Die Faultiere (Folivora, auch Tardigrada oder Phyllophaga) bilden eine Unterordnung der zahnarmen Säugetiere (Pilosa) und sind mit den Ameisenbären und den Gürteltieren verwandt (Nebengelenktiere). Die drei verfügbaren wissenschaftlichen Bezeichnungen finden in Fachveröffentlichungen rege Verwendung, die beiden letztgenannten sind aber auch durch andere Tiergruppen belegt. Es bestehen sieben rezente Arten, die sich auf die beiden Gattungen der Zweifinger-Faultiere (Choloepus) und der Dreifinger-Faultiere (Bradypus) verteilen. Bei diesen heute lebenden Arten handelt es sich um eher kleine Tiere der Unterordnung, die durchschnittlich 50 cm lang und etwa 5 kg schwer werden. Sie bewohnen zumeist tropische Regenwälder in Süd- und Mittelamerika, wo sie sich bevorzugt in den Baumkronen aufhalten und sich von blatthaltiger Pflanzenkost ernähren. Bekannt sind die Faultiere vor allem durch ihre – mit dem Rücken nach unten – im Geäst hängende Lebensweise, ihre sehr langsamen Bewegungen und die langen Ruhephasen. Die beiden letztgenannten Eigenschaften werden durch einen extrem niedrigen Stoffwechsel hervorgerufen, der aus der energiearmen Blattnahrung resultiert.

Neben den beiden heute existierenden Gattungen sind – einschließlich ausgestorbener Arten – noch wenigstens 90 weitere bekannt, womit die Faultiere eine der formenreichsten Gruppen der Nebengelenktiere darstellen. Diese Gattungen umfassten häufig weitaus größere als die heute lebenden Vertreter, darunter auch Riesenfaultiere von 4 bis 6 t Körpergewicht. Ein überwiegender Teil der ausgestorbenen Faultiere lebte weitgehend am Boden – allerdings nutzten sie recht vielfältige Lebensräume, neben Wäldern etwa offene Landschaften bis hin zu wüstenartigen Gebieten, hohen Gebirgslagen und Küstengebieten. Auch die Ernährung war deutlich variantenreicher. Der Ursprung der Faultiere reicht bis in das Oligozän vor über 30 Millionen Jahren zurück. Im Übergang vom Pleistozän zum Holozän vor rund 10.000 Jahren starben die meisten der großen Faultierarten aber aus.

Die Erforschung der Faultiere begann in der Mitte des 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit wurden die ersten rezenten Arten wissenschaftlich beschrieben und nur wenige Jahre später auch die ersten fossilen Vertreter nachgewiesen. Eine erste Hochphase der Forschung fand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt, als Charles Darwin auf seiner Reise nach Südamerika zahlreiche Fossilfunde entdeckte. Dabei etablierte sich auch die Vorstellung, dass die baumbewohnenden heutigen Faultiere näher miteinander verwandt seien und den bodenbewohnenden gegenüberstünden. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte dies – anfangs durch anatomische Untersuchungen, später auch durch molekulargenetische Analysen – widerlegt werden. Demnach gehören die Dreifinger-Faultiere in die monotypische Familie der Bradypodidae, die Zweifinger-Faultiere dagegen in die ebenfalls monotypische Familie der Choloepodidae. Daher sind die Anpassungen der heutigen Faultiere an die Lebensweise in den Bäumen als konvergente Entwicklung anzusehen.

Körperbau Allgemeines Aussehen und Größe mini|hochkant|Braunkehl-Faultier (Bradypus variegatus) Die heutigen baumbewohnenden Faultiere werden durch die Zweifinger- und die Dreifinger-Faultiere repräsentiert. Sie erreichen eine Gesamtlänge von 42 bis 80 cm und werden zwischen 2 und 11 kg schwer. Der Kopf ist sehr kurz, das Gesicht eher rund. Die kleinen Augen liegen weit auseinander, schauen aber nach vorn, die runde Nase ist deutlich abgeflacht, die Ohren sind klein und im Fell verborgen. Der Schwanz besteht nur als stummelartiges Rudiment. Typischerweise sind die Gliedmaßen sehr lang, die vorderen länger als die hinteren, was besonders deutlich bei den Dreifinger-Faultieren ausgeprägt ist. Die beiden heutigen Gattungen unterscheiden sich durch die Anzahl der sichtbaren Finger. An den Hinterbeinen haben beide Gruppen jeweils drei Zehen. Die Finger und Zehen tragen große, sichelförmig gebogene Klauen und sind etwa gleich lang.

Die ausgestorbenen Faultiere wichen in ihrem Aussehen teilweise von den heute lebenden Vertretern ab und übertrafen diese in ihren Körpermaßen – abgesehen von einigen sehr kleinen Vertretern – teilweise erheblich. Vor allem die Formen aus dem Pleistozän erreichten dabei extreme Maße. So wies Scelidotherium eine Länge von 2,7 m auf bei einem Gewicht von rund 800 kg. Glossotherium wurde 3,25 m lang und gut 1,5 t schwer. Die Angehörigen der größten bekannten Gattungen, Megatherium und Eremotherium, erreichten aber eine Gesamtlänge von bis zu 6 m und ein Gewicht von schätzungsweise 4 bis 6 t, womit sie neben den aus Eurasien eingewanderten Rüsseltieren die größten landlebenden Säugetiere jener Zeit in Amerika darstellten. Diese zumeist bodenbewohnenden Faultiere wiesen wie zahlreiche ihrer stammesgeschichtlichen Vorgänger kurze und kräftige Gliedmaßen auf und verfügten zudem über einen längeren Schwanz.

Schädel- und Gebissmerkmale mini|Schädel des Hoffmann-Zweifingerfaultiers (Choloepus hoffmanni) Die Schädel der heutigen Zwei- und Dreifinger-Faultiere sind durchschnittlich 10,8 beziehungsweise 6,7 cm lang und allgemein deutlich gerundet und kurz. Die größten Schädel innerhalb der Faultiere besaßen Eremotherium und Megatherium mit Maßen zwischen 65 und 86 cm. Allgemein weisen die Faultiere eine recht vielfältige Schädelgestaltung auf. So kamen Formen mit langschmalen Schädeln wie Nothrotherium und Scelidotherium oder mit kurzen und breiten Schnauzen, etwa Lestodon vor. Generelle Merkmale der Faultiere sind ein stark reduzierter Mittelkieferknochen und ein verlängerter Oberkiefer. Zu den auffälligsten Eigenschaften der Schädel gehört weiterhin der nicht vollständig ausgebildete Jochbogen, ein Charakteristikum, das ebenfalls bei den Ameisenbären auftritt. Teilweise verleitete dieses Merkmal, das auch bei den nicht näher verwandten Schuppentieren nachgewiesen ist, dazu, auf eine eher insektenfressende Ernährungsweise der frühesten Faultiervertreter zu schließen, doch sind alle bisher aufgefundenen Fossilformen als Pflanzenfresser identifiziert. Nur einige der größten Vertreter der Faultiere wie Megatherium, Megalonyx und Paramylodon besaßen sekundär wieder voll ausgeprägte Jochbögen. Des Weiteren tritt am vorderen Bogenansatz am Jochbein ein stark nach unten verlängerter, seitlich abgeflachter Knochenauswuchs auf. Dieser dient dem Musculus masseter der Kaumuskulatur als Ansatzstelle und ermöglicht ausgeprägte vor- und rückwärts gerichtete Kaubewegungen. Ein ähnlicher Knochenauswuchs ist bei den Glyptodontidae, Verwandten der Gürteltiere, zu finden, doch weist dieser dort einen unterschiedlichen Aufbau auf und führt auch zu einem abweichenden Ansetzen der Kaumuskulatur, so dass beide Knochenauswüchse wohl unabhängig entstanden sind. Ebenfalls typisch ist das Vorkommen einer Septomaxilla (Os nariale), eine Verknöcherung der Nasenscheidewand im vorderen Nasenhöhlenbereich, was vor allem bei den Zweifinger-Faultieren und einzelnen Angehörigen der Megatheriidae und Mylodontidae auftritt. Bei anderen Höheren Säugetieren wird dieses Merkmal nur selten beobachtet, ansonsten ist es weitgehend nur von Kloakentieren und älteren mesozoischen Säugetieren überliefert.

mini|Schädel von Nothrotherium Besonderheiten sind auch im Gebissaufbau vorhanden, welcher von dem der Höheren Säugetiere abweicht. Bei den meisten Faultieren fehlen die vorderen Zähne, also die Schneidezähne. In der Regel sind je Kieferbogen im Oberkiefer fünf, im Unterkiefer vier Zähne ausgebildet, insgesamt also 18. Nur wenige Linien wie etwa die entwickelten Nothrotheriidae haben den jeweils vordersten Zahn reduziert. In der Regel lassen sich bei den Faultieren zwei Zahntypen unterscheiden: Die hinteren Zähne sind homodont, so dass im ausgebildeten Zustand nicht zwischen Prämolaren und Molaren unterschieden werden kann, sie werden zumeist als molariform bezeichnet. Der jeweils vorderste Zahn ist bei den Bradypodidae, also den Dreifinger-Faultieren, klein und meißelartig gestaltet (sogenannter anterior chisel-shaped tooth oder „vorderer meißelartiger Zahn“). Die Megalonychidae wie auch die Zweifinger-Faultiere sowie die Mylodontidae haben diesen in einen eckzahnartigen umgestaltet, der daher die Bezeichnung caniniform trägt; er übertrifft die anderen Zähne deutlich an Höhe. Im geschlossenen Gebiss stehen die oberen und unteren caniniformen Zähne genau umgekehrt im Vergleich zu den anderen Höheren Säugetieren, das heißt, der untere ruht hinter dem oberen und nicht wie sonst umgekehrt üblich. Daher wurde vermutet, dass der jeweils vorderste Zahn dem eigentlichen Eckzahn nicht homolog entspricht. Eine Ausnahme zeigen die Megatheriidae, bei denen alle Zähne gleich gestaltet sind. Untersuchungen zur Zahnbildung im Embryonalstadium gaben Aufschluss über die genauere Gebissstruktur der Faultiere. Sofern die Mineralisationsfolge der Zähne der Faultiere mit der der sonstigen Höheren Säugetiere übereinstimmt, bildet der jeweils hinterste Zahn den ersten Molaren, die drei davor liegenden Zähne stimmen demzufolge mit den Prämolaren überein. Im Unterkiefer schließen die Prämolaren auch den vordersten caniniformen (Choloepus) oder meißelförmigen (Bradypus) Zahn mit ein. Der jeweils vorderste Zahn im Oberkiefer wäre gemäß der Abfolge der Zahnanlage identisch mit dem Eckzahn. Im Embryonalzustand formen sich auch Schneidezähne heraus, die aber anschließend wieder sehr schnell absorbiert werden. Ein zusätzliches Charakteristikum der Zähne der Faultiere stellt das Fehlen des Zahnschmelzes dar: die Zähne bestehen hauptsächlich aus verschiedenen Lagen von Zahnbein, darunter das besonders harte Orthodentin. Außerdem weisen die Kauflächen der hinteren Zähne nicht das für Säugetiere charakteristische Muster aus verschiedenen Höckerchen und Leisten auf – allerdings sind zwei querstehende Leisten (Lophen) ausgebildet, die das Zerquetschen der Nahrung ermöglichen. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass kein Zahnwechsel vom Milch- zum Dauergebiss erfolgt. Vielmehr wachsen die Zähne das gesamte Leben lang, wobei junge Zähne zuerst rund sind und später ihre eher eckige Form erhalten. Möglicherweise findet aber ein Wechsel des oberen caniniformen Zahns bei den Zweifinger-Faultieren in einem sehr frühen Stadium der Individualentwicklung statt.

Skelettmerkmale mini|Skelett des Eigentlichen Zweifingerfaultiers (Choloepus didactylus) Bedeutende Skelettmerkmale bestehen vor allem im Bereich der Wirbelsäule. Der Hals umfasst bei den Dreifinger-Faultieren acht bis zehn Wirbel, wodurch die Tiere über einen sehr beweglichen Kopf verfügen. Bei den Zweifinger-Faultieren sind dagegen nur fünf bis sieben Halswirbel ausgebildet, ihr Hals ist also deutlich kürzer. Es wird angenommen, dass die nach den sieben Halswirbeln folgenden eins bis drei bei den Dreifinger-Faultieren vorverlagerte rippenlose Brustwirbel darstellen, bei den Zweifinger-Faultieren aber die vordersten zwei Brustwirbel rippentragende Halswirbel repräsentieren. Bei allen fossilen Faultieren, von denen die Halswirbelsäule bekannt ist, wurden bisher ausschließlich sieben Wirbel nachgewiesen. Die Anzahl der Brustwirbel variiert in den einzelnen Faultiergattungen und liegt bei den Dreifinger-Faultieren bei 16, bei den Zweifinger-Faultieren bei 24 und beim ausgestorbenen Hapalops bei 22. Sehr stark reduziert ist die Lendenwirbelsäule, die bei allen bekannten Gattungen drei Wirbel einnimmt. Vor allem an den Lendenwirbeln und den hinteren Brustwirbeln treten zusätzliche Gelenkflächen auf, die sich an den seitlichen Gelenkfortsätzen befinden und xenarthrische Gelenke (Nebengelenke oder Xenarthrale) genannt werden. Diese verbinden die vorhergehenden mit den nachfolgenden Gelenkfortsätzen und stabilisieren den Rücken so zusätzlich. Bei den heutigen Faultieren ist nur ein kurzer, stummelartiger Schwanz, bestehend aus 4 bis 5 Wirbeln, ausgebildet; ausgestorbene besaßen aber teilweise recht lange Schwänze mit deutlich mehr Schwanzwirbeln.