Unter Neuzeitlichen Druiden (auch „Moderne Druiden“) versteht man Gruppen und Personen, die sich auf unterschiedliche Art und Weise auf die historischen Druiden und Druidinnen der Kelten beziehen. Einige jüngere dieser Gruppen, vor allem der Orden der Barden, Ovaten und Druiden und die Ár nDraíocht Féin werden auch als neuheidnische Gruppen aufgefasst und als „Neo-Druiden“ oder „neo-pagane Druiden“ bezeichnet. Andere ältere, verstärkt von Christentum und Freimaurerei beeinflusste Gruppierungen wie der Ancient Order of Druids und die daraus entstandene International Grand Lodge of Druidism werden als Abgrenzung manchmal als „romantische“ oder „meso-pagane“ Druiden bezeichnet.Isaac Bonewits, 1979.
miniatur|Moderne Druiden miniatur|Ein neuheidnischer Druide aus Deutschland beim Harfenspiel.
Ursprungsmythos der modernen Druiden Die neuzeitlichen Druiden besitzen ein kompliziertes System von Entstehungsmythen. Häufiges Thema ist die Herkunft der Druiden aus Atlantis oder von den mythischen Hyperboräern, wobei auf Sagengestalten wie Abaris oder Zalmoxis eingegangen wird, die bereits bei antiken Autoren wie Hippolyt von Rom und Strabon spekulativ mit den Kelten und den Druiden in Verbindung gebracht wurden. Laut Edward Williams war der Begründer des Druidentums Hu Gadarn, der aus dem „Sommerland Atlantia“ die erste Besiedlung Britanniens angeführt haben soll.I. Barddas, S. 221. Das moderne Druidentum soll seinen Ursprung im „Mount Haemus Grove“ haben, einem Treffen bardischer und druidischer Abgesandter im Jahr 1245, bei dem sich die letzten Reste des keltischen Druidentums mitten in einer Phase der Renaissance von neuplatonischen und pythagoreischen Gedanken auf eine gemeinsame Lehre und eine Weiterführung des Ordens einigten.Bonewits: A Very Brief History of Mesopagan Druidism. Auf dieses Treffen soll direkt die Existenz des Ancient Order of Druids in Oxford zurückzuführen sein. Einige moderne Druiden wie Ross Nichols und Edward Williams behaupteten, Mitglieder in geheimen Orden gewesen zu sein, deren Existenz länger zurückreiche als die ersten beiden historisch nachgewiesenen Druidenorden, der Mount Haemus Grove von 1694 und der Ancient Druid Order von 1717. Weitere wichtige Rollen spielen die mythischen „Gründerfiguren“ des Druidentums wie Merlin und Taliesin.
Geschichte miniatur|hochkant|rechts|Imaginierter Druide aus Aylett Sammes’ Britannia Antiqua Illustrata, 1676 Die Wurzeln des modernen Druidentums liegen im Zeitalter der Romantik. Hauptursprünge waren die Bewegung der Unitarier und des Universalismus, die christliche und „naturreligiöse“ Überzeugungen miteinander verbanden und somit Grundlagen für eine positive Auseinandersetzung mit heidnischen Ideen bildeten. Auslöser der „Druidenbewegung“ waren unter anderem die Arbeiten des Altertumsforschers John Aubrey (1626–1697), der Stonehenge mit den Druiden in Verbindung brachte, sowie später die Ossian-Dichtung James Macphersons.
Im Jahr 1717 ließ der mit Aubrey befreundete und von seinen Schriften begeisterte John Toland (1670–1722) in Covent Garden ein Treffen von Delegierten „druidischer und bardischer Kreise aus ganz Großbritannien, Irland und der Bretagne“ abhalten und gründete dort den „Mutterhain“ des Ancient Druid Order oder Universal Druid Bond, woraufhin er in einer Zeremonie des Herbst-Äquinoktiums zum Erz-Druiden gekürt worden sein soll.Miranda J. Green: Die Druiden, S. 147. Ein weiterer begeisterter Anhänger John Aubreys war der Arzt und Pfarrer William Stukeley (1687–1765), der (unter Berufung auf John Aubrey) einen Zusammenhang zwischen Steinkreisen (zum Beispiel Stonehenge) und der keltischen Religion herstellte (welcher heute historisch und archäologisch widerlegt ist) und eine Mount Haemus Grove genannte Organisation begründete, die nach anderen Quellen jedoch von Aubrey selbst im Jahr 1694 gegründet wurde. Er gab sich den Namen Chyndonax (nach einem angeblichen Druiden der auf einer 1623 gefundenen Bronzetafel aus Dijon erwähnt wurde) und bezeichnete sich als Erzdruiden und seine Zeitgenossin und Anhängerin Prinzessin Augusta als „Veleda, Erzdruidin von Kew“.Miranda J. Green: Die Druiden, S. 143.
1781 wurde von Henry Hurle unter Stukeleys Einfluss ein weiterer Orden gegründet, der Ancient Order of Druids, der stark freimaurerisch beeinflusst war. Im Jahr 1791 gründete der walisische Steinmetz, Dichter und Antiquar Edward Williams, der sich den Bardennamen Iolo Morganwg gab und behauptete, in ununterbrochener Linie von einem alten kymrischen Druidengeschlecht abzustammen, den Gorsedd of Bards, einen „keltischen Hügelkult“, dessen Ritual sogar in die offizielle Dichterkürung der walisischen Eisteddfod aufgenommen wurde. Morganwg veröffentlichte mehrere Gedichte und Bücher, darunter auch auf spuriosen Schriften des Llewelyn Sion basierende Fälschungen, die er als Barddas, als authentische Bardenüberlieferungen, ausgab und behauptete, dass das Werk, das dem walisischen Dichter Taliesin zugeschrieben wurde, ein komplettes „Druidisches System“ enthalte.Miranda J. Green: Die Druiden, S. 153.
Im Jahr 1833 spaltete sich vom Ancient Order of Druids der United Ancient Order of Druids (UAOD) ab, der keinen Geheimbund mehr darstellen wollte, sondern eine Wohltätigkeitsorganisation ähnlich den Odd Fellows ist. 1820 errichtete der britische Exzentriker William Danby einen Stonehenge nachempfundenen „druidischen Tempel“; weitere erwähnenswerte Zeitgenossen, die sich selbst als Druiden identifizierten, waren die Dichter William Wordsworth (1770–1850), William Blake (1757–1827) und Thomas Grey (1716–1771),Miranda J. Green: Die Druiden, S. 148 der Chirurg William Price (1800–1893), der als Erzdruide von Wales auftrat und in Großbritannien die „keltische Sitte“ der Feuerbestattung einführte,Miranda J. Green: Die Druiden, S. 152. der Unitarier-Prediger Richard Lloyd-JonesMiranda J. Green: Die Druiden, S. 156. und die walisischen Barden Owen Morgan und Myfyr Morganwg (von denen letzterer ebenfalls das Amt des „Erzdruiden“ für sich in Anspruch nahm).
Ein Orden, der sich The Universal Bond nannte und ein Überrest des ADO war, existierte bis 1963, als Ross Nichols (1902–1975) mit den meisten verbliebenen Mitgliedern den Order of Bards, Ovates & Druids (OBOD) gründete. Im gleichen Jahr wurden in den USA am Carlton College, Minnesota, von Studenten die Reformed Druids of North America (RDNA) gegründet, aus denen 1984 die Ar nDraoicht Fein (ADF) hervorging, die heute die zahlenmäßig stärkste neo-druidische Organisation in Amerika darstellt.Miranda J. Green: Die Druiden, S. 170.
Neben zahlreichen weiteren kleineren Ordensgemeinschaften, die zumeist auf dem Ordensgerüst des OBOD aufbauen, bestehen auch gruppenübergreifende Dachverbände, so zum Beispiel die britische Druids Society oder das auch im Internet aktive Druid Network.
Im Vereinigten Königreich wurde im September 2010 das Druid Network offiziell als Religion anerkannt. Nach der britischen Charity Commission, die für die Anerkennung von gemeinnützigen Organisationen zuständig ist, könne die Verehrung von Naturgottheiten als „religiöse Aktivität“ gesehen werden. Nach Angaben der BBC würden sich etwa 10.000 Menschen in Großbritannien als Druiden bezeichnen.Druidentum als Religion anerkannt. Frankfurter Rundschau vom 3. Oktober 2010Druidry to be classed as religion by Charity Commission. BBC News, 2. Oktober 2010, abgerufen am 2. Oktober 2010, 15.50 Uhr
Inhalte Die frühen Druidenorden waren stark von Inhalten der Aufklärung geprägt. Beeinflusst von Gedanken der Unitarier und des Universalismus, verbanden sie christliche, freimaurerische und keltische Ideen zu einer Art pantheistischen Naturreligion. Iolo Morganwg lehrte die Existenz einer Ursubstanz Manred und die Reise durch drei Kreise des Seins, Abred („Evolution“), Gwynfyd („Reinheit“) und Ceugant („Unendlichkeit“), wobei der Ursprung von Manred in Annwn liegen soll. Daraus entstand eine Form von Reinkarnationslehre, die auf dem überlieferten Wissen über die Druiden und der pythagoräischen Philosophie fußt.I. Barddas: S. 235 ff. Mitunter flossen auch Gedankengänge aus dem Hinduismus und Buddhismus in das moderne Druidentum mit ein (so bei den Franzosen Fabre d’Olivet und Edouard Schuré, nach denen ein Druide namens Ram in Indien den Hinduismus begründet haben soll).Markale: Die Druiden, S. 55. Laut der von Owen Morgan, oder Morien, entwickelten Philosophie verehrten die Druiden einen Gott Celi (Der Verborgene) und eine Göttin Ced (Hilfe); Celi symbolisiert die Sonne und durchwandert das Universum in verschiedenen Emanationen unter anderem als Hu Gadarn, Artus und Taliesin. Celi wird auch mit Gwion Bach und Ced mit Ceridwen identifiziert. Laut Morien ist das Firmament ein Rad, in dessen Mitte der Thron des Sonnengottes Hu Gadarn, des Sohnes von Celi, steht.Lewis Spence, Kapitel 10, The writings of Morien.
Sowohl Iolo Morganwg als auch später Ross Nichols und dessen Nachfolger Philip Carr-Gomm erschufen Naturrituale auf hermetisch-freimaurerischem Fundament, die an keine feste Konfession gebunden sind und von Christen oder Buddhisten ebenso wie von Neuheiden ausgeübt werden können.Carr-Gomm: Die Weisheit der Druiden, S. 64. In neueren Veröffentlichungen Carr-Gomms finden sich jedoch Lehren von der Verehrung eines männlich-weiblichen „Ur-Göttlichen“ wieder, die enge Verwandtschaft zur Wicca-Religion aufweisenCarr-Gomm: Die Weisheit der Druiden, S. 199 ff. und von ihm „Druidcraft“, eine Synthese aus Neodruidismus und Wicca („Witchcraft“), genannt werden. Die amerikanische Ár nDraíocht Féin rekonstruiert im Gegensatz zu Morganwg und Morien den altkeltischen polytheistischen Glauben und orientiert sich hierbei stark an Theorien über die Indogermanische Religion.Isaac Bonewits: Bonewits’s Essential Guide to Druidism. Kensington Publishing Group, New York 2006, Kapitel 9, Solitary Druids and Celtic Reconstructionists, S. 128–140.
Obwohl im modernen Druidentum also keltische Götter und Heroen auftreten und mitunter verehrt werden, gelten diese als Teil der Natur oder des Kosmos, als versinnbildlichte Naturkräfte. Großen Einfluss hatte ab Anfang der 1980er Jahre der Core-Schamanismus von Michael Harner, der unter dem dem OBOD angehörenden Ehepaar John und Caitlin Matthews unter Verwendung inselkeltischer Symbolik zum „keltischen Schamanismus“ entwickelt wurde. Neben diesem schamanischen Element arbeiten auch viele Gruppen mit Elementen aus der Artussage; die Suche nach dem heiligen Gral wird von den meisten als wichtige geistige Arbeit betrachtet. Besonders auf den Atlantis-Mythos bezieht sich der amerikanische Druide Douglas Monroe. Daneben betreibt der OBOD einen ausgeprägten Baumkult, der zur Pflanzung vieler moderner heiliger Haine geführt hat, so dass es auch gewisse Überschneidungen zwischen Neo-Druiden und Umweltbewegung gibt. Die Druiden begehen die Feste des keltischen Jahreskreises, betreiben Astrologie, Baumhoroskope und Mantik, Naturheilkunde, mitunter Alchemie sowie Magie mit Hilfe von Coelbren, Runen und Ogham. Ein keltischer Baumkalender, ein druidisches Tarot, „keltisches“ Reiki und sogar ein Druidenyoga namens „Wyda“ sind bekannt.
Das moderne Druidentum kennt ein Gradsystem, das sich offiziell auf die Grade der irischen Filidh beruft, historisch aber von den drei Graden der Freimaurerei herrührt:
°1 Ovate°2 Barde °3 Druide
Einige Orden benennen allerdings auch den °1 Barde und den °2 Ovate. Über den drei Graden steht zumeist der jeweilige Erz-Druide als Ordensoberhaupt. Daneben haben vereinzelte Gruppen jedoch auch abweichende Bezeichnungen und kennen mitunter verschiedene Hochgrade.
Bekannte „Druiden“