Radevormwald – ortsübliche Kurzform: Rade – gehört zu den ältesten Städten im Bergischen Land in Nordrhein-Westfalen und ist ein Mittelzentrum im Oberbergischen Kreis. Seit dem 24. Juli 2012 trägt Radevormwald offiziell den Titel Stadt auf der Höhe.Statistisches Bundesamt – Gebietsänderungen vom 1. Januar bis 31. Dezember 2012
Die Stadt Radevormwald ist durch ihre klein- und mittelständischen Unternehmen überwiegend vom Dienstleistungssektor und vom produzierenden Gewerbe geprägt. Im Hinblick auf die Rheinschiene mit den Städten Köln und Düsseldorf im Südwesten sowie die benachbarte bergische Metropole Wuppertal im Nordwesten befindet sich die Stadt in einer Randlage; die Umgebung ist bis auf das benachbarte Remscheid ländlich geprägt. Viele religiöse Gemeinschaften haben hier in den vergangenen Jahrhunderten ihre Heimat gefunden. Ihre Kirchen zeugen von der Vielfalt.
Historische Bauwerke aus vorindustrieller Zeit sind, wie in vielen anderen Orten des Bergischen Landes, nur spärlich erhalten, zumal der letzte, verheerende Stadtbrand von 1802 alle Gebäude innerhalb der Stadtmauern vernichtete. So findet sich im Stadtkern aus der Zeit vor der Katastrophe nur ein 1772 im Rokoko-Stil errichtetes Gartenhaus, das einst vor den Stadtmauern stand und 1986 in den Stadtpark transloziert wurde. Dennoch entspricht der Anblick der großteils über 100 Jahre alten, verschieferten Fachwerkhäuser rund um den Marktplatz und in den umgebenden Gassen durchaus dem klassischen Bild einer historisch gewachsenen bergischen Landgemeinde. Ein dagegen fast singuläres Erscheinungsbild bieten am nordwestlichen Stadtrand die Textilfabriken, wie sie sich samt der um sie gewachsenen Infrastruktur wie Staustufen und Bahnhöfe in die Flussschleifen der hier tief eingekerbten Wupper zwängen. Die imposanten Gebäude aus dunklem Bruchstein suchen allerdings zum Teil schon seit Jahrzehnten nach einer neuen Nutzung. (→ Abschnitt Wupperortschaften)
Geografie Lage Radevormwald liegt im Bergischen Land und ist die nördlichste Kommune des Oberbergischen Kreises. Im Norden und Osten grenzt die Stadt an das Sauerland, im Westen und Süden schließt sich das Oberbergische Land an. Nächstgelegene Großstädte sind Remscheid (10 km W), Wuppertal (14 km NW), Solingen (19 km W) und Hagen (20 km NO). Die Entfernung zur Landeshauptstadt Düsseldorf beträgt rund 40 km, die Millionenstadt und Sitz des Regierungsbezirks Köln ist ebenfalls rund 40 km entfernt. Die Kreisstadt Gummersbach liegt rund 25 km südöstlich von Radevormwald.
Mit war der Ort bis zur Gebietsreform 1975 die höchstgelegene Stadt im damaligen Regierungsbezirk Düsseldorf.
Nachbargemeinden mini|zentriert|280px|Radevormwald und Umgebung Wuppertal Ennepetal Breckerfeld Remscheid Datei:Windrose klein.svg Halver Remscheid Hückeswagen Wipperfürth
Einwohnerentwicklung mini|400px|Einwohnerentwicklung von Radevormwald von 1792 bis 2017 nach nebenstehender Tabelle Jahr Einwohner 1792 4.320 1807 3.429 1826 5.383 1865 8.879 1900 10.446 1939 13.861 1946 17.159 1961 20.957 1975 24.526 1983 23.850 1990 23.762 Jahr Einwohner 1995 25.720 2000 25.852 2005 25.330 2010 23.708 2011 23.616 2012 22.230 2015 23.151 2016 22.473 2017 22.428 2022 22.222 Ortschaften und Ortsteile mini|Karte mit den wichtigsten Ortsteilen mini|Marktplatz mini|Typisches Bürgerhaus mini|Tuchfabrik Peter Schürmann & Schröder in Vogelsmühle
Ortschaften Altendorf | Altenhof | Auf’m Hagen | Beck | Berg | Bergerhof | Birken | Böhlefeldshaus | Borbeck | Born | Braake | Brebach | Brunsheide | Brunshöh | Buschsiepen | Dahlerau | Dahlhausen | Diepenbruch | Dieplingsberg | Eich | Eistringhausen | Erlenbach | Espert | Feckinghausen | Feldmannshaus | Felsenbeck | Filde | Filderheide | Finkensiepen | Freudenberg | Fuhr | Funkenhausen | Geilensiepen | Grafweg | Griesensiepen | Grüne | Grünenbaum | Grunewald | Hahnenberg | Harbeck | Hardt | Heide | Heidersteg | Heidt | Herbeck | Herkingrade | Hinüber | Honsberg | Hönde | Hönderbruch | Höltersiepen | Hürxtal | Hulverscheidt | Husmecke | Im Busch | Im Hagen | Im Holte | Im Kamp | Im Walde | Im Wildental | Im Wiesengrund | Ispingrade | Jakobsholt | Jägershaus | Kaffeekanne | Karlshöh | Karthausen | Kattenbusch | Keilbeck | Kettlershaus | Klaukenburg | Knefelskamp | Köttershaus | Kottmannshausen | Kräwinkel | Krebsöge | Krebsögersteg | Kronenberg | Lambeck | Lambecker Mühle | Landwehr | Langenkamp | Leimhol | Leimholer Mühle | Leye | Linde | Lichteneichen | Lorenzhaus | Mermbach | Milspe | Möllersbaum | Nadelsiepen | Neuenhammer | Neuenhaus | Neuenhof | Niederdahl | Niedernfeld | Niederwönkhausen | Oberbuschsiepen | Oberdahl | Oberdahlhausen | Obergraben | Obergrunewald | Oberkarthausen | Obernfeld | Obernhof | Oberönkfeld | Oberschmittensiepen | Oberste Mühle | Oedeschlenke | Oege | Önkfeld | Pastoratshof | Plumbeck | Rädereichen | Rechelsiepen | Remlingrade | Rochollsberg | Scheideweg | Scheidt | Schlechtenbeck | Schmittensiepen | Schnellental | Siepen | Sieplenbusch | Sondern | Stoote | Stooter Mühle | Studberg | Tanne | Uelfe I | Uelfe II | Uelfe III | Uelfe IV | Ümminghausen | Umbeck | Untergraben | Unterm Busch | Unterste Mühle | Vogelshaus | Vogelsmühle | Vor der Heide | Vor der Mark | Vorm Baum | Vorm Holte | Waar | Walkmüllersiepen | Wellershausen | Wellringrade | Weyer | Wilhelmstal | Winklenburg | Wintershaus | Wönkhausen | Zum Hofe
In der Wuppertalsperre versunkene Ortschaften auf dem heutigen Stadtgebiet von Radevormwald waren: Friedrichsthal | Nagelsberger Gemarke | Kräwinklerbrücke | Wiebachmühle
Wupperortschaften Ein Teil des Stadtgebietes wird von der Wupper durchflossen. Dies führte dazu, dass sich in den Ortschaften Dahlerau, Vogelsmühle und Dahlhausen, die im Tal der Wupper liegen und daher von der Bevölkerung Wupperortschaften genannt werden, etliche Textilfabriken ansiedelten. Diese Ansiedlungen nutzten das Wasser zur Energiegewinnung durch Wasserräder und später durch Laufwasserkraftwerke für die eigene Produktion. Mit Errichtung der Arbeiterwohnhäuser durch die Firmen nahm die Bevölkerungszahl in den Wupperortschaften zu. Der Mittelstand siedelte sich an, und vor allem in Dahlerau gab es viele Einzelhandelsunternehmen. Durch den Niedergang der Textilindustrie gegen Ende des 20. Jahrhunderts sowie die gestiegene Mobilität gaben jedoch die meisten Geschäfte in den Wupperorten auf – viele ehemalige Ladengeschäfte werden heute als Wohnhäuser genutzt. Eine Nachnutzung für die Fabrikgebäude zu finden, ist schwierig; die großen Gebäude stehen zum Teil unter Denkmalschutz – und manche seit Jahrzehnten leer. Das Gelände der als letzte in die Insolvenz gefallenen Firma in Dahlerau wurde als „Industriedenkmal europäischen Ranges“nrw-stiftung.de, Website der NRW-Stiftung, abgerufen am 22. Oktober 2023 zum Museumsstandort. Die Textilstadt Wülfing trägt diesen Namen, weil um die ehemalige Tuchfabrik „Johann Wülfing & Sohn“ herum eine Stadt en miniature entstanden war. Ihr Zentrum bildet das Wülfing-Museum.
Geschichte
Herkunft des Namens Radevormwald erscheint Ende des 14. Jahrhunderts als „Rode vur dem walde“ in den Quellen, was Hochdeutsch „Rodung vor dem Wald“ bedeutet. Diese Bezeichnung war notwendig zur Unterscheidung und Abgrenzung von „Roede of der Volmen“, auch „Royde op der Volmen“ genannt, einem Schloss, das damals im Besitz des Ritters Everhard von Limburg war.„Item in den selven jaren zurstunt dairnae gewan greve Diderich van der Mark Roede of der Volmen dem van Limburch af und brach et af und gewan dana Rode vur dem walde und darna de stat Leinepe und verbrant dat allit und warp de mure nider.“ Auf Seite 84 V. Cölner Jahrbücher des 14. und 15. Jahrhunderts im Bd. 2 von Hegel, Karl und Cardauns, Hermann Die Chroniken der niederrheinischen Städte. 1876 (archive.org) Der ältere Name Rotha steht für „Rodung“. Die gerodete Lichtung auf dem 400 m hohen Höhenzug wurde angelegt, um im 6. und 7. Jahrhundert einen befestigten Ort gegen anstürmende Sachsen zu bauen.
Es gab auch die Bezeichnung „Rad/Raad vorm Wald“.Rheinischer Verein für Denkmalpflege: Statistik im Absolutismus bei Zeugnisse Rheinischer Geschichte, Festschrift 1982 zum 150. Jahrestag der Einrichtung der staatlichen Archive in Düsseldorf und Koblenz, Hrsg. Rhein.Verein für Denkmalpflege, Köln, ISBN 3-88094-414-8, S. 243–244, 443.
Erste urkundliche Erwähnung und Stadtrechte Vermutlich im Jahr 1050 wird der Ort das erste Mal urkundlich erwähnt. Klaus Pampus schreibt in seinem Buch Urkundliche Erstnennungen oberbergischer Orte, dass Radevormwald im Besitz der Reichsabtei Werden war und zu diesem Zeitpunkt Rotha genannt wurde. Im 13. Jahrhundert gehörte das Kirchspiel Radevormwald als Teil des Dekanats Lüdenscheid zum Erzbistum Köln.
Vor dem 14. Jahrhundert waren die Grafen von Berg im Besitz des Hofes und der dazugehörenden Bauerschaft Remlingrade mit einer vom Kirchspiel Radevormwald unabhängigen Kapelle.
Zwischen 1301 und 1304 eroberte Graf Wilhelm I. von Berg das Gebiet des heutigen Radevormwalds von Kurköln und gliederte es daraufhin in dem bergischen Amt Beyenburg ein, wo das Stadtgebiet bis 1806 verblieb. Zur Abgrenzung von dem später märkisch beherrschten ehemaligen kurkölnischen Gebieten nördlich und östlich von Radevormwald wurde vermutlich bereits um 1310 die Bergische Landwehr zwischen der Wupper, Ennepe und der Bever errichtet.
Zwischen 1309 und 1316 verlieh Graf Adolf VI. von Berg zur Festigung seiner Herrschaft dem Ort die Stadtrechte.Toni Diederich: Zum Alter der Stadtrechte von Radevormwald. Ein zeitlicher Ansatz nach den Stadtsiegeln und zwei abschriftlich überlieferten Urkunden von 1316 und 1327. In: Rheinische Vierteljahrsblätter. Bd. 38, 1974, S. 248–272. Die Ansiedlung vor dem Walde ist 1363 in einer Rentverschreibung des Grafen Wilhelm II. von Berg (später Herzog Wilhelm I.) als Stadt bezeichnet. Radevormwald diente unter dem Grafen von Berg als Grenzfeste gegen das märkische Sauerland.
Die Bedeutung von Radevormwald ergibt sich im Vergleich anderer bergischer Städte daraus, dass es zur Einlösung verpfändeter Landesteile des Herzogtums Berg 166,5 Goldgulden zahlte, während z. B. Solingen nur 88, Elberfeld 84,5 und Hückeswagen nur 34,5 Goldgulden aufbrachten.
Im 15. Jahrhundert prosperierte die Stadt. Mauern, Türme und Tore schützten das sich ansiedelnde Gewerbe der Schmiede, Wollweber und Gewandmacher.
Nach dem Mittelalter Im 16. Jahrhundert wüteten zwei schwere Stadtbrände. Der erste Brand ereignete sich am 17. Juli 1525. 1571 wurde die Stadt durch ein weiteres Feuer zerstört.
1540 traten das Kirchspiel und die Geistlichkeit der Stadt zur reformierten Konfession über.
Im Jahr 1620 wurde der Ort durch die reformierten Hessen erobert. Radevormwald war im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) zeitweise Hauptquartier und Lager der Spanier und Österreicher unter dem Kommando von Ottavio Piccolomini (einem General Wallensteins). 1635/36 besetzten Holländer und 1638 westfälische Truppen den Ort, 1639 erfolgte erneut die Einnahme durch die Hessen. Alle diese Besetzungen gingen mit Plünderungen und Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung einher. Diese wurde durch Kriegsfolgen wie Hunger und Krankheit drastisch dezimiert.
Nach dem Westfälischen Frieden 1648 verfolgte der katholische Herzog von Berg Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg (Regierungszeit 1652 bis 1690) in seinem Herrschaftsbereich Täufer und Mennoniten, so dass viele von ihnen flohen. Ein solcher Flüchtling war 1656 (eine andere Angabe besagte 1650) Adolf von der Leyen aus Radevormwald, der das neue Gewerbe der Seidenweberei nach Krefeld brachte.
Im Jahr 1742 gab es in Radevormwald eine Hungersnot.
19. Jahrhundert mini|Radevormwald 1825