mini|hochkant|Vilém Flusser (1940) mini|Vilém Flusser, im Hörsaal der FH Bielefeld, Fotosymposium 1984 Vilém Flusser (* 12. Mai 1920 in Prag; † 27. November 1991) war ein tschechisch-brasilianischer Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler.
Leben Flusser wurde in Prag-Bubeneč geboren. Er entstammte einer jüdischen Akademikerfamilie, sein Vater Gustav war Mathematikprofessor an der Universität in Prag, sein Cousin der Religionswissenschaftler David Flusser. Nach der Matura am Deutschen Staatsrealgymnasium 1938 trat Vilém Flusser ein Philosophiestudium an der Karls-Universität in Prag an, musste jedoch 1939 nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei vor den Nationalsozialisten flüchten. Vilém Flusser verlor seine gesamte Familie in Konzentrationslagern. Sein Vater starb 1940 in Buchenwald; seine Großeltern, seine Mutter und seine Schwester wurden nach Theresienstadt und später nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.
Flusser lebte zunächst mit seiner späteren Ehefrau bei deren Eltern in London, wo er sein Studium fortsetzen konnte. 1940 wanderte die gesamte Familie nach Brasilien aus. Bis ca. 1950 war er im Import und Export tätig und erhielt 1950 die brasilianische Staatsbürgerschaft.Diário Oficial da União (DOU) de 23 de Janeiro de 1950, S. 4 (brasilianisches Portugiesisch). Abgerufen am 3. Januar 2022. In den Jahren 1950/51 wirkte er an einem Buchprojekt zur Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts mit. Ab 1960 hatte er Kontakt mit dem Brasilianischen Philosophischen Institut und hielt dort Vorträge. Flusser hatte als seinen Freund und engsten Gesprächspartner den brasilianischen Philosophen Vicente Ferreira da Silva.Flusser, Vilém. Bobenlos: A Philosophical Autobiography. Annablume, 2007. S. 141–156. Vicente was the Brazilian philosopher who most marked Flusser's work. (editor's note) In the German version: Freund-feind.Vilém Flusser: Vicente Ferreira da Silva (Typoskript, 7 Seiten, deutsch)
Ab 1962 war er Mitglied dieses Institutes und erhielt 1962 einen Lehrstuhl für Kommunikationstheorie in São Paulo. Von 1967 an war er Professor für Kommunikation an der Escola Superior de Cinema in São Paulo und hielt weltweit Vorträge.
Die in diesen Jahren intensiv erlebte Exilsituation wurde für Flusser zu einer Grundkonstante seines späteren Denkens. In seiner Autobiographie „Bodenlos“ (1992) beschreibt er sie als eine Situation, die unsanft aus aller Sicherheit reißt und damit ans Philosophieren heranführt, oder treffender gesagt: einen zum Philosophieren zwingt.Vilém Flusser: Bodenlos. Eine philosophische Autobiographie. Bollmann, Düsseldorf/Bensheim 1992, S. 11.
1972 verließ das Ehepaar Flusser aufgrund von Konflikten mit der Militärregierung Brasilien, um sich dauerhaft in Europa niederzulassen. Ihre ersten Stationen waren Meran in Südtirol und Saumur an der Loire, wo sie zwischen ausgedehnten Reisen jeweils mehrere Monate verbrachten. Meran war für ihn ein provisorischer Ort zum Überwintern, keine neue Heimat. Diese fand er 1980 in Robion, einem kleinen Dorf in der französischen Provence. Dort erwarb er dank Vermittlung seines Freundes Louis Bec ein bäuerliches Anwesen, das bis zu seinem Tod seine „Insel der Meditation und Kreativität im allgemeinen Strom“ bleiben sollte.
1981 begegnete er auf einem Fotosymposium auf Schloss Mickeln bei Düsseldorf dem deutschen Fotografen und Verleger Andreas Müller-Pohle. Auf dessen Anregung hin schrieb Flusser im Jahr darauf den Essay „Für eine Philosophie der Fotografie“, der schließlich in Müller-Pohles Verlag European Photography erschien. Dieser verlegte auch die weiteren Schriften Flussers, die später in der „Edition Flusser“ zusammengefasst wurden, und publizierte in seiner Zeitschrift European Photography unter dem Titel „Reflections“ eine regelmäßige Kolumne Flussers. Müller-Pohle gilt als der „Entdecker Flussers in Europa“. Andreas Ströhl: Die Geste Mensch – Vilém Flussers Kulturtheorie als kommunikationsphilosophischer Zukunftsentwurf. Website der Philipps-Universität Marburg. Abgerufen am 17. Mai 2021. Beide verband eine enge Freundschaft und „grundlegende Seelenverwandschaft“, die Flussers Produktivität und Kreativität nachhaltig beflügelte.
1991 wurde Flusser von Friedrich Kittler als Gastprofessor an die Ruhr-Universität Bochum eingeladen. Nach dem ersten öffentlichen Vortrag in seiner Geburtsstadt Prag am Goethe-Institut starb Vilém Flusser auf der Rückfahrt kurz vor der deutschen Grenze an den Folgen eines Autounfalls. Flusser wurde auf dem neuen jüdischen Friedhof in Prag beigesetzt.
mini|hochkant|Grabstelle vonVilém und Edith Flusser
Flussers Biographie erklärt seine bemerkenswerte Vielsprachigkeit. Er schrieb seine Texte in Englisch, Französisch, Portugiesisch und Deutsch – seltener in seiner Muttersprache Tschechisch. Dasselbe Thema in verschiedenen Sprachen zu behandeln, hieß für ihn, dieses von verschiedenen Punkten aus zu betrachten. Flusser ließ sich oft von der Etymologie leiten, und mehrere Sprachen boten ihm auch mehrere Ansätze. Er veröffentlichte hauptsächlich auf Deutsch und Portugiesisch.
Sein Nachlass, der neben ca. 2500 Typoskripten auch sämtliche erhaltenen Korrespondenzen sowie viele Bild- und Tondokumente beinhaltet, befindet sich im Vilém-Flusser-Archiv, das ab 1992 von seiner Witwe Edith Flusser, seinem Sohn Miguel Gustavo Flusser, Vera Schwamborn und Klaus Sander in Den Haag aufgebaut wurde. 1998 übergab Edith Flusser das Archiv der Kunsthochschule für Medien Köln, wo es bis 2006 von dem Medienarchäologen Siegfried Zielinski betreut wurde. Seit 2007 ist es an der Universität der Künste Berlin öffentlich zugänglich, seit 2016 wird es von der Professorin für Kommunikations- und Mediensoziologie Maren Hartmann betreut.
Lehre
Kommunikationsbegriff Die Gesamtheit seiner Denkbemühungen betitelt Flusser mit dem Kunstwort „Kommunikologie“, worunter er die Lehre von der menschlichen Kommunikation versteht. Sein Kommunikationsbegriff ist dabei ausufernd und nicht leicht zu fassen. Dürnberger fasst das Kommunikationsverständnis von Flusser in vier wesentlichen Punkten zusammen: Die menschliche Kommunikation ist (1) als Phänomen der Freiheit zu interpretieren, (2) ein existentielles Unterfangen, (3) in ihrer symbolischen Vermitteltheit dialektischer Natur und schließlich (4) mitentscheidend für unseren Standpunkt in und zur Welt.Christian Dürnberger: Denken im Umbruch der Symbole. Karl Jaspers’ Begriff der Achsenzeit in einer kommunikationsphilosophischen Interpretation nach Vilém Flusser. Wien 2006, S. 43ff.
Die Kommunikation des Menschen ist laut Flusser „unnatürlich“. Ihre Künstlichkeit zeigt sich im Besonderen an ihrer symbolischen Vermitteltheit. Flusser versteht das Anhäufen von Informationen nicht als von Gesetzen ableitbaren Vorgang, sondern führt es auf die menschliche Freiheit, d. h. auf den menschlichen Willen zurück.Vilém Flusser: Kommunikologie. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 12ff. Die Menschwerdung muss – im Sinne des Existentialismus – als Entfremdung verstanden werden: Der Mensch wird aus der Welt verstoßen (oder er entspringt ihr), d. h., er ist nicht länger wie das Tier in ihr aufgehoben, sondern tritt ihr als fremd gegenüber. Im Geworfensein liegt damit ein Gefühl der Ohnmacht, der Verlorenheit und der Einsamkeit – und gegen diese Stimmung, so Flusser, kommuniziert der Mensch: „Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgriff, dessen Absicht es ist, uns die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu lassen.“Vilém Flusser: Kommunikologie. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 10. Symbole sollen die Kluft, wie sie die Reflexion zwischen Welt und Mensch auftut, überbrücken, indem sie die Welt bedeuten. Sie sollen die Welt darstellen, sie strukturieren und Orientierung schaffen. Symbole sind, so Flusser, ihrem Wesen nach dabei jedoch dialektischer Natur, d. h., ein Symbol besitzt nicht nur das Potential, die Welt darzustellen, es trägt auch die Tendenz inne, die Welt zu verdecken. Für Flusser ist mit diesem Befund die Möglichkeit angesprochen, dass ein Code als System von Symbolen die Welt mehr verdeckt als er sie bedeutet.Vilém Flusser: Kommunikologie. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 107. Kommunikation ist schließlich laut Flusser mitentscheidend für unseren Standpunkt in und zur Welt. Symbole sind nicht als Spiegel der Wirklichkeit zu verstehen, sie bilden die Welt nicht eins zu eins ab, sondern nehmen in ihrem abstrahierenden Abbilden und akzentuierenden Beschreiben stets eine Konstruktion vor. Diese Konstruktion ist dabei, so Flusser, nicht unabhängig von der Art der Symbole, vielmehr gilt, dass jeder Code eine für ihn typische Prägung mit sich bringt.Vilém Flusser: Kommunikologie. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 242
Philosophie Vilém Flusser geht von einem fünfstufigen historischen Modell aus. Die erste Stufe wird einem Naturmenschen zugeordnet, der in einer vierdimensionalen Umwelt des unmittelbaren und „konkreten Erlebens“ lebt. Die zweite Stufe bezieht sich auf das Interesse des Menschen an Gegenständen, also an einer dreidimensionalen Umwelt. Mit der dritten Stufe wird die zweidimensionale Umwelt prägend für die Kultur: Traditionelle Bilder, die „anschaulich und imaginär“ sind, schieben sich zwischen den Menschen und seine Lebenswelt. Seit etwa viertausend Jahren sind lineare Texte zunehmend kulturprägend.Ein Hinweis darauf ist Mythos des ägyptischen Gottes „Theuth“ auf den Platon im Dialog Phaidros (274 e1–275b2) referiert. Diese Art der Vermittlungstechnik von Informationen, bei der ein „Begreifen mittels Begriffen“ ermöglicht wird, lässt eine eindimensionale Umwelt entstehen. Die heutige Gesellschaft befindet sich auf dem Weg in eine nachalphabetische Phase der nulldimensionalen technischen Bilder, bei der die Texte ihre Funktion verlieren.Vilém Flusser: Kommunikologie. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 105ff. Diesen gegenwärtigen „Umbruch der Codes“ charakterisiert Flusser als eine Situation der Krise.Vilém Flusser: Kommunikologie. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 224 Wobei Flusser nicht nur die Herausforderungen, sondern ebenso die Produktivität eines solchen Umbruchs erkennt: In seinem Aufsatz Wonach? versucht er bruchstückhaft Ausblick auf eine neue Wissenschaftlichkeit und Kultur jenseits der Dominanz der Schriftlichkeit zu geben.Vilém Flusser: Wonach? In: Andreas Steffens (Hrsg.): Nach der Postmoderne. Bollmann, Düsseldorf 1992, S. 15–30.
In diesem Stufenmodell verweist das Zeichen der höheren Stufe jeweils auf das Erlebte der nächsttieferen Stufe. Ein Bild bedeutet die dargestellten dreidimensionalen Gegenstände; ein Text bedeutet ein Bild, welches seinerseits die Gegenstände bedeutet. Indem der Text den Bildinhalt auf eine Dimension reduziert, kann dieser Inhalt analysiert und kopiert werden.
Den Unterschied zwischen traditionellen Bildern und technischen bzw. „Technobildern“, wie Fotografien, Filmen, Video, statistischen Kurven, Diagrammen und Verkehrszeichen und -symbolen, sieht Flusser auf der Bedeutungsebene: Während traditionelle Bilder Szenen darstellen, bedeuten Technobilder Texte. Ein traditionelles Frauenporträt stellt eine (reale oder fiktive) Person dar; ein Technobild einer Frau dagegen bedeutet einen Satz (oder einen längeren Text), z. B. bedeutet das Technobild einer Frau auf einer WC-Tür: „Dieses WC dürfen nur Frauen betreten!“
Flusser sagt voraus, dass das Alphabet als dominierender Code von den Technobildern abgelöst werden wird. Dadurch würde sich auch die Auffassung von Raum und Zeit ändern, denn der lineare Zeitverlauf und der geometrische Raum sind nur für die Menschen eine Selbstverständlichkeit, die mit Texten aufgewachsen und von Texten geprägt sind.