mini|Morteza Motahhari Ayatollah Morteza Motahhari ( geb. 2. Februar 1920 in Farīmān; gest. 1. Mai 1979 in Teheran) war ein iranischer schiitischer Geistlicher und Ideologe, der zu den Vordenkern der Islamischen Revolution gehörte. Er war ein Schüler und enger Mitstreiter Ayatollah Chomeinis und fungierte während dessen Zeit im Exil von 1964 bis 1979 als sein Stellvertreter. Zu den Hauptanliegen Motahharis als eines führenden Ideologen der islamischen Bewegung gehörten die Förderung der islamischen Einigung, die Verbreitung des Islams im Westen, die Förderung moderner Bildung und die Organisation der finanziellen Grundlage der schiitischen Geistlichkeit.Dabashi: Theology of discontent: The ideological foundations of the Islamic Revolution in Iran. 1993, S. 167. Ähnlich wie Ali Schariati trat er für eine aktivistische Interpretation des Islams ein, doch hatte er anders als Schariati einen klerikalen Hintergrund und formulierte seine ideologische und politische Positionen dementsprechend stärker unter Rückgriff auf die schiitische theologische und juristische Tradition.Dabashi: Theology of discontent: The ideological foundations of the Islamic Revolution in Iran. 1993, S. 198f.

Leben Mortaza Motahhari wurde am 2. Februar 1920 im Ort Farīmān in der heutigen iranischen Provinz Razavi-Chorasan als Sohn einer Familie von islamischen Rechtsgelehrten geboren.Davari: The Political thought of Ayatullah Murtaza Mutahhari. 2005, S. 6. Durch seinen Vater erhielt er eine grundlegende Ausbildung in den islamischen Wissenschaften. Mit zwölf Jahren ging er gemeinsam mit seinem Bruder nach Maschhad, um seine formale Schulausbildung zu beginnen. Hier entdeckte er seine Liebe zur Philosophie, Mystik und Theologie, doch bestand der Kern des religiösen Lehrplans aus Fiqh.Algar: “Muṭahharī, Murtazā”. 2009, S. 198a.

Studium in Ghom und Isfahan 1936 verließ Motahhari Maschhad, um sein Studium in Ghom fortzusetzen. Dies war auch auf Motahharīs großes Interesse an der Philosophie zurückzuführen. Diese wurde von vielen Gelehrten abgelehnt, konnte in Ghom aber vergleichsweise gut studiert werden.Dabashi: Theology of discontent: The ideological foundations of the Islamic Revolution in Iran. 1993, S. 148. In Ghom studierte Motahhari Fiqh und Usūl al-fiqh bei den Gelehrten Hoddschat Kūhkamarī, Sayyed Mohammad Dāmād, Mohammad Reza Golpayegani und Sadr ad-Dīn Sadr.Algar: “Muṭahharī”. 1992, S. 762b. Im Sommer 1941, kurz vor der anglo-sowjetischen Besetzung Irans, verließ Motahhari Ghom und ging nach Isfahan, wo er bei einem gewissen Hāddsch Mirza ʿAli Aghā Schirāzi Isfahāni den Nahdsch al-Balāgha studierte. Schirāzi galt als ein besonderer Kenner dieses grundlegenden schiitischen Textes.

Im Jahr 1944 zog Ayatollah Borudscherdi nach Ghom, und Motahhari besuchte bei ihm einen formellen Kurs in Fiqh. Ein Jahr später, 1945, begann Motahhari zusammen mit Ruhollah Chomeini einen wichtigen philosophischen Text zu lesen, nämlich Mullā Hādī Sabzawārī Šarḥ-e manẓūme. Die Kurse bei Chomeini dauerten bis 1951 und begründeten eine enge Verbindung zwischen Motahhari und seinem Lehrer.Martin: Creating an Islamic state: Khomeini and the making of a new Iran. 2003, S. 76.

Im Jahr 1946, als er gerade zusammen mit Chomeini Āchond Chorāsānis Handbuch Kifāyat al-uṣūl zur islamischen Rechtstheorie las, begann er außerdem, den Marxismus zu studieren, mit dem Ziel, ihn zu widerlegen. Seine wichtigsten Informationsquellen waren dabei die Propagandaschriften der Tudeh-Partei, die Schriften des marxistischen Aktivisten Taqi Arani und die persische Übersetzungen der Einführung in die Philosophie von Georges Politzer. 1949 begann Motahhari zusammen mit Chomeini sein Studium der „Vier Bücher“ (al-Asfār al-arbaʿa) des schiitischen Philosophen Mullā Sadrā (gest. 1641). Zu seinen Mitstudenten in diesem Kurs gehörte Hossein Ali Montazeri.Dabashi: Theology of discontent: The ideological foundations of the Islamic Revolution in Iran. 1993, S. 148f. Von großer Bedeutung waren auch Motahharis Verbindungen zu dem Philosophen und Exegeten Mohammad-Hossein Tabatabai. Motahhari nahm an Tabatabais Vorlesungen über den Šifāʾ von Ibn Sīnā und an den von ihm organisierten Donnerstagabendstreffen teil, bei denen die materialistische Philosophie diskutiert wurde.

1951 schloss Motahhari sein Jurastudium in Ghom ab.Dabashi: Theology of discontent: The ideological foundations of the Islamic Revolution in Iran. 1993, S. 149. Seine prekäre finanzielle Lage, die sich nach seiner Heirat 1950/51 noch verschlimmert hatte, setzte ihn zunehmend unter Druck. Daher war es für ihn dringend notwendig, Ghom zu verlassen und eine neue Anstellung zu finden.Davari: The Political thought of Ayatullah Murtaza Mutahhari. 2005, S. 30.

Akademische und politische Aktivitäten in Teheran 1952 ging Motahhari nach Teheran, wo er begann, Philosophie an der Madrase-ye Marvi zu unterrichten. 1954 nahm er außerdem eine Stelle an der Fakultät für Theologie und Islamische Studien der Universität Teheran an. Der Umfang seiner Vortragstätigkeit ging bald über diese beiden Institutionen hinaus, als er mit den professionellen islamischen Organisationen zusammenzuarbeiten begann, die von Mehdi Bazargan und Mahmud Taleghani gegründet worden waren. 1960 übernahm er die Leitung des wichtigsten Verbandes der reformorientierten ʿUlamā' von Teheran, dem Andschoman-e Māhāne-ye Dini, einer religiösen Gesellschaft mit Sitz in der Nähe des Jaleh-Platzes, die monatliche Vorträge organisierte, an denen Hunderte von Menschen unterschiedlicher Herkunft teilnahmen.Martin: Creating an Islamic state: Khomeini and the making of a new Iran. 2003, S. 77. Nach dem Tod von Hossein Borudscherdi im März 1961 war Motahhari maßgeblich an der Erstellung und Veröffentlichung einer Aufsatzsammlung beteiligt, in der verschiedene schiitische Geistliche die Bedeutung des Mardschaʿ at-Taqlīd für die schiitische Gemeinschaft diskutierten.Dabashi: Theology of discontent: The ideological foundations of the Islamic Revolution in Iran. 1993, S. 161.

Nach dem Aufstand vom 5. Juni 1963 unter der Führung Chomeinis wurde Motahhari für 43 Tage inhaftiert.Algar: “Muṭahharī”. 1992, S. 762b–763a. Kurz nach seiner Freilassung gründete er zusammen mit einigen seiner Kollegen in Teheran eine geistliche Gesellschaft, die später Vereinigung der kämpfenden Geistlichkeit genannt wurde, mit dem Ziel, verschiedene politische Aktivitäten zu organisieren.Davari: The Political thought of Ayatullah Murtaza Mutahhari. 2005, S. 38. Nach der Exilierung Chomeinis im Jahre 1964 stand Motahhari in ständigem Kontakt mit diesem.Dabashi: Theology of discontent: The ideological foundations of the Islamic Revolution in Iran. 1993, S. 150. Am 24. März 1968 ernannte ihn Chomeini in einer Fatwa auch zu seinem alleinigen Stellvertreter im Iran. Das bedeutete, dass er auch für die Erhebung und Verteilung der dem Ayatollah geschuldeten religiösen Steuern zuständig war.Dabashi: Theology of discontent: The ideological foundations of the Islamic Revolution in Iran. 1993, S. 433.

1965 gehörte Motahhari zu den Gründungsmitgliedern der Hoseinīye-ye Erschād, einer religiösen Institution, welche zum Ziel hatte, ein junges, säkular geprägtes Publikum für die Islamische Ideologie zu gewinnen.Algar: “Muṭahharī”. 1992, S. 763a. 1968 lud er den aufstrebenden islamischen Ideologen Ali Schariati, der damals in Maschhad lebte, ein, der Einrichtung beizutreten.Martin: Creating an Islamic state: Khomeini and the making of a new Iran. 2003, S. 78. Insbesondere durch seine Vorträge erlangte diese Institution große Bekanntheit.Davari: The Political thought of Ayatullah Murtaza Mutahhari. 2005, S. 43. In den Jahren 1969–70 wurden aber Schariatis Vorträge an der Hoseinīye zunehmend revolutionär,Martin: Creating an Islamic state: Khomeini and the making of a new Iran. 2003, S. 78. und Motahhari war mit dieser Politisierung nicht einverstanden.Shahrough Akhavi: Religion and Politics in Contemporary Iran: Clergy-State Relations in the Pahlavi Period. State University of New York Press, Albany 1980. S. 144. Er kritisierte, dass Schariatis Vorträge zu konfrontativ, zu kritisch gegenüber der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit und zu sehr von westlicher Methodologie, vor allem von marxistischer Soziologie, abhängig seien.Ervand Abrahamian: Radical Islam. The Iranian Mojahedin. I.B. Tauris, London 1989. S. 109. Wegen seiner Differenzen mit Schariati verließ Motahhari schließlich 1971 die Hoseinīye-ye Erschād.Ali Rahnema: An Islamic Utopian. A Political Biography of Ali Shariʿati. London 1998. S. 259.

Freiwillige Berufsverbände, wie beispielsweise die von Ärzten, Ingenieuren und Lehrern, sowie Studenten von Universitäten, Hochschulen und Gymnasien baten Motahhari aber weiter regelmäßig um Vorträge über verschiedene berufliche, rechtliche, soziale und politische Fragen, mit denen sie konfrontiert waren. Meistens ging es um Fragen, die durch den Import westlicher Ideen ausgelöst waren. Motahharis Fähigkeit, die Erwartungen seines Publikums zu erfüllen, das sich zum großen Teil aus westlich geprägten städtischen Akademikern und Intellektuellen zusammensetzte, war allerdings dadurch etwas eingeschränkt, dass er keine westliche Sprache beherrschte und deshalb westliche Publikationen auch nur durch persische Übersetzungen zur Kenntnis nehmen konnte.Dabashi: Theology of discontent: The ideological foundations of the Islamic Revolution in Iran. 1993, S. 213f.

Rolle während der Revolution Nach 1977 engagierte sich Motahhari zunehmend in der revolutionären Bewegung, insbesondere als Mitglied in revolutionären Komitees, welche Streiks und Demonstrationen organisierten. Als Ayatollah Chomeini am 4. Oktober 1978 aus dem Irak ausgewiesen wurde und sich in Frankreich niederließ, reiste Motahhari nach Paris, um ihn dort zu besuchen. Während dieses Besuchs wurde der Islamische Revolutionsrat gegründet, Grundstein für die erste politische Zentralisierung des zukünftigen Regimes. Motahhari wurde zu dessen erstem Mitglied ernannt und sollte in Absprache mit anderen Gelehrten die Mitglieder des zukünftigen Kabinetts benennen.Davari: The Political thought of Ayatullah Murtaza Mutahhari. 2005, S. 84.

Ermordung und Gedenken Motahhari wurde am 1. Mai 1979, als er gerade von einer Versammlung des Revolutionsrates kam, ermordet. Der Mörder war ein Mitglied der Forqān, einer islamisch orientierten Organisation, welche die Einmischung der schiitischen Geistlichen in die Politik ablehnte und das Land von westlich orientierten Intellektuellen regieren lassen wollte.Abdol Reza Navah: Der Gegensatz "islamisch-westlich" im Menschenbild zeitgenössischer Beiträge im Iran, unter besonderer Berücksichtigung von Motahhari und Schariati, Phil. Diss. Kiel, 1987. S. 15. Chomeini weinte öffentlich bei Motahharis Beerdigung, nannte ihn „die Frucht meines Lebens“ und würdigte ihn als „edlen Märtyrer, bedeutenden Denker, Philosophen und Juristen“. Außerdem rief er einen nationalen Trauertag für Motahhari aus. Abdolkarim Sorusch gab 1981 eine Gedenkschrift zu Motahhari heraus. ʿAbd al-Karīm Surūš: Yādnāma-i Ustād Šahīd Murtaḍā Muṭahharī. Sāzmān-i Intišārāt wa Āmūziš-i Inqilāb-i Islāmī, Teheran 1360hš (1981 n. Chr.).

Werke Motahhari hinterließ ein umfangreiches und vielfältiges schriftliches Œuvre, das größtenteils von seiner Ausbildung als Theologe und Philosoph sowie seiner Hingabe an die Werke von Mullā Sadrā geprägt war. Zu seinen Werken gehörten: