mini|Siedlungskolonien für Europäer um 1914 (ohne unabhängige Einwanderungsländer in Übersee)Hermann Kinder, Werner Hilgemann: dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 2: Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, 5. Auflage. dtv, München 1970, S. 98. Eine Siedlungskolonie oder eine Siedlerkolonie ist ein Gebiet außerhalb des ursprünglichen Siedlungsraums einer Gesellschaft, in dem ein Ableger dieser Gesellschaft die indigene Bevölkerung politisch beherrscht und verdrängt. Laut des britisch-australischen Historikers Patrick Wolfe unterscheidet sich der Siedlerkolonialismus kategorisch von anderen Formen des Kolonialismus durch sein Bestreben, die „Einheimischen zu eliminieren“ anstatt sie auszubeuten. Raphael Lemkin, der den Begriff Genozid prägte und persönlich vom Genozid des NS-Regimes betroffen war, beschreibt Kolonialismus als eng mit Genozid verbunden.

Typus Georges Balandier bestimmte die für den Siedlerkolonialismus grundlegende koloniale Situation die von einer „fremden, rassisch (oder ethnisch) und kulturell andersartigen Minderheit im Namen einer dogmatisch behaupteten rassischen (oder ethnischen) und kulturellen Überlegenheit einer materiell unterlegenen eingeborenen Mehrheit aufgezwungene Herrschaft.“ Man unterschied zunehmend zwischen Siedlungskolonien und übrigen Kolonien (zum Beispiel Beherrschungs- und Stützpunktkolonie). Die Typen werden aber heute nicht mehr als ausschließend betrachtet, sondern können sich aus einem Typ in einen anderen entwickeln.Bernd-Stefan Grewe und Thomas Lange: Kompaktwissen Geschichte. Kolonialismus. Reclam, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-15-017082-3, S. 12f.

Eine Sonderform des Siedlerkolonialismus ist der „Surrogatkolonialismus“, die Kolonisierung des Territoriums einer indigenen Gruppe durch eine zweite Gruppe mittels einer dritten Gruppe, etwa im 20. Jahrhundert das Territorium der Südafrikaner durch die Briten mittels den bereits ansässigen Buren.

Geschichte mini|Manifest Destiny – Columbia, die Nationalallegorie der Vereinigten Staaten, auf ihrem Kopf das Licht „Stern des Imperiums“, führt die Siedler gen Westen, die Indianer und wilde Tiere vertreiben. Das Licht wurde mit Gott assoziiert, die Metapher diente zur Rechtfertigung des „göttlichen Auftrags“ der US-Amerikaner zum Expansionismus und Exzeptionalismus Der Siedlerkolonialismus ist vor allem ein Phänomen der globalen europäischen Expansion in der Neuzeit. Wie stark die indigene Bevölkerung dabei verdrängt wurde, hängt nicht zuletzt von der Dauer der Kolonialherrschaft und der anschließenden Einwandererstaaten (nicht zu verwechseln mit dem Begriff Einwanderungsland) ab. Verdrängung äußerte sich auch durch neue Siedlungsformen für die einheimische Bevölkerung. So wurden etwa in Afrika staatliche Umsiedlungs- und Konzentrationsmaßnahmen (villagization) zunächst vorrangig in Siedlerkolonien durchgeführt.Jacob Emmanuel Mabe (Hrsg.): Das kleine Afrika-Lexikon. Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2004, ISBN 978-3-89331-538-3, S. 40. Zahlreiche ehemalige Siedlungskolonien sind heutzutage Staaten mit mehrheitlich europäischstämmigem Staatsvolk außerhalb Europas wie die USA, Kanada, Hawaii, Neuseeland, Australien, Uruguay, Chile und Argentinien. In anderen wie Algerien blieb die indigene Bevölkerung in der Mehrheit und ist heute Staatsvolk. Religiöse und ethnische Minderheiten wanderten ebenfalls in bestehende Siedlerkolonien aus und bildeten dort eine Diaspora wie die Juden, Armenier und Iraner in den Vereinigten Staaten, andere siedelten aufgrund Abkommen zur Sendung ausländischer Arbeitskräfte, wie die chinesischen Kulis oder Inder in Südafrika.

Die übrigen Kolonien wurden aus machtpolitischen Gründen erworben. Ihre Wirtschaft wurde ohne wesentliche oder mit nur geringer Einwanderung nach den Interessen des Mutterlandes ausgerichtet. Im Unterschied zu Siedlungskolonien, die oft in gemäßigtem Klima der Nord- oder Südhalbkugel lagen, waren diese Kolonien oft tropisch bzw. äquatornah (z. B. Plantagenkolonien).

In einigen karibischen Ländern wurde die Vorbevölkerung zahlenmäßig weniger durch die Kolonisatoren selbst, als vielmehr durch die von ihnen aus Afrika importierten Sklaven verdrängt.

Die Entkolonisierung stellte eine existenzielle Bedrohung für die weißen Siedlerminderheiten dar. In ganz Afrika kämpften nationale Befreiungsbewegungen in Guerillakriegen gegen die Kolonialmacht und ihre Siedler. Nach der Unabhängigkeit verließen die meisten europäischen Siedler und ihre Nachkommen die ehemaligen Kolonien, weil sie ihre privilegierte Stellung verloren und zum Teil die Vergeltung der nun herrschenden Mehrheitsbevölkerung fürchteten. Dennoch bedeutete das Ende siedlungskolonialer Regime nicht immer auch das Ende rassistischer Machtstrukturen: In Namibia gehörten beispielsweise im Jahr 2022 weiterhin etwa 70 Prozent des Ackerlandes in Privatbesitz den Nachkommen weißer Siedler.

Forschung Das Paradigma des Siedlungskolonialismus ist seit 2010 u. a. mit der Fachzeitschrift Settler Colonial Studies „disziplinär und institutionell fest in der Wissenschaftslandschaft verankert“, schreiben Jürgen Mackert und Ilan Pappe. Speziell in Deutschland sei es allerdings in Forschung und Öffentlichkeit „weitgehend unbeachtet geblieben“. In den USA wurde es seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 wiederholt als ideologisiertes und umstrittenes Konzept dargestellt.

Beispiele Siedlungskolonien des Deutschen Kaiserreichs: Deutsch-Südwestafrika, das heutige NamibiaSebastian Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte. C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56248-8, S. 29.

Siedlungskolonien Frankreichs: Québec, später britisch Französisch-Nordafrika (besonders die Départements in Nord-Algerien und Tunesien) mit Franzosen, Italienern, Spaniern und PolenJan C. Jansen, Jürgen Osterhammel: Dekolonisation. Das Ende der Imperien. C.H.Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-65464-0, S. 69 f. NeukaledonienChristoph Marx: Siedlerkolonien. In: Europäische Geschichte Online, Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2015.

Siedlungskolonie Italiens: LibyenKonrad Schliephake: Demographie und Arbeitsmarkt im Rentier–Staat. In: Fritz Edlinger (Hrsg.): Libyen. Hintergründe, Analysen, Berichte. Promedia, Wien 2011, ISBN 978-3-85371-330-3, S. 33

Siedlungskolonie der Niederlande: Kapkolonie, später britisch

Siedlungskolonien Großbritanniens: Nordirland, siehe auch Ulster Plantation die späteren USA, zunächst v. a. die 13 Kolonien an der Ostküste (insbesondere Neuengland)Horst Dippel: Geschichte der USA. 10. Auflage, C.H.Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-60166-8, S. 8. Kanada Australien Neuseeland Auch in einigen süd- und ostafrikanischen Kolonien – nicht aber in Westafrika – ließen sich britische Siedler nieder. Sie stellten und stellen dort gegenüber der autochthonen afrikanischen Bevölkerung jedoch stets eine zwar vermögende und einflussreiche, aber zahlenmäßig sehr kleine Minderheit dar, so in Kenia und Rhodesien (heute Simbabwe). Einen Sonderfall stellt die Kapkolonie bzw. ganz Südafrika dar, wo britische Siedler sich zwar in größerer Zahl niederließen, aber sowohl gegenüber den Afrikanern als auch gegenüber den niederländischstämmigen Siedlern, den Buren, immer in der Minderheit blieben. Im Fall von (Süd-)Rhodesien widersetzte sich die Siedlerminderheit der bevorstehenden Entkolonisierung und sagte sich 1965 von der britischen Kolonialmacht los. Sie gründeten eine auf weißer Minderheitsherrschaft beruhende Republik, die ohne internationale Anerkennung bis 1979 bestand.

Siedlungskolonien Portugals: Brasilien Angola Mosambik

Siedlungskolonien Spaniens: Kanarische Inseln mit Spaniern Argentinien mit Spaniern Chile mit Spaniern, später auch anderen Europäern Uruguay

Siedlungskolonien Russlands: europäisches Gebiet zwischen Wolga und Ural Bessarabien mit Deutschen Krim und Nachbargebiete Südukraine Kasachstan Süden Sibiriens entlang der Transsibirischen Eisenbahn

Siedlungskolonien der USA: Liberia, für freigelassene Sklaven New Mexico und Texas mit US-Amerikanern Hawaii mit US-Amerikanern

Siedlungskolonien Marokkos: WestsaharaM. Padrón Hernández: ‘The Moroccan king wants Western Sahara without its people’: an argument for Western Sahara as a settler colony. In: Settler Colonial Studies. Band 15, Nr. 1, 2025, S. 126–143, doi:10.1080/2201473X.2025.2456386.

Siedlungskolonien von China: Xinjiang Tibet

Gegen Ende ihrer Herrschaft versuchten die Qing, Xinjiang, Tibet und andere Teile des kaiserlichen Grenzgebiets zu kolonisieren. Um dieses Ziel zu erreichen, begannen sie eine Politik des Siedlerkolonialismus, bei der Han-Chinesen an die Grenze umgesiedelt wurden.Ju-Han Zoe Wang, Gerald Roche: Urbanizing Minority Minzu in the PRC: Insights from the Literature on Settler Colonialism. In: Modern China. Band 48, Nr. 3, 2022, S. 593–616, doi:10.1177/0097700421995135, ISSN 0097-7004. Diese Politik wurde von der Volksrepublik China unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas erneuert.Jonny Brooks: Settler Colonialism, Primitive Accumulation, and Biopolitics in Xinjiang, China. London School of Economics & Political Science, London 2021, doi:10.2139/ssrn.3965577, ISSN 1556-5068, SSRN 39655 (Dissertationsschrift).Michael Clarke: Settler Colonialism and the Path toward Cultural Genocide in Xinjiang. In: Global Responsibility to Protect. Band 13, Nr. 1, 2021, S. 9–19, doi:10.1163/1875-984X-13010002, ISSN 1875-9858.

Kontroverse um Siedlerkolonialismus im Nahostkonflikt Die Analyse, beim Nahostkonflikt handle es sich um einen Fall von Siedlerkolonialismus, kam in den 60er-Jahren ungefähr zeitgleich unter PalästinensernZum Beispiel und in der israelischen LinkenZum Beispiel auf; auch Maxime Rodinson vertrat diese These bereits um 1973.Siehe auch Infolge wachsender internationaler Unterstützung für Israel verlor dieses Forschungsparadigma bis in die 80er-Jahre nach und nach Anhänger. 1989 schlug Scott Atran stattdessen vor, Israel/Palästina als surrogatkolonialistisches Projekt Großbritanniens und der Zionisten zu verstehen und fand damit einige Nachfolger.Am ausführlichsten So noch aktuell Vergleiche kritisch

2006 aber belebte Patrick Wolfe in einem Aufsatz zur „Eliminierung des Indigenen“, in dem auch Israel/Palästina wieder als Siedlerkolonialismus verstanden wird, das Forschungsparadigma neu und brachte es auf die beiden Kurzformeln: „Siedlerkolonialismus zerstört, um an die Stelle dessen zu treten, was er zerstört hat.“, und: „[…] Hauptmotiv für die Eliminierung [des Indigenen] ist nicht ‚Rasse‘ […], sondern der Zugang zum Land.“Wolfes Aufsatz erschien ursprünglich unter dem Titel Den Zusammenhang des zionistischen Projekts mit dem britischen (und zuvor dem osmanischen und später dem US-amerikanischen) Imperialismus beschreibt Wolfe stattdessen so, dass der Jischuv diese Imperialismen „zu [seinem] eigenen Vorteil vereinnahmt“ habe.Ähnlich Der Aufsatz gilt in der Kolonialismusforschung als kanonisch. In der Fachwelt ist die Analyse, bei der zionistischen Besiedlung Palästinas handle es sich um ein ein siedlerkoloniales Projekt, etabliert; verschiedentlich ist die Rede von einem „Settler Colonial Turn“ in der Palästina-Forschung des 21. Jahrhunderts.Siehe Im Folgejahr auch Siehe auch

Dass das zionistische Projekt in seiner Anfangszeit mindestens koloniale Züge aufwies, wird auch von pro-israelischen AutorenZum Beispiel zugestanden, was auch daran liegt, dass Zionisten ihr Projekt – in einer Zeit, als Kolonialismus in Europa noch nicht als verwerflich galt – selbst als „Kolonisation“ („Kolonisatia“) bezeichneten.Ähnlich Wladimir Zeev Jabotinsky beschrieb die ersten Konflikte zwischen jüdischen Einwanderern und Arabern zur Zeit des Völkerbundmandats für Palästina als Auseinandersetzungen zwischen „Einheimischen“ und „Kolonisatoren“.Vergleiche Außerdem hießen zentrale zionistische Organisationen beispielsweise „Jüdische Kolonialbank“ oder „Palestine Jewish Colonization Association“.