mini|Kitsune, Sawaki Suushis Hyakkai Zukan (百怪図巻; „Bilderrolle der 100 Monster“) von 1759 Der Kitsune (狐; „Fuchs“) ist ein Wesen des japanischen Volksglaubens aus der Gruppe der Yōkai, Kami und Han'yō. Er gehört mit zu den bekanntesten und vertrautesten, aber auch am meisten gefürchteten Fabelwesen Japans. Der Glaube an Kitsune dauert in ländlichen Gegenden bis heute an.
Beschreibung Aussehen Kitsune können anthropomorph (also mit dem Körper eines Menschen) oder zoomorph (gänzlich tiergestaltig) erscheinen. Kitsune sollen unter anderem dann entstehen, wenn sie ungewöhnlich alt (älter als 20 Jahre) werden, oder über viele Jahre mit Menschen zusammengelebt haben. Sie können aber auch während oder nach ihrem Ableben zu Yōkai werden, meist durch einen Fluch oder durch unkontrollierbare starke Emotionen, in denen der Geist auch nach dem Tod gefangen bleibt. Nach der Yōkai-Werdung kann der Kitsune unter anderem lernen, wie ein Mensch aufrecht zu gehen, zu sprechen und sich wie ein Mensch zu kleiden. Alle Kitsune besitzen mindestens zwei Ruten. Am häufigsten sind Darstellungen mit zwei, fünf, oder neun Ruten.U. A. Casal: The Goblin Fox and Badger and Other Witch Animals of Japan. Nagoya 1959, S. 53–55 u. 72. Neunschwänzige Füchse werden Kyūbi no kitsune (九尾の狐) oder kurz Kyūbi (九尾; „Neunschweif“) genannt und gelten als die mächtigsten Kitsune. Sie sind auch in der chinesischen Mythologie vertreten, wo sie als K’ioh-kû verehrt werden.Marinus Willem de Visser: The Fox and the Badger in Japanese Folklore. Fukuin Print, Yokohama/Shanghai 1909, S. 8–11 u. 13. Werden sie 1000 Jahre und älter, sollen sie als sogenannte Tenko (天狐; „Himmelsfuchs“) ein schneeweißes Fell bekommen und in den Himmel aufsteigen können. Kitsune, die sich unter Menschen mischen, sollen oft sehr darum bemüht sein, ihre spitzen Ohren und Ruten zu verbergen, da sie diese nicht einfach wegzaubern können. Deshalb gerieten Personen, die sich ständig vermummen und/oder verkleiden, in frühen Epochen leicht in den Verdacht, Kitsune zu sein.Karen Ann Smyers: The fox and the jewel..., Honolulu 1999, S. 135–137.
Charakter Die japanische Folklore kennt zwei Grund-Typen der Kitsune: den Zen-kitsune oder Genkō (善狐; „Guter Fuchs“), der dem Menschen wohlgesinnt ist und den Nōkitsune (野狐; „Wütender Fuchs“), der die Menschen verachtet und ihnen schaden will. Dabei spielt das Geschlecht keine Rolle. Während die Zenkō in Sagen und Überlieferungen stets eine tragische Rolle zugesprochen bekommen, werden die Nōkitsune von Grund auf als böse porträtiert. Ob sie Kami, Yōkai, oder bloße Bōrei sind, scheint völlig unerheblich zu sein. Sind sie dem Menschen wohlgesinnt, bedeutet es für Letzteren Glück, Segen und Wohlstand. Sind sie böse, bedeutet es Unglück und Leid.Hiromi Iwai: 日本の妖怪百科: 絵と写真でもののけの世界をさぐる. 妖怪を調べる手引き, 索引. Kawade Shobō Shinsha, Tokyo 2000, ISBN 978-4-309-61385-7, S. 41–43. Allerdings werden die Kitsune im Volksglauben auch nach ihrer Fellfarbe bewertet, weil diese Aufschluss über ihren Charakter geben soll: der Byakko oder Shiro-Kitsune (白狐; „Schneeweißer Fuchs“) gilt als göttlicher Herold des Kami Inari und als Glücksbringer, ebenso der Jinko oder Jin-Kitsune (銀狐; „Silberfuchs“) und der Kokuko oder Kuroko (黒狐; „Schwarzer Fuchs“). Der Shakko (赤狐; „Roter Fuchs“) gilt als ambivalent und launisch und der bereits erwähnte Nōkitsune gilt als bösartig und wird dann meist Yakan (野狐; selbe Schreibung und Wortbedeutung) genannt.U. A. Casal: The Goblin Fox and Badger and Other Witch Animals of Japan. Nagoya 1959, S. 2–5 & 7–9.
Fähigkeiten Kitsune können kleine, bläuliche Irrlichter erzeugen, sogenannte Kitsunebi (狐火; „Fuchsfeuer“). Sie können das Feuer ausatmen oder ausspeien, oder sie beschwören es mit schwarzer Magie.Hiroko Yoda, Matt Alt: Japandemonium Illustrated..., New York/Mineola 2017, S. 22. Alternativ fängt der Kitsune ein Hitodama (die Seele eines soeben verstorbenen Menschen) oder einen Yūrei (ein Gespenst) ein und bringt es unter seine Kontrolle. Nun kann er das „Fuchsfeuer“ steuern und zum Beispiel unachtsamen oder unliebsamen Menschen entgegenschicken, um sie in die Irre zu führen, zu erschrecken oder anzugreifen. In seltenen Fällen sollen „Fuchsfeuer“ ein Eigenleben entwickeln und an verschiedenen Orten herumspuken.Michael Dylan Foster: The Book of Yokai..., Berkeley 2015, S. 185 u. 186.Murakami Kenji: 妖怪事典, Tokio 2000, S. 51.
Kitsune können angeblich auch lernen, ihre Gestalt zu ändern. Alte Volksmärchen, klassische Sagen und selbst moderne Großstadtlegenden beschreiben Kitsune als begabte und oft unterschätzte Gestaltwandler. Seien es Kami, Yōkai oder verzauberte Menschen, sämtliche Kitsuneformen wissen ihre Opfer durch Vortäuschen einer falschen Identität in menschlicher Gestalt zu überlisten. Die Motivik dahinter kann guter wie bösartiger Natur sein. In vielen Sagen wird deutlich gemacht, dass Kitsune die Gestaltwandlung lernen müssen und sie nicht von Natur aus beherrschen (im Gegensatz zu den Kitsunebi). Zu den bevorzugten Gestalten, die Kitsune annehmen sollen, gehören junge, aufreizende und charmant wirkende Frauen oder Mädchen. Seltener sind es junge, attraktive Männer oder kleine Kinder. Kitsune setzen auf Liebreiz, Attraktivität und Charme, ihre Opfer sind naiv oder von sexueller Lust getrieben. Dies nutzen Kitsune zu ihrem Vorteil aus, der den Schaden oder gar den Tod des Opfers in Kauf nimmt. In den wenigen Überlieferungen, in denen Kitsune den Menschen Gutes tun, widerfährt Ersteren meist ein tragisches Unglück. Happy Ends sind so gut wie gar nicht überliefert.Michael Dylan Foster: The Book of Yokai..., Berkeley 2015, S. 88 u. 209.Shigeru Mizuki: 図説 日本妖怪大鑑. Tokio 2007, S. 63–66. mini|Ein Kitsune ergreift Besitz von einer Familie. Abbildung aus dem Gyokuzan Gafu.
Besonders magiebegabte Kitsune sollen mit Hilfe von schwarzer Magie in der Lage sein, Menschen zu verhexen oder von ihnen Besitz zu ergreifen. Von Kitsune besessene Menschen werden als Kitsune-tsukai (狐付き; „Im Besitz des Kitsune“) oder Tsukimono-suji (憑き物筋; „Im Bann des Tiergeist“) bezeichnet. Das Opfer soll sich zunächst sehr zurückziehen, anschließend zunehmend schreckhafter und aggressiver werden und nur noch Speisen zu sich nehmen, die angeblich auch von Kitsune und Füchsen bevorzugt werden. Zu guter Letzt soll der Besessene seine eigenen Familienmitglieder bestehlen oder gar attackieren. Der Psychologieprofessor Masatake Morita (森田 正馬; 1874–1938) und der Folklorist Kunio Yanagita (柳田 國男; 1875–1962) studierten im frühen 20. Jahrhundert das Phänomen der „Kitsune-Familien“ und Besessenen. Beide kommen zu dem Schluss, dass die Symptome und Verhaltensweisen der angeblich Besessenen einerseits an Geisteskrankheiten wie Lykanthropie und Schizophrenie erinnern, andere Symptome seien vermutlich auf Tollwutinfektionen zurückzuführen. Dazu komme das erlittene Trauma der Stigmatisierung und Verbannung durch die eigenen Dorfgemeinschaften. In Präfekturen wie Kochi sei der Aberglaube um Kitsune-tsuki noch zu ihrer Zeit verbreitet gewesen.Michael Dylan Foster: The Book of Yokai. Berkeley 2015, S. 181–184.
Seit dem 17. Jahrhundert kam der Glaube auf, dass abtrünnige Priesterfamilien Fuchsgeister einfingen, um diese unter Kontrolle zu bringen. Die unterworfenen Fuchsgeister würden dann ausgesuchte Opfer überfallen und von ihnen Besitz ergreifen. Die so Unterworfenen müssten dann der Priesterfamilie zu Diensten sein. Solche Familien wurden als Kitsune-mochi (狐持ち; „Fuchshalter“) bezeichnet. Um 1790 wurden in verschiedenen Präfekturen Gesetze zur Verfolgung, Verbannung oder Exekution überführter Kitsune-mochi erlassen.Noriko T. Reider: Tales of the Supernatural in Early Modern Japan. Lewiston 2002, S. 34.
Hintergrund mini|Rotfuchs im Porträt. Das japanische Wort kitsune (狐) bedeutet „Fuchs“, dieses Tier war Namens- und Gestaltungsvorbild für den Yōkai. In Japan leben zwei Fuchsarten nebst einer Unterart: der Japanische Rotfuchs (Vulpes vulpes japonica), der Eisfuchs (Vulpes lagopus) und der Silberfuchs (eine graue Varietät des Rotfuchses). Das Wort kitsune kann alle drei Fuchsarten meinen. Bereits die frühesten Kitsune-Darstellungen sind stark stilisiert und lassen artspezifische Details missen. Farbige Holzschnitte und Malereien zeigen rötliche, graue oder reinweiße Füchse. Es existieren mehr als ein Dutzend Namensvarianten für „Kitsune“, weil jede Präfektur ihren eigenen, lokalen Kitsune verehrt. Um das reale Tier vom Yōkai zu unterscheiden, wird Letzterer auch Bake kitsune (化け狐; „Koboldfuchs“) oder Kitsune-bake (狐化け; „Fuchskobold“) genannt.Michael Dylan Foster: The Book of Yokai..., Berkeley 2015, S. 178.
Mythologischer Ursprung Es ist möglich, dass der Glaube an Kitsune in Japan nicht unabhängig entstand, sondern dass der Yōkai aus China eingeführt worden war (wie viele andere Yōkai und Kami). Aus dem frühzeitlichen China sind Fuchsdämonen etwa seit 270 n. Chr. sicher überliefert, in Japan seit etwa 400 n. Chr. In China waren Fuchsgeister und -dämonen als Hú jīng (狐精; „Fuchsgeist“) bekannt und gefürchtet. Der Fuchs selbst, ob als reales Tier oder Dämon, wird in China Hulí (狐狸; wörtl. „Fuchsmarder“, „Marderfuchs“) genannt, in Japan lautet die Kanbun-Lesung für dieselben Zeichen Korī. Für den chinesischen Namen des Yōkais „Kitsune“ werden die Schriftzeichen für „Fuchs“ (狐; Hú) und „Marderhund“ (狸; Lí) kombiniert, obwohl sie, einzeln für sich, zwei grundverschiedene Tierarten bezeichnen.U. A. Casal: The Goblin Fox and Badger and Other Witch Animals of Japan. Nagoya 1959, S. 60–63.
Der Ursprung des japanischen Namens „Kitsune“ wird wie folgt erklärt: „Kitsune“ sei aus einer Redewendung entstanden. Ki-tsuu-ne bedeutet so viel wie „komm und schlafe mit mir“. Der Legende nach hätten Fuchshexen in der Frühzeit mit diesen Worten von Lust getriebene, ahnungslose oder unvorsichtige Männer verführt.
Bekannte Kitsune des traditionellen Glaubens mini|Seltene weiße Form des Rotfuchses, die Inspiration zur Gestalt von Inari Tamamo no Mae (玉藻前): Eine Fuchsgöttin, deren Gestalt sehr wahrscheinlich von einer chinesischen Fuchshexe namens Daji (chin. 妲己) inspiriert worden war. Der Legende nach tarnte sich Tamamo no Mae als Konkubine am japanischen Kaiserhof, um den jüngst pensionierten Herrscher Toba zu verhexen. Als sie erkannt wurde, wurde sie gejagt und getötet, worauf sie sich in einen Todesstein namens Sesshōseki verwandelte.U. A. Casal: The Goblin Fox and Badger and Other Witch Animals of Japan. Nagoya 1959, S. 41 u. 59. Inari (稲荷): Fuchsgott mit weißem Fell; Schutzpatron der Schmiede, Samurai und der Reisbauern. Er wird seit dem 5. Jahrhundert verehrt und gilt gewöhnlich als dem Menschen wohlgesinnt. Er soll aber auch zu derben Scherzen aufgelegt sein und sein Geschlecht nach Belieben ändern können.Karen Ann Smyers: The fox and the jewel..., Honolulu 1999, S. 17–18 u. 96. Kuzunoha (葛の葉): Eine gutherzige Fuchsfee, die bereits in japanischen Legenden des 9. Jahrhunderts zum Sinnbild für Ehetreue und aufopfernde Mutterschaft avancierte. Sie soll gemäß späteren Fassungen den berühmten Hofastronom und Gelehrten Abe no Seimei geboren haben.Michael Dylan Foster: The Book of Yokai, Berkeley 2015, Seite 180. Otora kitsune (おとら狐): Ein bösartiger Kitsune namens „Otora“ mit nur einem Auge und drei Beinen, der in der Provinz Mikawa (heutige Präfektur Aichi) gewütet und Menschen verhext haben soll.Karen Ann Smyers: The fox and the jewel..., Honolulu 1999, S. 117–118. Denpachi kitsune (伝八狐): Tragische Sagengestalt namens „Konoha“, die sich unter dem Namen „Denpachi“ in eine buddhistische Klosterschule schlich, die Prüfung bestand und von erbosten Mitschülern beinahe totgeschlagen wurde.Ōshima Takehiko, Sonoda Minoru: 日本の神仏の辞典. Taishūkan Shoten, Tokio 2001, ISBN 978-4-469-01268-2, S. 880 u. 881.
Kitsune in modernen japanischen Medien