miniatur|Die Vasensammlung in der Aufstellung bis 2010 miniatur|Sicht von der Rückseite

Der zusammengehörige Fundkomplex einer Gruppe antiker apulischer Bildervasen für eine Totenfeier besteht aus 29 Vasen, Tellern, Vasenfragmenten und Fragmentgruppen, die sich ehemals in der Antikensammlung Berlin befanden. Das Vasenensemble besteht aus zum Teil überdurchschnittlich großen und kostbaren Vasen, die reich mit Bildern des „reichen Stils“ der Apulischen Vasenmalerei verziert sind. Dazu kommen Vasen mittlerer und niederer Qualität. Alle Stücke stammen wahrscheinlich aus einer Raubgrabung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Juni 2024 wurden sie an Italien zurückgegeben.

Fundgeschichte Die genauen Umstände des Fundes sind unbekannt. Die Stücke wurden 1984 von der Berliner Antikensammlung durch Vermittlung des Antikenhändlers Christoph Leon erworben, angeblich aus dem Besitz einer Basler Familie.Zur offiziellen Erwerbsgeschichte siehe Luca Giuliani: Tragik, Trauer und Trost. Bildervasen für eine apulische Totenfeier. Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1995, S. 21–22. Nach Kunsthändlerangaben waren die Vasen von einem unbekannten Reisenden aus Genf im späten 19. Jahrhundert in Neapel gekauft worden. Inzwischen ist jedoch belegt, dass die Vasen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei illegalen Raubgrabungen in Apulien gefunden wurden und über den Händler Giacomo Medici in Genf auf den Kunstmarkt kamen.Peter Watson: The Medici Conspiracy. The Illicit Journey of Looted Antiquities. New York 2006, ISBN 1-58648-402-8, S. 199–200. 282. 1984 hatte das Museum nicht den kompletten Fund erworben, da offenbar nicht das komplette Ensemble angeboten wurde. Das konnte 1991 nachgeholt werden, als man Fragmente erwarb, aus denen man mehrere Teller rekonstruieren konnte und Anhaltspunkte für weiteres zum Komplex zu zählendes Geschirr gewann.Luca Giuliani: Tragik, Trauer und Trost. Bildervasen für eine apulische Totenfeier. Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1995, S. 24.

Im Juni 2024 unterzeichneten der italienische Kultusminister Genaro Sanguliano und die deutsche Kulturstaatsministerin Claudia Roth die Übergabevereinbarung für 25 archäologische Objekte, darunter die 1984 erworbenen Objekte. In den Medienberichten ausdrücklich genannt sind der Gigantomachie-Krater, die Eleusinische Hydria des Varrese-Malers und der Rhesos-Krater. Zwei der Vasen übergab Roth am 13. Juni in einem offiziellen Vertragsakt an Sangiuliano, die übrigen werden nach einer letzten Ausstellung in der Antikensammlung im Alten Museum auf der Berliner Museumsinsel in Berlin später nach Italien restituiert. Die Vereinbarung sieht vor, dass das Berliner Museum für seine Ausstellungen langfristige Leihgaben aus italienischen Museen erhält.Preußenstiftung gibt antike Vasen an Italien zurück. FAZ 13.6.2024. - https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/preussenstiftung-gibt-antike-vasen-an-italien-zurueck-19786397.html - Preußenstiftung gibt Antiken an Italien zurück: Der teuerste Ankauf der 1980er war geraubt. Tagesspiegel 13.6.2024. - https://www.tagesspiegel.de/kultur/preussenstiftung-gibt-antiken-an-italien-zuruck-der-teuerste-ankauf-der-1980er-war-geraubt-11822147.html (paywall)

Einordnung der Funde Mangels Fundkontext bleiben allein stilistische Untersuchungen, die immerhin die aus Ton hergestellten Vasen als apulische Produktion erkennen lassen. Da derartige Vasen nur selten über Apulien hinaus exportiert wurden, ist ein Fundort Neapel oder Umgebung praktisch auszuschließen. Alle Vasen werden um 340 v. Chr. datiert und einer bestimmten Vasenmanufaktur aus Tarent zugeordnet. Die Bemalung vieler der Vasen – von 20 Stücken sind acht auf der Vorder- oder Rückseite mit Grabmotiven wie Naiskoi versehen – legt nahe, dass sie Bestandteil einer Grabausstattung waren. Auch die Tatsache, dass bis auf wenige Einzelstücke, bei denen die Gegenstücke wahrscheinlich verloren sind oder in andere Sammlungen veräußert wurden, die meisten der Vasen paarweise einander zuzuordnen sind, spricht für ihre Zusammenstellung aus repräsentativem Anlass.Luca Giuliani: Tragik, Trauer und Trost. Bildervasen für eine apulische Totenfeier. Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1995, S. 23. Ein solcher Anlass war bei apulischen Totenfeiern gegeben, in deren Rahmen ein Streben nach symmetrischer Grabausstattung nichts Ungewöhnliches war.Luca Giuliani: Tragik, Trauer und Trost. Bildervasen für eine apulische Totenfeier. Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1995, S. 24, 62–65.

Fundzusammensetzung Angesichts dieser Fundgeschichte bleibt es völlig spekulativ, inwiefern die Funde alle zu einem Grabensemble oder überhaupt zu einem einzigen Gräberfeld gehörten.

Der Fund besteht heute, nach der Restaurierung, aus sieben sehr großen Volutenkrateren, zwei Amphoren, zwei Skyphoi, einer Hydria, einem großen Teller, neun Fischtellern plus Fragmenten, vier Frauenkopftellern plus Fragmenten und mehreren Bruchstücken, darunter dem Fuß eines weiteren Volutenkraters und mehrerer Schalen. Alle diese Gefäße hatten im wirklichen Leben spezielle Funktionen. Doch sind die zu diesem Fund gehörenden Stücke zum Teil nicht oder nur schwer zum eigentlichen Zwecke nutzbar. So hatten die Skyphoi, aus denen man gemischten Wein trank, ein Fassungsvermögen von mehr als zehn Litern, was eine normale Nutzung ausschließen lässt. Fast alle anderen großen Gefäße waren ebenfalls unbrauchbar, da es keinen Verschluss zwischen Vasenkörper und Vasenfuß gab, zum Teil sogar der Boden fehlte und die Gefäße daher keine Flüssigkeit aufnehmen konnten. Diese Tatsachen sprechen für eine Verwendung im sakralen oder sepulkralen, das heißt im Zusammenhang mit dem Tod stehenden Kontext.

Solche großen, hochwertigen Vasen mit augenfälligen Motiven waren nicht zum Gebrauch bestimmt, sondern sollten bei einer Bestattung besonderen Eindruck machen. Die erhaltenen Stücke waren offenbar die herausragenden Schaustücke einer Totenfeier, die Funktion der vermutlich ebenfalls als Grabbeigaben dienenden einfachen Keramiken ist hingegen ungewiss. Analogien zu anderen Grabfunden legen nahe, dass es sich bei dem Grab, aus dem die Vasen stammen, um ein Kammergrab handelt, dessen Typ am Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr. aufkam.

Einzelstücke Phrixos-Krater miniatur|hochkant|Vorderseite des Phrixos-Kraters miniatur|hochkant|Rückseite Der sogenannte Phrixos-Krater,Inventarnummer 1984.41, Beschreibung bei Giuliani: Bildervasen aus Apulien, S. 6–10 und 31; Giuliani: Tragik, Trauer und Trost, S. 26–31. ein Volutenkrater mit Maskenhenkeln, ist mit 102 Zentimetern Höhe das drittgrößte Einzelstück. Das von Arthur Dale Trendall dem Dareios-Maler zugeschriebene GefäßVon Trendall stammen alle Zuweisungen. gilt als eine der besten Arbeiten des Künstlers.Giuliani: Bildervasen aus Apulien, S. 6 Die Zeichnungen auf der Vase sind außerordentlich sorgfältig ausgeführt und sehr elegant. Ein Gegenstück gibt es nicht, doch wird angenommen, dass der einzelne VasenfußInventarnummer 1984.48, Beschreibung bei Giuliani: Bildervasen aus Apulien, S. 31. ein Fragment dieses Gegenstücks ist.

Die besondere Qualität des Kraters zeigt sich bereits beim Halsbild. Zu beiden Seiten zweier zentral angeordneter geflügelter Wesen sieht man eine sich emporschlängelnde phantasievolle Ranke. Sie wirkt auf den ersten Blick ungeordnet und chaotisch. Eine Analyse zeigt jedoch, dass der Künstler der Pflanze eine festgelegte Struktur gab und hierbei keine Rücksicht auf natürliche Gegebenheiten nahm. Die vom Dareios-Maler dargestellte Ranke mit ihren aus den Blüten wachsenden Stängeln besitzt kein natürliches Vorbild. Über dieser Dekoration befindet sich ein Band aus Eichenblättern, die eine Art Girlande bilden und mit einer aufgemalten Eierkette verziert sind. Die Eier sind offenbar ausgeblasen, auf ein Band aufgezogen und kunstvoll bemalt. Hier orientierte sich der Künstler wahrscheinlich an einer in Apulien üblichen Ausschmückung bei Festlichkeiten.

Das Hauptbild ist in zwei Ebenen aufgebaut: eine obere göttliche und eine untere menschliche. Die Hauptfiguren des Frieses sind alle inschriftlich benannt. Im Zentrum befindet sich, mit aufgestütztem Fuß, der junge Phrixos. Er bekränzt einen Widder, wie es bei Opfertieren üblich ist. Auch der weiter unten gemalte Altar bestätigt die Deutung als Opferszene. Links neben Phrixos steht dessen Stiefmutter Ino, rechts sein Vater, König Athamas, mit gezücktem Opfermesser. Aber nicht der Widder, sondern Phrixos soll aufgrund eines von der Stiefmutter initiierten falschen Orakelspruchs geopfert werden. Weiter rechts informiert ein greiser Gelehrter Phrixos’ Schwester Helle, die ebenfalls geopfert werden soll, über das bevorstehende Opfer ihres Bruders, was sich in der entsetzten Haltung der jungen Frau widerspiegelt. Die letzte Figur auf der Seite ist eine Frau, die mit dem sprechenden Namen Euphemia beschrieben ist. Euphemia – die mit dem guten Ruf – ist nicht nur ein Name, sondern auch die Beschreibung des rituellen Schweigens von Personen, die an einer heiligen Handlung teilnehmen. Im oberen Fries schaut eine Versammlung von Göttern auf das Geschehen bei den Menschen herab. Zweite Person von links ist Nephele, die leibliche Mutter von Phrixos und Helle, die sich aufgeregt, mit Angst und Entsetzen und dennoch voller Eleganz, bewegt. Zu ihrer rechten steht Hermes, der ihr offenbar die Botschaft von der anstehenden göttlichen Rettung ihrer beiden Kinder bringen wird.

Interessant an der Darstellung ist, dass der Maler fast völlig auf Handlungsszenen und Dynamik verzichtet. Ohne Beschriftungen könnte man ein ganz normales Widderopfer annehmen. Nur mit Kenntnis der griechischen Sage von Phrixos und Helle sind einige Kleinigkeiten erkennbar, so die Opferbinden in den Haaren der Geschwister oder der Fingerzeig von Athamas auf seine Frau oder die offen gezeigten Emotionen von Helle und Nephele. Daher ist anzunehmen, dass die Vase für ein mythologisch gebildetes Publikum geschaffen wurde.

Die Rückseite zeigt den schon erwähnten tempelartigen Grabbau, der auf den meisten der Vasen zu sehen ist. Der nackte jugendliche Verstorbene ist lässig auf einen Stab gestützt dargestellt. In der einen Hand hält er eine Schale, in der anderen einen Kranz. Zu beiden Seiten des Grabbaus sind je drei ebenfalls jugendliche Menschen angeordnet. Sie sind festlich geschmückt, trauern jedoch nicht. Das Halsbild zeigt den Verstorbenen ein zweites Mal. Nun ist er in einer jenseitigen Welt, hält eine Weinschale in der Hand, mit der er aus zwei über ihm hängenden Trauben tropfenden Wein auffängt.

Rhesos-Krater miniatur|links|hochkant|Rhesos-Krater Der Rhesos-KraterInventarnummer 1984.39, Beschreibung bei Giuliani: Bildervasen aus Apulien, S. 10–13 und 31; Giuliani: Tragik, Trauer und Trost, S. 31–33. ist in vielem dem Phrixos-Krater ähnlich. Es handelt sich um einen 82 Zentimeter hohen Volutenkrater mit Dreirollenhenkeln. Auch er wird dem Dareios-Maler zugeschrieben. Wie beim Phrixos-Krater sind die Hauptfiguren mit Inschriften gekennzeichnet. Die dargestellte mythologische Geschichte des thrakischen Königs Rhesos gehört zu den ältesten griechischen Sagen und ist schon bei Homer überliefert. Die hier wiedergegebene Variante der Geschichte geht auf eine im Kanon der Werke des Euripides überlieferte Tragödie mit dem Namen des Haupthelden Rhesos zurück. Mittelpunkt der Geschichte, die zum trojanischen Sagenkreis gehört, ist der Mord an Rhesos durch Diomedes. Dieser schleicht sich mit Odysseus in das Lager des thrakischen Königs, um dessen Eingreifen am Folgetag auf Seiten der Trojaner zu verhindern, da geweissagt wurde, dass die Trojaner den Krieg nicht mehr verlieren könnten, wenn die Pferde des Rhesos vor Troja weiden würden.