Der Bahnhof Nordstemmen ist ein Keilbahnhof und liegt in Nordstemmen im Landkreis Hildesheim von Niedersachsen an den Bahnstrecken Hannover–Kassel und Lehrte–Nordstemmen.
Das nach Plänen von Conrad Wilhelm Hase 1853–1854 erbaute Empfangsgebäude wird seit dem Jahr 1977 nicht mehr bahnbetrieblich genutzt und wurde seitdem nicht mehr instand gehalten.
Lage Die Bahnstrecke Hannover–Kassel gehört im Bereich von Nordstemmen zu den am stärksten befahrenen Bahnstrecken in Niedersachsen. In Nordstemmen beginnt außerdem Bahnstrecke Lehrte–Nordstemmen. Seit dem 1. Mai 1853 war die Hannöversche Südbahn von Hannover über Nordstemmen bis Alfeld befahrbar, die Strecke von Nordstemmen nach Hildesheim wurde am 15. September 1853 durch die Hannoversche Staatsbahn eröffnet. Nach der Eröffnung der Weserbahn von Elze bis Löhne durch die Hannover-Altenbekener Eisenbahn (HAE) am 19. Mai 1875 für den Güterverkehr und am 30. Juni 1875 für den Personenverkehr gab es durchgehende Züge Hildesheim–Hameln–Löhne. Dafür hatte die HAE zwischen Elze und Hildesheim ein zweites Gleis verlegt. Diese Strecke ging am 1. Januar 1880 in den Besitz des preußischen Staates über, dem die hannoverschen Staatsbahnstrecken schon seit 1866 gehörten. Vom Bahnhof Nordstemmen führte eine Bahnstrecke an Rössing vorbei und durch den Ort Lauenstadt hindurch zur Calenberger Mühle bei Schulenburg.Stillgelegte Bahnstrecke vom Bahnhof Nordstemmen zur Calenberger Mühle. Auch die 1865 gegründete Zuckerfabrik Nordstemmen war mit eigenen Gleisen an den Bahnhof Nordstemmen angeschlossen.
Im Jahr 1896 entstand der Plan, eine 22,3 km lange Kleinbahn in Meterspur von Nordstemmen aus über Barnten, Schulenburg, Adensen, Hallerburg, Alferde, Eldagsen und Alvesrode nach Springe zu erstellen, die sowohl dem Personenverkehr wie auch dem Güterverkehr dienen sollte. Die Kleinbahn sollte jährlich 100.000 Reisende und 30.000 Tonnen Güter (unter anderem Zuckerrüben für die Zuckerfabrik Nordstemmen) befördern. Der Bau der Kleinbahn scheiterte am Einspruch der Stadt Eldagsen und ihrer Landwirte, die keine Eisenbahn in ihrem Stadtgebiet haben wollten.
Nach der Eröffnung der auf einer anderen Bahntrasse verlaufenden Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg im Jahr 1991 hatte sich der durchgehende Personenverkehr im Bahnhof Nordstemmen stark verringert. Heute verkehren auf der Strecke Hannover–Göttingen stündlich Züge der metronom (ME), daneben gibt es neben bis zu 240 Güterzügen auch noch einige Intercity-Züge der DB AG, die den Bahnhof Nordstemmen durchfahren. Auf der Linie RB 79 Hildesheim–Hameln–Bünde verkehren stündlich Züge von Regionalverkehre Start Deutschland.
Bahnverkehr mini|Gleis 1 im September 1993
Linie Linienverlauf Takt EVU RE 2(Uelzen – Celle –) Hannover – Nordstemmen – Kreiensen – Northeim – Göttingen (120) 60 min DB RegioStand: 12. Dezember 2021
Es bestehen umsteigefreie Verbindungen nach Hannover, Göttingen, Hildesheim und in Richtung Bünde (Westf) – Löhne (Westf) – Hameln. Im Jahr 2006 spricht die Deutsche Bahn AG von etwa 2500 Reisenden im Nah- und Fernverkehr, die den Bahnhof Nordstemmen täglich nutzen.
Geschichte Der Bahnhof wurde nördlich des damaligen Bauerndorfes Nordstemmen an der Straße nach Rössing errichtet. Die Gleise Richtung Elze führten westlich am Dorf vorbei. Südlich des Bahnhofsgeländes gab es 1853 vier schrankenlose Bahnübergänge, die den Zugang zum westlich gelegenen Auewald Nordstemmer Holz und von dort aus über eine heute nicht mehr bestehende Leinebrücke nach Schulenburg ermöglichten. Die jetzige Kreisstraße K 505 nach Adensen wurde erst 1935 erbaut.
mini|Ansicht des Bahnhofs Nordstemmen im Jahr 1861. Zeichnung von Julius Rasch
Der Bahnhof war anfangs wenige Monate lang nur Zwischenbahnhof für den am 1. Mai 1853 eröffneten, ersten Abschnitt der Hannöverschen Südbahn von Hannover bis Alfeld. Erst durch den Bau der am 15. September 1853 eröffneten Strecke von Nordstemmen nach Hildesheim (Bahnstrecke Lehrte–Nordstemmen) wurde Nordstemmen zum von Anfang an geplanten Trennungsbahnhof, hier in der besonderen Form eines Inselbahnhofs mit einem Empfangsgebäude ohne direkten Zugang zur Straße. Der Bahnhof Nordstemmen galt für die Hannoverschen Eisenbahnen als typisches Beispiel eines Inselbahnhofs und wurde als solcher von Adolf Funk 1861 in einer Architektenzeitschrift veröffentlicht.Funk: Ueber Trennungsbahnhöfe, insbesondere über den Bahnhof zu Nordstemmen. In: Zeitschrift des Architecten- und Ingenieur-Vereins für das Königreich Hannover, Bd. VII, 1861 (Digitalisat auf opacplus.bsb-muenchen.de, abgerufen am 8. September 2022), Sp. 436–442 und B. 214–215. Der Entwurf der Bahnhofsanlage und des – nach der Streckeneröffnungen – erst 1854 fertiggestellten, repräsentativen Empfangsgebäudes stammte von dem hannoverschen Architekten Conrad Wilhelm Hase; mit der Projektleitung vor Ort waren beauftragt zunächst ein Bau-Inspector Bahr, dann der damals noch junge Eisenbahnbau-Conducteur Julius Rasch.
Die Bahn transportierte anfangs neben Fahrgästen auch aufgegebenes Reisegepäck, Fracht, Briefpost, Paketpost und Telegramme. Der Vorteil eines Inselbahnhofes wurde darin gesehen, dass alle Züge neben dem Empfangsgebäude an einem einzigen Mittelbahnsteig halten konnten und dass das Umladen des Gepäcks zwischen dem Empfangsgebäude und den Zügen ohne die Überquerung von Gleisen vor sich gehen konnte.
mini|links|Lageplan vom Bahnhof Nordstemmen aus dem Jahr 1861. Im Königreich Hannover gab es bei der Bahn Linksverkehr
Der Bahnhof bestand 1853 aus verschiedenen Gebäuden, die von Gleisen umgeben waren. Der Zugang zum Bahnhof führte über die Gleise und war durch einen Zugbaum abgesperrt; daneben stand ein Bahnwärterhäuschen. Die Fahrgäste konnten vom Bahnhof aus mit einer Kutsche zu ihrem Reiseziel weiterfahren.
Der Bahnhof wurde mit zahlreichen Gebäuden ausgebaut. Er war ein wichtiger Arbeitgeber für Nordstemmen. Im Jahr 1878 arbeiteten auf diesem Bahnhof ein Vorsteher, ein Geldeinnehmer, ein Auszubildender (Diätar genannt), drei Telegrafisten, ein Magazinaufseher, zwei Wagenmeister, zwei Lademeister, ein Portier, sieben Rangiermeister und ein Gehilfe.
Nordstemmen besaß fünf Schafställe und war das Ziel von Schafzüchtern und Schafhändlern, die mit der Bahn sogar aus Holland anreisten, um hier zu übernachten und Schafe zu kaufen oder zu verkaufen. An der Laderampe des Bahnhofs standen gemauerte Viehboxen. Wenn ihre Türen hochgezogen wurden, liefen die Schafe von dort über Stege direkt in die Waggons.
mini|Historische Aufnahme des Empfangsgebäudes um 1861 Im Jahre 1870 wurden die Gleise im Norden durch den Bahnübergang zur Zuckerfabrik und im Süden durch den Bahnübergang zur Marienbergstraße überquert. 1871 entstand an der Ostseite der Gleisanlagen ein Eiskeller für die Bahnhofsgastronomie.
Zahlreiche Eisenbahner nahmen ihren Wohnsitz in Nordstemmen, und das Bauerndorf wurde zum Bahnhof hin erweitert.
mini|links|Blick nach 1908 vom Westen auf den Bahnhof Nordstemmen: Die Postkarte zeigt von links nach rechts das Empfangsgebäude, das Toilettengebäude und die südliche Remise
Im Norden des Empfangsgebäudes steht im Keil zwischen den Gleisanlagen die ehemalige Remise für die Eisenbahnsalonwagen König Georgs V. von Hannover. Die Salonwagen fuhren vom Norden her nebeneinander durch verschiedene Tore in die Remise hinein; auf der Südseite waren die Räume für die Wachmannschaften. Diese Wagenremise ist erhalten. Sie wird für eine Dienststelle der Deutschen Bahn AG genutzt und besitzt auf der Nordseite des Gebäudes einen Parkplatz mit einer Zufahrt zu der L 410.
Zwischen 1905 und 1908 wurde im Süden des Bahnhofsgeländes anstelle eines dort befindlichen Lastwagenschuppens eine langgestreckte Remise errichtet, die im Nordteil für die Eilgutabfertigung und im Südteil für die Postabfertigung verwendet wurde. Diese Remise ist erhalten und steht unter Denkmalschutz. Ende des 20. Jahrhunderts diente der nördliche Bereich des Gebäudes zunächst dem Verkauf von Fahrkarten und danach als Wartesaal, bis die Remise ganz geschlossen wurde. Seit 2007 liegt die Remise in dem für das Publikum nicht mehr zugänglichen Bahngelände. In den Jahren 2012 und 2013 wurde die Remise im Rahmen der Qualifizierungsmaßnahme QuAsS (Qualifizierung und Arbeit statt Sozialleistungen) renoviert und zu einer Werkstatt für die Renovierung des Empfangsgebäudes umgebaut.
mini|Blick um 1897 auf das Empfangsgebäude vom Bahnhof Nordstemmen
Diese Remise und das Empfangsgebäude waren bis 1914 von der Hauptstraße aus durch einen mit einer Schranke gesicherten Bahnübergang erreichbar, der südlich der Remise lag. Seit 1914 gab es daneben einen Tunnel, der den sicheren Zugang zur Remise, zum Abortgebäude und zum Empfangsgebäude ermöglichte.
Bis etwa 1970 lag das Geschäftszentrum von Nordstemmen in der Hauptstraße (Landesstraße L 410), danach verlagerte es sich durch Neubaugebiete in die Ortsmitte und in den Südosten von Nordstemmen.
Zwischen 1961 und 1963 wurden die Oberleitungsmasten für die Elektrifizierung der Nord-Süd-Strecke in Nordstemmen aufgestellt. Der elektrische Zugbetrieb wurde am 26. Mai 1963 vom Hauptbahnhof Hannover bis Eichenberg und am 29. Mai 1965 von Nordstemmen über Hildesheim bis Lehrte aufgenommen.
mini|links|Blick um 1915 vom Osten auf den Bahnhof Nordstemmen Im Jahr 1980 durchfuhren täglich bis zu 420 Züge den Bahnhof. Dadurch entstanden lange Wartezeiten an den Bahnschranken. Um diese Bahnschranken überflüssig zu machen, wurde in den Jahren 1981 bis 1982 eine Bahnüberführung für die Kreisstraße K 505 nach Adensen und ein Fußgängertunnel für den südlichen Zugang zum Bahnhofsgelände fertiggestellt.
Das Bahnhofsgelände wurde im Jahr 2006 für 3,8 Millionen Euro umgebaut.Festakt zur Inbetriebnahme des modernisierten Bahnhofs in Nordstemmen am 14. Dezember 2006. An den Gleisen 1, 2 und 3 sind die neuen Bahnsteige 76 Zentimeter hoch und 190 Meter lang, der Bahnsteig am Gleis 11 ist auf einer Länge von 90 Metern 55 Zentimeter hoch. und . Damit entsprechen die Bahnsteige den auf den jeweiligen Strecken eingesetzten Fahrzeugen und gestatten ein bequemes und behindertengerechtes Ein- und Aussteigen in die modernen Nahverkehrsfahrzeuge. Die Bahnsteige erhielten einen neuen Bodenbelag mit taktilen Blindenleitstreifen, transparente Wetterschutzhäuser und eine moderne Ausstattung mit Bänken, Vitrinen und Abfallbehältern. Neue Lautsprecheranlagen und Beleuchtung, Funkuhren, Zugzielanzeiger und ein neues Wegeleitsystem vervollständigen die Erneuerung. Der Bahnhof erhielt barrierefreie Rampen, und der Tunnel führt bis zur Hauptstraße. Der östliche Bahnsteig mit den Gleisen 12 und 13 wurde aufgelassen, das Gleis 13 und alle weiteren Nebengleise im Osten wurden entfernt. Parallel zu den Bauarbeiten der Deutschen Bahn hat die Gemeinde Nordstemmen für rund 4,3 Millionen Euro auf der Fläche der früheren Güterzuggleise an der Hauptstraße eine Park-and-ride-Anlage, eine Fahrradabstellanlage sowie eine Bushaltestelle hergestellt. Von der Parkplatzanlage gelangt man über einen Fußgängertunnel zu den Bahnsteigen. Der Zuschuss des Landes betrug für diese Maßnahme rund 3 Mio. €. An den Gesamtinvestitionskosten von über acht Millionen Euro hat sich das Land mit ca. 5,5 Millionen Euro beteiligt.
An der Zufahrt zum Bahnhof steht ein Monument aus Eisenbahnschienen und Rädern, das der Nordstemmer Heinz Krummland bereitstellte; die Kosten wurden durch Spenden gedeckt.
Eine Informationstafel am Zugang zum Bahnhof erinnert seit dem Dezember 2014 an die gemeinsame Geschichte des Empfangsgebäudes und des Schlosses Marienburg, die gemeinsam von dem Architekten Conrad Wilhelm Hase entworfen und gebaut wurden und deshalb ein Ensemble bilden. Die Informationstafel wurde von Nordstemmens Ortsheimatpflegerin Adelheid Berker gestaltet; die Kosten wurden durch Spenden gedeckt.