Ketty Guttmann, geborene Katharina Mathilde Margarethe Ekey, (29. April 1883 in Hungen – 25. September 1967 in WermelskirchenZu Geburts- und Todesdatum siehe Kürschners Deutscher Literatur-Kalender, Nekrolog 1936–1970, Berlin 1972, S. 230.) war eine deutsche linke Publizistin, Politikerin und Aktivistin für die Rechte der Prostituierten.

Leben Ketty Guttmann wurde am 29. April 1883 in Hungen als siebentes Kind des Buchdruckers und Verlegers Bernhard Ekey und seiner Ehefrau Katharina, geb. Gräber, geboren.Geburtsurkunde Standesamt Hungen, G Reg 15/1883 Von 1880 bis 1883 gab Bernhard Ekey in Hungen und Inheiden die Wetterauer Nachrichten heraus. Ketty Ekey schloss sich 1904 in Hamburg der SPD an. Zu Beginn des Jahres 1906 hielt sie sich in Polen auf, leitete kurzzeitig eine Arbeiterbildungsstelle in Łódź und wurde Mitglied der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens.Ruth Fischer Papers. Houghton Library. https://hollisarchives.lib.harvard.edu/repositories/24/archival_objects/468346. Nach der Rückkehr nach Deutschland heiratete sie am 13. Dezember 1906 in Berlin den am 20. Februar 1875 in Hagen geborenen Buchhalter Felix Hermann Guttmann,Heiratsurkunde Standesamt Berlin 6, Nr. 1281/1906; Felix Guttmann war jüdischer Herkunft, zum Zeitpunkt der Eheschließung „Dissident“ am 25. September 1907 wurde in Łódź der Sohn Max geborenStA Burscheid, Personenregistereintrag Nr. 19 vom 13. März 1972.. 1910 kehrt die Familie nach Hamburg zurück, die Eheleute waren in der SPD aktiv, ehe sich Ketty Guttmann 1914 entschloss, die Partei wegen der Bewilligung der Kriegskredite zu verlassen. Sie trat während der Novemberrevolution 1918 der USPD bei. Am 28. November 1918 verstarb Felix Guttmann in Altona. Ketty Guttmann trat bald darauf der KPD bei.

Im Januar 1920 rief Ketty Guttmann zusammen mit Ehrenfried Wagner (* 7. Januar 1889; † 19. Oktober 1955), seinerzeit leitender Redakteur der Hamburger Volkszeitung, im Zuge sexualreformerischer Bestrebungen eine Interessenvertretung der Prostituierten ins Leben, als Publikationsorgan wurde Der Pranger – Organ der Hamburg Altonaer Kontrollmädchen gegründet, für das u. a. auch die Schauspielerin und Schriftstellerin Johanna „Hanka“ Grothendieck (* 21. August 1900; † 16. Dezember 1957) tätig war.

Zu den sozialpolitischen Anliegen der Initiative gehörte es,

Ketty Guttmann skizzierte die Ausgangslage:

Bereits am 20. Februar 1920 wurde „Der Pranger“ erstmals verboten. Das Hamburger Echo der SPD kommentierte: „Dieses Blatt 'Der Pranger' aber, hat in geradezu skandalöser Weise die betont schmutzigsten Dinge ins Volk getragen, hat bewusst auf die niedrigsten Triebe eingewirkt. [...] Das Verbot ist ohne weiteres gerechtfertigt, mit menschlich erstrebenswerten Zielen, mit sozialistisch-kommunistischer Gesinnung hat, was in diesem Dreckfetzen stand, nichts gemein.“Hamburger Echo. 1920, 20. Februar Am 15. Dezember 1920 beschäftigte sich daraufhin die Hamburger Bürgerschaft auf ihrer 61. Sitzung mit einer Anfrage der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), ob die Polizeibehörde bereit sei, „im Interesse unserer sittlich gefährdeten Jugend das Feilhalten und den öffentlichen Verkauf der Zeitschriften 'Pranger', 'Sonne' und 'Freundschaft' zu verbieten?“

Auch Lenin nahm auf die Aktivitäten Ketty Guttmanns in seinen Gesprächen mit Clara Zetkin Bezug:

„Der Pranger“ erschien, ab 3. Jg. 1921 herausgegeben von Agnes Harke und K. D. Tassilobrunn (d. i. Karl Dopf), noch bis 1924. Hermann Knüfken kommentierte das Ende: „Als die Verhältnisse im nachrevolutionären Deutschland sich im bürgerlich-moralischen Sinne normalisierten, ging die Organisation der Kontrollmädchen zum Teufel. Die Zeitung wurde verboten, und die ganze Sache endete mit einem großen Krach. Die Kommunisten mußten natürlich, auf höheren Befehl auch mit Entrüstung, Abstand von der Organisation nehmen.“Hermann Knüfken: Von Kiel bis Leningrad: Erinnerungen eines revolutionären Matrosen 1917–1930. BasisDruck, Berlin 2008, S. 218.

Ketty Guttmann gehörte zu den Wanderrednern der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD) und nahm vom 24.–31. Oktober 1920 an deren „Kursus für angestellte Propagandisten der Partei“ in Berlin teil, am 8. Dezember an der gleichfalls in Berlin tagenden 1. Frauenreichskonferenz und trat mit einem Redebeitrag über die Agitation in Konsumgenossenschaften und unter Landarbeiterinnen in Erscheinung.Frauenreichskonferenz der VKPD, https://www.argus.bstu.bundesarchiv.de/ry1/index.htm?kid=bc4b7f9b-7a53-4461-9f44-97502d5bb358

Bei den Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft am 20. Februar 1921 errang die VKPD 18 Sitze, die auf Platz 6 des Ersten Wahlkreises platzierte Ketty Guttmann konnte zusammen mit Wilhelm Herzog, Rudolf Lindau, Ernst Thälmann, Ehrenfried Wagner u. a. in das Stadtparlament einziehen.Statistische Mitteilungen über den Hamburger Senat. Nr. 11: Die Bürgerschaftswahl am 20. Februar 1921. Meißners Verlag, Hamburg 1921, S. 53. (statistischebibliothek.de)

Im Verlauf der so genannten Märzaktion kam es in Hamburg am 23. März 1921 zur Besetzung der Werften Blohm & Voss und Vulkan. Ketty Guttmann rief dabei auf einer Belegschaftsversammlung bei Vulkan aus: „Die ganze Welt sieht auf Hamburg! Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt! Ihr seid die Herren der Welt, wenn ihr nur wollt ... Wer die Waffen hat, hat die Macht, und wer hat die Waffen? Die Sicherheitsmannschaften! Wenn sie euch entgegentreten, nehmt ihnen die Waffen weg, dann habt ihr die Macht.“StA HH 731-8 A 757; N.N.: Der Fall Ketty Guttmann. Die Vorgänge auf der Vulkan-Werft. In: Hamburger Correspondent 1921, Nr. 201, 1. Mai, Morgenausgabe Bei den Protestaktionen kamen mindestens 20 Menschen ums Leben. Guttmann wurde steckbrieflich gesucht und am 26. März verhaftet. „Auf Verfügung der Polizeibehörde wurden am Sonnabend in Hamburg die kommunistischen Agitatoren Rudolf Lindau und Ketty Guttmann, Herausgeberin des 'Pranger', des Organs der Bordellmädchen, verhaftet.“Hamburger Nachrichten, Jg. 130. 1921, 29. März, S. 2. Auf der 21. Sitzung der Hamburger Bürgerschaft am 6. April 1921 gelang es Ketty Guttmann trotz eines fünfstündigen Redebeitrages (!) nicht zu verhindern, dass über die Aufhebung der Immunität einzelner, an der Märzaktion beteiligter Abgeordneter ein Beschluss gefasst wurde.Stenographischer Bericht über die ... Sitzung // Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg. 1921, 5. Januar 1921–1. Juni 1921, S. 636–668. Einem Antrag des Geschäftsordnungs-Ausschusses der Bürgerschaft zur Genehmigung der Strafverfolgung von Ketty Guttmann wurde später nicht entsprochen, da die ihr „zur Last gelegten Straftaten nicht ausreichten, um die Immunität aufzuheben.“Hamburger Correspondent, 1921, Nr. 195, 28. April Auf der 24. Sitzung vom 27. April wurde daher die Beibehaltung ihrer Immunität beschlossen.Hamburger Correspondent, 1921, Nr. 195, 28. April Eine Nachprüfung durch den Geschäftsordnung-Ausschuss führte später allerdings zum Beschluss, die Immunität aufzuheben.Hamburger Correspondent, 1921, Nr. 201, 1. Mai Am 8. August 1921 legte Guttmann ihr Parlamentsmandat nieder. Bereits am 20. Juni 1921 nahm sie in Berlin an einer gewaltsam verlaufenden Demonstration von Arbeitslosen zum Gewerkschaftshaus am Engelufer teil, rief zu dessen Besetzung auf und wurde – zusammen mit Leo Fichtmann – von der Versammlung in eine Kommission gewählt, die die Gespräche mit dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund führen sollte.N.N.: Arbeitslosen-Ausschreitungen. Mißhandlung des Vorsitzenden der Gewerkschaftskommission, in: Vossische Zeitung, 1921, Nr. 286, 21. Juni, Morgen-Ausgabe, S. 4; Kaspar, Peter: Der entlarvte Schwindel, in: Freiheit, 4. Jg. 1921, Nr. 293, 26. Juni, S. 3; N.N.: Wer ist konterrevolutionär?, in: Vorwärts, 38. Jg. 1921, Nr. 148, Abend-Ausgabe, S. 4; N.N.: Moskau und die Arbeitslosen, in: Freiheit, 4. Jg. 1921, Nr. 338, 21. Juli, Abend-Ausgabe, S. 3.

Im Spätherbst 1921 wurde sie – nach eigenen Angaben gegen ihren Willen – von der Zentrale der KPD nach Wien beordert und nahm – in Deutschland inzwischen steckbrieflich gesuchtEin Steckbrief gegen die Kommunistin Guttmann. In: Rheinischer Merkur. Kölnische Landeszeitung, 20. November 1921, S. 2. – aktiv am 1. Dezember an einer Massendemonstration gegen die galoppierende Inflation teil, bei der es zu Plünderungen und weiteren Ausschreitungen kam.Ketty Guttmann: Kennwort: Der goldene Apfel. Unveröff. Manuskript, ca. 1928/1929, S. 88; Volksblatt für Stadt und Land. 52. Jg. 1921, Nr. 50, 11. Dezember, S. 1. Im Januar 1922 gelangte sie über Berlin nach Moskau.Ketty Guttmann: Materialien zur Arbeit: „Bela-Kunismus“, S. 3. Unveröff. Manuskript, ca. 1928/29 Auf dem 4. Weltkongreß der Komintern, der vom 5. November bis 5. Dezember 1922 in Petrograd und Moskau stattfand, vertrat Guttmann als Delegierte mit beratender Stimme den Internationalen Frauen-Verband. Zusammen mit Gertrud Alexander, Hertha Sturm, Lisa Ulrich und Clara Zetkin gehörte sie dem ab 1923 der Kommunistischen Internationale unterstehenden Internationalen Frauensekretariat mit Sitz in Moskau an. Auch aufgrund ihrer Erfahrungen in Russland (u. a. besuchte sie auch einen Industriekomplex in Tula) geriet Guttmann zunehmend in Widerspruch zur Politik der Bolschewiki, ihren Protagonisten in der Komintern, deren Anhängern in der KPD und thematisierte ihre Kritik nach ihrer Rückkehr nach Deutschland auch öffentlich. Im Juli 1924 wurde sie wegen parteischädigenden Verhaltens aus der KPD ausgeschlossen.Vorwärts, 23. Juli 1924, S. 3; Kölnische Zeitung, 24. Juli 1924, S. 12; Danziger Zeitung, 26. Juli 1924, S. 7; Sächsische Volkszeitung, 31. Juli 1924, S. 7.

In ihrer 1924 von der Hamburger Ortsgruppe der rätekommunistischen AAUE (Zwickauer Richtung), der sie sich 1925 anschloss, veröffentlichten Schrift „Los von Moskau!“ schilderte sie ihre Auffassung im Detail. Sie charakterisierte die „Neue Ökonomische Politik“ in Russland als konterrevolutionär, beschrieb das umfassende Erlahmen des revolutionären Elans im Land sowie die zunehmende Korrumpierung gesellschaftlicher Kreise durch die Partei. Die KPD wie die anderen kommunistischen Parteien beschrieb sie als Moskauer Gebilde ohne nennenswerten Einfluss und plädierte für die Zerschlagung der Komintern. Als Alternative und proletarisches Ideal propagierte sie ein staatenloses Rätesystem.

Sie rief die vorahnende Kritik Rosa Luxemburgs an der Diktatur der Bolschewiki in Erinnerung, die ihnen