Wir sind noch einmal davongekommen (Originaltitel: The Skin of Our TeethDer Titel Die Haut unserer Zähne bezieht sich auf Buch Hiob 19,20 der King-James-Bibel: „Mein Knochen klebt an meiner Haut und an meinem Fleisch, und ich bin mit der Haut meiner Zähne entkommen.“ In der Schlachter-Bibel: „An meiner Haut und meinem Fleisch klebt mein Gebein, und ich habe kaum noch Haut, um meine Zähne zu behalten.“ In der Neuzeit wird „mit der Haut meiner Zähne“ verwendet, um eine Situation zu beschreiben, aus der man gerade noch herausgekommen ist oder etwas erreicht hat. , ) ist der Titel eines 1942Harper and Brothers Publishers, New York publizierten Schauspiels von Thornton Wilder. Es handelt von der Familie Antrobus, die drei Katastrophen, Eiszeit, Sintflut und Krieg, überlebt und jeweils mit dem Wiederaufbau beginnt. Das weltweit gespielte und für das Fernsehen aufgezeichnete TheaterstückAuflistung im englischen Wikipedia-Artikel gewann 1943 den Pulitzer-Preis. Die erste deutsche Übersetzung von G. GebserOprecht, Zürich. Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuchverlag, München, 1974, Bd. 20, S. 8795. erschien 1944.
Inhalt Überblick Wir sind noch einmal davongekommen ist die Geschichte von Mr. und Mrs. Antrobus, ihrer Kinder Henry und Gladys und ihres Hausmädchens Sabina. Sie spielen eine typisch amerikanische Familie in den 1930er/1940er Jahren und symbolisieren gleichzeitig die mythologischen Figuren Adam, Eva, Lilith und Kain. Die Familie durchlebt, stellvertretend für die gesamte Menschheit, essenzielle Katastrophen der Menschheitsgeschichte in drei Akten (Eiszeit, Flut, Krieg). Zusammen bauen die Antrobus ihr Leben immer wieder auf.
1. Akt Im ersten Akt kündigt ein Wochenschausprecher und später der Telegrammbote eine Eiswand an, die sich von Kanada nach Süden bewegt und vor der die Menschen fliehen. Im fiktiven New Yorker Vorort Excelsior, Cedar Street Nr. 116,Excelsior, lat. „immer aufwärts“ ist das Motto des Staates New York ist die Welt der Familie Antrobus mit ihren Dinosaurier- und Mammut-Haustieren aus den Fugen geraten. Während Maggi Antrobus sich um das Überleben der Familie kümmert, telegrafiert ihr Mann George aus seinem Büro in der Stadt, wo er an der Entwicklung des Alphabets und des Einmaleins arbeitet: „Verbrenne alles außer Shakespeare.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 20.. Sabina, das exzentrische, sprunghafte Hausmädchen und ehemalige Geliebte und Muse des Hausherrn, hat das Feuer ausgehen lassen und diskutiert mit Mrs. Antrobus über ihre Kündigung. Als Antrobus nach Hause kommt, beruhigt er die Familie mit Geschenken und übernimmt die Organisation. „Lass das Feuer nicht ausgehen. Wenn wir kein Feuer mehr haben, werden wir sterben.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 30. So verbrennen sie nach und nach alles entbehrliche Holz. Trotz Widerspruchs seiner Frau, die Angst vor Vagabunden hat und sich nur um das Überleben ihrer Familie sorgt, lässt er Flüchtlinge ins Haus, u. a. den Richter Moses, den Sänger Homer, drei Musen, und versorgt sie mit Kaffee und Sandwichs: „Ich will keinen Kaffee haben, wenn ich ihn nicht mit ein paar anständigen Leuten trinken darf.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 33. Als Sohn Henry, der auf der Stirn eine K-förmige Narbe trägt, mit einem Stein einen Nachbarsjungen erschlägt, der ihm das vom Vater erfundene Rad wegnehmen wollte, verliert der Vater kurzzeitig die Hoffnung auf ein Leben in einer vernünftigen Welt: „Löscht das Feuer aus! […] Es gibt keine Vernunft. Wir sollten nicht zu leben versuchen.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 38. Jetzt ist es seine Frau, die ihren Sohn in Schutz nimmt und ihren Mann an die vielen überstandenen Katastrophen, Vulkanausbrüche, Heuschreckeneinfall, Erdbeben, erinnert und ihn mit den Schulleistungen ihrer Kinder wieder aufrichtet. Am Ende der Szene rezitiert seine Tochter Gladys aus der Schöpfungsgeschichte.
2. Akt Präsident Antrobus lobt auf der 6000. Jahresversammlung der Säugetiere in Atlantic City die Entwicklungsfortschritte der Gattung, gibt nach einer harten Zeit der Arbeit die neue Losung „Amüsiert euch!“ aus und verleiht den Titel der „Miss Atlantic City“ an Lily-Sabine Fairweather, die Inhaberin des Bingo-Spielsalons. Seine Frau ruft dagegen in ihrer Rede zur Rettung der Familie auf.
Während sich die Gäste auf der Strandpromenade vergnügen, destabilisiert sich erneut die Antrobus-Familie. Henry bedroht mit einer Schleuder einen schwarzen Rollstuhlfahrer und verletzt einen Mann mit einem Stein. Gladys stolziert zum Ärger ihrer Eltern mit aufreizend roten Strümpfen herum. Antrobus lässt sich von Lily verführen und will zu seiner Selbstverwirklichung seine Frau verlassen. Inzwischen zieht ein Hurrikane auf und es regnet in Strömen. Die von der Wahrsagerin prophezeite Sintflut setzt ein und die sich wieder-findende Antrobus-Familie mit Maggi als Stütze, Lily-Sabina als Dienstmädchen und mit Tierpaaren rettet sich auf ein Schiff, bevor der Pier mit den vergnügungssüchtigen Kongressteilnehmern zusammenbricht. Die Wahrsagerin ruft George Antrobus nach: „Eine neue Welt beginnen – überleg es dir!“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 77.
3. Akt Nach einem 7-jährigen Krieg trifft sich die Familie wieder im zerstörten Haus. Mrs. Antrobus und Gladys mit ihrem Baby kriechen aus dem Keller. Sabina hat als Marketenderin gut überlebt, sieht aber keinen Sinn in einem Neuanfang, da die nächste Katastrophe wieder alles zerstören würde. Dagegen beginnt Mrs. Antrobus sofort mit Aufräumarbeiten in ihrem Haus. Sie hat keinen Augenblick daran gezweifelt, „dass diese Welt eine Aufgabe hat und sie erfüllen wird.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 91.
Henry hat es mit seinen Aggressionen zum General gebracht und richtet seinen Zorn gegen seinen Vater, dessen Bücher er verbrennen will: „Die anderen, die ich tötete, waren nur Ersatz.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 88. Er sei immer ausgegrenzt worden und niemand habe sich um ihn gekümmert: „Ich gehöre nirgendwo hin.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 90. Er erkennt keine Autorität über sich an und will weit weg von seiner Familie für sich seine eigene Welt aufbauen: „Ich habe keinen über mir und werde niemals einen über mir haben. Ich bin allein, und ich will nichts anderes, als das: allein sein.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 94. Als sein Vater bei seiner Rückkehr die Hasstiraden seines Sohnes hört, reagiert er frustriert: „Dein Anblick macht alle meine Pläne und Hoffnungen zunichte. […] Der Krieg ist ein Vergnügen, verglichen mit dem, was uns jetzt bevorsteht: Den Frieden zu sichern, mit dir in unserer Mitte. […] Wie willst du eine Welt machen, in der Menschen leben sollen, bevor du nicht in dir selbst Ordnung machst? […] ich werde dich bis zu meinem letzten Atemzuge bekämpfen, solange deine Idee der Freiheit nur darin besteht, alles für dich selbst ergattern zu wollen.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 93 ff. An dieser Stelle brechen die privaten Vater-Sohn-Erfahrungen der Schauspieler in das Theaterstück ein. Henry und Antrobus gehen aufeinander los und werden von Sabina (eigentlich von der ebenfalls aus ihre Rolle geschlüpften Schauspielerin Miss Somerset) getrennt.
Nach der Wiederherstellung der Spielebene steht Henry „düster und unversöhnlich“ am Rand der Szene, während der erschöpfte Antrobus und seine starke Frau einen Neuanfang besprechen. Er erinnert sich an die drei Dinge, an die er im Krieg immer wieder dachte: „Die Stimme des Volkes in seiner Verwirrung und in seiner Not. Und der Gedanke an dich, an die Kinder und an dieses Haus … Und […] meine Bücher. […] Ich weiß, dass alles, was gut und ausgezeichnet ist in der Welt, sich in jedem Augenblick auf des Messers Schneide behaupten muss. Man muss es sich erkämpfen.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 101. In seinem Bemühen, „neue Welten aufzubauen“, lasse er sich durch Erinnerungen an seine Fehler und durch Stimmen der Philosophen der Bibel, Platos, Aristoteles', Spinozas leiten. Diese werden als Abschluss von die Planeten verkörpernden Ersatz-Schauspielern, zwei Garderobieren, einer Kostümverwalterin und einem Platzanweiser, rezitiert. Aus diesem überlieferten abendländischen Erbe schöpft Antrobus seine Hoffnung.
Das Schlusswort an das Publikum spricht Sabina: „Wir müssen noch ewig weiterspielen. […] Das Ende des Stückes ist noch nicht geschrieben. Mr. und Mrs. Antrobus haben viele neue Pläne im Kopf und sind zuversichtlich wie am ersten Tag, als sie begannen.“Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main, 1960, S. 104.
Form Das Schauspiel Wir sind noch einmal davongekommen durchbricht häufig die traditionelle Bühnenillusion. Schauspielerinnen und Akteure treten aus ihren Rollen heraus, bringen persönliche Erfahrungen, Erkenntnisse, Selbstzweifel und Probleme mit ein und kommentieren die Handlung, sodass der Regisseur Mr. Fitzpatrick eingreifen und das Spiel wieder in Gang setzen muss. Zu Beginn des dritten Aktes ersetzt das Bühnenpersonal (Garderobiere, Platzanweiser, Kostümverwalterin) die erkrankten Schauspieler und improvisiert die Darstellung der Gestirne.
Weitere Verfremdungseffekte sind Bildprojektionen und Berichte aus der Wochenschau „Neues aus aller Welt“, Ansprachen eines Ansagers oder Sabinas an das Publikum, Kombination der Gegenwart mit verschiedenen Zeitebenen, Eiszeit, Sintflut, Apokalypse, und der Hauptpersonen mit mythologischen Gestalten, Kain, Mose, Homer. Auch die Handlung wird durch verschiedene Formen des Bühnenspiels, vom Kabarettulk bis zum Mysterium, immer wieder ironisiert. Selbsterkenntnisse, Selbstzweifel und Probleme kommen vor sowie hinter der Bühne ans Licht.
Durch die Durchbrechung der Spielebene und die Vermischung der Zeiten (Radio, Telegrammbote, Dinosaurier und Mamut als Haustiere) ergeben sich häufig absurde Züge. Schauspieler verlieren den Faden, protestieren gegen ihre Rolle (Sabina), eifrige Ersatzleute (Ivy) springen ein und erklären die Aussage ihrer Rolle dem Spielleiter. Einige Male kommt es vor, dass die Darsteller sich weigern, Szenen zu spielen, dass sie sich anbrüllen, unangenehm aus ihrer Rolle fallen (Henry, Antrobus) oder eine direkte Verbindung zum Publikum aufbauen. Das Stück wird so in sich selbst kritisiert und ausgewertet.
„Höchst effektvoll“ mischt der Autor die Zeiten und Bühnentechniken. Dabei sind die Elemente bekannt: „[A]us dem Barock kommt der Gedanke, dass der Mensch eine ihm zugteilte Rolle spielen muss […] aus dem chinesischen Theater kommt die epische Form mit ihrer Symbolik und den Reden ans Publikum, aus der deutschen Romantik stammt die Ironie, die Aufhebung der Bühnenillusion durch die private Existenz des Schauspielers, der Konversationston und die amerikanische Selbstpersiflage sind am Broadway heimisch.“Georg Hensel: Spielplan. Schauspielführer von der Antike bis zur Gegenwart. Ullstein Frankfurt/M, Berlin, Wien, Bd. 2. S. 687.
Interpretation