Medizintourismus ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die länderübergreifende Inanspruchnahme medizinischer Behandlungen. Je nach Art des medizinischen Eingriffs kann der Aufenthalt wenige Tage oder mehrere Monate dauern. Gründe für diese Form des Tourismus sind nicht vorhandene Behandlungsmöglichkeiten im Herkunftsland des Patienten, die Umgehung von Wartezeiten im Heimatland oder eine Kostenersparnis.J. Juszczak: Medizintourismusdestination Deutschland. Untersuchungsreihe des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften zum Markt des Medizintourismus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Sankt Augustin, 2012, S. 3. Medizintourismus gilt als weltweiter Trend und zählt zu den Folgen einer fortschreitenden Globalisierung. Jährlich reisen weltweit etwas mehr als 20 Millionen Patienten ins Ausland. Der Medizintourismus hat ein Volumen von jährlich ca. 80 Milliarden Euro (Stand 2019). Rund 40 Länder werben aktiv um Patienten aus dem Ausland, darunter die USA, Deutschland, die Schweiz, Mexiko, Costa Rica, Israel, Indien, Thailand, Südkorea und Singapur.J. Juszczak: Internationale Patienten in deutschen Kliniken: Daten und Fakten 2012. Sankt Augustin 2012, S. 14.Globalisierung medizinischer Leistungen. In: Deutsches Ärzteblatt. 2007.
Zwei Drittel aller Medizinreisen finden innerasiatisch statt. In Indien, Thailand, Singapur, Malaysia, Südkorea und auf den Philippinen werden jährlich hunderttausende Patienten aus dem Ausland behandelt. Diese, zumeist ambulanten, Patienten kommen aus den Nachbarstaaten sowie den USA, Europa oder den arabischen Golfstaaten,J. Juszczak: Aufbau des Geschäftsfeldes Internationale Patienten in der Klinik. Seminarunterlagen. Sankt Augustin, 2012. mit steigender Tendenz von etwa 15 Prozent pro Jahr. Auch Deutschland gilt als bevorzugtes Ziel von Medizintouristen, vor allem aus der EU, der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und den arabischen Ländern. Eine weitere Zielgruppe sind US-Bürger, die über keine Krankenversicherung verfügen und bei notwendigen Operationen vermehrt nach Asien reisen. 2007 reisten 750.000 US-Amerikaner für ärztliche Behandlungen ins Ausland; 2017 waren es rund 1,7 Millionen.
Mittlerweile gibt es weltweit eine Vielzahl von Touristikunternehmen und Patientenvermittlern, die sich auf Medizintourismus spezialisiert haben. Seit 2008 wirbt die Türkei, zum Teil mit Hilfe des Tourismus-Ministeriums, stark um Patienten aus dem Ausland. 2013 reisten 360.000 Personen für einen medizinischen Eingriff in das Land.
Einordnung und Abgrenzung Der Terminus des Medizintourismus ist in der Wissenschaft nicht klar definiert und unter Fachleuten teilweise umstritten. Je nach Ansatz, Sichtweise und Ausprägung der Thematik haben sich in der Literatur zahlreiche Synonyme (z. B. Kliniktourismus,Reno Barth, Werner, Christian: Der Wellness-Faktor: modernes Qualitätsmanagement im Gesundheitstourismus. Relax-Verlag, Wien, 2005, S. 45ff. Patiententourismus,Monika Rulle, Wolfgang Hoffmann, Karin Kraft: Erfolgsstrategien im Gesundheitstourismus: Analyse zur Erwartung und Zufriedenheit von Gästen. Erich Schmidt, Berlin 2010, S. 6. Cross-Border Healthcare etc.) herausgebildet. Wie der Wortlaut allerdings schon nahelegt, setzt sich der Begriff aus zwei Komponenten zusammen: Medizin und Tourismus.
Am häufigsten findet sich die Systematisierung der Medizinreise in den Segmenten der Tourismusbranche und in der Verbindung mit dem Oberbegriff „Gesundheit“. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert diesen Begriff wie folgt:
Weiterhin beschreibt die World Tourism Organization den „Touristen“ als eine Person, die zu Orten außerhalb ihres gewöhnlichen Umfeldes reist und sich dort, aus Freizeit- oder geschäftlichen Motiven, für nicht mehr als ein Jahr aufhält.United Nations World Tourism Organization (UNWTO)
Zusammengefasst umschreibt der sogenannte Medizintourismus einen Trend im Sinne des gesundheitlich und medizinisch motivierten Reisens aus Gründen der Kostenersparnis und Vermeidung von Wartezeiten, der sowohl touristische als auch medizinische Eigenschaften zu einem Angebot bündelt.E. M.-L. Quast: Das Geschäft mit der Gesundheit. Diplomica Verlag, Hamburg 2009, S. 4. Medizintourismus lässt sich als eine Form des Gesundheitstourismus begreifen – neben dem klassischen Kurtourismus und dem Wellnesstourismus.Kerstin Böhm: Servicequalität im Gesundheitstourismus: Erfolgsfaktor für die deutschen Heilbäder. VDM Verlag, Saarbrücken 2007, Anlage 1, S. 4.Reno Barth, Christian Werner: Der Wellness-Faktor: modernes Qualitätsmanagement im Gesundheitstourismus. Relax-Verlag, Wien 2005, S. 55–57. Gleichzeitig fungiert er als Oberbegriff für weitere Subbereiche (Abb. 1: „Systematische Einordnung des Medizintourismus in die verschiedenen Tourismussegmente“).K. Janowski: Medizintourismus in der Schweiz: Patientenimport und -export in Schweizer Kliniken. 2007, S. 9. Hochschule Bonn-Rhein-Sieg Die Sparten „Präventionstourismus“, „Operationstourismus“ und „Rehabilitationstourismus“ bilden eine Untergliederung der Medizinreise.I. Beyer: Gesundheits-Check-Ups in Deutschland. 2011, S. 35 Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
Im Gegensatz zu den beiden anderen Formen des Gesundheitstourismus – Kur- und Wellnesstourismus – sind das Maß und die Intensität der angestrebten medizinischen Anwendungen im Medizintourismus sehr hoch. Demnach reist der bereits chronisch bzw. akut erkrankte Tourist als Patient in ein Land außerhalb seines Wohnorts ein, um sich gezielt einer medizinischen Behandlung zu unterziehen. Der Impuls für eine Medizinreise geht von einer Vordiagnose oder einer klinisch manifestierten Erkrankung des Patienten in seiner Heimat aus, für die er sich aus unterschiedlichen Motiven im Ausland eine qualitativ bessere, schnellere oder günstigere Therapie erhofft. Die medizinisch-indizierte Gesundheitsreise umfasst in der Regel einen stationären oder ambulanten Aufenthalt in einer medizinischen Einrichtung. Bei akut kranken (Notfall-)Patienten ist eine Medizinreise nicht selten auch mit einem höheren Behandlungsrisiko und eventuellen Komplikationen im Rahmen der Therapie verbunden.
Die Begriffe „Auslandspatienten“, „Internationale Patienten“ oder „Medizintouristen“ werden in der Literatur für jene Touristen synonym verwendet, die gezielt eine Medizinreise tätigen. In Fachkreisen nicht inbegriffen sind die Menschen, die nicht mit dem primären Ziel einer medizinischen Behandlung ins Ausland reisen, sondern dort unfreiwillig (z. B. durch einen Unfall) zum Patienten werden. Unter Patienten aus dem Ausland werden sowohl Einzelpatienten als auch Patientengruppen verstanden.
Gemäß der Richtlinie 2011/24/EU (Patientenmobilitätsrichtlinie) werden die Kosten für eine geplante EU-Auslandsbehandlung in Deutschland von Krankenversicherungen im Heimatland bis zu der Höhe erstattet, die auch bei der entsprechenden Behandlung im Inland angefallen wären. Gänzlich ausgeschlossen sind öffentliche Impfprogramme, Organtransplantationen oder eine Langzeitpflege. Im Vorfeld ist es notwendig, mit dem Krankenversicherer zu klären, welche Leistungen ganz oder teilweise übernommen werden. In der Regel müssen die Patienten in Vorleistung treten und können die Rechnungen nach Behandlung bei ihrer Krankenversicherung einreichen.
Arten des Medizintourismus Aus Sicht der Herkunft bzw. der Patientenströme der Medizintouristen ist im Wesentlichen zu unterscheiden zwischen zwei Formen: dem sogenannten Outgoing- sowie dem Incoming-Medizintourismus. In Deutschland haben beide Formen in den letzten Jahren eine hohe wirtschaftliche Relevanz erlangt.
Unter Outgoing-Medizintourismus sind jene Patientenströme aus dem Inland zu verstehen, die Medizintourismus-Destinationen im Ausland aufsuchen und sich dort medizinisch behandeln lassen. Der Begriff Incoming-Medizintourismus hingegen beschreibt Reisende aus dem Ausland, die mit dem vorrangigen Ziel kommen, sich hierzulande einer medizinischen Behandlung zu unterziehen.K.-T. Illing: Gesundheitstourismus und Spa-Management. München 2009, S. 297 f.
Typologie von Medizintouristen Medizintouristen weisen vielfältige Motive für eine Behandlung im Ausland auf. Je nach Herkunft des Patienten kann zwischen folgenden Medizintourismus-Typen unterschieden werden: Patienten, die weltweit die beste Behandlungsmöglichkeit suchen Patienten, die eine bessere Behandlungsmöglichkeit im Vergleich zu ihrem Heimatland suchen Patienten, die im Heimatland Wartezeiten auf die Behandlung haben Patienten, deren Behandlung im Ausland preiswerter ist Medizinische Notfälle Patienten, die im Alter ausgewandert sind und medizinische Leistungen im Heimatland nutzen Patienten in Grenzregionen Patienten, die wegen gesetzlicher Beschränkungen oder aus moralischen Gründen bestimmte Behandlungen nur in ausländischen Kliniken vornehmen lassen können Check-up-Patienten Medical-Wellness-Touristen Patienten, die eine gesundheitsfördernde natürliche Infrastruktur (heilklimatische Kurorte) benötigenJ. Juszczak: Medizintourismusdestination Deutschland, Untersuchungsreihe des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften zum Markt des Medizintourismus. Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Sankt Augustin 2012, S. 3.
Die Literatur nimmt weiterhin drei weitere Kriterien zur Typologisierung von Medizintouristen vor: Herkunft * Inländischer Patient, aber wohnortfern * Ausländischer Patient, aber grenznah * Ausländischer Patient, wohnortfern Persönliche Motive * bessere Qualität der Medizin als im Heimatland * Disponibilität bestimmter medizinischer Leistungen * bessere medizinisch-technologische Ausstattung (State-of-the-Art-Technologie/High-End Medizintechnik) * geringere Wartezeit für bestimmte Behandlungen * besseres Preis-Leistungs-Verhältnis als in der Heimat Kostenträger * EU-Bürger mit Europäischer Krankenversicherungskarte (EHIC) oder S2-Formular (ehem. E112) * Ausländische Privatpatienten (Selbstzahler) * Patienten, deren Kosten die jeweilige Botschaft, ein gemeinnütziger Träger, eine Versicherung oder ein Unternehmen übernimmt
Das Hauptmotiv der Medizintouristen ist prinzipiell die Sicherstellung, die Verbesserung, bzw. die allgemeine Überprüfung des Gesundheitszustandes.J. Markus: Betriebswirtschaftliche Potenziale vom „Medizintourismus“: Patienten aus den GUS-Staaten in deutschen Kliniken. Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, 2009, S. 1. Die persönliche Motivation für eine solche Reise kann aus zwei übergeordneten Gründen veranlasst sein: Einerseits durch eine ärztliche Anweisung (z. B. eine dringliche Operation bei einem Krebspatienten) und andererseits aus der Eigenmotivation (z. B. eine nicht medizinisch notwendige, chirurgische Schönheitskorrektur) des Patienten heraus.M. Sonnenschein: Medical Wellness & Co: Der Gesundheitsvorsorgetourismus in Deutschland - Angebot und Nachfrage im Wandel. Dissertation. Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, 2009, S. 36 ff.
Die Zielstaaten fördern diese Form des „Tourismus“ aufgrund lukrativer Deviseneinnahmen und einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts. Gleichzeitig können die Zielländer sich als medizinisch hochleistungsfähig präsentieren, was ein Faktor auch für den „normalen“ Tourismus ist.
Medizintourismus nach Deutschland