mini|Chargierter des Gießener Wingolf 1861 mini|220px|Kneipe auf dem Haus um 1900 Der Gießener Wingolf ist eine christliche, überkonfessionelle Studentenverbindung. Der Gießener Wingolf wurde nach verschiedenen Vorstufen am 15. August 1852 an der damaligen hessischen Landesuniversität in Gießen, der Ludoviciana, gegründet und ist damit die älteste nichtschlagende Korporation in Gießen und im damaligen Großherzogtum Hessen. Heute ist er nach dem Marburger Wingolf die älteste nicht schlagende Verbindung im Bundesland Hessen. Er ist Gründungsmitglied der Diezer Konvention innerhalb Wingolfsbundes und war seit 1854 achtmal präsidierender Vorort (Verbindung) des Wingolfsbundes. Seit der Vorstandsreform des Wingolfsbundes im Jahr 2023 stellt der Gießener Wingolf eine Bundescharge des Wingolfsbundes in der Amtsperiode 2023/2024.
Eine größere Zahl an Theologen innerhalb der Evangelischen Kirche in Hessen gehörte dem Gießener Wingolf an.Karl Dienst: Politik und Religionskultur in Hessen und Nassau zwischen ‚Staatsumbruch‘ (1918) und ‚nationaler Revolution‘ (1933): Ursachen und Folgen. Peter-Lang-Verlagsgruppe, Frankfurt 2010, ISBN 978-3-631-60469-4, S. 137–147 Zu den Mitgliedern der Verbindung gehören der Chemiker Jacob Volhard und Theologen wie Ferdinand Kattenbusch und der als „Prediger von Buchenwald“ bekannt gewordene Pfarrer Paul Schneider. Der Kaufmann-Will-Kreis ist durch einige seiner Mitglieder mit dem Gießener Wingolf verbunden.
Geschichte Vorgeschichte mini|„Gießener Schwarzer“ um 1819 Am Ende der Napoleonischen Befreiungskriege 1815 verstärkte sich nach knapp 25 Jahren politischer und wirtschaftlicher Instabilität in Mitteleuropa die Hinwendung zu religiösen Fragen. Diese orientierte sich weniger an der rationalen Theologie im Zuge der Aufklärung als vielmehr an einer neuen verinnerlichten, pietistischen Strömung. Gleichzeitig ist in den studentischen Vereinigungen ein deutliches religiöses Moment festzustellen; so trugen 1814 die Mitglieder der „Teutschen Lesegesellschaft“ in Gießen (Vorläufer der Gießener Schwarzen) als Zeichen ihres christlichen Prinzips ein Kreuz am schwarzen Barett, sie verfochten neben dem National-Vaterländischen eine strenge christliche Sittlichkeit und KeuschheitJürgen Setter: Kleine Geschichte der Verbindungen in Gießen. Verlag Friesland, Sande, 1983, ISBN 978-3-9800773-0-9, S. 30f. Das erste Wartburgfest 1817 (anlässlich des 300. Jahrestages von Luthers Thesenanschlag) erlebte nicht nur die Verbrennung der „alten Zöpfe“, sondern als viel zentralere Veranstaltung die gemeinsame Feier des Abendmahles. Es existierte also in den frühen burschenschaftlichen Bestrebungen bereits ein deutlicher protestantischer Akzent. Doch im Zuge der politischen Radikalisierung und Konflikte nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 und dem Hambacher Fest 1832 wurden die christlichen Beweggründe zunehmend vom Politischen, Nationalen und Duellwesen innerhalb der Studentenschaft zurückgedrängt.
Den politischen Bestrebungen entgegengesetzt verbreitete sich in der Studentenschaft die Strömung des damals sogenannten „neuerwachten Glaubensleben“ oder auch Neupietismus. Sie war typischerweise keine kirchliche Bewegung, sondern entwickelte sich in den 1830er Jahren in kleineren, bürgerlichen Zirkeln und „Erbauungskränzchen“. Die einflussreichsten Theologen dieser Richtung der Erweckungstheologie waren beispielsweise August Neander und August Tholuck. Die Zentren dieser Bewegung an den Universitäten waren zunächst Berlin, Halle, Erlangen und Bonn. An der hessischen Landesuniversität in Gießen waren hingegen fast ausschließlich Dozenten des theologischen Rationalismus vertreten; Studenten mit erweckungstheologischem Hintergrund aus Hessen-Darmstadt nahmen ihr Studium bis in die 1830er Jahre an anderen Universitäten auf. So finden sich aus Gießen stammende Studenten als Mitglieder der frühen CStV Uttenruthia Erlangen 1839, des Erbauungskränzchens in Jena 1841 und des ersten Berliner Wingolfsvereins 1841.O. Imgart; in: Aus dem Gießener Wingolf; 14 (1938), Nr. 2, S. 44
Rosenbund 1841 und Allemannia 1844 mini|links|Gießener Wingolfit in altdeutscher Tracht, 1852 Um Prinzessin Elisabeth von Preußen bildete sich nach ihrer Hochzeit mit Karl Wilhelm Ludwig von Hessen 1836 am Hof und der Hofkirche in der Residenzstadt Darmstadt ein von Berlin beeinflusstes Sammelbecken des „neuerwachten Glaubenslebens“. In diesem Darmstädter Umfeld wuchs auch Gustav Baur (1816–1889) auf, der 1841 als Privatdozent und 1847 als Professor für Theologie in Gießen lehrte. Sein jüngerer Bruder Wilhelm Baur (1826–1897) gründete ab 1840/41 einen christlich-literarischen Kreis am Gymnasium in Darmstadt, dessen „Bundesbrüder“ besonders die Autoren des Göttinger Hainbundes und Klopstock verehrten. Mit dieser literarischen Prägung, der erweckungstheologischen Absicht und dem Willen zur jugendlichen Verbrüderung hatte dieser Kreis, der sogenannte „Rosenbund“, Anteil an den geistigen Wurzeln der späteren Wingolfsverbindungen.Ausführliche Beschreibung des Rosenbundes in: Karl Esselborn (Hrsg.): Wilhelm Baur. Lebenserinnerungen; Darmstadt 1911 Die Mitglieder des Rosenbundes bezogen ab 1843 die Landesuniversität in Gießen. Hier trafen sie jedoch ausschließlich auf Corps, ohne dass ein christliches Moment vertreten wäre. So gründeten sie 1844 die burschenschaftliche Reformverbindung Allemannia, die das Duell ablehnte und auf einem christlichen Fundament standJürgen Setter: Kleine Geschichte der Verbindungen in Gießen. Verlag Friesland, Sande, 1983, ISBN 978-3-9800773-0-9, S. 39–40. Die Allemannia entwickelte sich zu einem Sammelbecken all jener, die das bisherige Verbindungsleben im Zuge des „Progreß“ ablehnten. Diese Allemannia nahm noch im selben Jahr Kontakt zum Bonner Wingolf auf und bat um ein Treffen, „um sich vom Corpsunwesen loszusagen“.Aus den Tagebüchern des stud. theol. Raillard; in: Wingolfsnachrichten 1936, S. 80 Dies bedeutete: Ablehnung von Duell, Mensur und exzessiven Trinksitten, stattdessen Streben nach christlicher Lebensführung. Zu weiteren Kontakten kam es jedoch nicht, da sich die Allemannia in drei Verbindungen aufspaltete, darunter die besonders von Theologen dominierte Cattia von 1845. Die Cattia löste sich auf Grund politischer Differenzen nach der Revolution im März 1850 auf; ein Mitglied trat später dem Gießener Wingolf als geistiger Nachfolgeverbindung bei.Herman Haupt: Zur Geschichte der Gießener Cattia (1845–1850); in: Burschenschaftliche Blätter, 17 (1902), S. 25–30
Gründung 1852 mini|Burg Gleiberg Auch nach 1848 behielt Gustav Baur seinen theologischen Kreis bei. Ein weiterer Bruder von ihm, Hermann Baur, bezog 1851 die Gießener Universität und es formierte sich aus diesem Kreis ein wingolfitischer Verein. Zentrale Personen waren der vom Marburger Gymnasium (unter August Vilmar) kommende Otto Zöckler sowie zwei Mitglieder des sogenannten „Nassauer Hofs“ (Vorläuferkreis der 1851 gegründeten Gießener Burschenschaft Germania) Otto Schlapp und Friedrich Meyer. Gefördert und unterstützt wurde dieser noch lose Verein durch den Rektor der Universität Friedrich Gotthilf Osann. Der Verein nahm Kontakte zu den Wingolfen in Halle und Marburg auf. Nach dem Besuch des Wartburgfestes des Wingolfs 1852 in Eisenach und dem Stiftungsfest des Hallenser Wingolf, bei dem die Mitgereisten durch die Rede Tholucks begeistert wurden, beschlossen die 14 Mitglieder des Vereins die Gründung eines Wingolf. Am 1. August 1852 wurde die Statuten verabschiedet und die Stiftung am 15. August in der Gaststätte „Zur Spießpforte“ auf der bei Gießen gelegenen Burg Gleiberg vollzogen, die seit etwa 1860 den Namen „Zum Schwarzen Walfisch“ trägtGemeinde Krofdorf-Gleiberg (Hrsg.): Krofdorf-Gleiberg zwischen Tradition und Fortschritt: Heimatbuch zur 1200-Jahrfeier der Gemeinde Krofdorf-Gleiberg. Gießen 1974, ISBN 978-3-9803023-1-9, S. 140. Das 1852 festgelegte und bis heute gültige Prinzip ist von seinem Wesen her überkonfessionell angelegt, wie die gesamte damalige Erweckungsbewegung nicht konfessionell gebunden war. Das Prinzip lautet: „Der Wingolf ist eine Studentenverbindung, die es sich zur Aufgabe macht, den Glauben an Christum, welcher die ganze Menschheit erfüllen soll, zu dem Grunde zu machen, durch welchen sie sowohl das wissenschaftliche Treiben als auch das persönliche Leben allseitig läutern und durchdringen will.“Friedrich Waas: Geschichte des Gießener Wingolfs. In: Hans Waitz (Hrsg.): Geschichte der Wingolfsverbindungen. Darmstadt 1914, S. 279–280. Im Gegensatz zu anderen Verbindungen (auch Wingolfsverbindungen) legten die Gießener Statuten die Führung der Verbindung in die Hände von zwei Präsides (Erster (x) und Zweiter (xx) Präses), die alle sechs Wochen neu gewählt wurden. Die Bezeichnungen Senior und Kneipwart wurden explizit vermieden.
Die ersten Jahre bis 1870 mini|hochkant|Brief Ernst Moritz Arndts vom 2. Januar 1860 an den Gießener Wingolf mini|links|Exbummel der Aktivitas 1863 Die Verbindung bekam rasch großen Zulauf, so dass im Herbst 1853 als dritte Charge die des Fuchsmajor eingeführt wurde. Dieser wird daher bis heute im Unterschied zu anderen Wingolfsverbindungen als xxx bezeichnet.Friedrich Waas: Geschichte des Gießener Wingolfs. In: Hans Waitz (Hrsg.): Geschichte der Wingolfsverbindungen. Darmstadt 1914, S. 288–289. Regelmäßige Treffen mit dem Bonner Wingolf wurden im siegerländischen Burbach, mit dem Marburger Wingolf auf der Burg Staufenberg (Staufenberger Konvention)Friedrich Waas: Geschichte des Gießener Wingolfs. In: Hans Waitz (Hrsg.): Geschichte der Wingolfsverbindungen. Darmstadt 1914, S. 294. abgehalten. Selbst August Tholuck besuchte 1854 eine Kneipe in Gießen, um die Kontakte nach Halle zu vertiefen.Anonymus: Aus dem Wingolf — Eine Blüthenlese, Marburg 1860, 2. Aufl. Erlangen 1866, 3. Aufl. Halle/Erlangen 1875, S. 197–198 Bei den Besuchen der Aktivitas in Bonn wurden die Vorlesungen des emeritierten Ernst Moritz Arndt gehört, mit dem der Gießener Wingolf in Korrespondenz trat. Arndt sah den Wingolf als Bundesgenossen „gegen die alten Erbübel deutscher Universitäten“ (Duelle und Trinkgelage).Friedrich Waas: Geschichte des Gießener Wingolfs. In: Hans Waitz (Hrsg.): Geschichte der Wingolfsverbindungen. Darmstadt 1914, S. 295–296. Bereits 1854 leitete Gießen den Kommers des Wartburgfestes des Wingolfs, 1858 wurde der Verbindung die Präsidentschaft des Wartburgfestes übertragen. Im selben Jahr konstituierte sich eine erste Altherrenorganisation, die als „Philisterausschuß“ bis zur Gründung des eigentlichen Philistervereins 1871 bestand und als erste Altherrenorganisation im Wingolfsbund gilt.
Heftige Auseinandersetzungen in der Verbindung führten 1860/61 zu einer Krise, die aber schnell beigelegt werden konnte. Als Gegengewicht zum Gießener Senioren-Convent gründete der Gießener Wingolf im Wintersemester 1861/62 zusammen mit den Gießener Burschenschaften Alemannia und Germania den Gießener Präsiden-Convent (PC), der sich nach zwei Jahren aufgrund inhaltlicher Differenzen wieder auflöste.Anonymus: Aus dem Wingolf — Eine Blüthenlese, 3. Aufl. Halle/Erlangen 1875
Der Wingolfsbund wurde durch die politischen Verwerfungen nach dem Deutschen Krieg 1866 stark getroffen, da Bundesbrüder gegeneinander kämpften und die Annexionen Preußens zu Konflikten führten. 1867 übernahm Gießen den Vorsitz des Bundes und versuchte mit dem Entwurf einer gänzlich neuen Verfassung für den Wingolfsbund einen geeigneten Ausgleich zwischen Einzelverbindung und Wingolfsbund zu finden. Dieser Gießener Entwurf wurde 1869 angenommen und gilt bis heute in ihren Grundzügen als vorbildlich und richtungsweisend für den Wingolfsbund.
mini|hochkant|Gedenkstein im alten Botanischen Garten der Universität Gießen