mini|Luftaufnahme von 2011 alt=Luftaufnahme von 2016|mini|Luftaufnahme von 2016 mini|Blick von Osten: rechts die Basilika, links das Schaftor Das Kloster Schiffenberg ist eine ehemalige Klosteranlage auf dem Gießener Hausberg Schiffenberg (281 Meter). Es befindet sich am südöstlichen Rand des Gießener Stadtwalds nahe dem Stadtteil Petersweiher und dem Pohlheimer Ortsteil Hausen. Die doppelchörige, ursprünglich dreischiffige Pfeilerbasilika mit Querschiff und oktogonalem Vierungsturm aus dem 12. Jahrhundert ist weitgehend erhalten. Aufgrund ihres Alters und ihrer architektonischen Bedeutung wurde ihr im Juli 2012 der Rang eines Bauwerks von nationaler Bedeutung zuerkannt.Erhardt Goltze: Denkmalschutz verleiht Schiffenberg-Basilika Status eines Bauwerks von nationaler Bedeutung. In: Gießener Anzeiger vom 4. Juli 2012. Im Sommer werden die Basilika und der Hof für kulturelle Veranstaltungen wie den Gießener Kultursommer und Gottesdienste genutzt.
Name Die Bedeutung des Namens „Schiffenberg“ ist nicht gesichert. Weder ist eindeutig, was mit dem Erstglied „Schiffen“ bezeichnet wird, noch ist geklärt, ob das Zweitglied „Berg“ oder „Burg“ meint., abgerufen am 18. April 2020. Insgesamt werden mindestens sechs unterschiedliche Deutungen des Namens vertreten.Euler: Der Giessener Hausberg. 1985, S. 46. Die ältesten Belege lauten „Skephenburc“ (1129) und „Sefphenberch“ (1139). In der älteren Forschung ist die Ableitung vom althochdeutschen „sceffin(o)“ und mittelhochdeutschen „schepfe, scheffe“ (Schöffe) gängig.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage Berlin 1967. bearbeitet von Walther Mitzka. S. 674. Demzufolge bedeutet Schiffenberg: Burg/Berg der Schöffen. Dies scheint geschichtlich stimmig, da im 11. Jahrhundert der Sitz der Schöffen verlegt wurde.Blechschmidt: Die Geschichte des Schiffenbergs. S. 7, abgerufen am 7. April 2015 (PDF-Datei; 134 kB). Jedoch sind ab 1148 Namen mit I statt E geläufig: „Schiffinburch“ (1148), „Schiphenburch“ (1145/1153), „Schiffenburg“ (1265). Dies steht der „Schöffen“-Deutung entgegen, da eine derartige Hebung von E nach I sonst nicht zu belegen ist. Etymologisch wahrscheinlicher ist deshalb die Ableitung von „schief“ (aus dem Niederdeutschen ins Mittelhochdeutsche), alternativ auch vom althochdeutschen „Siffo“ (Kaufmann). Abgerufen am 18. April 2020.
Geschichte Frühgeschichte mini|hochkant|Mauerreste eines vorklösterlichen Gebäudes im „Eselsgartens“ Ausgrabungen förderten vorgeschichtliche Scherbenfunde der Bandkeramischen Kultur (4000 v. Chr.) und der Michelsberger Kultur zutage. Eine Ausgrabung nördlich der Klosteranlage zeigt frühe Siedlungsspuren auf dem Schiffenberg, die auf die späte Bronzezeit um etwa 1000 v. Chr. datiert werden. Baggerschnitte im Innenhof stießen 1978 auf eine Grube aus der späten Urnenfelderkultur, die eine Höhensiedlung im 8. Jahrhundert v. Chr. wahrscheinlich macht.Magistrat der Stadt Lahn (Hrsg.): Der Schiffenberg. 1979, S. 8. Aus den zahlreichen Scherben wurden vorerst vier Gefäße rekonstruiert.Blechschmidt: Die stadtarchäologische Forschung. 1997, S. 324.
Vorklösterliche Zeit mini|hochkant|links|Rekonstruktion der Umrisse des Kalkbrennofens Die Entstehung der „Skephenburc“ wird im späten 7. Jahrhundert angenommen. Keramikfunde reichen bis in die Zeit um 800 n. Chr. Die Vorgängerbauten gehen ebenso wie die Umfassungsmauer und die weiter östlich (im Bereich der Rodelwiese) entdeckten Wehrgräben und Toranlage in den ältesten Teilen auf die fränkische Zeit des 7.–8. Jahrhunderts zurück. Während die steil abfallenden Seiten des Schiffenbergs nach Süden, Norden und Westen in vorklösterlicher Zeit durch eine Umfassungsmauer geschützt wurden, sicherten dreifache Wehrgräben die nur flach ansteigende Ostseite.Blechschmidt: Die Ausgrabungen auf dem Schiffenberg . S. 64; abgerufen am 18. April 2020 (PDF-Datei; 1,3 MB). Ein Torturm im Osten führte in die fränkische Anlage. Ihre Funktion ist unklar, doch könnte sie als Etappenhof die vorbeiführenden Straßen gesichert haben. Über dem inneren Graben war ein Gebäude auf rechteckigem Grundriss errichtet (11 × 6 Meter). Die Mauerreste gehören zu einem Keller und ermöglichen keine genaue Datierung.Blechschmidt: Die stadtarchäologische Forschung. 1997, S. 325.
Die am nördlichen Hang nachgewiesene Randmauer hat wahrscheinlich die gesamte Burganlage umschlossen.Blechschmidt: Die stadtarchäologische Forschung. 1997, S. 326. Aus dem 9.–11. Jahrhundert n. Chr. sind im Bereich des Torgartens („Eselsgartens“) Mauerreste eines rechteckigen, wahrscheinlich zweistöckigen Baukörpers erhalten (etwa 24 × 9 Meter), der in zwei Räume aufgeteilt war und 0,96 Meter (= 3 karolingische Fuß) starke Mauern aufwies. Ein Treppenansatz im Inneren weist auf eine zweigeschossige Anlage, deren Funktion unbekannt ist. Im Osten schloss sich ein Anbau an (5,10 Meter in Ost-West, 7,75 Meter in Nord-Süd). Angrenzend wurde ein Kalkbrennofen entdeckt, der aus aufeinandergesetzten Steinen aufgeführt war, die mit Lehm verstrichen waren.
Im 10. Jahrhundert war der Schiffenberg in Besitz der Konradiner und gehörte zur Grafschaft Gleiberg. Durch Erbschaft gelangte er 992 an die Grafen von Luxemburg.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 170.
Kloster mini|Kopie der Gründungsurkunde von 1129 aus dem 14. Jahrhundert 1129 wurde das Gelände von Gräfin Clementia von Gleiberg, der Witwe Konrads I. von Luxemburg, dem Erzbistum Trier gestiftet, mit der Maßgabe, dort ein Kloster zu errichten: „... montem in silva que dicitur Wiesecherewalt Skefphenburc vocatum ...“Arthur Wyss: Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei Hessen. Band 1–3. Leipzig 1879–1899. Band III, Nr. 1329, S. 301. Noch im gleichen Jahr weihte Erzbischof Meginher von Falmagne die unfertige Anlage. Die Klosterkirche wurde von 1130 bis 1150 in mindestens zwei Bauabschnitten gebaut und Maria geweiht. Kirchlich gehörte sie zum Archipresbyterat Wetzlar des Archidiakonats St. Lubentius Dietkirchen im Bistum Trier.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 204. Kurz darauf bezogen Augustiner-Chorherren aus dem Mutterkloster Springiersbach an der Mosel das Kloster. Ende des 12. Jahrhunderts wurde die Kirche durch einen überwölbten Westchor vergrößert, der von zwei Rundtürmen flankiert wurde.
1239 wurde erstmals ein Chorfrauenkonvent auf dem Schiffenberg erwähnt, dem spätestens seit 1241 eine Meisterin vorstand.Antonio Sasso: Cella prope Schiffinburch, S. 9; abgerufen am 6. Juli 2020. 1264 klagten die Chorfrauen vor einem Gießener Schöffengericht, dass die Chorherren ihren Pflichten ihnen gegenüber nicht nachkämen.Magistrat der Stadt Lahn (Hrsg.): Der Schiffenberg. 1979, S. 25 f. Die daraufhin verhängte Güterteilung zwischen den beiden Konventen zog sich noch bis 1323 hin. Vermutlich in der ersten Hälfte der 1280er Jahre bauten und bezogen die Chorfrauen ein eigenes Kloster am Fuße des Berges und nannten es „Cella“.Antonio Sasso: Cella prope Schiffinburch, S. 7–13; abgerufen am 6. Juli 2020. Die erste Kirche in Cella trug ein Marienpatrozinium, 1317 wurde diese abgerissen und die Altäre in einen Neubau übertragen, welcher der Heiligen Katharina geweiht war.
Zu diesen und weiteren Streitigkeiten der Chorherren kamen Misswirtschaft und die eigenen politischen Ziele von Erzbischof Balduin von Trier, aufgrund derer er das Kloster der Augustiner-Chorherren im Jahr 1323 aufhob und es dem Deutschen Orden anvertraute.Blechschmidt: Die Geschichte des Schiffenbergs. S. 8, abgerufen am 18. April 2020 (PDF-Datei; 134 kB). Von diesem Zeitpunkt bis 1809 war das Kloster Schiffenberg Deutschordenskommende.
Das Frauenkloster bestand etwas länger. Von einem Brand, dem Cella im Jahr 1334 bis auf die neu errichtete Kirche zum Opfer fiel, sollte es sich nicht wieder erholen. Cella verarmte immer mehr, sodass die vier verbliebenen Chorfrauen 1449 um Inkorporation in das Deutschordenshaus auf dem Schiffenberg baten.Antonio Sasso: Cella prope Schiffinburch, S. 25–28; abgerufen am 6. Juli 2020. Erzbischof Jakob I. von Trier besiegelte im Jahr 1450 das Ende des kleinen Klosters, von dem heute nur noch wenige Bodenmerkmale zu erkennen sind.Antonio Sasso: Cella prope Schiffinburch, S. 3; abgerufen am 6. Juli 2020.
Deutscher Orden mini|Provisorisch verschlossene Südseite der Basilika (2017) Innerhalb des Deutschen Ordens gehörte die Kommende Schiffenberg zur Ballei Hessen.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 363. Da das ehemalige Kloster für die Seelsorge zuständig war, wurden vom Trierer Erzbischof Balduin von Luxemburg ein paar Übergangsregelungen getroffen: Ein Propst sollte die Deutschordenskommende leiten. Es waren 12 Konventsmitglieder vorgesehen, darunter die Hälfte Priesterbrüder. Letztere sollten die Seelsorge weiter aufrechterhalten, nicht nur in der Kirche auf dem Schiffenberg, sondern auch in acht anderen Kirchen und Kapellen, die der Kommende unterstanden. 1333 wurde die Kommende zum Sitz eines Komturs. Die wirtschaftliche Lage der Kommende war jedoch nicht so, dass sie einen so hohen Personalstand ernährte. Deswegen wurde die Regel angepasst und die Zahl der notwendigen Konventsmitglieder und Priesterbrüder jeweils halbiert. Selbst das konnte nicht immer aufrechterhalten werden, denn in der ersten Hälfte des 15. Jh. lebten nur 2–4 Ordensmitglieder in der Kommende, erst in der zweiten Hälfte des 15. Jh. waren es wieder maximal 7 Ordensmitglieder, davon 3–4 im Priesterstand. Im 14. Jh. war die wirtschaftliche Situation sehr schlecht, in der ersten Hälfte des 15. Jh. immer noch schlecht. Die Kommende selbst wurde als Wirtschaftshof geführt, daneben besaß man noch den Baumgartenhof und den Neuhof in Leihgestern, wo im späten Mittelalter ausgedehnte Schafzucht betrieben wurde, dazu noch zwei weitere Höfe, und neben der Eigenbewirtschaftung mit eigenen Hofleuten hatte man ein paar Höfe verpachtet. Erst Ende des 15. Jh. besserte sich die wirtschaftliche Situation derart, dass man genügend Geld hatte, um die Propstei und die Komturei neu zu errichten. Im Gegensatz zur reichen Landkommende in Marburg blieb die Kommende auf dem Schiffenberg jedoch arm. Der Propst blieb in der Personalstruktur weiterhin vorgesehen, auch wenn er oft identisch mit dem Komtur war, der beide Ämter in Personalunion versah. Der Komtur war der Leiter der Kommende in der Deutschordenshierarchie, der Propst leitete Verwaltung und Seelsorge. Aus den folgenden Jahrhunderten sind immer wieder Rechtsstreitigkeiten um die Verwaltung der Kommende und der zugehörigen Besitzungen überliefert. Gut Neuhof in Leihgestern wurde Anfang des 13. Jahrhunderts gegründet und war der größte und erträglichste Einzelbesitz der Kommende. In spätgotischer Zeit wurden Querhaus und Chor der Basilika umgebaut und erhielten ein steileres Dach. Die drei Ostapsiden wurden abgerissen und durch die bestehende Rechteckapsis ersetzt.Janson: Romanische Kirchenbauten im Rhein-Main-Gebiet und in Oberhessen. 1994, S. 173. Im Jahr 1516 wurden in Ostchor und Querschiff ein Sterngewölbe eingebaut.
Reformation und Folgen