Olympiodoros der Jüngere (, auch Olympiodoros von Alexandria; * um 495/505; † nach 565) war einer der letzten namhaften paganen Philosophen der Antike. Er lebte und lehrte im spätantiken Alexandria, der damaligen Hauptstadt Ägyptens, das zum Oströmischen Reich gehörte.
Olympiodoros verfasste Kommentare zu Dialogen Platons und zu Schriften des Aristoteles. Dabei bemühte er sich um eine Harmonisierung der beiden Autoritäten, um sie als Verkünder einer im Wesentlichen einheitlichen Weltdeutung und Ethik erscheinen zu lassen.
Als paganer Neuplatoniker war Olympiodoros ein Repräsentant der Schulrichtung und Denkweise, die zu seiner Zeit bei den nichtchristlichen Gebildeten dominierte. Er war ein angesehener Lehrer, doch ist er in den Quellen nicht ausdrücklich als Leiter (Scholarch) der neuplatonischen Philosophenschule von Alexandria bezeugt. In seiner Lehrtätigkeit setzte er die Tradition seiner Wirkensstätte fort, die ein breites Bildungsangebot auf der Grundlage des platonischen Gedankenguts bereitstellte und sich aus den religiösen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Heiden heraushielt. Sein Anliegen war die Bewahrung klassischer Bildungsgüter in einer immer stärker von christlichem Denken beherrschten Umwelt. Die Erzählungen der griechischen Mythologie, die bei Christen und gebildeten Nichtchristen Anstoß erregten, rechtfertigte er, indem er sie symbolisch interpretierte.
Leben
Über die Herkunft des Olympiodoros ist nichts bekannt, über sein Leben sehr wenig. Indirekt zu erschließen ist, dass er in Alexandria am Unterricht des renommierten Philosophielehrers Ammonios Hermeiou, eines führenden Repräsentanten des Neuplatonismus, teilnahm. Sicher ist, dass er später selbst einen Schülerkreis um sich versammelte und im Jahr 565, als Kaiser Justinian starb, noch lehrte. Dieser Umstand und der Tod seines Lehrers, der gewöhnlich in das zweite oder das dritte Jahrzehnt des 6. Jahrhunderts gesetzt wird, bieten Anhaltspunkte für die Datierung seiner Geburt, die somit in die letzten Jahre des 5. oder die ersten des 6. Jahrhunderts fällt.Harold Tarrant: General Introduction. In: Robin Jackson, Kimon Lycos, Harold Tarrant (Übersetzer): Olympiodorus: Commentary on Plato’s Gorgias, Leiden 1998, S. 2 f.; Jan Opsomer: Olympiodorus. In: Lloyd P. Gerson (Hrsg.): The Cambridge History of Philosophy in Late Antiquity, Bd. 2, Cambridge 2010, S. 697–710, hier: 697.
Die didaktischen Bemühungen des Olympiodoros dienten der Bekräftigung der Grundlagen des neuplatonischen Weltbilds und der Bewahrung, Verteidigung und Verbreitung der philosophischen und wissenschaftlichen Errungenschaften der griechischen Kultur. Offenbar wurden an seiner Schule auch nichtphilosophische Studien betrieben; man befasste sich mit Wissensgebieten wie Medizin und Mathematik, mit naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles und vermutlich auch mit Rhetorik.Harold Tarrant: General Introduction. In: Robin Jackson, Kimon Lycos, Harold Tarrant (Übersetzer): Olympiodorus: Commentary on Plato’s Gorgias, Leiden 1998, S. 7–9, 20; Leendert Gerrit Westerink (Hrsg.): The Greek Commentaries on Plato’s Phaedo, Bd. 1: Olympiodorus, 2. Auflage, Dilton Marsh 2009, S. 26 f.; Jan Opsomer: Olympiodorus. In: Lloyd P. Gerson (Hrsg.): The Cambridge History of Philosophy in Late Antiquity, Bd. 2, Cambridge 2010, S. 697–710, hier: 706 f. Das eigentliche Ziel war jedoch – wie in der gesamten Tradition des antiken Platonismus – nicht eine bloße Anhäufung von Kenntnissen, sondern die philosophische Lebensweise: Es ging darum, im eigenen Leben ein Ideal zu verwirklichen, das in der Pflege der Arete – der Tugend oder Vortrefflichkeit der Seele – bestand. Dazu wollte Olympiodoros als Tugendlehrer anleiten. Das Objekt seiner Bemühungen war das an sich selbst arbeitende Individuum, die Seele des einzelnen Schülers auf ihrem Weg zur Vervollkommnung.Michael Griffin: Pliable Platonism? Olympiodorus and the Profession of Philosophy in Sixth-Century Alexandria. In: Ryan C. Fowler (Hrsg.): Plato in the Third Sophistic, Boston/Berlin 2014, S. 73–97, hier: 76 f., 79–83, 89; Michael Griffin (Übersetzer): Olympiodorus: Life of Plato and On Plato, First Alcibiades 1–9, London 2015, S. 40–43.
Offenbar legte Olympiodoros Wert auf die Einkünfte, die ihm seine Lehrtätigkeit verschaffte; vielleicht war er für seinen Lebensunterhalt darauf angewiesen. Dies lässt sich aus seiner Stellungnahme zur Frage der Bezahlung des Unterrichts ableiten. Nach seiner Ansicht sollen Schüler ihrem Lehrer Dankbarkeit erweisen, indem sie von sich aus eine Vergütung anbieten, denn für einen Philosophen ist es unschicklich, für die Wissensvermittlung Geld zu verlangen. Zur Untermauerung dieses Anspruchs auf ein Honorar behauptete er sogar, schon Sokrates – für die Platoniker das klassische Vorbild philosophischer Lebensführung – habe für Unterricht, den er erteilte, Bezahlung angenommen. Das Thema war heikel, da Sokrates nach der Darstellung in Platons Dialogen die Sophisten unter anderem wegen ihrer Gewinnorientierung zu kritisieren pflegte und die Vorstellung einer käuflichen Weisheit ironisch angriff.Siehe dazu Edward J. Watts: City and School in Late Antique Athens and Alexandria, Berkeley 2006, S. 234 f.; Harold Tarrant: General Introduction. In: Robin Jackson, Kimon Lycos, Harold Tarrant (Übersetzer): Olympiodorus: Commentary on Plato’s Gorgias, Leiden 1998, S. 16 f.
Religiöse Haltung
Ein Hauptmerkmal des Neuplatonismus war die starke Ausrichtung auf metaphysische und religiöse Themen. Die Interpretation der einschlägigen Vorgaben der platonischen Dialoge legte das Weltbild der Neuplatoniker fest. Daraus ergab sich ein Gegensatz zum Christentum, das zur Zeit des Olympiodoros im Oströmischen Reich Staatsreligion war und andere religiöse Traditionen zunehmend zurückdrängte und zu vernichten drohte. Ein zentraler Konfliktpunkt war die Frage der Ewigkeit der Welt. Nach dem neuplatonischen Verständnis von Platons Kosmologie verdankt der Kosmos seine Existenz zwar einer Gottheit, ist aber nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt erzeugt worden, sondern zeitlich anfangs- und endlos. Auch Aristoteles, der für die spätantiken Neuplatoniker eine wichtige Autorität war, hatte die Welt für ewig gehalten. Diese Annahme widerspricht der christlichen Offenbarung, der zufolge die Welt in einem zeitlichen Schöpfungsakt geschaffen wurde und eines Tages untergehen wird. Weiteren Konfliktstoff bot die Verbundenheit der neuplatonischen Denker mit der polytheistischen griechischen Religion und deren Mythologie. Die herkömmlichen mythischen Göttervorstellungen wurden von den Christen als absurd und gotteslästerlich angegriffen, von den paganen Philosophen hingegen symbolisch umgedeutet und damit philosophisch akzeptabel gemacht.Siehe zu den Konfliktpunkten und ihrer Behandlung Leendert G. Westerink (Hrsg.): Prolégomènes à la philosophie de Platon, Paris 1990, S. XXII–XXXI.
Olympiodoros zählte wie sein Lehrer Ammonios zu den Denkern, die an der alten Religion festhielten und das Christentum ablehnten. Einzelne Bemerkungen in seinen Werken lassen erkennen, dass er einen Verfall der Bildung und Zivilisation beklagte, für den er die Christen verantwortlich machte. Er verachtete die „üble“ Lebensweise der zeitgenössischen Gesellschaft. Unter anderem warf er den tonangebenden Kreisen vor, sich mit Oberflächlichem zu begnügen, statt „das in der Tiefe des Mythos Verborgene zu suchen“. Damit drückte er seine Enttäuschung darüber aus, dass sich die von ihm Kritisierten – er meinte vermutlich nicht nur Christen – der symbolischen Mythendeutung und der darauf basierenden neuplatonischen Theologie verschlossen.Olympiodoros, In Platonis Gorgiam 46,4. Siehe dazu Elena Gritti: Una risposta neoplatonica alle critiche dei cristiani ai miti greci. In: Adamantius 10, 2004, S. 217–237, hier: 222–232, 236 f.
Für die neuplatonische pagane Weltanschauung gab es damals nur noch kleine, schrumpfende Rückzugsräume, unter denen die alexandrinische Philosophenschule neben der athenischen eine herausragende Bedeutung hatte. Olympiodoros musste bei der Darlegung seiner Auffassungen berücksichtigen, dass die Bildungsschicht, aus der sich seine Hörerschaft rekrutierte, größtenteils bereits aus Christen bestand.Richard Sorabji: The Philosophy of the Commentators, 200–600 AD. A Sourcebook, Bd. 1, London 2004, S. 20 f. Außerdem bot das Verhältnis der neuplatonischen Lehrer zum christlichen Staat Konfliktpotential. In Athen, wo die Neuplatoniker ihre pagane Ausrichtung traditionell betonten, führte die Konfrontation dazu, dass Kaiser Justinian 529 den Nichtchristen die Lehrtätigkeit untersagte, worauf die dortige Schule ihren Betrieb einstellen musste. In Alexandria hingegen hatte Ammonios mit den christlichen Entscheidungsträgern eine Vereinbarung getroffen, die ihm und seinen Schülern trotz der religiösen Spannungen die Fortsetzung ihrer Aktivitäten im Bildungswesen ermöglichte. Der Inhalt der Vereinbarung, die offenbar nach dem Tod des Ammonios in Kraft blieb, ist unbekannt; sie muss den Neuplatonikern eine gewisse Zurückhaltung in heiklen Bereichen auferlegt haben. Olympiodoros, der die Tradition seines Lehrers Ammonios fortsetzte, profitierte offenbar von der relativen Toleranz, die weiterhin geübt wurde. Sein Unterricht, der traditionelles Bildungsgut vermittelte und die Schüler zu philosophischem Diskurs befähigte, stellte eine auch für bildungshungrige Christen attraktive Option dar.Harold Tarrant: General Introduction. In: Robin Jackson, Kimon Lycos, Harold Tarrant (Übersetzer): Olympiodorus: Commentary on Plato’s Gorgias, Leiden 1998, S. 6, 9–11, 15; Jan Opsomer: Olympiodorus. In: Lloyd P. Gerson (Hrsg.): The Cambridge History of Philosophy in Late Antiquity, Bd. 2, Cambridge 2010, S. 697–710, hier: 702–705. Vgl. Edward J. Watts: City and School in Late Antique Athens and Alexandria, Berkeley 2006, S. 210–231.
Werke
Olympiodoros hat anscheinend keine Schriften veröffentlicht. Bei den unter seinem Namen verbreiteten Kommentaren zu einigen philosophischen Werken, die zum Unterrichtsstoff gehörten, handelt es sich um Schülernachschriften aus seinen Lehrveranstaltungen. Es war üblich, solche Aufzeichnungen mündlicher Ausführungen eines Lehrers in Umlauf zu bringen. Der geläufige Ausdruck zur Bezeichnung derartiger Texte, die nicht vom Urheber durchgesehen und autorisiert waren, war apó phōnḗs („nach der Stimme“, also „wie vorgetragen“). Manche Unklarheiten und Unstimmigkeiten in den überlieferten Texten können somit auf Missverständnisse und Versehen seitens der aufzeichnenden Schüler zurückzuführen sein. Diese Möglichkeit, mit der stets zu rechnen ist, stellt für die philosophiegeschichtliche Forschung eine besondere Herausforderung dar.Siehe dazu Harold Tarrant: Restoring Olympiodorus’ Syllogistic. In: Ancient Philosophy 17, 1997, S. 411–424. Vgl. Leendert G. Westerink (Hrsg.): Olympiodorus: Commentary on the First Alcibiades of Plato, 2. Auflage, Amsterdam 1982, S. VIII f.
Authentische Werke mini|Eine Seite einer um 900 geschriebenen Handschrift von Olympiodoros’ Kommentar zu Platons Phaidon. Venedig, Biblioteca Nazionale Marciana, Gr. 196