Die zwölf Stämme Israels bilden nach der Überlieferung des Tanach das Volk Israel. Die Entstehung dieses Volkes wird gemäß den biblischen Texten in der vorstaatlichen Zeit der Geschichte des Volkes Israel (etwa 1200–1000 v. Chr.) angesetzt. Dabei ist die Zahl 12 wie in vielen anderen Kulturen als Symbol mit einer mythologischen Bedeutung belegt. Die Reihenfolge der Namen der Stämme erscheint in 20 verschiedenen Variationen.Emil Gustav Hirsch: The Twelve Tribes, Volltext der 1906 erschienenen Jewish Encyclopedia (englisch). Auch im Neuen Testament wird im Zusammenhang mit dem Reich Gottes auf diese 12 Stämme Bezug genommen (Evangelium nach Matthäus und Evangelium nach Lukas ). Nach bisherigen archäologischen Erkenntnissen gibt es jedoch für diese Stammesgeschichte – außer den schriftlichen Überlieferungen – keine historische Grundlage.Alan T. Levenson: The Making of the Modern Jewish Bible: How Scholars in Germany, Israel, and America Transformed an Ancient Text. Rowman & Littlefield Publishers 2011, ISBN 978-1-4422-0518-5, Seite 202 (englisch).
Biblische Überlieferung Der Name Israel Der Stämmebund tritt in den Erzählungen der Bibel seit dem 2. Buch Mose als Volk „Israel“ unter einheitlicher Führung auf. Zu diesem Volk wurde er jedoch erst im Laufe des Ansiedlungsprozesses im Kulturland Kanaan, in das Stämme von Halbnomaden unterschiedlicher Herkunft seit etwa 1500 bis 1000 v. Chr. in der Spätbronzezeit einsickerten.Martin Noth: Geschichte Israels. 8. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1976, ISBN 978-3-525-52120-5, S. 111. Eine erste außerbiblische Bestätigung dafür gibt die „Israelstele“ des Pharaos Merenptah (um 1210 v. Chr.), welche Israel als Bezeichnung für eine Menschen- oder Völkergruppe verwendet.
Die zusammenwachsenden Stämme entwickelten durch gemeinsame Sprache, benachbarte Siedlungsgebiete und vor allem durch die an bestimmten Kultorten ausgeübte Religion ein Bewusstsein ihrer Zusammengehörigkeit. Die biblische Geschichtsschreibung hat ihre Einzelüberlieferungen – besonders die Geschichten von Abraham bis zu Joseph – so miteinander verknüpft, dass das Werden dieses Volkes von Beginn an als zielgerichtetes Wirken des Gottes JHWH in der Geschichte dargestellt wird. Die Stämme führten sich auf gemeinsame Erzväter zurück, deren Überlieferungen in eine Generationenfolge gebracht wurden.M. Noth: Geschichte Israels. Göttingen 1976, S. 114. Der dritte dieser Stammväter, Jakob, habe von Gott den Ehrennamen „Israel“ erhalten.
Die Herkunft dieses Namens ist nicht mehr aufzuklären. Seine Wortbildung ähnelt anderen im Raum Kanaans üblichen theophoren Orts- und Personennamen, die mit dem dortigen Gottestitel El kombiniert waren. Die Übersetzung lautet „Gottesstreiter“, möglich wäre auch „Gott streitet für dich“. Darin drückt sich der mühsam errungene Glaube der Israeliten an ihre Besonderheit unter den übrigen Völkern aus. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, der Welt ihren Gott als Schöpfer aller Menschen und seinen Segenswillen bekannt zu machen und dafür Gottes Gerichte, Widerstände und die Verfolgung durch andere Völker auf sich zu nehmen (vgl. 1. Buch Mose ).M. Noth: Geschichte Israels. Göttingen 1976, S. 52.
Die zwölf Stämme Israels erscheinen biblisch als Nachkommen der zwölf Söhne Jakob-Israels (siehe auch 5. Buch Mose und Buch der Richter ). Sie hatten anfangs keine gemeinsamen politischen Führer und Institutionen. Gleichwohl verband ihr Glaube an den in der Geschichte wirkenden Gott ihrer Väter sie zu einer Gemeinschaft.
Biblische Stämmelisten Die in der Bibel überlieferten Ahnentafeln und Stämmelisten unterscheiden Anordnung, Zahl und Namen der Stämme, halten aber die übergeordnete Zwölfzahl fest. Eine Liste der zwölf Jakobsöhne erscheint im 1. Buch Mose dreimal:
, : Leas Söhne: Ruben, Simeon, Levi, Juda. Bilhas Söhne: Dan, Naftali. Silpas Söhne: Gad, Ascher. Leas Söhne: Issachar, Sebulon (Tochter Dina). Rahels Sohn: Josef. Ihre Bitte um einen weiteren Sohn wird etwas später mit der Geburt Benjamins erhört (Gen 35,18).
Leas Söhne: Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issachar, Sebulon. Rahels Söhne: Josef, Benjamin. Bilhas Söhne: Dan, Naftali. Silpas Söhne: Gad, Ascher (= 1. Chron 2,1f). Die Namen der Stämme sind hier nach Stammesmüttern gruppiert, chronologisch bzw. nach Status ihrer Mutter (Jakobs erster Frau, zweiter Frau, deren Mägden als „Leihmüttern“). Ruben, Simeon, Levi und Juda stehen in beiden Auflistungen an erster Stelle und bildeten offenbar mit den übrigen Söhnen der Lea eine Einheit.
: Jakob segnet vor seinem Tod jeden seiner Söhne: Ruben, Simeon, Levi, Juda, Sebulon, Issachar, Dan, Gad, Ascher, Naftali, Josef und Benjamin. Man erfährt einiges über ihre Besonderheiten, ihr Stammesgebiet und ihr künftiges Schicksal. Simeon und Levi wird eine Zerstreuung angekündet, was auf späteres Fehlen eines eigenen Stammesgebietes hinweist. Juda erhält bereits die Ankündigung eines Herrschers: ein Hinweis auf das Königreich Juda und die dort aufgekommene Messiaserwartung. Dort ist dieser Text vermutlich entstanden.
: Zum Abschluss der Wüstenwanderung werden die direkten Nachkommen jedes der zwölf Söhne aufgelistet: Ruben, Simeon, Gad, Juda, Issachar, Sebulon, Josef – aufgeteilt auf seine beiden Söhne Manasse und Efraim – Benjamin, Dan, Ascher, Naftali. Die Leviten sind hier zwar ebenfalls genannt, aber getrennt von den eigentlichen „Kindern Israels“. Dies wird damit begründet, dass sie kein eigenes Land erhielten und daher nicht zu den festen Bewohnern Israels zählten. Sie erhielten den Auftrag, als Priestergeschlecht für alle übrigen Stämme da zu sein. Nach der Landverteilung, die das Buch Josua in beschreibt, erhielt der Stamm Levi daher Wohnstädte innerhalb der übrigen Stammesgebiete (Jos 21).
Offenbar wurde in dieser späteren Version die Notwendigkeit empfunden, die Zwölfzahl nach dem Wegfall Levis aufrechtzuerhalten: Darum wurde der Stamm Josef in die Stämme Manasse und Efraim aufgeteilt. Zugleich rückte Gad an Levis Stelle, so dass auch die Anzahl der Söhne Leas sechs blieb. Daher hielt Martin Noth die Versionen, die Levi als eigenen Stamm an dritter Stelle nennen, für älter als die, in denen er fehlt. Die feste Reihung der sechs Söhne Leas erklärte er aus einer frühen Stammeseinheit, noch bevor die übrigen Stämme in das Siedlungsgebiet Israels einrückten.
Keine der Stämmelisten bildete demnach einen bestimmten, aus den Überlieferungen der Stämme bekannten historischen Siedlungszustand ab. Die drei erstgenannten Stammesgebiete waren laut Noth schon zu der Zeit, als spätere Stämme wie Josef und Benjamin hinzukamen, in größeren Einheiten aufgegangen; ihre Namen wurden gleichwohl festgehalten.
Die Zwölfzahl war vermutlich jedoch nicht ursprünglich. Das Deborahlied (Ri 5), das als einer der ältesten Bestandteile des Pentateuch gilt, nennt nur zehn Stammesgebiete: Efraim, Benjamin, Machir (= Manasse), Sebulon, Issachar, Ruben, Gelead (= Gad?), Dan, Ascher und Naftali. Es fehlen Juda und Simeon, deren Siedlungsgebiet später das Südreich Juda bildete, sowie Levi, von dem sich die Priester Israels herleiten. Es handelt sich also vermutlich um eine Tradition des Nordreichs Israel.
Siedlungsgebiete mini|Gebiete der 12 Stämme Israels Bei der Landnahme bedachte Josua bei der Versammlung in Silo nur sieben Stämme der Israeliten (Benjamin, Simeon, Sebulon, Issachar, Ascher, Naftali, Dan) mit Land. Das Fehlen mancher Stämme bei dieser Zuteilung bedeutet jedoch nicht, dass sie zu diesem Zeitpunkt nicht existierten, sondern dass sie bereits ein festes Gebiet hatten. Die genannten Eroberungen bzw. Landnahmen sind rückblickend eher der späten Phase der frühzeitlichen israelischen Expansion zugehörig. Die zum Stamm Juda zusammengeschlossenen regionalen Stämme, unter anderem die Städte Jericho, Hebron, Jerusalem und Bethlehem, haben insbesondere die Abrahamerzählung tradiert, welche später in den Büchern des Pentateuch fixiert wurde, so dass eine deutlich frühere Existenz und Ansiedlung somit als gesichert gilt. Weiterhin deutet die Erzählung zu dem für Joseph rettenden Verkauf (als Sklave nach Ägypten, nach Vorschlag seines Bruders Juda, der später zur großen Hilfe für die im Land bleibende Familie wurde, als es zu Hungersnöten kam) ebenfalls auf eine bereits frühe Existenz hin. Hier handelt es sich vermutlich um eine südliche Tradition von Jerusalem und Juda aus.
Die im Buch Josua umrissene Landnahme hatte einen weiteren entscheidenden Effekt, da sie die nördlich von Juda angesiedelten Gebiete der Kanaaniter angliederte und so die bis dahin bestehende geografische Trennung der nördlichen und der südlichen Stammesgebiete beseitigte. Durch die damit erreichte territoriale Geschlossenheit wurde wiederum das politische und kulturelle Zusammenwachsen der über diese Fläche verteilten Stämme stark begünstigt.
Gemeinsame Einrichtungen Jeder der Stämme verfügte als segmentäre Gesellschaft über ein hohes Maß an Selbstbestimmung und brachte seine eigenen Traditionen und Geschichten mit, die in der Bibel gesammelt wurden. Den Zusammenhalt der zwölf Stämme bildeten gemeinsame Heiligtümer, an denen jährliche Opferfeste stattfanden. Sie erhielten Ernte-Abgaben, die vom dreizehnten Stamm, den Leviten, verwaltet wurden. Im Falle äußerer Bedrohung eines oder mehrerer Stämme vollzogen diese unter Umständen gemeinsame Abwehrfeldzüge. Dabei sandte ein sich berufen fühlender Heerführer Sendschreiben an alle Stämme aus, um ein Heer aufzustellen. Dieses war situationsbedingt und wurde nicht zu einer fest stehenden Institution.
Übergang zum Königtum mini|Karte ca. 1741: „Judaea seu Palaestina“ mit Städten und Stammesgebieten Nach dem 1. Buch Samuel beendete die langjährige Gefährdung durch die Philister die Ära des losen Stämmebundes, und Israel wurde eine Monarchie wie die umgebenden Völker. Der von einem Propheten designierte König wurde von den Stämmen ursprünglich erst bestätigt, nachdem er sich außenpolitisch als erfolgreich erwiesen hatte. Er übernahm also die Funktion des berufenen charismatischen Heerführers und verstetigte sie. Das Großreich Israels soll der Bibel zufolge unter den ersten Königen Saul, David und Salomon alle zwölf Stämme umfasst haben, bevor es in das Nordreich Israel mit zehn Stämmen und das Südreich Juda mit zwei Stämmen zerbrach. David hatte Jerusalem zu seiner Hauptstadt gemacht, die später Hauptstadt des Südreiches war.
Die Amphiktyonie-Hypothese Bis etwa 1960 erklärte die alttestamentliche Wissenschaft den israelitischen Stämmebund oft als eine Amphiktyonie, also eine feste Einheit von tatsächlichen zwölf Stämmen, die sich um ein Zentralheiligtum gruppierten. Diese Hypothese gilt heute weithin als widerlegt.
Vorläufer dieser These (einen Überblick dazu gibt Georg Fohrer) stellten Heinrich Ewald (1864) und Hermann Gunkel auf: Sie nahmen im Anschluss an die Eigendarstellung des Pentateuch einen Stämmebund in der Patriarchenzeit an, der schon vor dem Auszug aus Ägypten unter Mose und der Übernahme des JHWH-Glaubens im Raum Palästinas existiert habe. Ewald wies bereits auf Zwölfer- und Sechserlisten für außerisraelitische Völker in der Bibel hin:
: 12 Aramäer-Stämme : 12 Ismaeliten-Stämme : 12 Edomiter-Stämme.
Weitere Hypothesen, Kritik und Ansätze In einer von tribalistischen Strukturen geprägten, halbnomadischen bzw. nomadischen Gesellschaft konstituiert sich der kollektive Zusammenhalt häufig stark aus imaginierten und tradierten Elementen wie Sitten, Brauchtum, religiösen Überzeugungen, Ritualen und Traditionen, wie sie in „vorstaatlicher Zeit“, etwa durch den Richter (), den Stammesführervergleiche Stammesgesellschaft gewährleistet wurden.Siegfried Herrmann: Geschichte Israels in alttestamentlicher Zeit. 3. Auflage, Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1985, S. 147–166. Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin/Boston 2021, ISBN 978-3-11-014543-4, S. 75 f.