mini|Die römischen Provinzen um 118 n. Chr. mini|Germanien im 2. Jahrhundert (Karte von Alexander G. Findlay, 1849)
Die Römisch-Germanischen Kriege waren kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem Römischen Reich und den an seinen Grenzen siedelnden Germanen, die sich in einer Zeitspanne von etwa fünfhundert Jahren abspielten. 55 v. Chr. setzte Gaius Iulius Caesar erstmals mit Truppen über den Rhein, ab 13/12 v. Chr. führte der Feldherr Drusus unter Augustus mehrere Feldzüge nach Germania magna (dem „freien Germanien“ rechts des Rheins). Die letztlich vergeblichen Versuche, das rechtsrheinische Gebiet bis zur Elbe zur Provinz zu machen, dauerten fast 30 Jahre (Augusteische Germanenkriege). Römisch kultiviert wurde der Süden des heutigen Deutschlands. Zu den Spuren dieser Zeit zählen eine Vielzahl archäologischer Funde von der Straßenführung, den Gutshöfen bis hin zu Städtegründungen. In den folgenden Jahrhunderten kam es entlang der von den Römern errichteten befestigten Limes-Grenze immer wieder zu Konflikten mit den Germanen. Im 5. Jahrhundert n. Chr. brach das Weströmische Reich unter anderem unter dem Druck germanischer Stämme zusammen (siehe auch Völkerwanderung).
Germanien mini|Germanische Ratsversammlung (Thing) – Zeichnung eines Reliefabschnitts der Mark-Aurel-Säule zu Rom
Der Begriff „Germanien“ wurde erstmals 80 v. Chr. vom Schriftsteller Poseidonios überliefert. Er wurde auch von Gaius Iulius Caesar verwendet. Dieser eroberte in seinem Gallischen Krieg die überwiegend von Kelten bewohnte Region Gallien bis zum Rhein und trat dadurch in direkten Kontakt mit germanischen Stämmen.
Der Geschichtsschreiber Tacitus stellte Germanien in seinem Werk Germania, das frühestens im Jahr 98 n. Chr. entstand, als Region dar, die von verschiedenen germanischen Stämmen besiedelt wurde und vor allem durch Rhein (Rhenus), Donau (Danuvius) und Weichsel (Vistula) begrenzt wurde. Tacitus nannte unter anderem die Stämme der Bataver, Chatten, Tenkterer, Usiper, Brukterer, Chamaver, Angrivarier, Dulgubnier, Chasuvarier, Friesen, Chauken, Kimbern, Sueben, Langobarden, Reudigner, Avionen, Angher, Variner, Eudosen, Suardonen, Nuitonen, Narisker, Markomannen, Quaden, Marsigner, die gallischen Cotini, die illyrischen Oser, Buren, Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier, Nahanarvaler, Lugier, Goten, Suionen und Sithonen. Die Peukiner, Venether und Finnen rechnet er eher den Sarmaten zu.Tacitus, Germania Im heutigen Hessen lebten die Ubier.
Erste Konflikte Zu ersten Schlachten zwischen Römern und Germanen kam es im Jahr 113 v. Chr., als Boiorix die Römer in der Schlacht bei Noreia schlug. 105 v. Chr. verloren die Römer die Schlacht bei Arausio. Dem römischen Feldherrn Gaius Marius, einem Onkel Gaius Iulius Caesars, gelang es, die Teutonen und Ambronen in der Schlacht von Aquae Sextiae 102 v. Chr. und die Kimbern in der Schlacht von Vercellae 101 v. Chr. zu besiegen.
Vorstöße Caesars mini|De bello Gallico, Ausgabe von 1778
Gaius Julius Caesar bekämpfte zunächst die unter Ariovist auf die linksrheinische Seite vorgestoßenen germanischen Stämme der Haruder, Markomannen, Triboker, Vangiones, Nemeter, Eudusier und Sueben. Im September 58 v. Chr. gewann er die entscheidende Schlacht im Elsass. Caesar eroberte im folgenden Bellum Gallicum in den Jahren 58 bis 50 v. Chr. sämtliche Siedlungsgebiete der Kelten im heutigen Frankreich und Belgien. Unter anderem ließ er im Hunsrück das Römerlager Hermeskeil errichten.
In seinem Bericht De bello Gallico beschreibt Caesar auch die geographische Situation. Danach stellte der Rhein die Grenze zu Germanien dar. Zwischen zwei Flottenexpeditionen nach Britannien (im Sommer 55 v. Chr. und im Frühjahr 54 v. Chr.) schlug Caesar die Usipeter und Tenkterer nieder und ließ im Spätsommer 55 v. Chr. eine Brücke über den Rhein bauen und unternahm einen 18-tägigen Vorstoß nach Germanien.
Nachdem die Germanen ihrerseits über den Rhein vorgedrungen waren, veranlasste Caesar 53 v. Chr. eine zweite Expedition über den Rhein. Die Sueben wichen aber einer Konfrontation aus, so dass es Caesar vorzog, gegen Ambiorix vorzugehen. Die beiden Rheinbrücken Caesars werden im Neuwieder Becken vermutet. Zwei 2012 entdeckte Römische Militärlager Limburg-Eschhofen werden diesen Expeditionen zugeschrieben.Erstmals römische Kastelle von Gaius Julius Caesar in Hessen nachgewiesen. hessenARCHÄOLOGIE (online)
Unter der Statthalterschaft des Marcus Vipsanius Agrippa fand 39/38 v. Chr. noch eine weitere Rheinüberquerung der Römer statt. Etwa bis 19/18 v. Chr. wurden die Ubier ins linksrheinische Gebiet umgesiedelt.
Expansion unter Augustus
Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.), der Großneffe und Erbe Gaius Julius Caesars, war von 31 v. Chr. an Alleinherrscher des Römischen Reiches. Ihm fiel die Aufgabe zu, die römische Herrschaft in dem eroberten gallischen Raum zu festigen. Sein enger Vertrauter Marcus Vipsanius Agrippa war zweimal Statthalter Galliens. Dabei ließ er ein Straßennetz bis zum Rhein errichten und die Knotenpunkte durch Truppen sichern. Die Gründung von Augusta Treverorum, heute Trier, fiel in diesen Zeitraum. Durch den Ausbau der römischen Macht in Gallien geriet das Römische Reich nun wieder stärker in Konflikt mit germanischen Stämmen.
Die germanischen Sugambrer überschritten im Jahre 16 v. Chr. vermutlich nördlich des heutigen Bonn den Rhein. Die V. Legion wurde in einer Schlacht – der sogenannten Clades Lolliana – vernichtet und ihr Legionsadler erbeutet. Kaiser Augustus ließ die Verwaltung Galliens reformieren. Sein nächstes Ziel war die Erlangung der Kontrolle über die Alpenpässe und das Voralpenland.
Um 15 v. Chr. ließ er durch seine Stiefsöhne Drusus und Tiberius, den späteren Kaiser, in zwei Heeresgruppen – in nur einem Sommer „die Unterwerfung der Alpenstämme und die Besetzung des nördlichen Alpenvorlandes“ durchführen.Strabon, Geographika 4,6,9. Westlich setzte Tiberius über den Hochrhein mit dem Brückenkopf des Römerlagers Dangstetten, im Nordosten der Alpenregion wurde später die Provinz Raetia gebildet. Aus dem 15 v. Chr. angelegten Militärlager Augusta Vindelicum entwickelte sich später Augsburg.
mini|Feldzüge des Drusus (eingezeichnete Orte entsprechen nicht unbedingt dem Stand der Wissenschaft) mini|Feldzüge des Tiberius und des Lucius Domitius Ahenobarbus (eingezeichnete Orte entsprechen nicht unbedingt dem Stand der Wissenschaft) mini|Germanien zur Zeit des Varus (eingezeichnete Orte entsprechen nicht unbedingt dem Stand der Wissenschaft)
Drusus sicherte die linke Rheinseite und ihre Wege mit Kastellen. Zu den von ihm ab 13/12 v. Chr. angelegten Lagern gehören Bonna als heutiges Bonn, Asciburgium (heute: Asberg), ein Stadtteil von Moers, und Ulpia Noviomagus Batavorum im heutigen Nimwegen. Sie wurden später Teil des Niedergermanischen Limes. Ebenfalls angelegt wurde das Zweilegionenlager Mogontiacum, das heutige Mainz. Durch seine strategisch günstige Lage am Rhein gegenüber der Mainmündung wurde das Lager einer der wichtigsten militärischen Stützpunkte am Rhein. Die Römerbrücke bei Mainz über den Rhein ließ er rechtsrheinisch durch das Castellum Mattiacorum (heute Mainz-Kastel) sichern.
Das Lager Vetera beim heutigen Xanten diente als Basis für die Feldzüge und als Hauptbasis für die Flotte, die Classis Germanica, die Drusus ab 13 v. Chr. errichten ließ. Er veranlasste 12 v. Chr. den Bau des Drusus-Kanals und möglicherweise weiterer Kanäle, um mit Schiffen vom Rhein aus über die Zuiderzee (Flevu Lacus) die Nordsee zu erreichen.Kerst Huisman: De Drususgrachten: een nieuwe hypothese. In: Westerheem, 44 (1995), 188–194.
In den Jahren 12 v. Chr. bis zu seinem Tod führte Drusus Erkundungs- und Eroberungszüge östlich des Rheins durch und erreichte Elbe und Saale, die sogenannten Drusus-Feldzüge. Über die Nordsee befuhr seine Flotte die Ems. Er legte zwei Lager im Inneren der Germania magna an. An der Lippe (Lippia) stieß Drusus auf die Sugambrer und an der Elbe auf die Cherusker. Im Jahre 9 v. Chr. besiegte Drusus den germanischen Fürsten Marbod im Maingebiet, woraufhin dieser sich weit nach Osten zurückzog und ab 3 v. Chr. um die Markomannen herum einen mächtigen Stammesbund organisierte, dem unter anderem Hermunduren, Langobarden, Semnonen und Vandalen angehörten; sein Königssitz wurde Marobudum. Drusus starb 9 v. Chr. an den Folgen eines Beinbruchs, nach einer anderen Quelle an einer Krankheit. Sein Wirken beschrieben Cassius Dio, Florus und Velleius Paterculus.
Tiberius übernahm nach Drusus’ Tod den Oberbefehl in Germanien und setzte die Feldzüge fort. Er siedelte etwa 40.000 Sugambrer und Sueben ins linksrheinische Gebiet um, wo sie besser durch das römische Militär kontrolliert werden konnten. Andere Stämme wie die Cherusker wurden durch Bündnisse (foedera) an das Reich gebunden, in deren Rahmen sie auch Hilfstruppen für die römische Armee zu stellen hatten. Entlang der Lippe entstanden Häfen und Kastelle, um den Vorstoß nach Osten zu unterstützen. Nach dem Feldzugsjahr 8 v. Chr. glaubte man die Eroberung des rechtsrheinischen Germaniens im Wesentlichen abgeschlossen, sodass Tiberius am 1. Januar 7 v. Chr. in Rom einen Triumphzug abhalten durfte.
Lucius Domitius Ahenobarbus drang als Statthalter von Illyricum im Jahre 1 v. Chr. in das Gebiet jenseits der Elbe vor. Als Befehlshaber des Heeres in Germanien legte er die pontes longi („lange Brücken“) an.
Zwischen den Jahren 1 bis 4 n. Chr. kam es zu Unruhen in Germanien (immensum bellum), wie Velleius Paterculus berichtet.Velleius Paterculus 2, 104,2. Nach seiner Rückkehr von Rhodos unterwarf Tiberius zwischen 4 und 5 n. Chr. die Germanen bis an die Elbe. Das Römerlager Anreppen an der Lippe wurde im Jahre 4 n. Chr. als Tiberius’ Winterlager errichtet.Velleius Paterculus 2, 105 (3)
Publius Quinctilius Varus wurde 7 n. Chr. zum Befehlshaber am Rhein ernannt. Auf dem Rückweg zum linksrheinischen Winterlager Vetera im heutigen Xanten wurde Varus im Herbst des Jahres 9 n. Chr. eine vernichtende Schlacht aufgezwungen. Seine Gegner in der Varusschlacht waren Cherusker, Marser, Chatten, Brukterer und Chauken unter der Führung von Arminius. Drei Legionen (XVII, XVIII, XIX), drei Alen und sechs Kohorten gingen verloren. Insbesondere versuchte sich die Reiterei durch Flucht zu retten, dabei kam Gaius Numonius Vala um. Einige Flüchtlinge aus den Fußtruppen schafften es bis zum Kastell Aliso.
Die Römer zogen sich aus dem rechtsrheinischen Gebiet (dem „Barbaricum“) zurück. Sie ließen unter anderem Bergwerksanlagen zurück. Verlassen wurde auch die Standorte Dorlar und Waldgirmes an der Lahn. Nach diesem Debakel erhielt Tiberius den Oberbefehl. Er zog die Legionen II, XIII und XX an den Rhein, verhielt sich aber zurückhaltend.
Im Jahr 13 n. Chr. erhielt Nero Claudius Germanicus, der Neffe und Adoptivsohn von Tiberius, den Oberbefehl über acht Legionen.
Feldzüge unter Tiberius
mini|Operationen des Jahres 14 (eingezeichnete Orte entsprechen nicht unbedingt dem Stand der Wissenschaft) mini|Feldzüge des Jahres 15 (eingezeichnete Orte entsprechen nicht unbedingt dem Stand der Wissenschaft) mini|Aktionen des Jahres 16 (eingezeichnete Orte entsprechen nicht unbedingt dem Stand der Wissenschaft)
Im Frühjahr 14 n. Chr. übernahm Tiberius das Kaiseramt. Die in Pannonien und Germanien stationierten Legionen meuterten wegen der Härte des Dienstes, der Länge der Dienstzeit und des geringen Solds. Die Legio XIIII Gemina verweigerte den Treueeid, und in einem Sommerlager schlossen sich die zusammengezogenen vier Legionen des niedergermanischen Heeres der Meuterei an. Germanicus hielt zu Tiberius. Es kam zu Zugeständnissen.