Die ehemals selbständige Gemeinde Cainsdorf ist heute ein Stadtteil und eine Ortschaft der Stadt Zwickau, die seit 2008 Kreisstadt des Landkreises Zwickau im Freistaat Sachsen ist. Der Stadtteil Cainsdorf liegt im Stadtbezirk Zwickau-Süd und trägt die amtliche Nummer 59.

Geografie Lage mini|280px|Übersicht der Stadtteile Zwickaus

Cainsdorf liegt im auslaufenden Becken der Vorerzgebirgs-Senke am Fuße des Erzgebirges an der Silberstraße im Westen Sachsens. Der Ort befindet sich am Westufer der Zwickauer Mulde.

Nachbarorte

Geschichte mini|Fossilien des Westfal D des Silesium (Oberkarbon oder Pennsylvanium) aus dem Cainsdorfer Ausstreichen des Zwickauer Steinkohlenfeldes. Links: Sigillariaceae Reste (ausgestorbene Bärlapppflanzen), mittig unten Annularia sphenophylloides Blätter der Calamitaceae (Schachtelhalme), rechts die Linopteris neuropteroides Blätter der ausgestorbenen Medullosales (Samenfarne). Entstehungszeit: vor ca. 305–310 Mill. JahrenBergbau in Sachsen, „Die Steinkohlenlagerstätte Zwickau“ Sächsisches Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Geologie; Band 15, 12/2008, abgerufen am 23. November 2015. (PDF; 10,2 MB) mini|Geologisches Profil des Zwickauer Steinkohlenreviers. (Aus Meyers Konversations-Lexikon (1885–1890))

Gründung und Entstehung des Ortsnamens mini|Ortseingang mit Wappen des Ortsteils Das Waldhufendorf Cainsdorf wurde Ende des 12. Jahrhunderts von fränkischen Bauern gegründet. Es wird angenommen, dass das Dorf seinen Namen von einem Siedler Caganis oder Cagono erhalten hat (der nordische Wortstamm gagn bedeutet Beute, Vorteil, ahd. gagan steht für gegen oder ausgesetzt, aber kaa steht auch für Hütte, Verschlag). In einer Schenkungsurkunde von Meinhard oder Meinher, Burggraf zu Meißen und Graf zu Hartenstein aus dem Geschlecht der Meinheringer, ist Cainsdorf 1382 erstmals schriftlich erwähnt. Durch die Verkürzung des Namens entstand um das Jahr 1460 Kanersdorff oder Kannersdorff. Weiter überlieferte Schreibweisen des Dorfs sind z. B. Kanßdorff 1551, Kohnßdorff 1555 und 1618 Canisdorf. 1696 wird es erstmals als Cainsdorff genannt, daraus wird ab 1791 Cainsdorf oder Kahnsdorf (im Orts-Dialekt wird der Name heute noch Kahnsdorf ausgesprochen).Hrsg. Ernst Eichler und Hans Walther: Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen. 3 Bände, bearb. von Ernst Eichler, Volkmar Hellfritzsch, Hans Walther und Erika Weber (Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 21), Berlin 2001, Band I, S. 133.

12. bis 18. Jahrhundert Im Jahr 1492 durfte sich als erster Handwerker ein Schneider im Ort niederlassen. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts wurde in Cainsdorf Steinkohle abgebaut. Aus dem Haufendorf, das 1551 aus nur 13 Grundbesitzerfamilien (Bauern) und 13 Landlosen bestand, entwickelte sich im Verlauf der Jahrhunderte ein Straßendorf entlang des Einschnittes vom Kirchberg zur Zwickauer Mulde. Cainsdorf gehörte bis ins 19. Jahrhundert zur Grundherrschaft des Schlosses Planitz. Im 18. Jahrhundert ist in Cainsdorf ein Vorwerk belegt. Im Jahre 1594 regte der damalige Planitzer Rittergutsbesitzer Heinrich von Beust (13. Juli 1559 bis 16. Dezember 1627), Sohn des Juristen Joachim von Beust, die Stiftung vom Kohleberg an.Heute würde man es als Umwidmung von Zinszahlungen des Rittergutes Planitz an die Pfarrei Planitz in eine Stiftung bezeichnen. Vgl. dazu: Emil Herzog: Geschichte des Zwickauer Steinkohlenbaues. Dresden 1852, S. 30. Von jeder großen Ladung (100 Pferdewagen) fielen 1 Wagen und von jeder kleinen Ladung (100 Karren) 2 Karren der Planitzer Kirche zu, in die auch die Cainsdorfer Einwohner eingepfarrt waren. Davon wird im 19. Jahrhundert zu wesentlichen Teilen die neue Parochie Cainsdorf finanziert.

Ende des 15. Jahrhunderts wird aus den Steinbrüchen am Hammerwald der Sandstein für die Zwickauer Marienkirche und das Gewandhaus gebrochen. In etwa die gleiche Zeit datiert Kohleabbau aus oberflächennahen Steinkohle-Flözen, da bei Cainsdorf die aufliegenden Schichten des Oberkarbon über den Variskischen Faltungen an die Oberfläche kommen. Cainsdorf wurde dadurch über Jahrhunderte vom Steinkohlebergbau geprägt. Der Sage nach fand der Hirtenjunge Jörg Ende des 12. Jahrhunderts am Hammerwald zwischen Cainsdorf und Planitz die schwarzen Steine, legte diese um sein Feuer und war mehr als verwundert, als diese auch Feuer fingen. Schon 1479 soll es durch den Schuss eines Jägers zu einem ersten Kohlenbrand gekommen sein.Emil Herzog: Geschichte des Zwickauer Steinkohlenbaues. Dresden 1852, S. 36 ff. Sie sollten mehr oder weniger stark die nächsten 450 Jahre brennen. Ein erster Nachweis des Steinkohle-Abbaus existiert mit einer Kaufurkunde vom 29. Juni 1493 der Vorsteher der Zwickauer Marienkirche am sogenannten Kohl(en)berg.Emil Herzog: Geschichte des Zwickauer Steinkohlenbaues. Dresden 1852, S. 106 f. Meist aber waren es Kohlenbauern, d. h. Bauern, die den Kohlenabbau als Nebenerwerbsbetrieb nutzten und Kohlengräberei betrieben.

Im Jahr 1551 gründeten vier Zwickauer Bürger und der Cainsdorfer Müller Joachim Schnee eine Gewerkschaft zum Kohleabbau. In ihrer Bittschrift verweisen sie auf den schon über 100 Jahre alten Kohlenabbau im Bockwaer Gebiet.

Im Dreißigjährigen Krieg überfielen kaiserliche Kroaten aus Rache für drei erschlagene Plünderer die Einwohner, töteten viele von ihnen und legten Feuer an die Mehrzahl der Bauerngüter. Durch von den Kriegsparteien gelegte Brände in den damaligen Kohleschächten entzündeten sich diese im Jahre 1640 zum weiteren Mal. Sie sind als Planitzer Erdbrände bekannt. Hungersnöte (u. a. 1772) oder Epidemien (Pest, letztmals 1681), harte Winter oder Brände, Überschwemmungen, Wetterkapriolen oder Kriege – all das hat die Gemeinde im Lauf der Jahrhunderte erlebt. An der schrecklichen Cholera-Epidemie, die im Jahr 1866 in Westsachsen grassierte, starben in Cainsdorf 40 der 63 Kranken. aus Cainsdorf in alten Ansichten

19. Jahrhundert mini|Lithografische Ansichtskarte Cainsdorfs um 1900 mini|links|Eine der ersten Brotfabriken 1858 mini|hochkant|links|Die Königin Marienhütte um 1861 mini|Der ehemalige Cainsdorfer Bahnhof, heute Haltepunkt mit Erzgebirgsbahn (2020) mini|Der Schulbau von 1891, ab 1959 POS, ab 1992 Grundschule, seit 2012 Schule in evangelischer Trägerschaft mini|Der Erweiterungsbau von 1978, später Schulhort

Die erste sächsische Volkszählung von 1834 verzeichnete lediglich 168 Einwohner. Der Frondienst endete erst am 31. Dezember 1835. Mit einer bis 1890 laufenden Rente an die von Arnims, seit 1689 Besitzer der Herrschaft Planitz, konnten sich die Bauern vom Frondienst befreien. Am Hammerwald betrieb zwischen 1837 und 1868 der Botaniker und Chemiker Ernst August Geitner eine Treibegärtnerei, welche die Wärme des brennenden Planitzer Steinkohleflözes nutzte. Die warmen Ausströmungen der Kohlebrände leitete er in Treibhäuser, in denen südländische Pflanzen wie Palmen, Orchideen, Kakao, Bambus oder Bananen gediehen. Mit dem großflächigen Erlöschen der Kohlebrände endete auch die Zeit der Gärtnerei. Bis 1839 durfte in Cainsdorf kein Bier gebraut werden. Wie 30 andere Dörfer der Umgebung unterstanden sie dem Zwickauer Bannmeilenrecht. Allerdings gab es seit etwa 1695 das Recht des Reiheschanks für die 14 Bauern der Altgemeinde. Diese bildeten den Kern der Dorfgemeinde. Reihenschank bedeutete, dass das Recht auf Bierausschank von Bauer zu Bauer wanderte.

1845 erhielt Cainsdorf die kommunale Selbständigkeit. Der Bauer Johann Gottlob Haugk war der erste gewählte Gemeindevorsteher. Cainsdorf gehörte bis 1856 zum kursächsischen bzw. königlich-sächsischen Amt Zwickau.Karlheinz Blaschke, Uwe Ulrich Jäschke: Kursächsischer Ämteratlas. Leipzig 2009, ISBN 978-3-937386-14-0, S. 64 f. Im Jahr 1856 kam der Ort zum Gerichtsamt Zwickau und 1875 zur Amtshauptmannschaft Zwickau.

Seit 1849 besteht in Cainsdorf eine eigene Schule, die 1858 in einem eigenen kleinen Neubau (Kirchschule) und schon 1891 im großen Schulneubau 877 Kinder unterrichtete. Um die Jahrhundertwende waren teilweise mehr als 1000 Schüler eingeschult. So wurde die Schule um 1899 bis 1903 erweitert (weiterer Flügel, Turnhalle). Ab 1959 wurde die Schule in eine zehnklassige Polytechnische Oberschule umgewandelt. 1978 wurde der neue Erweiterungsbau eingeweiht und der Schule der Ehrenname „Wilhelm Pieck“ verliehen. Mit Wiedervereinigung und Einführung des dreigliedrigen Schulsystems im Freistaat Sachsen wurde die Schule ab Schuljahresbeginn September 1992 in eine Grundschule umgewandelt. Dabei nutzt der Schulhort heute den Anbau. Wegen zu geringer Schülerzahlen wurde die Grundschule 2012 von der Stadt Zwickau geschlossen. Seitdem wird sie von dem freien Träger „Christen machen Schule“ als evangelische Grundschule „Stephan Roth“ weitergeführt, der aus Wilkau-Haßlau stammt.Website der Grundschule Stephan Roth Der Kaufvertrag wurde im Februar 2012 unterzeichnet.vgl. Artikel in der Regionalzeitung Freie Presse Lokalbereich Zwickau vom 10. Februar 2012. Seit 2014/15 wurde die Grundschule um eine Oberstufe als stattlich anerkannte Ersatzschule erweitert.Evangelische Scule Stefan Roth, Informationsseite der Scule; abgerufen am 2. Januar 2024.

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte in Cainsdorf die Industrialisierung ein. Die Gründung der Sächsischen Eisencompagnie (die 1839 die Königin Marienhütte erbauen ließ – benannt nach der sächsischen Königin Maria, Gemahlin des Königs Friedrich August II.) und der Eisenbahnanschluss am 1. November 1854 (erst als Kohle- oder Grubenanschlussbahn Zwickau-Bockwa, später als Obererzgebirgische Bahn bis Schwarzenberg) veränderten den Ort grundlegend. Das erste sächsische Eisenwerk fertigte u. a. die Paradiesbrücke von Zwickau, eine Stahlnietenbrücke, das Markersbacher Viadukt und die Loschwitzer Elb-Brücke (das sogenannte Blaue Wunder) von Dresden-Loschwitz-Blasewitz an. Die hohe Anzahl Arbeiter im Werk führte zu einem raschen Anstieg der Einwohnerzahl.

Am 1. November 1869 endete die von 1860 bis 1867 durchgeführte, schwierige Trennung von der Parochie Planitz, und die neue Cainsdorfer Kirche, eine neugotische Saalkirche, des Dresdner Architekten Julius Northoff (auch Nordhoff) mit ihrem 46 m hohen Turm konnte nach zwei Jahren Bauzeit am 1. November 1869 eingeweiht werden.Kirche Cainsdorf auf kirchenbezirk-zwickau.de; abgerufen am 2. Januar 2024. Die Orgel (Opus II/20 – 2 Manuale und 20 Register) (eine Schleifladenorgel) stammt vom Orgelbauer Conrad Geißler (1825–1897) aus Eilenburg. Die Kirche weist noch ein zweites Meisterstück auf: Die 1895 fertiggestellte Kreuzigungsgruppe der Holzbildhauer Georg Gröne (Figuren) und Oskar Rühm (Christus) in der Mitte der Cainsdorfer Kirche ist die einzige, die neben dem gekreuzigten Christus links einen Hüttenarbeiter (Stahlgießer) und rechts einen Bergmann (Bergknappe) in ihren Arbeitskleidern zeigt. Auf der rechten Empore steht, in einer Ritterrüstung gekleidet, Heinrich von Beust und hält eine Urkunde und ein Kirchenmodell in den Händen.Reinhold Grünberg: Sächsisches Pfarrerbuch. Die Parochien und Pfarrer der ev.-luth. Landeskirche Sachsens (1539–1939). 2 Bände, Freiberg 1939/40, I, S. 75–76. Erster Pfarrer war Moritz Schenkel, der mit der Tante Friedrich Nietzsches, Ida Oehler, verheiratet war und das Amt in der Pfarrei bis 1899 ausübte.Nietzsche widmete den beiden zur Heirat die frei nach Sándor Petőfi übersetzte und vertonte Komposition „Es winkt und neigt sich“ (Audiodatei)

Am 1. September 1879 setzte auch in Cainsdorf das Zeitalter der Telegrafie ein; das Amt Cainsdorf war dabei zu Beginn auch für Planitz (1885 eigenes Amt in Oberplanitz, 1888 auch in Niederplanitz) zuständig.Norbert Peschke: Planitz im Wandel der Zeiten. Sutton-Verlag GmbH, Erfurt 1998, ISBN 978-3-89702-016-0, S. 21.

20. Jahrhundert bis zur Gegenwart mini|hochkant|Die Cainsdorfer Kirche mini|Gedenkstätte für die Gefallenen vergangener Kriege vor der Kirche