembereiche mit ihren Verknüpfungen zu sehen und eine einseitige Betonung einzelner Aspekte zu vermeiden. Als Ziel der Betreuung und Behandlung wird „die umfassende Berücksichtigung aller Aspekte des Krankseins unter Beachtung der Lebensbedingungen des Patienten, seiner Vorstellung von Krankheit und Gesundheit sowie seiner Wünsche, am Behandlungsprozess teilzunehmen oder sich in ihm passiv zu verhalten“, gefordert. Ganzheitlichkeit habe „also wesentlich den kranken Patienten, das Kranksein“ im Blick, nicht in erster Linie „die Krankheit“.

Es gibt demnach zwei Richtungen: eine, welche mystische, spirituelle und kosmische Energien einschließt, dabei von einem vorwissenschaftlich, religiös-weltanschaulichen Menschenbild ausgeht und eine, die den Menschen als „nicht-reduzierbare Einheit“ ansieht, welche mit der Umwelt verwoben ist und hierbei sich die Erkenntnisse der Psychologie, Soziologie, Ethnologie oder allgemein der Anthropologie nutzbar macht. Beide Denkrichtungen berufen sich auf die Systemtheorie von Bertalanffy und gehen von der Vorstellung aus, dass der Mensch ein offenes System ist, d. h. ein System, dessen Grenzen zur Umwelt hin durchlässig ist, das auf die Umwelt wirkt und gleichzeitig von ihr beeinflusst ist.

Die Spannbreite ganzheitlicher Therapien ist wie ihr theoretischer Grund äußerst vielfältig. Sie reicht von der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Erfassung der „leibseelischen Totalität“Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 58. der erkrankten Person bemerkbar machenden psychosomatischen Medizin über verschiedene alternative Heilmethoden wie die traditionelle chinesische Medizin bis hin zu Modellen, die weit über dies hinausgehen und ein in sich geschlossenes Gedankengebilde darstellen, wie das der Esoterik zugehörige Geistheilen oder das Heilen mit Kristallen. Es eint die unterschiedlichen Ausrichtungen der ganzheitlichen Medizin, die den Menschen als Einheit, als vernetztes System zu sehen verspricht, die Sehnsucht nach dem „Guten, Wahren, Schönen“, die Sehnsucht nach einem einheitlichen und geschlossenen Weltbild, nach einer harmonischen Einbettung des Einzelschicksals in einen größeren Zusammenhang, nach Sinn, Wert und Bedeutung des eigenen Lebens.

Maschine und Sozialismus versus Ganzheit und Nation Den Menschen ging es zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts zunehmend besser – auch wenn weiterhin ein großer Teil der europäischen Bevölkerung in Armut lebte, entstanden mit der Industrialisierung und der zunehmenden Nutzung der Technik Arbeitsplätze. Durch Zuhilfenahme industriell produzierter Dünger in der Landwirtschaft konnten jahreszeitlich bedingte Hungersnöte beseitigt werden. In der gleichen Zeit entwickelte sich die Medizin sprunghaft weiter. Kurz vor der Jahrhundertwende wurden, unter anderem von Robert Koch, viele Infektionserreger, wie 1882 der Tuberkelbazillus oder 1883 der Choleraerreger, identifiziert und mit der Entdeckung des Antibiotikums Penicillin 1928 konnten diese wirksam therapiert werden. Zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und den 1920er Jahren war die mechanische Denkrichtung die führende – und doch gab es die gesamte Zeit über ganzheitliche Theoretiker. Gerade in Deutschland fanden sich diese unter den konservativen politischen Kräften und innerhalb der Burschenschaften. Diese sahen eine Ganzheitlichkeit ebenfalls politisch. Wie die Mechanisten den Menschen und die Staaten als Maschinen sahen, die auch so funktionierten, sahen die Ganzheitstheoretiker den Staat als natürliches, hierarchisches Gebilde, welches urwüchsig aus sich heraus gedeiht.