Fritz Karsen (* 11. November 1885 in Breslau, Provinz Schlesien; † 25. August 1951 in Guayaquil, Ecuador) war ein deutscher Pädagoge. Er zählte zu den führenden Schulreformern in der Weimarer Republik, war einer der ersten Begründer einer Gesamtschule in Deutschland und ein Wegbereiter des zweiten Bildungswegs.
Herkunft und erste berufliche Erfahrungen Fritz Karsen wurde als Fritz Krakauer geboren. Er war der zweite Sohn des Oberlehrers Gustav Krakauer und seiner Ehefrau Clara, geborene Bernstein. Er hatte drei Geschwister. Die Familie war jüdischer Abstammung. Fritz wurde mit 14 Jahren evangelisch getauft. Er erhielt schon als Schüler wie sein älterer Bruder Otto den Namen Karsen. Beide besuchten das liberale Johannesgymnasium in Breslau.zu alle dem siehe Gerd Radde: Fritz Karsen. 1973 Berlin, S. 21.
Nach dem Abitur im März 1904 studierte Karsen in Breslau Sanskrit, Indologie und Philosophie, dann Germanistik und Anglistik mit dem Ziel höheres Lehramt. Am 24. Juli 1908 wurde er mit einer Dissertation über Henrich Steffens promoviert. Am 10. Juli 1909 legte er das Staatsexamen in den Fächern Deutsch, Englisch und Philosophische Propädeutik ab und erwarb damit die Lehrberechtigung für die Oberstufe.Sonja Petra Karsen: Bericht über den Vater. S. 391, und Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 22.
Im Oktober 1909 begann Karsen die zweite Phase seiner Oberlehrerausbildung, die ihn an verschiedene Schulen führte. Er legte Erweiterungsprüfungen ab (1910 für das Fach Französisch in der Mittelstufe und 1911 für das Fach Turnen und Spielen). Im Oktober 1911 wurde er als Oberlehrer fest angestellt und erhielt seine erste Stelle an der Oberrealschule in Liegnitz. Zum 1. April 1912 wurde er an die Realschule in Magdeburg versetzt, wo er sechseinhalb Jahre tätig blieb. In diese Zeit fiel auch der Erste Weltkrieg, an dem Fritz Karsen nicht teilnehmen musste, da er wegen eines Magenleidens von der Militärpflicht befreit war. Ebenfalls in dieser Magdeburger Zeit heiratete Karsen 1917 die hannoversche Beamtentochter Erna Heidermann, die in ihrer Heimatstadt die Höhere Schule und danach die Kunsthochschule besucht hatte.Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 23–24.
Die ersten Berliner Jahre Zu Beginn des Schuljahres 1918/1919 hatte sich Karsen um eine Oberlehrerstelle an der Luise-Henriette-SchuleDie Schule existiert noch immer, jetzt allerdings als koedukative Schule: Luise-Henriette-Gymnasium beworben, einem Lyzeum mit angeschlossenem Lehrerinnenseminar in Berlin-Tempelhof. Am 1. Oktober 1918 wurde er dort auf eine Oberlehrerstelle berufen. Der Bildungshistoriker Gerd Radde vermutete hinter diesem Schritt, dem Wechsel von Magdeburg nach Berlin, sowohl wissenschaftliche als auch politische Motive. Letztere werden bereits Ende des Jahres 1918 deutlich, als sich Karsen bei einer Philologenversammlung in Charlottenburg für eine demokratische Bildungspolitik aussprach und damit eine Oppositionsrolle innerhalb der Versammlung einnahm. Im Mai 1919 wurde er Mitglied der SPD. Im September des gleichen Jahres gründete er zusammen mit Franz Hilker, Siegfried Kawerau, Otto Koch, Paul Oestreich, Elisabeth Rotten, Anna Siemsen u. a. den Bund Entschiedener Schulreformer.Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 24–25.
In diese erste Berliner Zeit fällt auch die Geburt des einzigen Kindes von Fritz Karsen und seiner Frau Erna: Am 11. April 1919 wurde die (2013 in den USA gestorbene) Tochter Sonja Petra Karsen geboren.
Karsens Engagement im Bund Entschiedener Schulreformer und der Versuch, die dort erarbeiteten Konzepte wenigstens partiell in den Schulalltag der „Luise-Henriette-Schule“ zu übertragen, führten zu tiefgreifenden Spannungen zwischen ihm und dem Direktor der Schule. Direktor Brinker praktizierte das, was man heute als Mobbing bezeichnen würde, hatte dabei aber Karsens Widerständigkeit unterschätzt. Karsen bat das Preußische Kultusministerium um Klärung der strittigen Fragen – und er hatte Erfolg: Minister Konrad Haenisch belehrte den Direktor über die Unangemessenheit seines Verhaltens. Zugleich aber schaffte er Distanz zwischen den zwei Kontrahenten: Mit Schreiben vom 14. April 1920 wurde Karsen zum Oberstudiendirektor an der Staatlichen Bildungsanstalt in Lichterfelde ernannt.Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 25–27.
Staatlichen Bildungsanstalt klingt harmlos, doch dahinter verbirgt sich weit mehr. Sie sollte nämlich die Nachfolgeeinrichtung der Preußischen Hauptkadettenanstalt werden, mithin ein pädagogisches Konversionsprojekt.
Radde hat das Scheitern dieses Reformvorhabens – dessen äußere und innere Widersacher – ausführlich beschrieben,Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit, S. 36–44. und Sonja Petra Karsen resümiert über ihres Vaters Auftrag:
Noch im Jahr 1920 verließ Karsen die Lichterfelder EinrichtungVon der Hauptkadettenanstalt über die STABILA zur Hans-Richert-Schule und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter im Preußischen Kultusministerium.(). Ob Karsen und Hylla sich schon damals kannten, ist nicht zu beurteilen. Dass Karsen aber, wie Radde behauptet, 1920 oder 1921 unter Hylla im Preußischen Kultusministerium gearbeitet habe, ist unzutreffend, denn Hylla war damals noch Schulrat in Eberswalde und kam erst 1922 ins Ministerium. Dort hatte er Gelegenheit, sein 1921 erschienenes Buch „Die Schule der werdenden Gesellschaft“ zu schreiben. Auf diesen Titel anspielend, kommt Radde über Karsens kurze Zeit an der Staatlichen Bildungsanstalt zu einer recht positiven Einschätzung, die folgenreich für dessen weitere Arbeit gewesen sei:
Karsens offizielle Tätigkeit im Ministerium bestand darin, sich mit pädagogischen Versuchen in öffentlichen und privaten Schulen in Deutschland zu befassen, was er nicht nur theoretisch tat, sondern auch durch viele Hospitationen. Dabei kam er in engen Kontakt zu dem im Januar 1921 zum Berliner Oberstadtschulrat berufenen Wilhelm Paulsen und dessen Vorstellungen einer Gemeinschaftsschule.Ein Verweis auf den Artikel Gemeinschaftsschule verbietet sich in diesem Kontext, da dieser Artikel völlig unhistorisch angelegt ist und die Reformansätze der 1920er Jahre völlig negiert. Karsen wurde zu einem engagierten Vertreter von Paulsens schul- und bildungspolitischen Entwürfen, die „auf eine radikale innere und äußere Reform des Berliner Schulwesens hinaus[liefen] (die nicht zuletzt auch das Ende der höheren Schule als einer Domäne des Bürgertums bedeutete)“. Neue Schule in diesem Kontext meint „nicht mehr nur den Gegensatz zur sogenannten ‚alten Schule‘, wie ihn Vertreter der verschiedenen reformpädagogischen Strömungen längst entwickelt hatten; für Paulsen und Karsen war sie immer zugleich Ausdruck der werdenden, das heißt im Wandel zum Sozialismus begriffenen Gesellschaft“.Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 50–51.
Bereits in dieser frühen Phase zeichnete sich eine Kontroverse ab, die sich später an der Karl-Marx-Schule wiederholte und die Karsen in Widerspruch zu jenen brachte, die Schulreformen erst nach einer radikalen Umwälzung der politischen Machtverhältnisse für möglich hielten. Er, Paulsen und Kurt Löwenstein bejahten die Möglichkeit, innerhalb der Grenzen des Erreichbaren sofort auf allen Gebieten an die Arbeit zu gehen. Dieser reformistische Ansatz, der ein Nacheinander von Politik und Schulentwicklung ablehnte, brachte Karsen nicht nur in Widerspruch zu kommunistischen Positionen, sondern auch zu früheren Mitstreitern aus dem Bund Entschiedener Schulreformer, allen voran Paul Oestreich.Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 52–53.
Vom Kaiser-Friedrich-Realgymnasium zur Karl-Marx-Schule Karsens Drang zur pädagogischen Praxis fand ein neues Betätigungsfeld durch seine im Jahr 1921 erfolgte Berufung zum Oberstudiendirektor des Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums in Berlin-Neukölln, dem er 1923 Arbeiter-Abiturientenkurse angliederte, die es ermöglichten, das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg nachzuholen. 1927 ergänzte er seine Schule um eine achtstufige Volksschule. 1929/30 wurde dieser Versuch einer „Einheitsschule“, die Merkmale einer heutigen Gesamtschule„Der Begriff Gesamtschule wurde 1963 als Abgrenzung zur sozialistischen Einheitsschule in der DDR vom West-Berliner Schulsenator Carl-Heinz Evers (SPD) geprägt.“ Über die SPD-regierten Länder hat er sich in der BRD durchgesetzt. aufwies, in „Karl-Marx-Schule“ umbenannt.mini|Gedenktafel am Haus Sonnenallee 79, in Berlin-Neukölln
Karsens Neuköllner Jahre wurden 1927 durch einen fast sechsmonatigen Aufenthalt in den USA unterbrochen. Er reiste – wie ein Jahr zuvor Erich HyllaEin Jahr vor Karsen hielt sich auch Erich Hylla an der Columbia University auf: „In 1926, Mr. Hylla spent a year in the United States at the International Education Institute of Columbia University.“ Frank H. Jonas: Educational Research in Germany – auf Einladung von Richard Thomas Alexander,Zu Richard Thomas Alexander siehe den Artikel in der englischen Wikipedia: :en:Richard Thomas Alexander. der Direktor eines für die Lehrerausbildung zuständigen Colleges an der Columbia University war. Hier lernte er Alexanders Assistenten John Taylor kennen, der später ein Jahr bei Karsen in Berlin hospitierte. Durch Taylor erhielt Karsen 1946 die Möglichkeit, im Rahmen der amerikanischen Reeducation-Programme für einige Zeit wieder nach Berlin zurückzukehren.Sonja Petra Karsen: Bericht über den Vater. In: Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 411–412. Über John Taylor erhielt Karsen 1946 das Angebot für das OMGUS in Berlin zu arbeiten, wo er auch wieder mit Thomas Alexander zusammentraf und arbeitete, der ebenfalls Mitarbeiter des OMGUS war. (Inga Meiser: Die Deutsche Forschungshochschule (1947–1953). S. 67.) Siehe auch: „As the educational systems began functioning along older lines, E&RA strength rose to forty officials by mid-1946. Because of its lowly status within the military government, E&RA was unable to attract a prominent American education expert to lead it. Military Governor Lucius D. Clay was, therefore, forced to appoint his unknown section chief, John W. Taylor, who had a doctorate in education from Columbia Teachers College. Taylor then enlisted his old mentor, Richard Thomas Alexander, as his adviser. Both were well acquainted with prewar German education. An outspoken critic of the traditional multitrack system, Alexander enlisted German reformers, such as the Prussian education expert Erich Hylla, in his cause.“ (Detlef Junker (Hg.): The United States and Germany in the era of the Cold War, S. 396.) Bei der E&RA, der „Education and Religious Affairs Section“, handelt es sich um eine Abteilung des OMGUS, die bis Frühjahr 1947 von Taylor geleitet wurde, danach von Alexander. (Johannes Weyer: Westdeutsche Soziologie, 1945-1960. Deutsche Kontinuitäten und nordamerikanischer Einfluss, Duncker & Humblot, Berlin, 1984, ISBN 978-3-428-05679-8, S. 329) Zu diesem Wechsel von Taylor zu Alexander siehe auch: Opfer der Umstände, Der Spiegel, 14. März 1983
Karsen, der mit Frau und Tochter in die USA gereist war, hielt dort Vorträge und einen Sommerkurs an verschiedenen Colleges und Universitäten. Sein Interesse galt vor allem der Lehrerausbildung und Universitäten wie der Fisk University, zu denen nur Schwarze Zutritt hatten. Er kam dabei auch in engen Kontakt zu führenden Erziehungswissenschaftlern wie John Dewey, Helen Parkhurst, Orville Gilbert Brim und Carleton Washburne, über den er den Winnetka-Plan kennenlernte.Sonja Petra Karsen: Bericht über den Vater. In: Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 396–397.