mini|hochkant=1.5|Ehemalige Konsum-Genossenschaft in Schruns, Leitspruch Die Konsumgenossenschaft ist eine besondere Form der Genossenschaft im Einzelhandel, die in erster Linie Nahrungs- und Genussmittel sowie verwandte Waren des täglichen Bedarfs beschafft und verkauft. In der Vergangenheit wurde sie auch als Verbrauchergenossenschaft oder als Konsumverein bezeichnet. Sie wurde ursprünglich auf Initiative von Verbrauchern, Gewerkvereinen oder von Sozialreformern aus bürgerlichen Kreisen gegründet mit dem Ziel, die Lebenshaltung durch günstigere Warenversorgung zu verbessern. Teilweise haben Konsumgenossenschaften ihre Tätigkeit auch auf die Produktion ausgedehnt oder die sogenannte „Eigenproduktion“ Zentral-Gesellschaften übertragen. Besondere Bedeutung erlangten die Konsumgenossenschaften in ihrem Mutterland Großbritannien, in Skandinavien (vor allem Schweden), in Japan, der Schweiz und in Deutschland.

Geschichte 19. Jahrhundert Die Konsumgenossenschaften sind überall in Europa als ein Ergebnis der Industrialisierung entstanden. Im 19. Jahrhundert bildeten sich industrielle und gewerbliche Schwerpunkte heraus. Die Arbeitskräfte wurden von weit her angezogen. Sie waren zwar der Not auf dem Lande entgangen, fanden sich aber in engen und schlecht ausgestatteten Wohnungen und in Arbeitsverhältnissen wieder, in denen sie weitgehend rechtlos waren. Ihren Bedarf an Lebensmitteln deckten sie bei Krämern; sie nahmen mangels Zahlungsmitteln oft Kredite bei diesen auf und wurden so von ihnen abhängig. Diesen Krämern wurde oft Betrug durch ungenaues Wiegen und den Verkauf verdorbener oder minderwertiger Ware vorgeworfen. Zu bedrückender Abhängigkeit am Arbeitsplatz ohne Tarif und ohne Kündigungsschutz, in der Wohnung ohne Mieterschutz kam die ebenso drückend empfundene Abhängigkeit vom Krämer, die das Leben erschwerte.

Deshalb fanden sich schon früh Arbeiter und Handwerker zu Vereinen, Assoziationen und Genossenschaften zusammen, um ihre Versorgungslage zu verbessern. Eine der bekanntesten dieser Verbraucher- oder Konsumgenossenschaften ist die der Rochdale Society of Equitable Pioneers, der Rochdaler Genossenschaft der redlichen Pioniere. Am 21. Dezember 1844 eröffneten 28 Gründungsmitglieder, größtenteils Flanell-Weber in Rochdale, Manchester, ihren Laden. Sie formulierten Grundprinzipien, die weltweit zur Leitlinie der Konsumgenossenschaftsbewegung wurden:

Gleiches Stimmrecht: Jedes Mitglied hat eine Stimme, unabhängig von der Höhe der Einzahlung. Jeder kann der Genossenschaft jederzeit zu den gleichen Bedingungen beitreten wie die bisherigen Mitglieder. Rückvergütung: Je mehr ein Mitglied bei der Genossenschaft kauft, umso größer soll seine Beteiligung am Überschuss sein. Verkauf nur gegen Barzahlung. Lieferung unverfälschter Ware mit vollem Gewicht. Politische und religiöse Neutralität.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und bis kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert kam es nach dem Vorbild der erfolgreichen britischen Konsumgenossenschaften zu einer Gründungswelle an Konsumgenossenschaften, vornehmlich in den industrialisierten Staaten Europas und im Zusammenhang mit der wachsenden politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung. Es gab aber auch zahlreiche Gründungen auf Initiative von Mäzenen, etwa von wohlmeinenden Unternehmern, die eine billigere Versorgung ihrer Arbeiter erstrebten, um deren Leistungswillen zu fördern. Der Ausgangspunkt solcher Einrichtungen war George Jacob Holyoakes Buch über die Rochdaler Pioniere. Die Prinzipien des 1844 in Rochdale gegründeten Konsumvereins wurden 1863 vom Arbeiterverein Schwanden erstmals in der Schweiz aufgenommen, in den Satzungen sind sogar die englischen Ausdrücke übernommen worden. Der 1851 gegründete Konsumverein Zürich (KVZ) trug als erster den Namen «Konsumverein» und gilt als älteste wirklich erfolgreiche Konsumgenossenschaft in der Schweiz und auf dem europäischen Kontinent.

Um 1900 entstand deshalb die politische Neutralität nach Rochdaler Vorbild und bürgerliche Konsumvereine (etwa die Großgenossenschaft Erster Wiener Consum-Verein) betonten die Rochdale-Neutralität. Andererseits wurde das belgische Modell stark politisierter Genossenschaften nach Art des Vooruit (Gent) heftig diskutiert. Die Konsumgenossenschaft galt um 1900 als aussichtsreiche Unternehmensform der Zukunft: Der französische Ökonom Charles Gide entwickelte 1889 die Vision einer kommenden Kooperativen Republik, und auch Werner Sombart sah die Konsumgenossenschaften als mögliches Instrument einer friedlichen Sozialisierung der Wirtschaft. Edward Bellamy legte in seinem Roman Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887 diese Idee seinem Gesellschaftsmodell zu Grunde.

20. Jahrhundert mini|GöC-Logo

Mit der schon 1863 gegründeten britischen Co-operative Wholesale Society (C.W.S.), der 1894 gegründeten deutschen Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine und dem von 1899 datierenden Kooperativa Förbundet bildeten sich in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts die für etliche Jahrzehnte gültigen Strukturen des konsumgenossenschaftlichen Verbunds mit ihren Waren- und Wirtschaftszentralen heraus, mit Großeinkaufsgesellschaften als „Töchtern vieler Mütter“ (d. h. der Primärgenossenschaften), die selbst wieder einen Konzern an Fabriken der Eigenproduktion und anderer zentraler Serviceleistungen dirigierten (so die SOK 1904 in Finnland oder die GöC 1905 in Österreich). Im Ersten Weltkrieg bewährten sich die Konsumgenossenschaften als redliche Verteiler knapper Waren und erlebten auch danach einen weiteren Aufschwung (soweit sie nicht, wie in Mitteleuropa, politischen Restriktionen unterlagen).

Auch nach 1945 zählten die Konsumgenossenschaften zunächst zu den dynamischsten Mitbewerbern im Einzelhandel und gehörten zumeist zu den Pionieren der Selbstbedienung. In Japan kam es sogar zu einer neuen Gründungswelle mit stark ökologischer Ausrichtung und neuartigen Vertriebsmethoden. Ab den 1970er Jahren zeigten sich aber massive Schwierigkeiten, die in den Niederlanden schon zu Anfang der Dekade zum faktischen Verschwinden der Konsumgenossenschaften führten. In der Phase der Entideologisierung war die ideelle Motivation von Mitarbeitern und Mitgliedern vielfach verloren gegangen, es zeigten sich bei zunehmendem Wettbewerbsdruck organisatorische Schwächen und Erstarrungstendenzen. 1973 musste bereits COOP Nederland an ein Privatunternehmen verkauft werden, ein Ereignis, das in der internationalen Konsumgenossenschaftsbewegung zu Recht als Warnsignal aufgefasst wurde. Ihren Höhepunkt erreichte diese Krise im Jahrzehnt 1985 bis 1995 mit dem Zusammenbruch der französischen Konsumgenossenschaftsgruppe um die SGCC, der Krise der deutschen Coop AG und dem Untergang des Konsum Österreich (1995). Große Probleme hatte der Sektor damals auch in Belgien, Finnland, Island, und sogar im konsumgenossenschaftlichen Musterland Schweden. Diese internationale Strukturkrise der Konsumgenossenschaften hatte zum Teil mit den Verfehlungen von Einzelpersonen zu tun, zum Teil mit veralteten Unternehmensstrukturen, die in der Folge an jene der Mitbewerber angepasst werden mussten. Weitgehend unberührt blieben von dieser Krise die auf dem etwas isolierten Schweizer Markt agierenden Genossenschaftsgruppen Coop und Migros.

Entwicklung in Deutschland mini|hochkant=1.5|Tafel am ehemaligen Gasthof Zur Rose in Eilenburg: „Hier entstand am 12. 7. 1850 die Lebensmittel-Association zu Eilenburg als erste Verbrauchergenossen­schaft Deutschlands.“

Grundlagen Auch in Deutschland wurden während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zahlreiche Konsumgenossenschaften gegründet, mit deutlichen Schwerpunkten in Sachsen und Baden-Württemberg, wo die Arbeiterorganisationen schon früh eine bedeutende Rolle spielten. 1850 schufen in Eilenburg Handwerker und Arbeiter die Eilenburger Lebensmittelassociation, die erste richtige Konsumgenossenschaft in Deutschland. In den sozialistischen Kreisen wurden die Genossenschaften zunächst als revisionistisch angesehen, weil ihre Tätigkeit auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse im bestehenden kapitalistischen System zielte. Diese Einschätzung änderte sich allmählich nach Aufhebung der Sozialistengesetze ab 1890.Hartmut Bickelmann: Konsumverein und Konsumgenossenschaft Lübeck. Vom Lebensmittelversorger der Arbeiterbewegung zur regionalen Einzelhandelskette. In: Zeitschrift für Lübeckische Geschichte, Jg. 98 (2018), S. 165–217.

Von Anfang an wurden die Konsumgenossenschaften vom Obrigkeitsstaat misstrauisch beobachtet. So kam die Merseburger Bezirksregierung 1851 zu dem Schluss:

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben Hermann Schulze-Delitzsch, Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Eduard Pfeiffer die Gründung von Handwerker- und landwirtschaftlichen Genossenschaften sowie Konsumgenossenschaften. Die Aktivität Schulze-Delitzschs und Raiffeisens führte dazu, dass bereits 1867 ein preußisches Genossenschaftsgesetz erlassen wurde. Am 1. Mai 1889 wurde dann das Reichsgesetz betreffend die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften erlassen, das, wenn auch mit zahlreichen Änderungen, bis heute in Kraft ist. Paragraph 1 des Genossenschaftsgesetzes definiert die Genossenschaften als

Charakteristisch für eine Genossenschaft ist, dass man ihr grundsätzlich jederzeit beitreten kann und dass man die Mitgliedschaft auch wieder kündigen kann und dann das eingezahlte Geld – wenn es nicht durch Verluste aufgezehrt ist – wieder ausgezahlt bekommt. Die Genossenschaft ist ein gemeinschaftlich betriebener wirtschaftlicher Verein, der darauf angelegt ist, möglichst viele Menschen mit gleichen Bedürfnissen zusammenzubringen. Im Unterschied zur Aktiengesellschaft ist nicht Gewinnmaximierung das Gesellschaftsziel, sondern die gleichberechtigte förderliche Entwicklung der Genossenschaft. Es geht um den gezielten Nutzen für die Genossenschaftsmitglieder beim Konsum, also vor allem beim Einkauf.

mini|Erstes GEG-Zentrallager Hamburg 1902 mini|Das 1928 erbaute Konsumgebäude in Dessau ist heute Teil vom UNESCO-Welterbe Bauhaus mini|Das ab 1928 erbaute heute unter Denkmalschutz stehende Kaufhaus am Klingenberg des Konsumvereins für Lübeck und Umgegend mini|Größtes ehemaliges Genossenschaftsgebäude Deutschlands in Wuppertal mit über 130.000 m² Nutzfläche

Der Erfolg der Konsumgenossenschaften führte zu Gegenreaktionen der kleinen Einzelhändler. Sie übten Druck auf die Großhändler und die Fabrikanten aus, damit diese nicht an die Konsumgenossenschaften lieferten. Es kam zu Boykottkampagnen, weshalb die Konsumgenossenschaften schließlich 1894 eine eigene Großhandelsorganisation schufen, die Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine mbH (GEG) mit Sitz in Hamburg. Die GEG entwickelte sich zu einem erfolgreichen Geschäftsbetrieb. Sie beschränkte sich dabei nicht auf die Großhandelsfunktion, sondern begann ab 1910 mit der Einrichtung von eigenen Produktionsbetrieben. Die erste war die neu gebaute Seifenfabrik in Riesa in Sachsen. Die GEG gab im Weiteren auch Kredite oder kaufte Unternehmen, wenn Produktionsgenossenschaften der Arbeiter in wirtschaftliche Schwierigkeiten kamen. Beispielsweise übernahm sie 1910 die Produktionsgenossenschaft der Tabakarbeiter, deren drei Werke in Hamburg, Sachsen und Baden mit über 800 Beschäftigten. Solche Produktionsgenossenschaften waren oft gegründet worden, wenn nach längeren Streiks Arbeiter nicht wieder angestellt wurden und diese die Produktion in die Hände einer eigenen Produktionsgenossenschaft nahmen. Viele dieser produzierenden Genossenschaften konnten jedoch nicht lange am Markt bestehen und die GEG als Abnehmer und gegebenenfalls Übernehmer verbesserte diese Stellung.