mini|Jan Steen: Im Wirtshausgarten mini|Cocktails in einer Berliner Bar Unter Trinkkultur in Europa versteht man das Trinken, Zubereiten und Darbieten von alkoholischen Getränken und von Getränken wie Kaffee, Tee und Kakao, die als Genussmittel bezeichnet werden.
Soziologen und Historiker benutzen den Begriff vorwiegend im Zusammenhang mit Alkohol. Als Bestandteil der Kultur gelten auch alle nötigen Utensilien (Geschirr, Besteck) und die speziellen Trinkorte.
In vielen Regionen der Welt ist, ähnlich der Esskultur, auch die Aufnahme von Getränken mit bestimmten Ritualen oder Zeremonien verbunden.
Allgemeines Es gibt eine Reihe wissenschaftlicher Studien zur Geschichte und Bedeutung von Genussmitteln. Bei den soziologischen Publikationen zur Trinkkultur steht der Alkohol im Vordergrund, da er das mit Abstand älteste bekannte trinkbare Genussmittel ist. Kaffee, Tee und Kakao wurden im Westen dagegen erst in der Neuzeit eingeführt.
Alkohol In der wissenschaftlichen Literatur werden Gemeinschaften teilweise je nach ihrer Einstellung zu alkoholischen Getränken in Gruppen eingeteilt. Eine mögliche Unterteilung ist die in überwiegend abstinente Kulturen, in denen regelmäßiger Alkoholkonsum sozial wenig akzeptiert ist, und in nicht-abstinente Kulturen, in denen Alkohol als Alltagsgetränk gilt. Die Abstinenzkulturen finden sich laut Harry Levine in Skandinavien und Großbritannien, wo hochprozentige Spirituosen eine größere Rolle spielen, während südeuropäische Länder nicht-abstinent sind, aber vor allem Wein bevorzugen. Abstinenzkulturen in Europa sind historisch stark vom Protestantismus geprägt, während es in den katholischen Ländern nie bedeutende Abstinenzbewegungen gegeben hat. So gibt es auch heute beispielsweise in DeutschlandVgl. Johann Wilhelm Petersen: Geschichte der deutschen National-Neigung zum Trunke. Nach der Ausgabe von 1782. Mit einem Nachwort von Arno Kappler. Harenberg, Dortmund (= Die bibliophilen Taschenbücher. Band 138). und in der Schweiz mit starken protestantischen Bevölkerungsanteilen Gruppen der Anonymen Alkoholiker, kaum aber im katholischen Österreich.Harry G. Levine: (PDF; 354 kB). In: Malcom Lader u. a. (Hrsg.): The Nature of Alcohol and Drug-Related Problems. New York 1993, S. 16–36.
Die folgende Einteilung nimmt der deutsche Soziologe Wolf Wagner vor:Wolf Wagner: Kulturen des Alkohols. Alkoholprohibitive Kulturen mit einem generellen Alkoholverbot, oft aus religiösen Gründen. Dazu gehören viele islamische und hinduistische Länder und Gemeinschaften. Alkoholexzeptionelle Kulturen, die Alkohol nur bei klar definierten, seltenen Anlässen in begrenzten Mengen zulassen. Hierzu zählen die meisten jüdischen und viele christlich geprägte Kulturen. Alkoholpermissive Kulturen, in denen Alkoholkonsum bei bestimmten Gelegenheiten erlaubt ist. Hier wird unterschieden zwischen Kulturen, in denen Alkohol Alltagsgetränk ist und zum Beispiel zum Essen getrunken wird, jedoch in kleineren Mengen (u. a. Spanien, Italien, Griechenland und Frankreich), und Kulturen, in denen vor allem am Wochenende und bei Festen Alkohol getrunken wird und dann oft in größeren Mengen, etwa in Skandinavien. Alkoholdeterminierte Kulturen, in denen viele Anlässe der Alltagskultur eng mit Alkoholkonsum verbunden sind wie Geburtstag, Hochzeit, Taufe, Beerdigung, Firmeneinstand etc. Trunkenheit wird in einem gewissen Rahmen gebilligt. Wagner zählt hierzu Deutschland, Österreich, die Schweiz und die Niederlande. Alkoholexzessive Kulturen, in denen Alkoholkonsum als Norm gilt und der Rauschzustand als Zeichen von Männlichkeit, Stärke, Großzügigkeit etc. angesehen wird. Es werden überwiegend hochprozentige Alkoholika konsumiert. Wagner rechnet dazu viele slawische Länder.
Soziale Aspekte mini|Der fröhliche Trinker(Gemälde von Frans Hals) mini|Weinstube(Theodor Hosemann, 1858)
Für das Trinken von Alkohol gab und gibt es in allen bekannten Kulturen Regeln.
Dies gilt auch für islamische Gesellschaften, in denen Alkohol nur als Medizin zulässig ist.
Aus den bekannten Studien ergibt sich, dass es vor allem eine kulturübergreifende Regel gibt, nämlich die gesellschaftliche Ablehnung des einsamen Alkoholkonsums (solitary drinking). Alkoholgenuss wird als soziale Aktivität aufgefasst, die dazu dient, soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Wer alleine zu Hause trinkt, gerät in den Verdacht, ein Alkoholiker zu sein. Außerdem ist es üblich, alkoholische Getränke mit anderen zu teilen. Sie alleine zu konsumieren, gilt daher als unsozial.
In allen europäischen Ländern wird vor allem bei festlichen Anlässen reichlich getrunken. Alkohol und Feste gehören kulturell fast untrennbar zusammen. Es gibt jedoch Länder, in denen die Trinkkultur Bestandteil des Alltags ist, so dass auch ohne besonderen Anlass Alkohol serviert wird; das ist zum Beispiel in den Mittelmeerländern Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich der Fall. Soziologen unterscheiden zwischen Gesellschaften mit „integrierter Trinkkultur“ wie in den erwähnten Mittelmeerländern, wo kein besonderer Anlass für Alkoholgenuss nötig ist, und Nationen mit „ambivalenter Trinkkultur“, wo Alkohol zwar gesellschaftlich durchaus akzeptiert ist, aber nicht ohne jeden Anlass, wie in England und in Deutschland.
Das kann bei ausländischen Besuchern etwa in Frankreich zu Missverständnissen führen, wie ein englischer Autor ausführt:
In England wäre das nur an einem besonderen Feiertag denkbar, in Frankreich gehört das zum Alltag.
Alkohol wird auch symbolische Bedeutung zugeschrieben. Champagner beispielsweise gilt in Mitteleuropa als Getränk für besondere, feierliche Anlässe. In einer Publikation wird erwähnt, dass in Österreich Sekt einen eher formellen, offiziellen Charakter hat, während Schnaps das typische Getränk bei privaten Zusammenkünften ist. Die symbolische Bedeutung werde auch daran deutlich, dass das Anbieten von Schnaps während eines Gesprächs dazu führen könne, dass die Anrede vom formellen Sie zum vertrauten Du wechselt.
Die Art des Getränks gilt auch als Statusindikator, denn nicht alle Alkoholika gelten als „gleichwertig“. Importierte Getränke haben oft einen höheren Status als einheimische, und den Konsumenten ist das jeweilige bewusst. In Polen zum Beispiel gilt Wein als Getränk der Mittelschicht, während das einheimische Bier und Wodka die Getränke der unteren Schichten sind. Folglich bevorzugen polnische Studenten Wein. In Frankreich dagegen ist Wein ein Alltagsgetränk und hat keinen besonderen Status. Hier bevorzugen junge Akademiker Importbier. Getränke können auch zu Symbolen nationaler Identität werden: Guinness steht für Irland, Whisky für Schottland, Ouzo für Griechenland. Das Nationalgetränk zu trinken, kann zu einem Akt des Patriotismus werden.
In allen Kulturen finden sich einschränkende Regeln zum Alkoholkonsum von Frauen und Kindern bzw. Jugendlichen. Es wird erwartet, dass sie deutlich weniger Alkohol trinken als Männer. Fast überall gibt es auch Unterschiede zwischen Alkoholika, die als „männlich“ und solchen, die als „weiblich“ gelten. Die „Frauengetränke“ enthalten weniger Alkohol, gelten als „leichter“ und sind oft süßer. Likör, Cocktails und Sekt gelten zum Beispiel als typische Frauengetränke, im Gegensatz zum Schnaps und Bier. Im Allgemeinen gilt es für Frauen als unweiblich, „harte“ Drinks zu konsumieren, auch Biertrinken gilt bei Frauen auch heute noch teilweise als verpönt (vor allem in ländlichen Regionen), während es unter Männern verpönt ist, die „Frauengetränke“ zu trinken.
Es ist unter Soziologen umstritten, ob die Alkoholbeschränkungen für Frauen und Heranwachsende vorrangig gesundheitliche Gründe haben oder ob sie die gesellschaftliche Hierarchie symbolisch betonen sollen, wonach gewisse Getränke mit höherem Status allein den erwachsenen Männern vorbehalten sind.
Geschichte Frühe Hochkulturen Das älteste alkoholische Getränk ist das Bier, das schon vor rund 13.000 Jahren im Vorderen Orient gebraut wurde. Wein wurde etwa 4000 v. Chr. im alten Ägypten angebaut und getrunken. Zu dieser Zeit wurde in Ostasien Bier aus Hirse und Reis eingeführt, in Amerika Maisbier. In Mesopotamien erhielten die Priester täglich fünf Liter Bier; es galt also als Alltagsgetränk. In Ägypten wurde an Festtagen von Pharaonen und Priestern bis zum Rausch getrunken, die nach übermäßigem Konsum eintretende Bewusstlosigkeit galt als heilig.
Antike Die alten Griechen und die Römer tranken kein Bier, sondern Wein, der mit Wasser vermischt wurde. Wer Wein pur trank, galt als Säufer. Während Trunkenheit im Alltag verpönt war, war sie bei den griechischen Trinkgelagen (Symposien) schon fast eine Pflicht. Der Rausch galt ebenso wie in Ägypten als besonderer Zustand, der den Kontakt zu einer höheren Welt ermöglichte, und hatte somit mystischen Charakter. Die Römer übernahmen die Trinkgelage von den Griechen, aber ohne spirituelle Elemente. Es ging um das Vergnügen beim Trinken.
Die Germanen waren ein Volk der Bier- und Mettrinker. Sie stellten sich vor, dass auch die Götter Alkohol trinken. Auch bei den Germanen war der Rausch Teil des sozialen Lebens, es herrschte angeblich bei wichtigen Anlässen ein kollektiver Trinkzwang. Die christlichen Missionare gingen gegen diese Trinkkultur mit Verboten vor, konnten aber nicht verhindern, dass die Trinkgewohnheiten der Römer innerhalb des Römischen Reiches übernommen wurden und sich mit den bereits vorhandenen verbanden.
Auf Grund der schlechten Wasserqualität wurde bis in die Neuzeit hinein in Mitteleuropa wesentlich mehr Alkohol getrunken als heute; Wein und Bier waren Alltagsgetränke und galten als Lebensmittel. Während südlich der Alpen Wein getrunken wurde, dominierte nördlich der Alpen das Bier.
Mittelalter Während regelmäßiger Alkoholkonsum im Mittelalter als völlig normal angesehen wurde, gab es schon im frühen Mittelalter Bemühungen, das übermäßige Zechen bis zum Vollrausch einzudämmen. Jedem deutschen Kaiser wurde vor der Krönung in Rom die Frage gestellt: „Willst du mit Gottes Hülfe dich nüchtern halten?“ Karl der Große war ein Anhänger der Mäßigkeit beim Trinken und erließ Verbote gegen den Trinkzwang bei Gesellschaften, allerdings erfolglos.
In Deutschland nahm ein großer Teil der Bevölkerung, inklusive der Kinder, bis weit in die Neuzeit hinein schon morgens eine Biersuppe zu sich. Außerhalb von Mahlzeiten nahm das Trinken der Männer im Allgemeinen den Charakter eines Gelages an. Die Trinksitten verlangten, dass ein angebotenes Getränk nicht abgelehnt werden durfte, das wäre als Beleidigung aufgefasst worden. Solange die Mittrinker noch tranken, durfte keiner aufhören, denn das galt als Zeichen von Schwäche und Unmännlichkeit. So wurde oft gezecht bis zur Bewusstlosigkeit, wie Chronisten berichten. Die Trinksitten schrieben das Kampftrinken vor, eine Form des Duells ohne Waffen. Wer sich diesen Regeln entziehen wollte, wurde zum Außenseiter und wurde sozial ausgegrenzt, oder er wurde sogar zum Feind erklärt.
mini|Zechende Studenten(Stammbuchmalerei um 1750) Von Grimmelshausen ist die Äußerung überliefert, dass beim so genannten Zutrinken oft regelrecht „der Angstschweiß ausbrach, doch es musste gesoffen sein“, um sich keine Blöße zu geben oder geächtet zu werden. Adlige Herren hatten den Vorteil, dass sie mitunter ersatzweise ihre Diener vorschicken konnten, die dann in ihrem Namen mittrinken mussten. Dahinter stand teilweise auch die Angst, beim Trinken vergiftet zu werden.